Efeu - Die Kulturrundschau
Stabil im Fortissimo
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.02.2025. Die Feuilletons begeistern sich für die Carl-Friedrich-Mylius-Ausstellung im Städel: Da ist nichts retuschiert an seinen Frankfurt-Fotos, jubelt die FR, man könnte meinen, sie lügen nicht. critic.de ärgert sich darüber, dass es auf der Berlinale-Retrospektive zum Genrekino der 1970er arg bürgerlich zugeht. Der Tagesspiegel bewundert die muskulösen Relieffiguren auf der Baustelle des Pergamonmuseums. Noch mehr als ums Theater muss man sich angesichts der Berliner Sparpläne um die Pop-Kultur sorgen machen, ruft Zeit Online.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
12.02.2025
finden Sie hier
Kunst

Carl Friedrich Mylius - Frankfurt am Main: Römerberg, ca. 1855.
© Städel Museum.
FAZ-Autor Matthias Alexander ist ziemlich begeistert von der Ausstellung, die das Frankfurter Städel unter dem Titel "Forever Frankfurt!" einem lokalen Künstler widmet: Carl Friedrich Mylius, der sich, aktiv in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Architekturfotografie verschrieb. Mylius porträtierte eine Stadt im Wandel, fern jeder Sentimentalität: "Er lichtet die Abbruchhäuser mit dem gleichen neutralen Blick ab wie die Neubauten, die sich kurz darauf an ihrer Stelle breitmachen." Diese Aufnahmen sind erstaunlich modern, findet der Kritiker: "Unter einem ausgebrannt-leeren Himmel stehen leicht überbelichtete Häuser an unbelebten Straßen. Die gewissermaßen organische Seite der Stadt, das bunten Treiben ihrer Bewohner, ist im wahrsten Sinne des Wortes ausgeblendet. Das Versprechen der Authentizität, mit dem die Fotografie in ihrer Anfangszeit angetreten ist, um die Malerei abzulösen, kann sie in einem wichtigen Punkt nicht einlösen, was ihr aber aus heutiger Sicht gerade einen eigenen künstlerischen Rang verleiht."
Auch Judith von Sternburg zeigt sich in der FR sehr angetan: "Mylius (...) lässt sich nicht in die Karten schauen. Er sucht eine hyperrealistische Objektivität. In echt kann nur ein Adlerauge die Streben der winzigen Fenster sehen, und die Schatten, die die Streben werfen. Oder die stecknadelgroßen Gesichter von aus Stein gehauenen Figuren. Aber das ist alles nicht retouchiert, das ist da. Mylius' Bilder erinnern in wilden Zeiten noch einmal daran, woher Fotos einst den Ruf hatten, nicht zu lügen."
Was reizt die Leute an den derzeit grassierenden immersiven Erlebnisausstellungen? Alexander Menden kann es sich in der SZ nicht recht erklären. Zum Beispiel die "Titanic: Eine immersive Reise" in Köln. Warum zahlen Leute Geld dafür, hautnah bei einem Schiffsunglück dabei zu sein? "Am seltsamsten fühlt es sich aber an, in der 'immersiven Galerie' in einem eigens mit Einstiegslücke versehenen Rettungsboot-Nachbau Platz zu nehmen und dem Dampfer gleichsam aus der Perspektive der Überlebenden beim Sinken zuzusehen. Den stärksten Eindruck hinterlassen dabei die an die Wand projizierten, immer verzweifelter werdenden Morse-Nachrichten des Funkers der 'Titanic' und die Antworten von Schiffen, die viel zu weit entfernt sind, um einzugreifen. Die Todesschreie der im Wasser Treibenden ersparen die Ausstellungsmacher dem zahlenden Publikum. Wer hätte danach noch Lust, sich im Shop mit 'Titanic'-Malbüchern für zehn Euro oder der 'Badeente Titanic-Offizier' für 12,90 Euro einzudecken?"
Weiteres: Museumsbesuch auf Rezept: das gibt es jetzt, und zwar in der Schweiz, weiß Niklas Maak in der FAZ. Maja Goertz unterhält sich für monopol mit der Malerin Sophie Esslinger.
Besprochen werden Anne-Mie van Kerckhovens Schau "AMVK Dudoute_Toaster_Absolu" in der Berliner Galerie Barbara Thumm (Berliner Zeitung), "Impression, Morisot", eine Ausstellung im Palazzo Ducale, Genua, über die weiblichen Netzwerke der Impressionistin Berthe Morisot (monopol), Selma Selmans Schau "Sleeping Guards" im Amsterdamer Stedelijk Museum (Tagesspiegel) und Axel Anklams Ausstellung "Lichtwanderer" im Berliner Zentrum für aktuelle Kunst (taz).
