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27.01.2025. Die Kritiker sind beeindruckt von Michael Wertmüllers gedankenstarker Oper "Echo 72" über das Attentat auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Spiele 1972. Komponisten von E-Musik können nicht von ihrem Schaffen leben, sagt Helmut Lachenmann bei VAN. Der verstorbene Regisseur Bertrand Blier entdeckte Gérard Depardieu, als der noch ein ungeschliffener Rohdiamant war, erinnert der Filmdienst. Und Zeit Online rät jedem, der über den Klimawandel zu verzweifeln droht, in die Literaturwelt des Solarpunks einzutauchen.
Szene aus "Echo 72" am Staatstheater Hannover. Foto: Sandra Then. "Was für ein bild-, was für ein klang-, was für ein gedankenstarker Abend", lobtNachtkritiker Michael Laages Michael Wertmüllers Oper "Echo 72. Israel in München" über das Attentat auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1972, die Lydia Steier inszenierung hat. Die Uraufführung am Staatstheater Hannover (mehr hier), "fordert und überfordert" den Kritiker im besten Sinne: "Schon die Musik des Schweizer Komponisten Michael Wertmüller, Jahrgang 1966, ist enorm komplex. Der gelernte Schlagzeuger begann an der 'Swiss Jazz School', suchte aber sehr bald schon den Grenzgang hinüber zur 'Neuen Musik' und auch wieder zurück. Dass er für Komposition und Arrangement eines der herausragendenJazz-Trios der Schweiz integriert hat, 'Steamboat Switzerland', die Band um Wertmüllers Schlagzeug-Kollegen Lucas Niggli, folgt konsequent dieser Strategie der Vermischung der Stile. Und tatsächlich zeigt das Trio sehr nachdrücklich, dass es den versammelten Energien des großen Orchesters kaum nachsteht."
Auch SZ-Kritiker Egbert Tholl ist schwer beeindruckt, beispielsweise von der Idee der "Klage" als Figur, die Einzelheiten des Tathergangs erzählt: "Idunnu Münch und Corinna Harfouch werden nun zusammen zu dieser Allegorie der 'Klage', erzählen die Biografien der elf getöteten Israelis; einige sind Überlebende des Holocaust gewesen, andere haben ihre Familien im Morden verloren, der Zynismus der Attentäter holt sie ein. Die Schilderung des Geschehens selbst, die zum Himmel schreiende Hilflosigkeit der bayerischen Polizei, die unfassbaren Falschmeldungen und Fehler, das alles geht im Zorn der Musik unter. Die Attentäter haben keine Namen. 'Sie brachten nichts anderes als den Tod.'"
Besprochen werden außerdem Konstanze Kappensteins Inszenierung des Stücks "22 Bahnen" nach dem Roman von Caroline Wahl am Volkstheater Rostock (nachtkritik), Philipp Löhles Inszenierung seines Stücks "Das deutsche Haus" am Deutschen Theater Göttingen (nachtkritik), Ariane Kareevs Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs Bearbeitung von Sophokles' "Antigone" am Theater Dortmund (nachtkritik), Bastian Krafts Inszenierung von "Die kleine Meerjungfrau. A fluid fairy Fantasy" nach Hans-Christian Andersen am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ), Luise Kautz' Inszenierung von Arthur Honeggers und Jacques Iberts Oper "L'Aiglon" am Staatstheater Mainz (FR), Peter Atanassows Adaption von George Orwells "1984" zusammen mit dem Gefängnistheater "Aufbruch" in der JVA Plötzensee (taz), Christian Weises Inszenierung von Georges Bizets Oper "Carmen" am Gorki Theater Berlin (taz), Eric de Vroedts Inszenierung von Arthurs Millers Tragödie "Ein Blick von der Brücke" am Schauspiel Frankfurt (FAZ), Claudia Bauers Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Krankheit oder Moderne Frauen" am Wiener Volkstheater (SZ), Jan-Christoph Gockels Inszenierung der Nosferatu-Hommage "Oh Schreck" an den Münchner Kammerspielen (SZ) und Dagmar Manzels Inszenierung von Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" an der Komischen Oper Berlin (tsp).
Wer angesichts von Klimawandel, Naturkatastrophen und Trumps erneutem Ausstieg aus dem PariserAbkommen in die Depression absinkt, sollte es mal mit Solarpunk als Antidot versuchen, schreibt Titus Blome auf Zeit Online. Dabei handelt es sich um einen multimedialen motivisch-ästhetischen Zusammenhang in der Science-Fiction, die sich enthusiastisch eine utopischeZukunft in einer Welt vorstellt, die im kompletten Einklang mit Klima und Natur organisiert ist, und darüber diskutiert, wie sich diese herstellen ließe. "Solarpunk mischt Science-Fiction und Science-Fact, spekulative Politik, Wissenschaftskommunikation, philosophische Intervention und Zukunftsdesign. ... Aber da Solarpunk eben nicht nur Literatur ist, fordert er eine äußerst unliterarische Frage heraus: Wie zum Teufel soll das alles umsetzbar sein? Die Antwort der Solarpunks lautet: Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind nicht die lästigen Notwendigkeiten, als die sie heute verkauft werden, sondern eine Zukunft, auf die wir unsfreuenkönnen. Sie sind nicht nur umsetzbar, sie sind auch schön. Sie sind umsetzbar, weil sie schön sind."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Bereits 1971, in seinem in Deutschland eher unbekannten Roman "Unsere Gang", ließ PhilipRoth einen US-Präsidenten (damals noch als offensichtliche Parodie auf Nixon) nach Grönland greifen und dabei auch vor Atombomben auf Kopenhagen nicht zurückschrecken, erinnert Andreas Platthaus in der FAZ. Bei Wieland Freund von der Weltwecken Trumps (erneute) Ankündigungen, sämtliche Akten zur ErmordunganJohnF. Kennedy freizugeben, Erinnerungen an DonDeLillos Roman "Libra". Immo von Fallois blickt in der Berliner Zeitung auf die Freundschaft zwischen JurekBecker und ManfredKrug. Der Standardbringt eine Erzählung der Schriftstellerin HannaSukare. Und in der "Langen Nacht" des Dlf Kulturbefasst sich Christoph David Piorkowski auf die unterschiedlichen Schlüsse, die PrimoLevi und JeanAméry aus Auschwitz gezogen haben.
