Efeu - Die Kulturrundschau
Flaschenpost eines fernen Freundes
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24.02.2025. Dag Johan Haugeruds "Drømmer" erhält den Goldenen Bären auf der Berlinale: Eine gute Wahl in einem nicht überragenden, aber soliden Wettbewerbsjahr, befinden die Kritiker. Die FR schwebt mit dem Karlsruher "Rinaldo", Händel inszeniert von Hinrich Horstkotte, auf "Flugwolken". Dem chinesischen Verständnis von Kunst-Kopie zum Original geht die NZZ nach. Die taz berichtet aus der Kiewer Buchhandlung "Sens", die russischsprachige Literatur aus ihren Regalen verbannt hat. Boualem Sansal ist in den Hungerstreik getreten, meldet Zeit Online.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
24.02.2025
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Film

Die Berlinale ging mit einem Goldenen Bären für den Film "Drømmer" des norwegischen Regisseurs Dag Johan Haugeruds zu Ende. Als "eine herrlich herausfordernde, teils witzige Geschichte über eine Liebe mit Machtgefälle, auf hintersinnige Weise auch über gesellschaftliche Widersprüche, zugänglich, einfühlsam, zart und zugleich derb, eine gute, mutige Wahl", goutiert SZ-Kritiker Philipp Bovermann die Entscheidung der Jury. Der Film über die Liebe eines jungen Mädchens zu seiner Lehrerin strahle "eine Leichtigkeit aus, die einem dieses Jahr immer wieder entgegenwehte." Auch Andreas Kilb sieht das in der FAZ als eine "gute Entscheidung" an - allerdings nur relativ gesehen: "Es gab im Wettbewerb von Berlin mehrere gute Filme, aber keinen herausragenden. Das ist für ein hauptstädtisches Weltkinofest eine ernüchternde Bilanz; für die Berlinale, auf der zuletzt zweimal hintereinander der Hauptpreis an Dokumentarfilme ging, weil keiner der Spielfilme im Hauptprogramm die Jury wirklich überzeugt hatte, ist es ein Fortschritt. Tricia Tuttle, die neue Intendantin, hat damit etwas bewiesen, was im heutigen Kinogeschäft selten, aber bitter nötig ist: Urteilskraft."
Im Tagesspiegel ist Andreas Busche erleichtert, dass sich die Jury nach zweimaligen Auszeichnungen für Dokumentarfilme, dieses Jahr wieder für Erzählkino entschieden hat und dazu noch für "eine vielversprechende neue Stimme im europäischen Autorenkino". Eine "gemischte Bilanz" zieht Tim Caspar Boehme in der taz, wenngleich auch er sowohl mit dem Gewinner einverstanden ist als auch mit den weiteren Preisen der Jury, zum Beispiel dem Silbernen Bären, der für die beste schauspielerische Leistung an Rose Byrne für ihre Hauptrolle in "If I Had Legs I'd Kick You" von Mary Bronstein (unser Resümee) ging. Einige Enttäuschungen waren aber dabei, vor allem der von Tricia Tuttle neu eingeführte Nebenwettbewerb "Perspectives" ließ "keine markante Handschrift erkennen", findet der Kritiker. In der FR ist Daniel Kothenschulte "auf Angenehmste überrumpelt" vom diesjährigen Wettbewerb, auch wenn dieser überraschend unpolitisch ausfiel, wie er findet, "aber auch eine Preisverleihung, in der über Kunst gesprochen wird, kann eine seltene Freude bereiten." In der FAS schließt Bert Rebhandl die besten Filme mit der politischen Wetterlage kurz. In der Welt schreibt Jan Küveler.
Bühne


Super Kostüme, aber warum hat Regisseurin Lydia Bunk Goethes "Faust" derart zusammengekürzt, fragt sich Nachtkritikerin Marlene Drexler angesichts von Bunks Inszenierung am Landestheater Eisenach: "Der Eisenacher Faust entfernt sich weit, sehr weit von Goethes Original. Das ist allem Anschein nach auch so gewollt. Kein Wunder, dass der Abend daher etappenweise nur noch wie eine Faust-Attrappe wirkt. Ganz offensichtlich hatte Regisseurin Lydia Bunk weder den Anspruch, dem Original genüge zu tun, noch das Interesse politische Dimensionen aufzumachen."