Film
Der Filmhistoriker Olaf Möller ärgert sich auf critic.de sehr über die Berlinale-Retrospektive "Wild, schräg, blutig. Deutsche Genrefilme der 70er": Weder ihrem Titel noch den kuratorischen Ansprüchen einer Retrospektive werde diese Auswahl auch nur im Ansatz gerecht: Im Einzelnen sind da zwar schon gute Filme dabei, aber zu groß klaffen die Lücken, zu wenig beherzt ist der Zugriff, zu verzerrt die Darstellung dieses Filmzusammenhangs. So fehlen etwa "Ganghofer- und Simmel- und Report- und auch St.Pauli-Filme, also Kino, das zum Teil im Akkord hergestellt wurde. Wahrscheinlich war das den Programmgestaltern zu peinlich, oder einfach nicht auf die ganz simple Art international anschlussfähig genug. Vielleicht haben sie sich schlicht nie mit diesen Filmen beschäftigt, weil deren Ruf historisch zu arg ist. (...) Dabei werden Chancen vergeben, um über Themen mit einer gewissen Zeitgeistigkeit zu sprechen, wie z.B.: schwule Schaulust im Konfektionskino - wie Alfred Vohrer etwa aufreizend nackten Männer und Transvestiten Raum gibt zwischen spätem Wallace ('Der Gorilla von Soho', 1968 - außerhalb des Retrorahmens, ja, ja) und proto-Derrick ('Perrak', 1970); was wiederum ergiebig sich diskutieren ließe mit Ulli Lommels schwulem Krimimelodram 'Wachtmeister Rahn' (1974). Um nur einmal ein Beispiel zu nennen für die subversiven Dimensionen dieses Kinos."
Weitere Artikel: Leo Geisler beendet mit einem Resümee seine Filmdienst-Essayreihe zum "Kuchenfilm". Daniela Tan wirft für die NZZ einen Blick auf den Erfolg der japanischen Anime-Serie "One Piece". Andreas Frei staunt derweil im Tagesanzeiger über den Erfolg des chinesischen Animationsfilms "Ne Zha 2", der alle Rekorde bricht.
Besprochen werden Karoline Herfurths Kinokomödie "Wunderschöner" (FAZ, FD, Standard), Mike Chesliks Komödie "Hundreds of Beavers" (taz), Riccardo Milanis italienischer Publikumserfolg "Willkommen in den Bergen" (Standard) und die auf Sky gezeigte Serie "Lockerbie: A Search for Truth" (NZZ).
Weitere Artikel: Leo Geisler beendet mit einem Resümee seine Filmdienst-Essayreihe zum "Kuchenfilm". Daniela Tan wirft für die NZZ einen Blick auf den Erfolg der japanischen Anime-Serie "One Piece". Andreas Frei staunt derweil im Tagesanzeiger über den Erfolg des chinesischen Animationsfilms "Ne Zha 2", der alle Rekorde bricht.
Besprochen werden Karoline Herfurths Kinokomödie "Wunderschöner" (FAZ, FD, Standard), Mike Chesliks Komödie "Hundreds of Beavers" (taz), Riccardo Milanis italienischer Publikumserfolg "Willkommen in den Bergen" (Standard) und die auf Sky gezeigte Serie "Lockerbie: A Search for Truth" (NZZ).
Architektur
Nikolaus Bernau spaziert für den Tagesspiegel über die Baustelle des Berliner Pergamonmuseums und stellt Spekulationen darüber an, wie dieses nach dem umfangreichen Umbau wohl aussehen wird. Zufrieden ist er - im Großen und Ganzen - mit der Neugestaltung des Altarsaals: "Die Sonne strahlte satt auf die gigantische Glasdecke - bis zum Bau des Saals für den Dendur-Tempel im New Yorker Metropolitan Museum in den frühen 1980er-Jahren war diese Halle der bei weitem größte Museumssaal der Welt. Die nachgebaute Hauptfassade des Altars schimmerte geradezu, vor der wieder blasshellblau gestrichenen Wand schienen die Figuren auf dem Gesims zu schweben, die muskelschwellenden Figuren der Reliefs schienen sich zu bewegen." Andere Entscheidungen der Verantwortlichen gefallen ihm weniger. Fazit: abwarten!
Bühne

Rahel Thiels Inszenierung der Gustave-Charpentier-Oper "Louise" am Theater Chemnitz ist zwar nicht makellos, aber insgesamt kraftvoll und vor allem gut besetzt, meint Gerald Felber in der FAZ. Nicht zuletzt überzeugt ihn Elisabeth Dopheide in der Titelrolle. Sie zeichnet "das einnehmende Bild eines hochemotionalen, dabei manchmal verzweifelten und tief traurigen, gleichzeitig stolzen Mädchens (...): kraftvoll genug zum Zupacken wie Losreißen und theaterkonkret mit fast permanenter Bühnenpräsenz, zudem ein Konditionswunder. Es war, nur an manchen Höhepunkten vokal etwas übersteuert, eine hoch beeindruckende, erinnerungsträchtige Leistung: fähig zum Zärtlichen wie Grellen, stabil im Fortissimo, besonders mitreißend in manchen Mezza-Voce-Passagen träumerisch-zärtlichen Versinkens."
