Efeu - Die Kulturrundschau

Mit Tollkühnheit gesegnet

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29.03.2025. Die nachtkritik bestaunt die Kunst des Ertrinkens in Ivan Uryvskyis Inszenierung der "Hexe von Konotop" beim Europäischen Theaterfestival in Stuttgart. Die FAS freut sich über die Aufbruchstimmung in der polnischen Kunstszene. Die Jungle World bringt anlässlich der Leipziger Buchmesse einen Schwerpunkt zu Manga- und Anime-Literatur - die allerdings nicht ganz so feministisch ist wie erhofft. Im Interview mit der FAZ spricht der syrische Künstler Bilal Shourba über Kunst und den Bürgerkrieg. Außerdem bewundert die FAZ den "Alleskönner" Igor Levit.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2025 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Die Hexe von Konotop". Foto: Julia Weber


In der nachtkritik berichtet Verena Großkreutz vom ersten "Europäischen Theaterfestival" am Stuttgarter Schauspiel. Toll fand sie vor allem "Die Hexe von Konotop", eine Produktion des Ivan Franko Nationaltheaters für Schauspielkunst Kiew in der Regie von Ivan Uryvskyi. In dem satirischen, von Gesangseinlagen unterbrochenen Stück von 1833 gehts um Aberglauben, zwei Dorftölpel und drei Frauen, die als Hexen angeklagt sind und ihre Unschuld in einer "Wasserprobe" beweisen sollen: "Marina Dadaleva, Khrystyna Korchynska und Oksana Sydorenko singen und spielen das fantastisch, hintergründig und fein differenziert. Künstlerischer Höhepunkt des Abends ist ihre Darstellung des Ertrinkens: Ihre Körper winden sich, ziehen sich in sich zurück, um am Ende zu erstarren. Dazu bringen sie jeweils auf völlig unterschiedliche Weise ihre Stimmbänder zum Klingen: Erst singsangähnlich, dann immer gequälter, teils geisterhaft elektronisch verfremdet im Nichts verklingend. Nur die eine, die mit magischen Fähigkeiten ausgestattete Yavdokha, überlebt den 'Test', wird wiedergeboren (auch das drückt ihr Singen aus), erweckt später ihre ertrunkenen Freundinnen wieder zum Leben und rächt sich an den Männern. Ein starkes Bild weiblicher Selbstermächtigung am Schluss: Yavdokha im Sturm mit wehendem Haar." Tosender Applaus! Aber auch Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Coetzees "Elizabeth Costello" und Dušan David Pařízeks "Diptychon 1918/2022. Von Soldaten und Frauen auf der Flucht" kommen gut.

Weiteres: Im Standard bedauert Margarete Affenzeller leise das Verschwinden des Programmhefts am Theater. In der FAZ (Bilder und Zeiten) erinnert Jürgen Hillesheim an Georg Soltis letzte Opernpremiere ("Falstaff") 1961 als Generalmusikdirektor in Frankfurt am Main: An der Inszenierung lässt sich ganz gut nachvollziehen, wie viele Nazis als Bühnenbildner, Intendanten, Regisseure damals noch in leitenden Positionen aktiv waren. Besprochen wird noch Constanza Macras' Choreografie "Back to the Present" an der Volksbühne (Tsp).
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Film

Owen Cooper als Jamie Miller und Erin Doherty als Briony Ariston in "Adolescence". Foto: Netflix


In Großbritannien bestimmt die Netflix-Miniserie "Adolescence" über einen mordenden Jungen das Gespräch auf der Straße, in den Medien und in der Politik, berichtet Michael Neudecker in der SZ. Die Serie handelt auch von dem Einfluss, den Figuren wie Andrew Tate und ihre maskulinistische Ideologie via Social Media insbesondere auf sexuell frustrierte Männer ausüben, die sogenannten "Incels". "Propagiert wird eine krude Form von Gesellschaftshierarchie, in der ganz oben die gut Aussehenden stehen, darunter der Durchschnitt und ganz unten eben die, die kein Mädchen will. Die Männer sind dabei sowieso den Frauen überlegen, deren primärer Lebenszweck darin liegt, hübsch zu sein und für Sex bereitzustehen. Wobei Frauen potenziell auch gefährlich sein können - und dann müssen sich die Incels wehren. Zur Not mit Gewalt. ... Wie sehr die Andrew Tates der Welt ihre Gemeinde im Griff haben, das übrigens haben auch die 'Adolescence'-Macher selbst erlebt. Jack Thorne, der Drehbuchautor, ein glatzköpfiger, sanft sprechender Mann mit Brille, erzählte vor ein paar Tagen in der BBC, dass er online mit Hass-Postings überzogen wurde. Fotos von ihm wurden geteilt, dazu die Frage, ob er zu viel Östrogen in sich habe, Tenor: Der da, das ist doch gar kein Mann."

