Efeu - Die Kulturrundschau

Die Fähigkeiten des rezipierenden Individuums

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30.06.2025. Die Kritiker jubeln über den Bachmann-Preis für Natascha Gangl: In ihrem Text geht es mit großer "Sprachspielhaftigkeit" um Nazi-Massaker in Österreich. Während die SZ einem leidenschaftlichen "Don Giovanni" bei den Münchner Opernfestspielen lauscht, reicht es für die FAZ höchstens für genervtes Gähnen. Monopol lässt sich von Jordan Wolfsons Installation in Basel verstören. Zeit Online lernt mit bisher unveröffentlichten Alben einen ganz neuen Bruce Springsteen kennen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2025 finden Sie hier

Literatur

Die österreichische Schriftstellerin Natascha Gangl hat den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Hier ihre prämierte Kurzgeschichte "Da Sta", sowie dort alle Lesungen und Jury-Diskussionen. Es ist eine Auszeichnung im Namen der Kunst, jubeln die Kritiker: "Gangls Text war sicher der herausforderndste im ganzen Wettbewerb", schreibt Christiane Lutz in der SZ. Die Jurymitglieder indessen waren im Nu begeistert und auch ansonsten "erstaunlich oft einig und erstaunlich milde gegenüber den Autorinnen und Autoren. Ob's an der Hitze lag? Man wünschte sich zwischendurch etwas mehr Anarchie ... und den Mut, häufiger mal etwas konstruktiv Provokantes in die Runde zu werfen."

Ausgezeichnet wurde "ein sperriger Text, den man besser hört als liest", findet Ann-Kristin Tlusty auf Zeit Online. Er handelt von Massakern der Nazis im österreichischen Grenzland. "Gangl findet eine originelle poetische Form, vom Grauen der Naziverbrechen zu erzählen. Das Massaker erschließt sich in Mundart: 'WE-IN-IA-IUDN, GO?', fragt jemand die Erzählerin. Und später jemand anders: 'WEIN-INA-IUSDN-O?' Übersetzt: Wegen der Juden da? Wen interviewst' denn da? Die Jury lobte diese Sprachspielhaftigkeit, auch wenn man Nerven bewahren müsse und der Sinn sich nicht immer erschließe."

Wie auch bei "anderen literarischen Bewerben ließ sich in diesem Jahr eine Hinwendung zu Themen der Innerlichkeit verzeichnen", stellen Julia Hubernagel und Yannic Walter in ihrem taz-Resümee fest. "Viele Ich-Erzähler manövrierten sich in Klagenfurt durch eine immer schwerer zu begreifende Welt, in der der Nachrichtentakt die Fähigkeiten des rezipierenden Individuums bei Weitem übersteigt." Judith von Sternburg seufzt in der FR: "Die Lebendigkeit der Literatur zeigt sich alljährlich an diesem entlegenen Ort, an dem das Läppische neben dem Genialen koexistiert." Weitere Resümees in Welt, FAZ und Standard.

Außerdem wurde in Klagenfurt das Ingeborg-Bachmann-Museum im Haus, in dem die Schriftstellerin ihre Kindheit verbracht hat, eröffnet - Judith von Sternburg (FR), Jan Wiele (FAZ) und Christiane Lutz (SZ) berichten.

Weiteres: Roman Bucheli erinnert in der NZZ an den Schriftsteller Philippe Jaccottet, der vor hundert Jahren geboren wurde. Und Erhard Schütz gibt im Freitag Sachbuchtipps, darunter "Thomas Mann und Fritz Reuter" von Joachim Rickes. Besprochen werden unter anderem Christoph Heins "Das Narrenschiff" (NZZ), Ocean Vuongs "Der Kaiser der Freude" (NZZ), Mercedes Lauensteins "Zuschauen und Winken" (NZZ) und die Neuausgabe von Konrad Merz' "Ein Mensch fällt aus Deutschland" (Jungle World). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Bühne

"Don Giovanni." Bild: Geoffroy Schied.


SZ-Kritiker Reinhard Brembeck genießt bei den Münchner Opernfestspielen mit Mozarts "Don Giovanni" - inszeniert von David Hermann, dirigiert von Vladimir Jurowski - eine lebendige Verführungs-, Rache- und Männlichkeitsgeschichte. Die Inszenierung hat "von allem etwas: Burleskes, Komisches, Barockes, Empfindsames und Sexsüchtiges, ein Ständchen, einen zum Saufexzess animierenden Kraftprotzsong, Protestlieder, Libertinagefeiern. Dass diese disparaten Elemente im 'Don Giovanni' stecken und ihn brüchig machen, das musizieren Jurowski und sein Staatsorchester unüberhörbar heraus. Dazu verdeutlicht der Regisseur eine Kernthese des Stücks: dass es unmöglich ist, das Alpha-Übermänner-Machotum zu überwinden und durch eine neue Gesellschaftsform zu ersetzen, in der alle die gleichen Rechte, keine erotischen und sonstigen Übersteigerungen mehr Platz haben."

