Efeu - Die Kulturrundschau
Picassos kugeliger Kopf
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09.01.2025. Lieber polierte man zwei Tage lang einen neunzig Jahre alten Maserati, als die Verbindung zwischen Futurismus und Faschismus zu zeigen, bemerkt die NZZ in einer Ausstellung in Rom. Monopol lernt in einer Berliner Ausstellung über queere Kunst im Pazifikraum die fünf Geschlechter der Bugis kennen. Zeit und taz lassen mit Edgar Reitz und Jörg Adolph in "Filmstunde_23" ein Schulexperiment aus dem Jahr 1968 wieder aufleben. Die SZ trifft die russische Sängerin Monetotschka, die aus dem Exil versucht, ihre Fans in Russland zu ermutigen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
09.01.2025
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Kunst

Sehr angeregt, wenn auch mit leichtem "Kopfbrummen" angesichts der Vielschichtigkeit der Schau kommt Jens Hinrichsen (Monopol) aus der Ausstellung "Young Birds from Strange Mountains" im Schwulen Museum in Berlin, das derzeit einen Überblick über queere Kunst im Pazifikraum gibt. Hinrichsen findet "einen überzeitlichen Resonanzraum, der queere Kulturschaffende über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg verbindet. 'Wissen der Vorfahren' und 'Spirituelle Wege' bilden denn auch zwei Kapitel der Ausstellung, die außerdem mit Überschriften wie 'Verkörperte Versprechen' und 'Tropische Technologien' gegliedert ist. ... 'Bongkar Pasang' heißt eine Soft-Skulptur der aus Yogyakarta stammenden Künstlerin Tamarra. Ein aus rotem Bast geflochtener und mit einer Holzmaske und Glöckchen verzierter Umhang, der auf Transgender-Schamanen in der Bugis-Kultur in Südsulawesi anspielt, denen ihre Götter die Macht verliehen haben sollen, den König zu beraten. Die Volksgruppe der Bugis kannte fünf soziale Geschlechter: 'Makkunrai' (feminine Frau), 'Calabai' (weiblicher Mann), 'Calalai' (männliche Frau), 'Oroané' (maskuliner Mann) und 'Bissu', den männliche und weibliche Energien verkörpernden Menschen, der mit den Göttern sprach."
Kurz nach Giorgia Melonis Regierungsübernahme im Oktober 2022 kündigte ihr damaliger Kulturminister Gennaro Sangiuliano eine große Futurismus-Ausstellung an, mit dem Ziel "die italienische Identität wiederbeleben", erinnert Ulrike Sauer in der NZZ. Nun ist die Schau "Il Tempo del Futurismo" in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna e Contemporanea in Rom zu sehen, kritische Experten wurden zuvor aus dem beratenden Kuratorium geworfen - zu sehen ist eine Schau, die von der Nähe des Futurismus zum Faschismus nicht viel wissen will. Das könne man ja im Katalog nachlesen, bemerkt Gabriele Simongini, Kurator der Ausstellung und Kunstkritiker der rechten Tageszeitung Il Tempo gegenüber Sauer. Er führt sie lieber zu "Oldtimern und Wasserflugzeugen, die auf dem gebohnerten Museumsparkett platziert wurden. Da steht ein roter, 90 Jahre alter Maserati, den man zwei Tage lang polieren ließ. Am Steuer sei einst Tazio Nuvolari gesessen, der größte Rennfahrer seiner Zeit, sagt Simongini begeistert. Zu sehen ist auch das einzige erhaltene Exemplar des Fiat Siluro Chiribiri, dem 1913 ein Geschwindigkeitsrekord gelang, sowie Europas erstes Motorrennrad der Marke Frera. Die PS-Ikonen verkörpern die futuristische Verherrlichung von Geschwindigkeit, Dynamik und Kraft. Für den Kurator repräsentieren sie zudem die stolzen wirtschaftlichen Leistungen des Landes."
