Efeu - Die Kulturrundschau
Die Duftfläschchen, symbolische Statthalter
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13.05.2025. Heute beginnen die Filmfestspiele in Cannes - und angesichts des "absurd star-gespickten" Programms kann die Berlinale mal wieder nicht mithalten, konstatiert die SZ. Die FAZ bewundert im Wiener Belvedere 21 "Kleine Ausschnitte von Frauen", gezeigt von der Künstlerin Maria Hahnenkamp. Die taz erlebt in Kathrin Mayrs Inszenierung von Tena Štivičićs Stück "Drei Winter" in Osnabrück die Geschichte Kroatiens als "emotionssattes" Familienepos.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
13.05.2025
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Film

Heute beginnt das Filmfestival in Cannes. "In den vergangenen Jahren hat sich noch einmal mehr etabliert, dass hier die Oscar-Saison beginnt", schreibt David Steinitz in der SZ. Und die Berlinale hat angesichts eines "mal wieder absurd star-gespickten Cannes-Programm" nicht nur wegen des trüben Februars am tristen Potsdamer Platz gegenüber der Croisette das Nachsehen. Ob Kulturstaatsminister Weimer Berlin retten kann? "Kleiner Tipp: Subventionen allein werden es nicht richten. Cannes bekommt weniger Geld vom französischen Staat als die Berlinale vom deutschen. ... Ein Beispiel. Der gefeierte US-Regisseur Wes Anderson hat seinen neuen Film 'Der phönizische Meisterstreich' in Deutschland gedreht" und das "mit über zehn Millionen Euro an deutschen Fördergeldern. Trotzdem geht er zur Premiere jetzt nach Frankreich, wo die Komödie im Wettbewerb läuft."
"Dieser Jahrgang lässt ganz Erstaunliches erwarten", freut sich Daniel Kothenschulte in der FR - und kommt auch nochmal auf Trumps Geistesblitz, für Filme von außerhalb der USA Zollabgaben von 100 Prozent einzurichten, zu sprechen. Eine Quatschidee, zumal "Hollywood gerade vom Cannes-Festival, diesem größten Werbegeschenk des französischen Staates an das Kino, regelmäßig profitiert." Das zeigt sich nicht nur, aber auch in Richard Linklaters schon wieder neuem Film (gerade eben lief im Berlinale-Wettbewerb noch "Blue Moon") "Nouvelle Vague": Diese auf Französisch und in Schwarzweiß gedrehte "kulturelle Zeitmaschine" handelt von "einer Geschichte, die man an der Croisette wahrscheinlich schon den Grundschulkindern lehrt, die Geburtsstunde des jungen Autorenfilms. Es geht um die Dreharbeiten von Jean-Luc Godards Klassiker 'Außer Atem', Zoey Deutch spielt die Rolle der Jean Seberg. Enger verbunden könnte sich die amerikanische und französische Filmkultur kaum zeigen."
Tim Caspar Boehme sortiert in der taz erste zu erwartende Highlights vor und stellt überdies fest: Cannes, oft für seine wenigen Filme von Frauen gescholten, scheint sich diesbezüglich zumindest ein wenig zu bessern. "Unter den 22 Filmen, die diesmal um die Goldene Palme konkurrieren, kommen immerhin sieben von Regisseurinnen."
Überaus erfreulich findet es Tilman Schumacher in seinem umfassenden Rückblick für critic.de auf die Retrospektive der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, dass beim Fokus auf Beiträge von DDR-Filmen, die in den Fünfzigern bis Achtzigern dort im Programm liefen, gerade kein erwartbares "Best-Of" der großen Namen zusammengestellt wurde, sondern auf "filmgeschichtlichen Nebenpfaden" echte Entdeckungen ermöglicht wurden. "Man merkte jederzeit, dass nicht nur das Typische, sondern auch das Unangepasste und Verschroben-Eigenbrötlerische zu Tage gefördert werden sollte. Mal standen einzelne Filmemacher wie der an Andrej Tarkowskis symbolschwangerer Melancholie geschulte Konrad Herrmann im Vordergrund, mal gruppierten sich die jeweiligen Kurzfilmprogramme um gemeinsame Topoi wie zum Beispiel die Auseinandersetzung mit bildender Kunst früherer Epochen, dem Privatleben hinter den Fassaden der bereits langsam aber sicher erodierenden DDR in den 1980er-Jahre oder aber einem ungeschönt-unheroisch in Szene gesetzten Lebensalltag von Werktätigen, die auf Schutthalden oder in Schwerindustriebetrieben härteste Arbeiten verrichten."