Besprochen werden außerdem "Mord im Regionalexpress" von Milan Peschel am Rambazamba Theater in Berlin (Nachtkritik), Martin Laberenz' Adaption von Tolstois Epos "Krieg und Frieden" am Staatstheater Darmstadt (Nachtkritik), Dietmar Daths "Deine Arbeit hasst dich, weil sie dich nicht braucht", inszeniert von André Bücker am Staatstheater Augsburg im Rahmen des Brechtfestivals (Nachtkritik, SZ), ebenfalls auf dem Brechtfestival "Importbräute - Mein Schleier, das Henna und ihre Tränen" von Dorothea Schroeder und Merve Kayikci am Staatstheater Augsburg (SZ), die "Italo-Disco-Oper" "Romeo und Julia", die Bonn Park und Ben Roessler nach Shakespeare geschrieben haben, am Schauspielhaus Zürich (Nachtkritik, NZZ), Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" in der Choreografie von Edward Clug am Staatsballett Berlin (Tagesspiegel), Thomas Deprycks "Unter Euch" in der Inszenierung von Suzanne Emond am Theater Heidelberg (Taz) sowie Bellinis "Norma" am Theater an der Wien, inszeniert von Vasily Barkhatov, und an der Wiener Staatsoper, wo Cyril Teste Regie führt (FAZ).
Kunst
in der NZZ erklärt Minh An Szabó de Bucs den Unterschied zwischen Fälschung und Nachschöpfung am Beispiel eines Stadtviertels von Shenzhen, wo zwischen 5000 und 10 000 Maler aus ganz China im Akkord westliche Kunst nachmalen: "Nach der fernöstlichen Philosophie ist Schöpfung kein singulärer Akt, sondern ein Prozess, der einer permanenten Transformation unterliegt. Der Unterschied zwischen den Denkweisen zeigt sich bereits deutlich in der Sprache. Auf Chinesisch heißt Original 'zhenji' (真跡), wörtlich übersetzt die 'authentische Spur'. Dem Begriff der Spur, die etwas hinterlässt, sind ein Prozess und ein Wandel inhärent. Jedes Original ist stetigen Veränderungen unterworfen. Die Zeit nagt daran, je älter, desto blasser werden die Farben, der Bildträger wird brüchig. Nicht nur das: Je berühmter das Bild ist, desto mehr wird es aktiv verändert. Chinesische Sammler der klassischen Rollbilder lieben es, Gedichte oder Kommentare auf die Original-Bildrolle zu schreiben und daneben ihr rotes Namenssiegel zu hinterlassen. ... Man stelle sich vor, die jeweiligen Besitzer von Cézannes 'Die Kartenspieler' hätten über die Jahrhunderte ihre Kommentare und Gedanken auf die Vorderseite des Bildes gekritzelt - undenkbar in Europa!"
Weiteres: Die in Deutschland lebende iranische Künstlerin Parastou Forouhar erhält den Gabriele Münter-Preis, der mit 20 000 Euro dotiert ist, meldet die Berliner Zeitung.
Weiteres: Die in Deutschland lebende iranische Künstlerin Parastou Forouhar erhält den Gabriele Münter-Preis, der mit 20 000 Euro dotiert ist, meldet die Berliner Zeitung.
Architektur
Le Corbusier in allen Facetten lässt sich im Berner Zentrum Paul Klee entdecken, wozu Philipp Meier in der NZZ ausdrücklich ermutigt. In der Ausstellung "Die Ordnung der Dinge" zeigt sich ihm, dass der "Nonkonformist" so etwas wie ein Rundum-Künstler war, in allen Kunstformen bewandert, und "Themen der Moderne gesetzt und aufgeworfen hat wie kaum ein anderer Künstler oder Architekt seiner Zeit."