Weitere Artikel: Michael Ranze spricht für den Filmdienst mit Joshua Oppenheimer über dessen postapokalyptisches, aktuell auch im Tagesspiegel besprochenes Musical "The End" (mehr zum Film bereits hier). Valerie Dirk spricht für den Standard mit den Dokumentarfilmemacherinnen Ivette Löcker und Athina Rachel Tsangari, deren Filme auf der Diagonale in Graz gezeigt werden (Infos dazu hier und dort). Außerdem blickt Marian Wilhelm für den Standard in die Diagonale-Retrospektive, die sich Querschlägern im österreichischen Kino der Siebziger und Achtziger widmet. Thomas Combrink stöbert für "Bilder und Zeiten" staunend in der rund 25.000 Objekte umfassenden Sammlung des 2017 verstorbenen Experimentalfilmers Werner Nekes zur Vor- und Frühgeschichte des Films, die nach dessen Tod auf drei Institutionen verteilt wurde. In der FAS erinnert die Dokumentarfilmemacherin Regina Schilling an Hans Rosenthal, der kommenden Mittwoch vor hundert Jahren geboren wurde.  Felicitas Kleiner stellt im Filmdienst die Neuzugänge im kommenden Monat beim Arthaus-Streamer Mubi vor. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner dem Schauspieler Brendan Gleeson zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Kurdwin Ayubs "Mond" (SZ, unsere Kritik), Simon Helblings in der Schweiz startender Dokumentarfilm "Game Over - Der Fall der Credit Suisse" (NZZ) und die DVD-Ausgabe von Budd Boettichers "Blutige Hände" aus dem Jahr 1956 (SZ).
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Kunst

Ein unbedingt lesenswertes Interview mit dem syrischen Künstler Bilal Shourba hat Astrid Kaminski für den Bilder-und-Zeiten-Teil der FAZ geführt. Shourba, der durch seine Wandbilder auf den Ruinen von Daraya international bekannt wurde, erzählt vom Krieg in Syrien, der zerstörten Bibliothek von Idlib, vom - vorerst suspendierten - Misstrauen gegenüber Al-Scharaa und von den Anfängen der Revolution, die damals noch nicht in erster Linie von Islamisten geprägt war: "Die Tatsache, dass ich auf zerstörten Häusern malte, die Individuen oder der Gemeinschaft gehörten, gab mir das Gefühl, dass viele Menschen an dem, was ich mache, beteiligt sind. Das ist der eine Teil der Antwort. Der andere Aspekt bezieht sich auf die Dokumentation unserer Realität und die Frage, wie Geschichte darüber geschrieben werden wird. Wir wollten keinen Krieg, wir glaubten nicht an Mord, wir waren, anders als Assads Propaganda es die Welt gleich zu Beginn der Revolution glauben machen wollte, keine Dschihadisten oder IS-Anhänger! Wir waren Menschen, die hungrig waren nach Frieden, Freiheit und Bildung. Dies wollte ich dokumentieren."

In der FAS beschreibt Jonathan Guggenberger die Aufbruchsstimmung in der polnischen Kunstszene nach dem Ende der PiS-Regierung. In Warschau, in der Nationalgalerie Zachęta, hört er "eine bekannte, aber unheimlich schief gepfiffene Melodie. Eine Schrifttafel neben dem großen Fenster bestätigt den Verdacht: 'Wind of Change'. Der Siegeszug des liberalen Westens als Soundtrack, ursprünglich gesungen von den Scorpions, hier in verstimmter Neuinterpretation des Künstlers Nikolay Karabinovych aus dem kriegszerstörten Odessa. Joanna Mytkowska, seit 2007 Gründungsdirektorin des Museums, fasst diese Vision so zusammen: 'Wir müssen uns selbst definieren - wo wir stehen wollen in der globalen Kunstszene.' Dieses Wir besteht für sie aus polnischen, ukrainischen, belarussischen, aber auch georgischen Künstlern." Ein gutes Beispiel, wie diese Selbstdefinition aussehen könnte, ist die Retrospektive der in New York lebenden polnischen Künstlerin Andrea Fraser in der Zachęta: "Interventionen, wie 'Reporting from São Paulo, I'm from the United States' von 1998, zeigen, dass sich die Gegenstände von Frasers Kritik kaum gewandelt haben: Mit fernsehfreundlichem Lächeln performt die Künstlerin als TV-Moderatorin, bringt mit ein paar arglosen Fragen die postkoloniale Pose der 24. Kunstbiennale in São Paulo zum Einsturz - stellt das neokoloniale Denken dahinter aus."