Außerdem: Womöglich hat ja der mit Burt Lancaster besetzte Klassiker "Der Gefangene von Alcatraz" von 1962 Donald Trump auf die hirnrissige Idee gebracht, Alcatraz wieder eröffnen zu wollen, überlegt Matthias Heine in der Welt. Besprochen werden Lou Yes "An Unfinished Film" (taz), Albert Serras Stierkampf-Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" (FAZ, unsere Kritik), Steven Soderberghs Spionagethriller "Black Bag" (NZZ, Presse) und die Prime-Serie "Drunter und Drüber" (Welt).
Literatur
Andrey Arnold spricht für die Presse mit der Schriftstellerin Barbi Marković über deren Poetikvorlesung "Stehlen, Schimpfen, Spielen" (mehr dazu bereits hier).
Besprochen werden unter anderem Rachel Kushners "See der Schöpfung" (online nachgereicht von der LitWelt), Ocean Vuongs "Der Kaiser der Freude" (Standard), Friedl Benedikts "Warte im Schnee vor Deiner Tür. Tagebücher und Notizen für Elias Canetti" (NZZ), die Comic-Anthologie "Wie geht es dir?" mit sechzig gezeichneten Gesprächen nach dem 7. Oktober 2023 (taz), die Neuübersetzung von F. Scott Fitzgeralds "Der Große Gatsby" (online nachgereicht von der Zeit), Paul Watermanns Debütroman "Moskovian Kinder" (taz) und Hubert Winkels' "'Die Hände zum Himmel'. Über Zufall, Schönheit und den Dorfpfarrer von Gohr" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Rachel Kushners "See der Schöpfung" (online nachgereicht von der LitWelt), Ocean Vuongs "Der Kaiser der Freude" (Standard), Friedl Benedikts "Warte im Schnee vor Deiner Tür. Tagebücher und Notizen für Elias Canetti" (NZZ), die Comic-Anthologie "Wie geht es dir?" mit sechzig gezeichneten Gesprächen nach dem 7. Oktober 2023 (taz), die Neuübersetzung von F. Scott Fitzgeralds "Der Große Gatsby" (online nachgereicht von der Zeit), Paul Watermanns Debütroman "Moskovian Kinder" (taz) und Hubert Winkels' "'Die Hände zum Himmel'. Über Zufall, Schönheit und den Dorfpfarrer von Gohr" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Kunst
"Kleine Ausschnitte von Frauen" bewundert FAZ-Kritiker Florian Heimhilcher in einer Ausstellung der österreichischen Künstlerin Maria Hahnenkamp im Wiener Belvedere 21. Hahnenkamp "fragmentiert, zerschneidet oder reibt ihre Fotografien ab, um alternative Wahrnehmungsmodi an die Stelle bloßer Schaulust zu setzen", was für Heimhilcher durchaus funktioniert. Auch wenn die Künstlerin "in Pop-Art-Manier ansehnlich vergoldete und mit Seide ausgekleidete Parfum-Verpackungen ausstellt. Die Duftfläschchen, symbolische Statthalter der begehrten Frauenkörper, finden sich jedoch nicht darin. Spielerisch mahnt Hahnenkamp damit mögliche Ausschlüsse an. An anderer Stelle collagiert und bestichelt sie einen Passepartoutkarton. Daneben überträgt sie dann ein ähnliches Muster mittels In-Situ-Bohrung direkt in die Ausstellungswand. Während der gewöhnliche Karton schnell die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist die wesentlich aufwendigere Wandbohrung eine leicht zu übersehende Randerscheinung."
