Efeu - Die Kulturrundschau
Gegen die alltägliche Hässlichkeit
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.07.2025. Die Kritiker geben sich auf dem grünen Hügel die Klinke in die Hand: Die FAZ bestaunt eine bunte Kuh als Zeichen für die Aufgeblasenheit der Debatte um Kunst als Ausdruck von Nationalstolz, die SZ ärgert sich über die Harmlosigkeit der "Meistersinger"-Inszenierung von Matthias Davids. Die FAZ sieht mit den Kunstwerken von Lovis Corinth, wie erratisch die Auswahl verbotener Werke durch die Nazis wirklich war. Und sie macht sich Gedanken, was es bedeutet, wenn Curtis Yarvin die Biennale in Venedig kapert. Die Welt erinnert an die schwarze Komponistin Florence Price. Und die FAZ trauert um den Designer Peter Schmidt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
28.07.2025
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Bühne

Dabei singt der Tenor Michael Spyres für Stefan Ender im Standard "mit einer Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit und Spontaneität, die ihresgleichen suchte. Diese gesanglichen Charakteristika passten gut zu der Sonnyboy-Lockerheit, mit der ihn Davids in Szene setzt. Susanne Hubrich wiederum hat dem vokalen Revoluzzer einen Schlabberjeanslook verpasst, der die Assoziationen Provinz und Hilfsarbeiter aufploppen ließ. Wenn Hubrichs Kostüme am Ende Revue passierten - den Showdown auf der Festwiese zeigt Davids als eine Art Musikantenstadl im Kinderkanal -, wurde einem vor Augen geführt, wie vielfältig Hässlichkeit doch sein kann."
Egbert Tholl zeigt sich in der SZ eher enttäuscht: "Katharina Wagners Idee, für die Regie den Linzer Musical-Profi Matthias Davids zu engagieren, ging insofern auf, als er viele Sachen sehr munter und lebendig löst. Figuren, die normalerweise gar nicht in der Szene vorhanden sind, beleben diese, die Lehrbuben, die ja gleichermaßen auch, nun ja, Lehrmädchen sind, gehen als singende und tanzende Musicaltruppe durch. Und die Festwiese ist eine lebendig durchchoreografierte Veranstaltung. Aber: Es ist alles schrecklich harmlos. Die Monologe von Sachs und Pogner, die Potenzial für inhaltliche Auseinandersetzung hätten, rauschen so durch, das finale, so oft schon als Aufreger inszenierte, weil halt wirklich problematische Heil der heiligen deutschen Kunst ist hier ein Pfft."
Die NZZ freut sich über mehr Spiel und Leichtigkeit, die FR macht noch einmal auf die antisemitischen Stereotype aufmerksam, die Wagner mit der Figur von Beckmesser bedient, die Zeit langweilt sich. Auch Welt, taz, Tagesspiegel, Spiegel Online, Nachtkritik und Neue Musikzeitung sind in Bayreuth.
Weiteres: Propalästinensische Demonstranten haben Andreas Bablers Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele gestört, meldet die Zeit mit Bezug auf die Agenturen, der Standard weiß, dass sechs von ihnen zwar angezeigt wurden, mittlerweile aber wieder auf freiem Fuß seien. Die taz porträtiert Erich Sidler, der das Deutsche Theater Göttingen seit nun schon zehn Jahren leitet und denkt über Lucinda Childs nach, "eine Ikone des Postmodern Dance."
Besprochen werden: Die Salzburger Festspiele geben Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit", inszeniert von Dušan David Pařízek als Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater (FAZ, SZ, Nachtkritik, Standard), Dmitri Tcherniakov inszeniert Georg Friedrich Händels Oper "Giulio Cesare in Egitto" ebenfalls bei den Salzburger Festspielen (FAZ, FR, SZ).
Film
Die "Star Wars"-Filme, die George Lucas um 2000 ins Kino brachte, waren bei den Fans zwar einst sehr verhasst, schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ, doch lohnt es sich, die Trilogie im Lichte aktueller politischer Großwetterlagen wiederzusehen. "Die Politik der Prequels könnte nicht besser in die bedrohliche Gegenwart passen. Lucas erzählt für seine Verhältnisse subtil und klug davon, wie Demokratie in Faschismus kippt. Von ihrer Lähmung durch Bürokratie und die Korrumpierbarkeit ihrer Politiker durch wirtschaftliche Interessen. ... Bei einer der letzten Abstimmungen im Senat wird die Republik verabschiedet und, 'um die Sicherheit zu garantieren', zum Imperium erklärt, mit einem allein regierenden Herrscher an der Spitze. Die Tausenden Senatoren in ihren Kanzeln, die mit Rüsseln, mit Fühlern, mit blauer Haut und rosafarbener, alle klatschen für Palpatine, der im Geheimen ein böser Sith-Lord ist. Amidala, die selbst zu seinem Aufstieg beigetragen hat, sagt: 'So also stirbt die Freiheit. Mit donnerndem Applaus.'"