Besprochen werden unter anderem JózsefDebreczenis "Kaltes Krematorium. Bericht aus dem Land namens Auschwitz" (TA), ÉdouardLouis' "Monique bricht aus" (online nachgereicht von der FAS), CheonMyeong-kwans "Bumerangfamilie" (NZZ), der von EliasHirschl zusammengestellte Band "100 Seiten sind genug. Weltliteratur in 1-Stern-Bewertungen" (Welt), eine Ausstellung in Hamburg zur Geschichte des Rowohlt-Verlags (FAZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Sydney Smiths "Erinnerst du dich?" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Patrick Bahners macht sich in der FAZ anlässlich der Ausstellung "Kritik im Nationalsozialismus", die im Kölner NS-Dokumentationszentrum zu sehen ist, Gedanken zum Thema. Besprochen wird die Ausstellung "Cimabue neu sehen - Zu den Ursprüngen der italienischen Malerei" im Louvre in Paris (FAZ) und die Ausstellung "Mary Heilmann" in der Galleria Civica d'Arte Moderna e Contemporanea in Turin (taz).
"Beinahe mit jedem seiner Filme löste der französische Regisseur BertrandBlier zuverlässig einen Skandal aus", schreibt Josef Schnelle in seinem Nachruf beim Filmdienst. Blier "entdeckte GérardDepardieu, als der noch ein ungeschliffener Rohdiamant war, und wurde für seine eleganten, aber dennoch zupackenden Dialoge bewundert." Er "beherrschte in den Siebziger- und Achtzigerjahren die Debatten um das französische Kino. Sein Publikum war dabei in der Regel gespalten. Die einen beklagten seine chronischeMisanthropie. Die anderen lobten die Zärtlichkeit und Originalität seiner Inszenierungen. Das Hauptthema in seinen rund 20 Filmen waren die menschlichenBegierden, die er mit viel Sinn für das Abgründige und einer gehörigen Portion schwarzen Humors aufspießte."
Weiteres: Patrick Holzapfel erinnert in der NZZ online nachgereicht an PaulNewman, der vor 100 Jahren geboren wurde. Helene Slancar fragt sich im Standard, warum die Monster des klassischen Horrorfilms gerade wieder so ein Kino-Comeback erleben. Jörg Seewald berichtet in der FAZ vom Filmbrunch beim BR. Besprochen werden LeighWhannells "Wolf Man" (SZ, FD), GeorgesGachots Dokumentarfilm "Misty" über den Jazzpianisten ErrollGarner (taz) und die ARD-Serie "The Next Level" (taz).
Komponisten der E-Musik "haben die von ihnen vorgefundene Musizier- und Schaffenspraxis weiterentwickelt, quasi strapaziert" und "das Musik-Erlebnis nicht als unterhaltsame und eher unverbindliche, sicher genussvolle Begehung eines kollektiv vertrauten Raums, vielmehr als dessen Öffnung, und wie auch immer irritierend oder befreiend erlebte Erweiterung" verstanden, schreibt der Komponist HelmutLachenmann im VAN-Kommentar angesichts der Diskussion bei der GEMA, E-Musik zugunsten von U-Musik künftig deutlich schlechter mit Tantiemen zu bedenken als bislang. "Komponisten, die sich diesem Erbe als Herausforderung verpflichtet fühlen, können sich in der Mehrzahl heute so wenig wie in früheren Zeiten vom eigenen Schaffen ernähren", auch "die Zeit der kunstliebendenMäzene ist so gut wie vorbei. ... Die im Mai drohende Neuregelung sieht eine grausameHerabsetzung und damit Beeinträchtigung der Lebensqualität vieler selbstlos der Kunst dienenden Komponisten vor, sie verrät auch den Mangel an Einsicht in deren Kostbarkeit in einer Zeit zunehmender Oberflächlichkeit und geistfeindlich standardisierten und kurzatmigenNützlichkeitsdenkens, das uns beängstigen sollte."
Weiteres: Im Reflektor-Podcast sprechenKoljaPodkowik von der AntilopenGang und der Musiker und AutorTheesUhlmann ausführlich mit Tocotronic über deren für Mitte Februar angekündigtes Album "Golden Years". Besprochen wird ein Konzert der HR-Bigband mit DarcyJamesArgue und dem Vibraphonisten WarrenWolf (FR).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Uwe Ebbinghaus über "Sweet Jane" von VelvetUnderground: