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10.01.2025. Die FAZ geht in der Kunsthalle Recklinghausenauf eine Zeitreise in die junge Bundesrepublik. Dass um Kunstfreiheit auch zehn Jahre nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo noch gekämpft werden muss, lernt die taz in einer Karikaturen-Ausstellung in Hannover. Die SZ identifiziert den Auftragskiller als neuen romantischen Filmheld. Die Welt sieht das Ballett in der Krise. Die FR spricht mit dem iranischen Musiker Saba Alizadeh über die Restriktion der Musik in seinem Heimatland. Und alle trauern um die Wiener Theaterlegende Otto Schenk.
Ruth Hebler: Karikaturmeter. Bild: Wilhelm-Busch-Museum. Die Ausstellung "Künstlerische Intervention - Die Freiheit der Kunst - Zehn Jahre nach 'Je suis Charlie'" im Wilhelm-Busch-Museum Hannover versammelt allerhand Karikaturen und Auseinandersetzungen mit dem Anschlag, der vor zehn Jahren von islamistischen Terroristen verursacht wurde, berichtet Nadine Conti in der taz. Die Zeichnungen "sollen den Diskurs zur Freiheit der Kunst wiederbeleben. Der eben nicht nur historisch oder kulturalistisch geführt werden kann, sondern - angesichts von Rechtsruck und neuen Empfindlichkeiten - längst wieder mitten in modernen, europäischen Gesellschaften geführt werden muss, die vielleicht schon dachten, sie wären ihm entwachsen. Herausgekommen ist dabei eine wilde Mischung aus Beiträgen unterschiedlichster Spiel- und Tonarten. Da sind die klugen, nachdenklichen Beiträge einer Ruth Hebler, die etwa mit ihrem 'Karikaturmeter' dazu einlädt, sich zu überlegen, wo man sich selbst auf dem Spektrum der Meinungsfreiheit bewegt - zwischen harmlosem Katzencontent und zensiertem Propheten. Oder unter der Überschrift 'Humor ist eine ernste Sache' mit zwei Dutzend Denkblasen über dem Kopf der Zeichnerin vorführt, wie die Schere im Kopf schneidet: Versteht man das, so wie ich es meine? Lachen hier die Falschen? Auf den Shitstorm habe ich keinen Bock! Ist es das wert?"
Ausstellungansicht. Bild: Kunsthalle Recklinghausen. Georg Imdahl unternimmt für die FAZ eine Zeitreise in der Ausstellung "Die Anfänge: Radical Innovations", die ihn in die Gründungszeit der Kunsthalle Recklinghausen führt: Sie "erzählt viel von der Kunst im Ruhrpott und den Künstlern um Emil Schumacher und Thomas Grochowiak in der Gruppe 'junger westen', bis heute kleingeschrieben, und von ihrer zeittypischen, regionalen Abstraktion. Deren Bilder hat die Kunsthalle Recklinghausen vielfach angekauft, weniger hingegen die der Malerinnen, die in den Fünfzigern in Recklinghausen in größerer Zahl ausgestellt haben, darunter Jeanne Coppel, Sigrid Kopfermann oder Hal Busse mit sehenswerten Bildern. Ihnen ist jetzt eine eigene Etage vorbehalten, eine andere den Männern. Man wird nicht überhäuft mit Werken, aber das Interesse an den Künstlerinnen ist geweckt.
Weitere Artikel: Im Silent Green im Berliner Wedding treffen bei der Ausstellung "UnNatural Encounters" Natur, Kunst und KI aufeinander, sie ist eine Gemeinschaftsarbeit der European Media Art Platform. Bernhard Schulz trifft darin für Monopol "nicht nur eine Augen- und Ohrenweide, sondern auch eine zutiefst melancholische Erinnerung an die unvermeidbare Entfremdung des Menschen von der Natur." Eine weitere Besprechung findet sich im Tagesspiegel.