Weitere Artikel: In der NZZ trauert Philipp Meier um die kamerunisch-schweizerische Kuratorin Koyo Kouoh, die überraschend verstorben ist. Alexander Kosenina ist in der FAZ begeistert von einem neuentdeckten Ölgemälde des Berliner Rokoko-Künstlers Daniel Chodowiecki, das die Göttin Minerva zeigt und für religiöse Toleranz wirbt. In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe dem Kunstareal "Leipziger Baumwollspinnerei", das zu seinem 20. Jubiläum Gemälde von Rosa Loy (Kleindienst) und Neo Rauch (Galerie Eigen+Art) ausstellt. Besprochen wird die Ausstellung "Stille" mit Werken von Ernst Schroeder Galerie Pankow in Berlin (taz) und die Ausstellung "21 x 21. Die Ruhrkunstmuseen auf dem Hügel" in der Essener Villa Hügel (Tsp).
Weitere Artikel: In der NZZ trauert Philipp Meier um die kamerunisch-schweizerische Kuratorin Koyo Kouoh, die überraschend verstorben ist. Alexander Kosenina ist in der FAZ begeistert von einem neuentdeckten Ölgemälde des Berliner Rokoko-Künstlers Daniel Chodowiecki, das die Göttin Minerva zeigt und für religiöse Toleranz wirbt. In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe dem Kunstareal "Leipziger Baumwollspinnerei", das zu seinem 20. Jubiläum Gemälde von Rosa Loy (Kleindienst) und Neo Rauch (Galerie Eigen+Art) ausstellt. Besprochen wird die Ausstellung "Stille" mit Werken von Ernst Schroeder Galerie Pankow in Berlin (taz) und die Ausstellung "21 x 21. Die Ruhrkunstmuseen auf dem Hügel" in der Essener Villa Hügel (Tsp).
Bühne

In "vielstimmigen Wimmelbildern puren Lebens" erlebt taz-Kritiker Jens Fischer in Kathrin Mayrs Inszenierung von Tena Štivičićs Stück "Drei Winter" am Theater Osnabrück die Geschichte Kroatiens. Und zwar als "stimmungs- wie humorvolles und emotionssattes" Familienepos: "Ein Szenenreigen der Streitereien - zwischen Generationen, Geschlechtern sowie werdenden, scheidenden und nicht zusammenkommenden Paaren. Wobei offenbar wird, dass die Konflikte häufig auf unterschiedlichen Erlebnissen in unterschiedlichen Gesellschaftsformen beruhen (...) Die Beziehung von Einst und Jetzt verdeutlichen Szenen aus drei politischen Wendejahren Kroatiens. 1945: Die im 2. Weltkrieg Traumatisierten gehen als glühende Kommunisten an den neuen Aufbau Jugoslawiens. 1990: Rosa wird begraben und der durch den Titoismus sozialisierte Nachwuchs traumatisiert vom eskalierenden Nationalismus, dem Zerfall Jugoslawiens und dem Balkankrieg. 2011: Die Jüngsten docken mit dem Beginn der EU-Beitritt-Verhandlungen Kroatiens als Täter und Opfer vollends an den globalisierten Kapitalismus an."
Besprochen wird Jessica Glauses Adaption von Saša Stanišićs Roman "Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne" am Theater Freiburg (taz), Lucien Haugs Adaption von Olga Tokarczuks Roman "Empusion" am Theater Basel (NZZ) und die One-Man-Show "Zack. Eine Sinfonie" mit Wolfram Koch bei den Ruhrfestspielen (FAZ).