Literatur
Gabi Koldewey berichtet in der taz über den Buchladen "Sens" in Kiew, in dem es keine russischsprachigen Bücher mehr zu kaufen gibt. Damit kämpfen die Besitzer gegen die fortschreitende Russifizierung der Ukraine an: "Im Buchclub 'Sens' werden jeden Monat neue Bücher vorgestellt. Die Veranstaltungen werden als Podcast mitgeschnitten und können von überall gestreamt werden. Bei ihrer Aktion 'Befreit die Regale von russischer Literatur' konnten Menschen ihre russischsprachigen Bücher abgeben; 40.000 Kilogramm seien zusammengekommen und wurden zum Recyceln gegeben. 'In der Sowjetzeit mangelte es an vielem. Nur Bücher gab es immer und sie waren billig. Aber viele Ukrainer möchten jetzt keine russischsprachigen Bücher mehr zu Hause haben', erklärt Erinchak. Solche Aktionen gibt es in der ganzen Ukraine, sie haben großen Zuspruch. In einem Land, das fast jede Nacht russische Luftangriffe erlebt, ist das vielleicht auch nicht besonders verwunderlich. Eines stellt Erinchak dann aber doch klar: 'Wir sind proukrainisch, nicht antirussisch.'"
Weitere Artikel: Bei Zeit Online meldet Iris Radisch, dass der krebskranke algerische Schriftsteller Boualem Sansal in einen Hungerstreik getreten ist. Sansal sitzt seit November in Algerien in Haft, ohne sich öffentlich äußern zu können. Auch mit seinem Anwalt François Zimeray darf er nicht sprechen, weil dieser jüdisch ist (unsere Resümees).
Besprochen werden Liza Marklunds Krimi "Der Polarkreis" (FR), Linda Wolfsgrubers Kinderbuch "Eine Stadt" (FAZ), Mieko Kanais Roman "Leichter Schwindel" (NZZ) und Wolfgang Benz' "Exil. Geschichte einer Vertreibung 1933-1945" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weitere Artikel: Bei Zeit Online meldet Iris Radisch, dass der krebskranke algerische Schriftsteller Boualem Sansal in einen Hungerstreik getreten ist. Sansal sitzt seit November in Algerien in Haft, ohne sich öffentlich äußern zu können. Auch mit seinem Anwalt François Zimeray darf er nicht sprechen, weil dieser jüdisch ist (unsere Resümees).
Besprochen werden Liza Marklunds Krimi "Der Polarkreis" (FR), Linda Wolfsgrubers Kinderbuch "Eine Stadt" (FAZ), Mieko Kanais Roman "Leichter Schwindel" (NZZ) und Wolfgang Benz' "Exil. Geschichte einer Vertreibung 1933-1945" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
Völlig begeistert ist taz-Kritiker Sven Beckstette von einem Konzert der Jazzsaxofonistin Nubya Garcia, die am Wochenende im Berliner Metropol auftrat, um Stücke von ihrem neuen Album "Odyssey" zu spielen. Beckstette lauscht geradezu andächtig: "Garcia kündigt "Water's Path" an, eine rein aus Streichern bestehende, vierminütige Komposition, die sie für ihre Band komplett umarrangiert hat. Wie ein dünnes Rinnsal beginnt das Keyboard eine repetitive Melodie, die anderen Instrumente steigen nach und nach ein, es entstehen hin- und herfließende Wogen, bis sich am Horizont ein Wellenkamm abzeichnet. Er rollt unaufhörlich heran, türmt sich auf, bis er über die Menge tosend hereinbricht. Wie ein Fels in der Brandung steht Nubya Garcia mit ihrem Saxofon da. Aus dem Nichts heraus baut sie alleine neue Linien auf. Der volle, warme Klang ihres Instruments erfüllt den ganzen Raum, es herrscht andächtige Stille."
Weitere Artikel: Max Florian Kühlem schreibt in der SZ den Nachruf auf den Songwriter Bill Fay, der mit 81 Jahren verstorben ist. Im Tagesspiegel schwärmt Tye Maurice Thomas von einem Pierre Boulez-Konzertabend im gleichnamigen Saal in Berlin. Steffen Michalzik resümiert in der FR einen Konzertabend mit Robben Ford und der HR-Bigband im Frankfurter Sendesaal.
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