Bernhard Heckler staunt in der SZ darüber, dass HughGrant, aktuell im Horrorfilm "Heretic" (unsere Kritik) als Bösewicht zu sehen, dem Kino einmal als romantischer Held par excellence galt: Das erscheine ja wohl "richtiggehend lächerlich, ungefähr so sexy wie die Abbildungen von Essen in einem Kochbuch aus den Siebzigerjahren ('So bereiten Sie den perfekten Mettigel zu')." Der romantische Held der Gegenwart ist heutzutage eh: der Auftragskiller. "Die Kinos, TV-Sender und Streaming-Mediatheken erlebten seit den Nullerjahren dieses Jahrhunderts einen irreversiblen Shift in der Vorstellung von romantischem Eskapismus - und sind jetzt randvoll mit Filmen und Serien über Auftragskiller, die so viel mehr sind als nur ihr Job. ... Die Erzählstrategie, ausgerechnet die unmoralischsten aller Menschen zur Instanz zu erklären in puncto Gewissen, Ehrenkodex und unerschütterlichen Prinzipien, ist in Sachen Ambiguitätstoleranz auf der Höhe der Zeit. Aber - Stichwort Luigi Mangione - als Erfindung mitunter offenbar so gut, dass sie für einige Menschen von der Realität kaum noch unterscheidbar ist." Kleine Anmerkung der Redaktion: Dafür ist Bernhard Heckler sicher zu jung, aber der "Mettigel" ist fünfziger Jahre, nicht siebziger Jahre.
Weitere Artikel: Esthy Baumann-Rüdiger wirft in der NZZ einen Blick in die uneindeutige Lage um den Regisseur und Schauspieler JustinBaldoni, der sich zwar über mehrere Jahre als feministisch engagierter Mann in der Öffentlichkeit präsentierte, dem nun aber Vorwürfe gemacht werden, die derzeit viele Klatschspalten füllen. In seiner Filmdienst-Reihe zum Heist-Filmwidmet sich Leo Geisler RabahAmeur-Zaïmeches "The Temple Woods Gang" von 2022. Ingeborg Harms berichtet für die FAZ von den Dreharbeiten zur ARD-Krimiserie "Nord bei Nordwest".
Besprochen werden TimFehlbaums Journalistenthriller "September 5" (Artechock, unsere Kritik), DanielHoesls und JuliaNiemanns Reichensatire "Veni, Vidi, Vici" (Artechock, unsere Kritik), JörgAdolphs und EdgarReitz' Dokumentarfilm "Filmstunde_23" (Artechock, mehr dazu bereits hier), PatrykVegas "Putin" (Standard, mehr dazu hier), JohnCrowleys Liebesfilm "We Live in Time" (Standard), die ARD-Serie "A Better Place" (taz) und die Netflix-Serie "American Primeval" (FAZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der österreichische SchriftstellerWolfHaaserklärt im Standard-Gespräch mit Michael Wurmitzer, warum er sich in seinem neuem Roman "Wackelkontakt" für eine Hauptfigur im Zeugenschutzprogramm entschieden hat: Er findet es interessant, "in einer falschen Identität mit sich selbst zu leben. Wir leben ja alle in einer falschen Identität mit uns selbst. ... Man ist dominiert von Vorstellungen von sich selbst, wer man ist und welche Geschichte man angeblich hat und was einem wichtig ist. Das Authentische ist eine populäre Idee unserer Zeit. Demgegenüber ist jemand, der im Zeugenschutz lebt, eine schöne Gegenthese. Ich möchte fast sagen, ich beneide den, der im Zeugenschutz lebt, der ist sich wenigstens dauernd dessen bewusst, dass er nicht der ist, der er angeblich ist. Irgendwann habe ich das im Freundeskreis gesagt, dass es für mich komisch ist, wenn mich Leute kennenlernen und sagen: Ah, das ist der Wolf Haas! Weil ich den ja selber gern einmal kennenlernen würde. Dass eine mediale Identität falsch ist, ist ja ein langweiliges Beispiel. Interessant ist, dass auch die persönliche, private, intime Identität ein Konstrukt ist." Die Literarische Welt hat Marc Reichweins Besprechung des Romans online nachgereicht.