Weitere Artikel: Mit dem Kitsch von Jeff Koons kann Stefan Trinks (FAZ) in der Regel nicht viel anfangen. Wenn Koons seine Werke im Museo de Bellas Artes in Granada aber gemeinsam mit Picasso-Sohn Bernard und Pissaro-Urenkel, dem Kunsthistoriker Joachim Pissarro, nicht nur Werken von Picasso, sondern 36 anderen Werken von der Spätgotik bis zum Barock gegenüberstellt, lässt sich Trinks gern in einen philosophischen Dialog über den Begriff der Reflexion verwickeln. Gern posierte er vor der Kamera, selbst fotografierte Max Ernst nie. Welche große Rolle die Fotografie für den Surrealisten dennoch spielte, erfährt Elke Linda Buchholz (Tagesspiegel) in der Ausstellung "Fotogaga" im Berliner Museum für Fotografie, die vor allem Exponate aus der Sammlung Würth zeigt: "Technisch vielseitig wie kein anderer Surrealist schabte, schrubbte, kratzte, schraffierte und schnitt Max Ernst seine Motive zurecht." In der FAZ gratuliert Tilman Spreckelsen der Illustratorin Jutta Bauer zum Siebzigsten. Im Tagesspiegel freut sich Alexander Conrad schon jetzt auf das an der Grunewaldstraße in Berlin bis 2027 entstehende "Bildlabor Kleistpark", das die vom Ehepaar Breu geführte Hegenbarth Sammlung Berlin beherbergen wird.
Besprochen werden die Ausstellung "Träum weiter - Berlin, die 90er" in der C/O Berlin (taz), die Jeewi Lee-Ausstellung "Field of Fragments" in der Pankower Galerie Sexauer (taz), die Ausstellung "Ein Funke im System - Revision, Perturbation, Selbstdekonstruktion" in der Stadtgalerie Kiel (taz) und die Gerhard Richter-Ausstellung "Verborgene Schätze. Werke aus Rheinischen Privatsammlungen" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast (Tsp, mehr hier).
Literatur

Außerdem bringt die Zeit heute einen Schwerpunkt zu Thomas Mann, dessen Geburtstag sich 2025 zum 150. Mal jährt: Adam Soboczynski denkt darüber nach, warum Thomas Mann "der letzte deutschsprachige Klassiker" ist, "der noch außerhalb von Liebhaberkreisen, von Universität und Schule gelesen wird" und "dessen Figuren lebendig geblieben sind". Volker Weidermann besteigt den "Zauberberg". Iris Radisch findet das Frauenbild in Manns Romanen problematisch. Florian Illies, Daniel Kehlmann, Thea Dorn, Mithu Sanyal und Juli Zeh widmen sich in kürzeren Texten jeweils einem Roman.
Weiteres: In Los Angeles sind auch die Villa Aurora und das Thomas-Mann-Haus von den massiven Waldbränden bedroht, meldet die FAZ. Besprochen werden unter anderem Han Kangs "Unmöglicher Abschied" (NZZ), Wolf Haas' "Wackelkontakt" (FR), Bernard-Henri Lévys "Nuit blanche" (NZZ), Monika Zeiners "Villa Sternbald oder Die Unschärfe der Jahre" (taz), der Briefwechsel von Hubert Fichte und Peter Ladiges (taz), Linn Strømsborgs "Verdammt wütend" (NZZ), Mikael Ross' Comic "Der verkehrte Himmel" (Zeit) und Dora Kaprálovás "Winterbuch der Liebe" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne
Für die taz besucht Katrin Bettina Müller das Berliner Netzwerk making a difference, das sich um die Bedürfnisse von chronisch kranken oder behinderten KünstlerInnen kümmert und befürchtet, dass das Spardiktat des Berliner Senats vor allem die Mittel für Barrierefreiheit trifft. Im Tagesspiegel überlegt Rüdiger Schaper, ob Ersan Mondtag oder Kirill Serebrennikow die Intendanz der Berliner Volksbühne übernehmen werden. Ebenfalls im Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels die Regisseurin Wera Herzberg, die sich in ihr aktuelles Stück "Heimweh wonach" im Heimathafen Neukölln ihrer Mutter widmet, die als Jüdin und Kommunistin die DDR mit aufbaute.