Weiteres: In der SZ berichtet Viktoria Großmann von der Entdeckung einer Büste, die wahrscheinlich Donatello zuzuschreiben ist, in der slowakischen Provinz und Befürchtungen, diese könne von der eher an slowakischer Volkskunst interessierten Kulturministerin Martina Šimkovičová verkauft werden (mehr in der ARD-Audiothek). In der FAZ (Bilder und Zeiten) erinnert Marc Zitzmann an den Résistance-Kämpfer und Kunstsammler Daniel Cordier, dem derzeit ein Buch und eine Ausstellung in drei Pariser Museen gewidmet sind. Besprochen wird die Ausstellung "Zeiten des Umbruchs" mit späten Werken Egon Schieles im Wiener Leopold Museum (Standard).
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Literatur

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Jens Uthoff spricht in der taz mit Serhij Zhadan nicht nur über dessen Erfahrungen als Soldat in der ukrainischen Armee, sondern auch über dessen neuen Geschichtenband "Keiner wird um etwas bitten". Es war ihm "wichtig, diese Erfahrung festzuhalten - die Erfahrung des ersten Kriegsjahrs. Für mich geht es in diesem Buch um die Geschichten und Stimmen, deren Zeuge ich geworden bin, die ich persönlich gehört habe. Es sind Geschichten über den Raum zwischen Krieg und zivilem Leben, über das Leben in den ukrainischen Städten in Frontnähe." Im Schreiben "hat sich alles verändert - der Ton, der Stil, die Figuren, der Rhythmus. Der Krieg bricht die Sprache. Er vereinfacht sie, macht sie farblos. Das ist ein schwieriger psychologischer Prozess. Ich habe noch keine Vorstellung davon, wie ich nach dem Krieg schreiben werde."

Die Jungle World widmet zur Leipziger Buchmesse einen Schwerpunkt der Manga- und Anime-Literatur: Rein wirtschaftlich haben die japanischen Comics die amerikanischen und frankobelgischen Comics auch in Deutschland längst weit überholt und bescherten den darauf spezialisierten hiesigen Verlagen in den letzten Jahren sensationelle Wachstumsquoten. Sven Jachmann erzählt diese Erfolgsgeschichte nach: "Während sich der US-Markt auf alternde Superhelden-Fanboys einschoss und man in Europa hauptsächlich damit beschäftigt war, dem Comic als Kunst zu Reputation zu verhelfen und ihn in den Kulturbetrieb zu überführen, geriet der Lesernachwuchs völlig aus dem Blick. ... Die Ausdifferenzierung des Manga nach Geschlecht, Alter und Gattungsvorlieben ist im westlichen Kulturkreis ohne Beispiel - darum finden sich Serien mit Protagonistinnen, die eigentlich nur in der Küche stehen, oder in einer Tour Flipper spielenden Jungs -, und es verdankt sich dieser lebensweltlichen Fixierung, dass feministische und queere Sujets öfter vertreten sind als in europäischen oder US-amerikanischen Comics. ... Grundsätzlich hat der große Erfolg der Manga hierzulande dafür gesorgt (wie auch die Graphic Novel, diese allerdings nicht als Massenphänomen), dass der Comic nicht mehr, wie es bis tief in die Neunziger weitestgehend der Fall war, ein bloßer Tummelplatz für Hetero-Männer ist."

Was allerdings offenbar nicht heißt, dass im Manga ein feministisches Arkadien ausgebrochen wäre: Linn Vertein spricht mit der Journalistin Chermaine Lee über sexistische Darstellungen im Manga und insbesondere, wie minderjährige Figuren darin oft stark sexualisiert werden. Sie denkt, "dass in den Gesellschaften Ostasiens eine Menge sexistischer Bräuche und Mentalitäten noch sehr verwurzelt sind und dass diese sich in vermeintlich harmlosen Cartoons stark ausdrücken". Aber "ich glaube nicht, dass das Genre selbst das Problem ist, sondern vielmehr der Sexismus der japanischen Gesellschaft. Und die Experten, mit denen ich gesprochen habe, sehen Anlass, auf Veränderung zu hoffen, weil immer mehr Frauen als Autorinnen im Manga und Anime mitmischen."

