Efeu - Die Kulturrundschau
Rotzfrech wie der junge Belmondo
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20.05.2025. Die Filmkritiker feiern Richard Linklaters Film über die Entstehung von Jean-Luc Godards "Außer Atem": Die FR schwebt hier auf einer Wolke aus "kreativer Energie", die Welt staunt über die detaillierte Recherchearbeit für das "Wunderwerk". Nachtkritik bekommt bei Milo Raus Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Burgtheater" in Wien Atemnot, die FAZ hätte gerne mehr von den überragenden Schauspielern und weniger Moralpredigten gesehen. Jungle World erinnert an die feministische Schriftstellerin Caroline Muhr.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
20.05.2025
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Film

Mit "Nouvelle Vague" erzählt Richard Linklater von der Entstehung von Jean-Luc Godards "Außer Atem", der filmischen Keimzelle der tatsächlichen "Nouvelle Vague". Im Wettbewerb von Cannes feierte der Film nun Weltpremiere und ist "ein cinephiles Glaubensbekenntnis" geworden, freut sich FR-Kritiker Daniel Kothenschulte. "Der kaum bekannte Nachwuchsschauspieler Guillaume Marbeck bringt gerade genug jugendliche Arroganz in die Rolle, um die Sympathie nicht zu verlieren. Leichthändig werden Godards Lehrstunden bei Roberto Rossellini oder Jean-Pierre Melville eingebaut und keine noch so kleine historische Randfigur vergessen. Dann hält die rasante Handlung zwei Sekunden inne für einen Namen und einen Blick in die Kamera. Zoey Deutch ist als skeptischer Hollywoodstar von der echten Jean Seberg nicht zu unterscheiden, und Aubry Dullin ist so rotzfrech wie der junge Belmondo, dass man eine Serie von Remakes seiner Rollen mit ihm neu verfilmen möchte. Statt historischer Ehrfurcht hinterlässt Linklaters Film eine Wolke kreativer Energie."
Jan Küveler staunt in der Welt über den enormen Recherche- und Designaufwand, der in diesen "Wunderwerk" geflossen ist: "Man fühlt sich, als hätte man das Negativ eines Mythos gefunden - und sähe in Echtzeit in der Dunkelkammer bei der Belichtung zu." Dieser Film "ist ein irrwitzig präzises, uneingeschränkt nostalgisches und doch radikal gegenwärtiges Kunststück - ein Film über einen Film, ein Film über das Filmemachen, ein Film über die Idee des Filmemachens. Man sieht dem modernen Kino dabei zu, wie es sich selbst erschafft. Die Ironie ist dabei so extrem, dass sich Godard scheckig gelacht hätte: Im krassen Gegensatz zu Linklaters minutiöser Fleißarbeit ist die Nouvelle Vague als ästhetische Bewegung gerade für ihre Umarmung der Improvisation bekannt, ihr Bekenntnis zur Lebendigkeit und Spontaneität, ihren Verzicht auf alles Gestellte."
Eine Hagiografie ist der Film nicht geworden, entwarnt Dunja Bialas auf Artechock. "Godard ist bei Linklater ein arroganter Snob, der mit Zitaten um sich wirft und seine Umgebung immer wieder vor den Kopf stößt, aber eine Vision vom Kino hat." Aber "warum hat Linklater diesen, zugegeben sehr unterhaltsamen Film gemacht? Vielleicht ist es übertrieben, dies als parasitäres Filmschaffen zu bezeichnen, vielleicht sollte man es lieber etwas abgemildert Secondhand Movie, Upcycling nennen. ... Wenn die origniären Stoffe ausgehen, wenn die Kulturwelt und die Welt generell von einer wehmütigen Nostalgie-Welle erfasst wird - weißt du noch damals, als alles begann, wie verrückt alles war? -, bleiben wenigstens die Backstage-Momente."

Josef Lederle resümiert hier und dort im Filmdienst die Festivalfilme der letzten Tage und kommt dabei auch auf Óliver Laxes in Marokko angesiedeltes Roadmovie "Sirât" zu sprechen. Die Geschichte eines Vaters, der gemeinsam mit seinem Sohn seine verlorene Tochter sucht, und dabei in die Wirren von weitab in der Natur gelegenen Raves und militärischen Ausnahmezuständen gerät, gehört zu den kontroversen Beiträgen dieses Festivaljahrgangs. "Mit großer Kunstfertigkeit verbindet Laxe mächtige CinemaScope-Bilder von Sanddünen und schroffen Gebirgsformationen mit der basslastigen Techno-Musik und der Zeitlosigkeit des Raves, was als untergründiger Rhythmus den ganzen Film durchzieht. Die in die Jahre gekommenen Raver sind ähnlich wie ihre Camper und Unimogs ausgemergelte, von Sonne, Drogen und einem Vagabundenleben gezeichnete Gestalten. Nur im Stampfen und Rollen des ohrenbetäubenden Sounds scheinen sie in mystische Sphären zu driften. ... Paradies und Verdammnis" bilden die "Eckpfeiler einer Tour ins Ungewisse ... mit grandiosen Bildern und hypnotischen Montagen."

Abseits der Croisette: Katja Nicodemus plaudert für die Zeit mit dem früheren Berlinale-Leiter Dieter Kosslick über den zweiten von ihm verantworteten Jahrgang von "Green Visions", einem Potsdamer Festival für Natur- und Umweltfilme. Besprochen werden Nader Saeivars vorerst nur in Österreich startendes, iranisches Drama "The Witness" (Standard) und Niki Steins und Stefan Austs ARD-Dokudrama "Stammheim - Zeit des Terrors" (FAZ).
Bühne

"Was für ein Trio infernal!" ruft Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum angesichts der Stars, die er in Milo Raus Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Burgtheater" ebendort zu sehen bekommt. Vierzig Jahre durfte das Stück über die Nazi-Verwicklungen der Hörbiger-Familie nicht aufgeführt werden (unser Resümee), nun treten bei Rau "Birgit Minichmayr als Paula Wessely, Caroline Peters als Attila Hörbiger und Mavie Hörbiger als Paul Hörbiger (ihr Großvater) auf. (...) Milo Rau lässt die Jelinek-Abschnitte, die gut die Hälfte der Spieldauer ausmachen, quasi als Satyrspiele ablaufen, in extrem schrillem Ton, mit krasser Outrage, meilenweit über die Grenzen bloß karikierender Überhöhung hinaus." Nicht nur hier geht Rau dem Kritiker ein bisschen zu weit - der Regisseur hat so viele verschiedenen Elemente und Themen in diese "Posse mit Gesang" gepackt, dass Kriechbaum geradzu "nach Luft japsen" muss und im "übervollen Wimmelbild" den roten Faden sucht.
Jürgen Kaube sieht es in der FAZ ähnlich, auch die moralisierenden Anekdoten hätte es für ihn nicht gebraucht. Vielleicht hätte sich Rau auf seine tollen Schauspieler verlassen sollen: "Wenn Minichmayr einen Filmmonolog der Wessely voll nationalen Sirups und einen ihrer Nachkriegsauftritte als Jüdin in 'Der Engel mit der Posaune' (1948) nachspricht, hält man den Atem an ob der perfekten mimischen Nachahmung von verlogenem Pathos. Doch das ist Schauspielertheater und genügt dem Regisseur nicht. Den Hörbigers wird vorgeworfen, die nationalsozialistischen Emotionen in die Herzen ihrer Zuschauer hineingespielt zu haben: Aufputschmittel und Valium fürs Volk. Er selbst will dasselbe mit dem Antifaschismus tun. Dem Spiel selbst traut er diese Wirkung aber nicht zu, weswegen von der Bühne herab gepredigt werden muss." In der SZ enthält sich Egbert Tholl einer eindeutigen Wertung, freut sich aber über "faszinierende, ruhige Momente", wenn es mal nicht drunter und drüber geht. In der taz bespricht Uwe Mattheis das Stück, in der NZZ schreibt Bernd Noack.
Besprochen werden Brigitte Fassbaenders Inszenierung von Wagners "Parsifal" an der Oper Frankfurt (FAZ), Unsuk Chins Musiktheater "Die dunkle Seite des Mondes" als Abschiedsvorstellung des Generalmusikdirektors Kent Nagano an der Staatsoper Hamburg (SZ, Welt), Karsten Wiegands Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzek" Staatstheater Darmstadt (FR) und Lukas Bärfuss' Inszenierung seines Ein-Mann-Stückes "Sex mit Ted Cruz" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ).
Kunst