Besprochen werden Charlène Faviers Biopic "Oxana" (Jungle World, FAZ, unsere Kritik) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Washington Black" nach dem gleichnamigen Roman von Esi Edugyan (taz).
Besprochen werden Charlène Faviers Biopic "Oxana" (Jungle World, FAZ, unsere Kritik) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Washington Black" nach dem gleichnamigen Roman von Esi Edugyan (taz).
Literatur
In München erinnerte ein Abend in der Hermann Lenz Stiftung an Hanne Lenz, Ehefrau des Schriftstellers Hermann Lenz und Lektorin, berichtet Andreas Platthaus in der FAZ: "Die wenigen Texte, die wir von ihr kennen, zeigen, dass sie auch mindestens so gut wie er schrieb." Dort verlesen wurde auch eine ebenfalls in der FAZ dokumentierte Erinnerung Peter Handkes, der mit den Eheleuten gut befreundet war. Jakob Goubran erzählt im Standard von seinem Besuch in der Buchhandlung, die Sophie Semin-Handke vor zwei Jahren in Paris eröffnet hat und ihrer Kundschaft auch Bücher in deutscher Sprache anbietet. In der SZ gratuliert Martina Knoben Walt Disneys Lustigem Taschenbuch zur 600. Ausgabe. "Unter Einsatz der eigenen, menschlichen Intelligenz geschriebene Bücher sind inzwischen keine Selbstverständlichkeit mehr", stellt Mario Löhndorf in der NZZ fest angesichts dessen, dass Sarah Hall ihr neues Buch "Helm" mit dem Aufkleber "Human Written" in den Handel bringen wird (mehr dazu bereits hier).
Besprochen werden unter anderem der Briefwechsel zwischen Heinrich Böll und Ingeborg Bachmann (Standard), Georgi Gospodinovs "Der Gärtner und der Tod" (NZZ), Paul Lynchs "Jenseits der See" (FR) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Jule Wellerdieks "Kalle will nicht knuddeln" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem der Briefwechsel zwischen Heinrich Böll und Ingeborg Bachmann (Standard), Georgi Gospodinovs "Der Gärtner und der Tod" (NZZ), Paul Lynchs "Jenseits der See" (FR) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Jule Wellerdieks "Kalle will nicht knuddeln" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst
Für die FAZ verfolgt Andreas Kilb den Weg, den die Gemälde von Lovis Corinth und seiner Frau Charlotte Berend in der Nazizeit gegangen sind, in der Ausstellung "Im Visier!" der Alten Nationalgalerie. Zum hundertsten Todestag des Malers zeigt das Museum auch einige der Gemälde, die in der berüchtigten Schau "Entartete Kunst" zu sehen waren: "Eine ästhetische Logik der Verschonung ist nicht erkennbar: Das 'Trojanische Pferd' trägt stark expressionistische Züge, die 'Donna Gravida', in der sich Corinths schwangere Ehefrau verbirgt, knüpft dagegen an frühe Porträts des Malers an, während Charlotte Berends 'Selbstbildnis mit Modell' eindeutig ein Werk der Neuen Sachlichkeit ist. Berend stammte aus einer jüdischen Familie; 'Toledo', das Selbstbildnis und ein Porträt des Architekten Hans Poelzig blieben dennoch in Berlin. Die Selektion durch die Kunstwarte des Regimes muss hastig und wahllos vonstattengegangen sei, ein kurzer Blick genügte offenbar, um genehme von 'entarteten' Bildern zu trennen."
Der rechte Blogger Curtis Yarvin träumt davon, die Venedig-Biennale zu kapern, schreibt Niklas Maak in der FAZ. Wie das aussehen könnte, zeigt er in dem KI-generierten Film "Venice Biennale Coup", in dem er seinen Vernichtungsfantasien freien Lauf lässt: "In Venedig würde Yarvin gern die aus seiner Sicht viel zu woke, liberale Kunstwelt versenken. Titel seines Pavillons wäre 'The Home Coming of DOGE and the Museum of Dark Enlightenment'. Man könnte den Film als schrillen Unsinn abtun, wenn er nicht ziemlich präzise die seltsame Mischung aus Apokalyptik, Hass auf Liberale, Antidemokratismus, Angst vorm Untergang des Abendlandes und irrer Fantasy auf den Punkt bringen würde, die Teile der amerikanischen Techwelt auszeichnet."
Besprochen wird: Die Ausstellung "Auguste Herbin" in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus (Tagesspiegel).
Der rechte Blogger Curtis Yarvin träumt davon, die Venedig-Biennale zu kapern, schreibt Niklas Maak in der FAZ. Wie das aussehen könnte, zeigt er in dem KI-generierten Film "Venice Biennale Coup", in dem er seinen Vernichtungsfantasien freien Lauf lässt: "In Venedig würde Yarvin gern die aus seiner Sicht viel zu woke, liberale Kunstwelt versenken. Titel seines Pavillons wäre 'The Home Coming of DOGE and the Museum of Dark Enlightenment'. Man könnte den Film als schrillen Unsinn abtun, wenn er nicht ziemlich präzise die seltsame Mischung aus Apokalyptik, Hass auf Liberale, Antidemokratismus, Angst vorm Untergang des Abendlandes und irrer Fantasy auf den Punkt bringen würde, die Teile der amerikanischen Techwelt auszeichnet."