Weitere Artikel: Christian Schröder freut sich im Tagesspiegel, dass die "makellosen" Thriller des 2010 verstorbenen Autors PascalGarnier endlich auch auf Deutsch erscheinen. Und Andreas Platthaus freut sich auf FAZ.net über das von Comichistoriker AndreasKnigge besorgte Comeback der vor einem Jahr eingestellten Zeitschrift Comixene.
Besprochen werden unter anderem MikolajLozinskis "Stramer" (NZZ) und neue Sachbücher, darunter PeterScholz' "Lucullus. Herrschen und Genießen in der späten römischen Republik" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Manuel Brug konstatiert in der Welt anhand von "La Sylphide" von Filippo Taglioni, choreografiert von Pierre Lacotte am Bayerischen Staatsballett eine Krise des klassischen Balletts - die liegt aber nicht an den Stücken selbst, sondern vielmehr an ihren Inszenierungen und der Mutlosigkeit der Bühnen: Er sieht hier "das Urbild der verträumten, nicht in dieser Welt tanzenden Ballerina, die hier erstmals auf Spitzenschuhe gestellt wurde, um scheinbar luftleicht die Schwerkraft zu überwinden." Brug wünscht sich, dass alles wieder so wird, wie es früher wahrscheinlich auch nicht war: "Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, das klassische Ballett (…) entgleitet unserer Aufmerksamkeit, unserem Wohlwollen, vor allem unserem gegenwärtigen Verständnis. Auch weil viele, die heute als Ballettdirektoren am Ruder sind, dafür zu wenig Wissen haben, kaum mehr Sympathie, Gefühl, Liebe gar hegen. Man mag einfach nicht mehr den geschichtlichen Spagat machen und nach heutigen strengen Maßstäben über Rassismus in den alten Geschichten, misogyne Frauenbilder, unmoderne Gleichmacherei hinwegsehen. Obwohl der Frau hier gehuldigt wird und sie im Mittelpunkt steht wie wohl sonst nur noch in der Pornografie, bleibt sie doch Objekt, muss oft sterben, wird getragen und präsentiert, muss sich als idealer, wenig bekleideter Körper zeigen. "
Die Feuilletons trauern um eine Wiener Theatergröße: Otto Schenk ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Die NZZerinnert an die große Menschlichkeit im Humor des Schauspielers, Regisseurs und Komikers: "Schenks kunstvolles Spiel mit der Deplaziertheit, sein Spaß am Übertreiben der Form und am Sprengen der Norm legte menschliche Schwächen frei. Doch es entließ das Publikum niemals entzaubert, sondern entlastet. Ob er die Zunft der Regisseure parodierte oder eine Suppenwerbung, ob er Tucholsky und Polgar vortrug, Witze und Theatergeschichten erzählte - oder mit seinen kongenialen Partnern Helmuth Lohner und Alfred Böhm die Vernunftwelt kippte: Immer wusste er die komische Fallhöhe in all ihren Nuancen auszuloten." Weitere Nachrufe bei Spiegel Online, SZ, FR, Zeit, FAZ und Standard.
Weiteres: Florentina Holzinger ist ausgewählt worden, um den Österreich-Beitrag für die Biennale 2026 beizusteuern, meldet der Standard. Die Berliner Zeitungbefragt den österreichischen Dramatiker Ferdinand Schmalz zur angespannten politischen Lage seines Heimatlandes.
Besprochen wird: "Grease" in der Alten Oper Frankfurt, Choreografie von Rebecca Howell (FR).