Außerdem: Nadine A. Brügger spricht für die NZZ mit dem Schriftsteller Colum McCann über dessen neuen, in der FR besprochenen Roman "Twist". Frauke Steffens berichtet in der FAS von ihrem Besuch in der New Yorker Stadtbibliothek, wo der Nachlass von Joan Didion der Öffentlichkeit zugänglich ist. Tobias Rüther und Tania Martini sammeln für die FAS Eindrücke von der Leipziger Buchmesse. Jens Uthoff berichtet in der taz von diversen Diskussionspanels auf der Buchmesse. Nina Apin resümiert für die taz philosophische Debatten bei der Buchmesse. Für die Lange Nacht im Dlf Kultur spricht Hans Dieter Heimendahl auf der Leipziger Buchmesse mit zahlreichen norwegischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Dorothea Westhphal spricht im Dlf Kultur auf der Leipziger Buchmesse mit Arno Frank und dem Historiker Oliver Hilmes über deren neue Bücher zur NS-Zeit. Richard Kämmerlings spaziert für die WamS mit dem Schriftsteller Roman Ehrlich durch Berlin. Die NZZ dokumentiert Adolf Muschgs Dankesrede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Capodistria-Universität in Athen. Bernhard Heckler erzählt in der SZ von seinem Treffen mit der auf düstere Erotika spezialisierten Schriftstellerin D.C. Odesza, die damit den Geschmack eines insbesondere weiblichen Massenpublikums trifft. Thomas Ribi (NZZ) und Niklas Bender (FAZ) erinnern an Giacomo Casanova, der vor 300 Jahren geboren wurde.

Besprochen werden unter anderem Yasmina Rezas "Die Rückseite des Lesens" (taz), Helena Hegemanns "Striker" (online nachgereicht von der taz), Sophie Hungers "Walzer für Niemand" (Standard), Tomas Espedals "Lust" (online nachgereicht von der Welt), Arno Franks "Ginsterburg" (Standard), Liz Moores "Der Gott des Waldes" (online nachgereicht von der Welt), Andrée Blouins "My Country, Africa: Autobiography of the Black Pasionaria" (taz), neue Sachbücher (Freitag), Katharina Hagenas "Flusslinien" (FAZ), die deutsche Erstveröffentlichung von Mary Shelleys "Mathilda" (FAS) und Emmanuel Carrères "Ich lebe und ihr seid tot" über den Science-Fiction-Autor Philip K. Dick (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Lotte Thaler staunt in der FAZ über die Athletik, die Igor Levit mit seinem wahnwitzigen Vorhaben an den Tag legt, nicht nur an drei aufeinanderfolgenden Folgen die fünf überaus anspruchsvollen Klavierkonzerte von Sergej Prokofjew darzubieten, sondern mit diesem Programm auch auf Tour zu gehen. Beim Heidelberger Frühling konnte sich die Kritikerin von Levits Durchhaltevermögen überzeugen: Gefordert ist hier der "Alleskönner, der nicht nur die außergewöhnlichen technischen Schwierigkeiten beherrscht, sondern auch mit Tollkühnheit gesegnet sein muss, mit athletischer Kraft und akrobatischer Beweglichkeit, und am besten noch eine Lehre als Goldschmiedemeister in Filigranarbeit absolviert hat. Denn alles akkordische Hämmern ... führt doch immer wieder in Klangtupfen und feinst ziselierte, kleine Melodieverläufe, vor allem im Diskant: Er klingt bei Levit geradezu märchenhaft, als hätte er sich Cinderellas 'Glasschühchen' an die Finger geheftet."

Hier spielt er Prokofjews Klavierkonzert Nr. 2:



Weiteres: Gerald Felber freut sich in der FAZ über die Schenkungen aus privaten Sammlungen, mit denen die Bach-Archive in Eisenach und Leipzig zuletzt bedacht wurden. Viola Schenz (NZZ), Edo Reents (FAZ) und Jakob Biazza (SZ) gratulieren Eric Clapton zum 80. Geburtstag. Besprochen werde das Comeback-Album von Will Smith (Presse) und das neue Album des einstigen Kraftwerk-Schlagzeugers Wolfgang Flür, an dem Max Dax in der FR kein gutes Haar lässt: Flür erweise sich "musikalisch als Epigone der Band, der er einst angehörte".

Der Vorwurf ist wirklich nicht völlig von der Hand zu weisen:

Archiv: Musik