Christian Gohlke kommt in der FAZ zu einem gänzlich anderen Urteil: Für ihn reiht sich die Mozart-Oper in eine Kaskade von Enttäuschungen unter der Intendanz von Serge Dorny ein: "Die wenig überzeugend gezeichneten Figuren bewegen sich in einem Umfeld nackter Tristesse. Der Bühnenbildner Jo Schramm bringt das Kunststück fertig, bei zahlreichen und technisch durchaus raffinierten Verwandlungen die Anmutung monströser Hässlichkeit konsequent beizubehalten: Ob in Annas Schlafzimmer, auf dem Amt, in Giovannis Palais - überall dominiert der Sichtbeton unbarmherzig die niederdrückende Szenerie. Nicht minder lastend sind die trägen, spannungslosen Tempi, die Vladimir Jurowski als Chef des Bayerischen Staatsorchesters wählt. Und schwerer noch wiegt: Mozarts Musik verliert bei ihm alles Sprechende. Begleitende Streicherfiguren, exponierte Bläserstellen, Tempowechsel ergeben sich nicht organisch aus der dramatischen Situation. Sie bleiben bedeutungslos."

Weiteres: Von Leos Janaceks Oper "Das schlaue Füchslein", die Theresa Steinacker am Staatstheater Mainz inszeniert, ist Bernhard Uske in der FR ganz begeistert, Björn Hayer berichtet für die Taz von den Schillertagen in Mannheim.

Besprochen werden "Confronting the Shadow" vom Kyjiwer Left Bank Theater unter der Regie von Tamara Trunova beim Festival "Performing Exiles" (Taz), "Der Spiegel" von Andrei Tarkowski, inszeniert von Bülent Özdil am Deutschen Theater Temeswar (Nachtkritik), "Kolumbus oder die 'Entdeckung' Amerikas" nach Kurt Tucholsky, Walter Hasenclever und Jura Soyfer, inszeniert von Cilli Drexel am Theater Lübeck (Nachtkritik), Schillers "Räuber" unter der Regie von Gil Mehmert auf den Bad Hersfelder Festspielen (Nachtkritik) und Shakespeares "Wie es euch gefällt", inszeniert von Milena Paulovics bei den Vilbeler Burgfestspielen (FR).
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Film

Besprochen werden die dritte Staffel des südkoreanischen Netflix-Übererfolgs "Squid Game" (Welt) und die ZDF-Serie "Nighties" (taz).
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Kunst

Verstörend findet Monopol-Kritiker Sebastian Frenzel Jordan Wolfsons Installation "Little Room" in der Fondation Beyeler während der Art Basel. Dort muss man sich in Paaren zusammenfinden, ein Scanner vermisst beide Körper und erstellt Avatare, eine düstere Stimme flüstert einem dann fiese Botschaften ins Ohr: Das "entfaltet blanken Horror: ein klinisch-weißer Raum, in dessen Linien man wie in einem Koordinatensystem gefangen ist. Das Gefühl, des eigenen Körpers beraubt, missbraucht worden zu sein. Eine illegitime Verletzung der leiblichen Grenze, über die einen kein Erzählstrang, keine Erklärung hinwegtäuscht. Jemand hat sich deiner bemächtigt, einfach weil er es kann. Weil er Gott spielt. Funny Games."

Weiteres: Justine Konradt interviewt die Haar-Künstlerin Laetitia Ky für Monopol. Arno Widmann erinnert in der FR an die erste Dada-Ausstellung, die heute vor 105 Jahren eröffnet wurde. Stefan Trinks gratuliert dem Künstler Sean Scully in der FAZ zum Achtzigsten. Der Pariser Louvre soll umfangreich renoviert werden, Frankreich hat dafür einen Architekturwettbewerb eröffnet, meldet die FAZ. Besprochen werden das Fotografie-Projekt "American Glitch" von Andrea Orejarena und Caleb Stein (NZZ) und die Ausstellung "Michael Sowa: Fragile Idyllen" im Caricatura Museum Frankfurt (FAZ).
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Musik

Mit der Compilation "Tracks II: The Lost Albums" macht Bruce Springsteen sieben in den Achtziger- und Neunzigerjahren produzierte, aber nie veröffentlichte Alben zugänglich, die den "Boss" von eher ungewohnter Seite zeigen, erklärt Jan Jekal auf Zeit Online: Mit Trip-Hop, Bossanova, Jazz-Pop, sogar mit Ambient hat Springsteen damals experimentiert. Den Höhepunkt der Zusammenstellung bilden "die Streets of Philadelphia Sessions: Zehn Songs, in denen Springsteen den Sound des Titelstücks weiter ergründet, tranceartige Synthesizer über Hip-Hop-Beats legt und zusammen mit E-Gitarren-Texturen geisterhafte Klangwelten erschafft. Kein Zugeständnis an den Trip-Hop-Sound der damaligen Stunde ist diese Musik, sondern perfekte Kulisse für seine Stimme." Hingegen "anderes ist zu Recht in der Schublade geblieben: 'Somewhere North of Nashville' etwa, eine Honkytonk-Rockabilly-Platte," bietet nur "Generisches, auch unangenehm lüsternes Saloon-Gerumpel".



Besprochen werden außerdem Beatrix Borchards Buch "Fanny und Felix Mendelssohn" (NZZ), das neue Album von Lorde ("Ihre Selbstfindung bleibt eine Nabelschau", seufzt Amira Ben Saoud im Standard), ein Wiener Strauss- und Bruckner-Abend mit der Staatskapelle Berlin unter Christian Thielemann (Standard), das neue Album von Haim (online nachgereicht von der FAS), Lucile Richardots Album "Northern Light" mit Aufnahmen schwedischer Kompositionen aus dem 17. Jahrhundert (FAZ) und das Album "Apple Cores" des James Brandon Lewis Trios (FAZ).

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Architektur

Matthias Alexander interviewt für die FAZ den Architekten Christoph Mäckler zu den Chancen der Flügelbauhäuser in Bezug auf Klima und Ökonomie.
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