Max Dax spricht für die FR mit dem iranischen Musiker Saba Alizadeh, der momentan in den Niederlanden lebt (allerdings, wie der Musiker unterstreicht, nicht als vertriebener Exilant, sondern aufgrund des Studiums seiner Frau). Er spricht auch über die Lage von Musikern im Land: "Man braucht eine Genehmigung, um Musik veröffentlichen zu können. ... Wenn du eine Sängerin aufnehmen möchtest, bist du verpflichtet, dass sie einen männlichen Sänger an ihrer Seite hat, der sie begleitet. Auf CDs dürfen Sängerinnen dann nur als 'Backgroundsängerinnen' genannt werden." Doch hat "die 'Woman Life Freedom'-Bewegung alles durcheinander gewirbelt. Die meisten, ich inklusive, wollen diese Genehmigungen nicht mehr, weil sie sich nicht mehr mit der Regierung auseinandersetzen wollen und sie nicht wollen, dass die Regierung ihre Papiere genehmigt, um Musik veröffentlichen zu dürfen. Viele Auflagen können auch leicht umgangen werden. Wenn du vor weniger als hundert Personen spielst, brauchst du keine Genehmigung einzuholen. Also finden die meisten unabhängigen Konzerte zwar unter Restriktionen statt - aber sie finden statt." Bestellen Sie bei eichendorff21!Kristoffer Cornils spricht für Zeit Online mit der Journalistin LizPelly, die in ihrem Buch "Mood Machine" Spotify schwer kritisiert. Insbesondere die von Spotify befeuerte Playlist-Kultur stößt ihr auf: "Das Publikum baut keine Beziehungen mehr zu Musikerinnen auf, wenn es sich nur noch mit dem Playlistangebot von Streamingdiensten beschäftigt. Und in dieses Playlistangebot lässt Spotify zunehmend Musik einfließen, für die das Unternehmen weniger Lizenzgebühren bezahlen muss als für Songs von Musikerinnen, die auf tradierten Plattenlabels erschienen sind. In algorithmisch zusammengestellten Playlists finden sich immer mehr Songs, deren angebliche Urheberinnen überhaupt nicht existieren. Genauer gesagt stammen sie von Gebrauchsmusikfirmen, die Spotify im Rahmen des Programms Perfect Fit Content mit Inhalten beliefern. ... Weil solche Musik mittlerweile auch mit KI hergestellt werden kann, wirft ihr Einsatz umso dringendere Fragen für die Zukunft auf."
Weitere Artikel: Christian Wildhagen erzählt in der NZZ die Geschichte auf Umwegen, wie das Bonner Beethoven-Haus in den Besitz der einzigen Hand-Niederschrift des vierten Satzes aus Beethovens Streichquartett op. 130 gekommen ist. Für Frankfurter Allgemeine Quarterly beantwortet der Geiger DavidGarrett den Proust-Fragebogen. Christian Schröder gratuliert im TagesspiegelRodStewart zum 80. Geburtstag. Besprochen wird eine Konzert-Hommage von DotaKehr mit Band an MaschaKaléko (taz).
Begrüntes Dach. Bild: aera.berlin. Das im Berliner Westen errichtete "Aera"-Haus lässt Niklas Maak in der FAZ vermuten, dass Bürogebäude doch noch nicht tot sind - auf Innovationsgeist kommt es an und darauf, die Öffentlichkeit mitzudenken: "Armand Grüntuch und Almut Ernst, die Architekten des Neubaus, argumentieren, dass das Arbeiten sich ändert und Bürobauten, wenn sie Erfolg haben sollen, den Mitarbeitern in Zukunft mehr und andere Räume als bisher bieten müssen. Aber welche? Ihr 'Aera' genanntes, vom Immobilienentwickler Bauwens beauftragtes Projekt an der Darwinstraße soll es zeigen. Auf 12.000 Quadratmetern sollen gut tausend Arbeitsplätze Raum finden, das Achsraster von 5,40 Metern erlaubt flexible Räume und bringt mit großen Fenstern viel Licht von allen Seiten in den Betonbau, ein sechs Meter hohes Foyer soll wie ein kollektives Wohnzimmer nutzbar sein. Die eigentliche Pointe dieses Gebäudes ist aber die kaskadenartig ansteigende, mit dem Büro Capatti Staubach entwickelte begrünte Landschaft oben auf dem Gebäude: Ein fast einen halben Kilometer langer 'Wanderweg' führt an den sechs Etagen empor bis auf das ebenfalls terrassiert ansteigende, mit bis zu zwölf Meter hohen Bäumen bepflanzte Dach. Dort wartet nicht nur auf die Angestellten, die hier arbeiten, ein 2.200 Quadratmeter großer Park. Das Dach ist öffentlich zugänglich."
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