In der taz empfiehlt auch Bernhard Schulz einen Besuch des neu eröffneten "Fenix"-Museum in Rotterdam (unsere Resümees): "Gleich beim Aufstieg aus dem Erdgeschoss fällt der Blick auf das gut sechs Meter lange Stoffmodell eines New Yorker Stadtbusses der Linie M5, das Red Grooms detailgetreu ausgestattet hat, Fahrgäste inklusive. Ein hölzernes Boot mit Außenbordmotor, das 19 Geflüchtete nach Lampedusa brachte und von der dortigen Küstenwacht beschlagnahmt wurde, erinnert an die dunkle Seite der Migration - und stellt, vor einem großen Fenster mit Blick auf den benachbarten 'Tränenkai' der Auswandererschiffe aufgestellt, die Nachbarschaft von gewollter und erzwungener Migration eindrücklich her."
Weitere Artikel: In der FR widmet sich Judith von Sternburg fasziniert Paul Klees Bild "Angelus Novus" und der Lebensgeschichte Walter Benjamins, die die Ausstellung "Der Engel der Geschichte. Walter Benjamin, Paul Klee und die Berliner Engel 80 Jahre nach Kriegsende" im Bode-Museum aufgreift.
Literatur
Heute vor hundert Jahren wurde Caroline Muhr geboren. Judith Niehaus ist in der Jungle World höchst erstaunt darüber, dass die feministische Schriftstellerin heute so gut wie vergessen ist. Immerhin bearbeitet "Muhr für gegenwärtige feministische Diskurse höchst relevante Themen wie Sorgearbeit und mentale Gesundheit - und das mit großem Scharfsinn und in einem wohltuend wütenden Stil, der an Autorinnen wie Gisela Elsner oder Elfriede Jelinek denken lässt." Etwa in ihrem Debüt "Depressionen", in dem sie "ihre Krankengeschichte und die Erfahrungen in der Psychiatrie" offenbarte: "Das 'Tagebuch einer Krankheit', so der Untertitel, wurde lebhaft rezipiert, 1975 für einen Fernsehfilm des ZDF verfilmt und anschließend mehrfach neu aufgelegt. In der FAZ erklärte Muhr, dass es ihr 'Motiv war, der Öffentlichkeit klarzumachen, wie einem Menschen zumute ist, der Depressionen hat'. In der eindringlichen Beschreibung ihres Leidens verhandelte sie auch die spezifischen Erfahrungen, die sie als weibliche Patientin in der Psychiatrie gemacht hatte. Weder wurde die Krankheit dort wirklich ernst genommen noch ein Zusammenhang mit der Abwertung der Frau in der Gesellschaft erkannt. 'Was im Leben einer Frau spielt schon eine Rolle außer Ehe, Kinder oder Liebesverhältnis! Bei einem Mann ist das natürlich etwas anderes. Da steht ein ganzes Universum von Krankheitsursachen offen.'"
Außerdem: Ralf Schnell gratuliert im Tagesspiegel der Literaturwissenschaftlerin Christa Bürger zum 90. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem Julian Schütts Max-Frisch-Biografie (NZZ), Will und Roswitha Quadfliegs "'Ich will lieber schweigen'. Das Tagebuch eines Schauspielers aus den Jahren 1945/46 und die Fragen seiner Tochter" (FAZ) und Wolfgang Englers Autobiografie "Brüche" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Außerdem: Ralf Schnell gratuliert im Tagesspiegel der Literaturwissenschaftlerin Christa Bürger zum 90. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem Julian Schütts Max-Frisch-Biografie (NZZ), Will und Roswitha Quadfliegs "'Ich will lieber schweigen'. Das Tagebuch eines Schauspielers aus den Jahren 1945/46 und die Fragen seiner Tochter" (FAZ) und Wolfgang Englers Autobiografie "Brüche" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Musik
Dass Israel beim ESC in den internationalen Jurybewertungen lediglich und ausgerechnet vom muslimisch geprägten Aserbaidschan zwölf Punkte erhalten hat, dürfte geopolitische Gründe haben, mutmaßt Rico Bandle in der NZZ: "Der Ölstaat pflegt seit Jahren eine enge Beziehung zu Israel. Die beiden Länder verbindet der gemeinsame Feind Iran. Entscheidend sind vor allem wirtschaftliche und militärische Interessen: Aserbaidschan ist der größte Öl- und Gaslieferant Israels, im Gegenzug liefert Israel Waffen und kooperiert eng in Sicherheits- und Geheimdienstbelangen. Der amtierende Staatschef Ilham Alijew präsentiert sich zudem wie schon sein Vater Heidar gerne als Freund der Juden; Antisemitismus duldet er nicht."
Außerdem: Im Standard-Gespräch mit Michael Wurmitzer verteidigt der österreichische Musikproduzent Mark Duran, der für Österreich in der ESC-Jury saß, dass sie dem finnischen Beitrag "Ich komme" von Erika Vikman zwölf Punkte gegeben haben, was manchem prüden Zeitgenossen in der Alpenrepublik überhaupt nicht schmeckt. In der FAZ gratuliert Freddy Langer dem Popmusiker-Fotografen Anton Corbijn zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden ein Konzert des Ensemble Modern in Frankfurt (FR), ein von Riccardo Muti dirigiertes Konzert der Wiener Hofmusikkapelle (Standard), ein Berliner Konzert der NDR Bigband mit Joachim Kühn (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Lieblingslieder" der Low Life Rich Kids ("ein tolles Album", schwärmt Christian Schachinger im Standard).
Außerdem: Im Standard-Gespräch mit Michael Wurmitzer verteidigt der österreichische Musikproduzent Mark Duran, der für Österreich in der ESC-Jury saß, dass sie dem finnischen Beitrag "Ich komme" von Erika Vikman zwölf Punkte gegeben haben, was manchem prüden Zeitgenossen in der Alpenrepublik überhaupt nicht schmeckt. In der FAZ gratuliert Freddy Langer dem Popmusiker-Fotografen Anton Corbijn zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden ein Konzert des Ensemble Modern in Frankfurt (FR), ein von Riccardo Muti dirigiertes Konzert der Wiener Hofmusikkapelle (Standard), ein Berliner Konzert der NDR Bigband mit Joachim Kühn (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Lieblingslieder" der Low Life Rich Kids ("ein tolles Album", schwärmt Christian Schachinger im Standard).
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