Musik
Elmar Fulda, Präsident der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, und Christian Fischer, Vorsitzender der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen, wenden sich in der FAZ entschieden gegen den geplanten neuen Verteilungsschlüssel bei der GEMA. Sollte die Reform durchgesetzt werden, "könnten junge Komponisten kaum noch hoffen, irgendwann einmal ordentliche Mitglieder der GEMA zu werden und von Gebühreneinnahmen zu profitieren, da ihre Werke nur geringe Aufführungszahlen haben und ihr Mindest-Aufkommen aufgrund der neuen Regelungen nicht mehr ausreichen würde für eine Mitgliedschaft." Auch würden "alle Mitglieder ... weniger erhalten. Die Bedingungen für alle Musikkreativen wären dann immerhin, zynisch formuliert, gleich, nämlich gleich schlechter. Gewinner wären die Musikindustrie und global agierende Konzerne." Zudem würden "der Mainstream sich verbreitern und die kulturelle musikalische Vielfalt abnehmen".
Außerdem: Durchaus respektabel findet Jan Wiele (FAZ) die klaren Worte, mit denen Bruce Springsteens Gitarrist Steven Van Zandt vor kurzem in einem Playboy-Interview die eigene Lage beschrieb: Dass Springsteen ganz öffentlich dazu steht, mit Trump nichts am Hut zu haben, und also in den USA ein ansehnlicher Teil der eigenen Fanbasis weggebrochen ist. Axel Brüggemann spricht für Backstage Classical mit Shasta Ellenbogen, der Gründerin des Naked String Quartet, dessen Name bei den Kammermusikkonzerten im Berliner Sexclub KitKat Programm ist (mehr dazu bereits hier). Vielleicht ist es ja gerade "seine Unmöglichkeit", die Punk attraktiv hält, schreibt die "Redaktion Ostsaarzorn" in ihrem Beitrag zur Debattenserie in der Jungle World anlässlich von 50 Jahren Punk.
Besprochen werden ein von Santtu-Matias Rouvali dirigiertes Konzert des Pianisten Seong Jin Cho (NZZ), ein Soloalbum der Mia-Sängerin Mieze Katz (Tsp), diverse neue Popveröffentlichungen, darunter das Comeback von Mclusky (Standard-Kritiker Karl Fluch freut sich über einen "würdigen Satz heißer Ohren") und das neue, auf den Pfaden von Yacht Rock wandelnde Album von Young Gun Silver Fox (SZ-Kritiker Andrian Kreye hat Spaß am hier gebotenen "idealen Eskapismus").
Außerdem: Durchaus respektabel findet Jan Wiele (FAZ) die klaren Worte, mit denen Bruce Springsteens Gitarrist Steven Van Zandt vor kurzem in einem Playboy-Interview die eigene Lage beschrieb: Dass Springsteen ganz öffentlich dazu steht, mit Trump nichts am Hut zu haben, und also in den USA ein ansehnlicher Teil der eigenen Fanbasis weggebrochen ist. Axel Brüggemann spricht für Backstage Classical mit Shasta Ellenbogen, der Gründerin des Naked String Quartet, dessen Name bei den Kammermusikkonzerten im Berliner Sexclub KitKat Programm ist (mehr dazu bereits hier). Vielleicht ist es ja gerade "seine Unmöglichkeit", die Punk attraktiv hält, schreibt die "Redaktion Ostsaarzorn" in ihrem Beitrag zur Debattenserie in der Jungle World anlässlich von 50 Jahren Punk.
Besprochen werden ein von Santtu-Matias Rouvali dirigiertes Konzert des Pianisten Seong Jin Cho (NZZ), ein Soloalbum der Mia-Sängerin Mieze Katz (Tsp), diverse neue Popveröffentlichungen, darunter das Comeback von Mclusky (Standard-Kritiker Karl Fluch freut sich über einen "würdigen Satz heißer Ohren") und das neue, auf den Pfaden von Yacht Rock wandelnde Album von Young Gun Silver Fox (SZ-Kritiker Andrian Kreye hat Spaß am hier gebotenen "idealen Eskapismus").
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