Besprochen wird: Die Ausstellung "Auguste Herbin" in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus (Tagesspiegel).
Musik

Die auf Paramount+ gezeigte Doku-Serie "Hier wurde Hip-Hop geboren" konnte Welt-Kritiker Dennis Sand nicht überzeugen: An Aufarbeitungen der Geschichte von Hip-Hop herrscht seit vielen Jahren kein Mangel, dieser Versuch hier wärme allerdings nur auf, was andernorts schon ausführlicher erzählt wurde. Als Host der Serie konnte immerhin LL Cool J gewonnen werden, "an sich eine gute Wahl, gilt er als eine respektierte und anerkannte Old-School-Instanz, dessen eigene Geschichte interessant genug wäre, ihr eine Folge zu widmen. Stattdessen bekommt der Zuschauer von ihm aber nur einige lose Geschichten angerissen, die bedauerlicherweise nie auserzählt werden. Auch die eigentlich interessanten Gesprächspartner (Big Daddy Kane, Fat Joe, etc.) werden bloß zu Stichwortgebern degradiert." Aber "auch wenn das Konzept im Ganzen nicht aufgeht, so bleiben doch einige Details immerhin ganz spannend. Wenn etwa die Bedeutung von alternativen Fahrdiensten (Schwarze haben damals fast nie Taxis bekommen und sich entsprechend selbst organisiert) für den Vertrieb von Mixtapes dargelegt wird. Doch dann geht es auch wieder viel zu lange um Belanglosigkeiten."
Elmar Krekeler erinnert in der Welt an die Werke der afro-amerikanischen Komponistin Florence Price, deren vor über hundert Jahren entstandene Werke nun "in einer fabelhaft musikantischen, fast schon zu ernsten, glasklaren und doch angemessen süffigen Aufnahme mit dem Malmö Opera Orchestra unter dem Price-Experten John Jeter" veröffentlicht wurden. "Was Florence Price schrieb, hätte zu Lebzeiten keinen Avantgardepreis gewonnen. Würde man ihre Violinkonzerte und das Klavierkonzert ... in einer Art akustischer Blindverkostung abhören, würde man sie auf ein halbes Jahrhundert vor ihrer Entstehung datieren. Aber unbedingt der Meinung sein, dass es große Musik ist, die mit großer Lust den Farbenreichtum des (nicht allzu späten) romantischen Orchester als Basis nutzt, in durchaus konservativen Strukturen neue Geschichten zu erzählen und elegant, ansteckend spielerisch und manchmal umwerfend unangestrengt afroamerikanische Elemente mit einer stilistischen Quersumme von Mendelssohn bis Dvorak zu einer ganz eigenen, sich ihrer Kraft und Imaginationsfähigkeit bewussten Sprache zu verbinden." Mehr dazu auch bei SWR Kultur.
Außerdem: Elmar Krekeler porträtiert in der Welt Omer Meir Wellber, den neuen Generalmusikdirektor an der Hamburger Staatsoper. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ zum Tod von Jazzsängerin Cleo Laine. Besprochen werden eine das Konzert von Iron Maiden in Frankfurt (FR, FAZ), ein Konzert von Die Handlung in Hamburg (taz) und Spindrifts Album "Trio Studies" (FR).
Design
Jürgen Kesting schreibt in der FAZ zum Tod des Designers Peter Schmidt, der seit den Siebzigern einen Kampf führte "gegen die alltägliche Hässlichkeit. Gegen Formlosigkeit. Gegen Gleichgültigkeit." Und damit erfolgreich wurde: Er gestaltete "Flakons für Jil Sander, für Laura Biagiotti, für Davidoff, Verpackungen für Kaffee und Schokolade, Logos für Konzerne oder seine Wahlheimat, Signaturen für Porzellan oder die neue Form einer Weinflasche, das Entree eines Theaters, das Logo eines Orchesters oder einer Stadt." Doch "es gab ein Lob, in dem für ihn mehr Zudringlichkeit steckte als im Tadel: wenn er 'Verpackungskünstler' gerühmt wurde. Ebenso ungern wollte er Designer genannt werden. Designerkleider, Designerbrillen - sie galten ihm als Werbefloskeln. Weil er wusste, was eine Ikone ist, fand er es absurd, wenn das Wort für einen Flakon verwendet wurde. Die Vorstellung, das Ansehen einer Person oder der Ruf eines Unternehmens könne durch 'zeitgemäßes Design' überschminkt werden, bezeichnete er als 'absurd, so ist das Leben nicht'.
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