In der FAZ schreibt Jürgen Kesting zum Tod der Sopranistin Edith Mathis, deren Susanna wir noch im Ohr haben: "Immer kommt eine ihrer wichtigsten Qualitäten zur Geltung: die Fähigkeit, den Klang ihrer Stimme mit dem der Partnerinnen zu mischen, beispielsweise im Briefduett mit dem Sopran von Gundula Janowitz in der Rolle der Gräfin."
Weitere Artikel: Thomas Birkmeier, Direktor des Theaters der Jugend, Wien, meldet sich zu Wort und antwortet auf Machtmissbrauchs-Anschuldigungen, berichtet der Standard, auf dessen Recherche die Vorwürfe zurückgehen. Ebenfalls im Standard berichtet Margarete Affenzeller von einer szenischen Lesung des Éric-Vuillard-Romans "Die Tagesordnung" am Wiener Volkstheater.
Literatur

Die syrische Lyrikerin Asma Kready denkt in der taz über ihr Heimatland, Assads Sturz und ihr Schreiben nach: "Jetzt, da sich die Stürme etwas gelegt haben, ist mir klar geworden, dass Schreiben nicht nur ein Akt der Aufzeichnung von Ereignissen oder ein Versuch der Flucht ist. Es ist ein Akt des Widerstands. Worte sind meine einzige Waffe gegen das überwältigende Gefühl der Hilflosigkeit. Ich schreibe über Damaskus wie jemand, der im Dunkeln ein Bild malt und versucht, die dunklen Ecken mit Liebe und Hoffnung zu erhellen. In dem Damaskus, über das ich heute schreibe, stehen die Bäume noch, die Fenster warten noch darauf, geöffnet zu werden, und Mütter suchen noch immer nach ihren Söhnen - denen, die Assad in seinen Gefängnissen begraben hat. Ich träume von einem Syrien, in dem Freiheit nicht nur ein Wort in Reden ist, sondern ein Grundrecht. Ein Syrien, das Geschichten der Liebe und nicht der Angst verdient hat. Ich träume von Straßen, die nicht mit Panzern, sondern mit Liedern und herzlichen Gesprächen gefüllt sind."
Weitere Artikel: Frauke Steffens berichtet in der FAZ über den Prozess gegen den Attentäter, der Salman Rushdie 2022 mit einem Messer schwer verletzte (und im Gerichtssaal "Free Palastine" rief). In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" widmet sich Jannis Koltermann Julien Gracqs "Das Ufer der Syrten". Mit leichtem Amüsement nimmt David Hugendick auf Zeit Online zur Kenntnis, dass im US-Literaturbetrieb gerade über Sinn und Unsinn von "Blurbs" - also werbenden Empfehlungen auf Buchumschlägen von Schriftstellern für Schriftsteller - diskutiert wird. Erdmut Wizisla empfiehlt im Tagesspiegel die Lektüre von Bertolt Brechts handgeschriebenen Notizen.
Besprochen werden neue Bücher von und über Betty Paoli (NZZ) und Sofia Andruchowytschs "Die Geschichte von Sofia" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
Bei der Kritik an den Sparplänen des Berliner Kultursenats steht oft die Sorge um die Theaterbühnen der Stadt im Vordergrund. Dabei trifft es mit der Pop-Kultur und dem CTM Festival die beiden großen, international strahlkräftigen Veranstaltungen zur populären Musik viel härter, klagt Tobi Müller auf Zeit Online. "Kein Theater musste während der Kürzungsdebatten der vergangenen Monate grundsätzlich an seinem Konzept arbeiten, geschweige denn damit rechnen, dass es wirklich sofort zu Ende geht. Bei Pop-Kultur ist das der Fall. Bei Textschluss dieses Artikels steht noch immer zur Diskussion, ob das veranstaltende Musicboard Berlin eine Summe von 300.000 Euro titelscharf bei diesem Festival einzusparen hat (was das Ende bedeuten würde)." Beide Festivals wurden zudem durch dieses Hinhalten "über mehrere Monate ausgebremst. Ein Festival, das im August stattfindet wie Pop-Kultur, muss spätestens zu Jahresbeginn fertig konzipiert sein, die Anfragen müssen rausgegangen sein. Jetzt ist es Februar."
Weitere Artikel: Antonia Munding spricht für Backstage Classical mit dem Pianisten und Komponisten Fazil Say. Joachim Hentschel plaudert für die SZ mit Cyndi Lauper, die mit 71 Jahren gerade ihre Abschiedstour absolviert. Besprochen wird das neue Album von FKA Twigs (taz).
Weitere Artikel: Antonia Munding spricht für Backstage Classical mit dem Pianisten und Komponisten Fazil Say. Joachim Hentschel plaudert für die SZ mit Cyndi Lauper, die mit 71 Jahren gerade ihre Abschiedstour absolviert. Besprochen wird das neue Album von FKA Twigs (taz).
Kommentieren