Film

In "Filmstunde_23" blicken Edgar Reitz und Jörg Adolph zurück auf ein Schulexperiment im Jahr 1968, als Reitz, damals als Vertreter des Jungen Deutschen Film, gemeinsam mit Gymnasiastinnen im Schulunterricht teils quietschvergnügte Adaptionen von Theodor Storms Novelle "Schimmelreiter" erarbeitete, wodurch damals auch Reitz' TV-Dokumentarfilm "Filmstunde" entstand. "Filmstunde_23" wiederum beobachtet nun eine erneute Begegnung der einstigen Schülerinnen mit dem mittlerweile 92 Jahre alten Regisseur. Es "ist ein liebevoll zur Nachahmung aufrufendes Dokument über die lebenslang positive Nachwirkung des spielerischen Lernens über und mit dem Filmmedium geworden", freut sich Claudia Lenssen in der taz. Auch Thomas E. Schmidt ist in der Zeit hingerissen: "Die Schülerinnen hatten gelernt, wie der Filmhandwerker vorgeht, wenn er sich eine 'Einstellung' ausdenkt, aber auch, wie Film in der Wahrnehmung des Betrachters entsteht, wie subjektiv der Eindruck ist, den Bild und Ton hinterlassen, und dass filmisches Erzählen ebenfalls subjektiv ist, viel mit einem selbst zu tun hat, ja einen geradezu zwingt, das eigene Selbst zu erforschen. Das zu vermitteln, war damals gelungen, ein lebendiges Wissen jenseits von Mathe und Latein, und zauberhaft ist es, dabei zuzuschauen." Für die FR hat sich Daniel Kothenschulte ausführlich mit Reitz unterhalten.
Weitere Artikel: Chris Schinke spricht für die taz mit Tim Fehlbaum über dessen (aktuell bei uns und in der FR besprochenes) Filmdrama "September 5", das das Olympia-Attentat in München 1972 strikt aus Perspektive der Journalisten im Sendezentrum erzählt (mehr zu dem Film bereits hier). Michael Ranze spricht für den Filmdienst mit Magnus von Horn über dessen für Dänemark für die Oscars eingereichtes (in taz und Welt besprochenes) Historiendrama "Das Mädchen mit der Nadel", über eine Serienmörderin, die unehelich geborene Kinder vorgeblich an Adoptiveltern vermittele, in Wahrheit aber ermordete. Benjamin Stolz blickt für die Presse gespannt aufs Kinojahr 2025, von dem er sich nach dem Annus horribilis 2024 in allen Sparten einiges verspricht. Die Agenturen melden, dass die ursprünglich für den 17. Januar geplante Bekanntgabe der Oscarnominierungen wegen der verheerenden Waldbrände bei Los Angeles verschoben wird.
Besprochen werden Daniel Hoesls und Julia Niemanns Reichensatire "Veni Vidi Vici" (Perlentaucher), Patryk Vegas Groteske "Putin" (SZ, mehr dazu bereits hier), der auf Netflix gezeigte, neue "Wallace & Gromit"-Animationsfilm aus dem Studio Aardman (Welt), die zweite Staffel des Netflix-Erfolgs "Squid Game" (Freitag), die Netflix-Miniserie "American Primeval" (taz) und der auf einem Bestseller von Marc Elsberg basierende ARD-Thriller "Helix" (FAZ).
Musik
Für die Seite Drei der SZ porträtiert Frank Nienhuysen die junge russische Sängerin Monetotschka, die in ihrem Heimatland erheblichen Erfolg hatte, Russland vor drei Jahren aber dennoch verlassen musste, weil sie - der übliche, abgehangene Spruch aus Moskau - als "ausländische Agentin" galt. Ihre Texte reflektieren ihre eigenen Erfahrungen - und die ihrer Altersgeneration, schreibt Nienhuysen. Groß wurde sie auf Social Media. "Da saß sie am Klavier, sang über die Jugend, über Sex, über das Parfum der Mutter, über Kurt Cobain, über Bars und Portwein. Es waren Texte, die es so in Russland noch nicht gab. Und sie eroberte damit die Generation Z, die immer weniger Lust hatte auf die braven Lieder im russischen Staatsfunk. ... In russischen Schulen wird die Jugend jetzt zu militärischem Patriotismus umerzogen. Stars wie Monetotschka, die den Kreml kritisieren, werden aus dem Land getrieben. Facebook in Russland: gesperrt. Youtube: gedrosselt. Aber es gibt sichere VPN-Verbindungen. In ihrem Podcast Radio Monetochka redet die Sängerin mit jungen Menschen in Russland. Bis zum Letzten werde sie versuchen, den Kontakt zu halten, sagt sie in der eher spartanischen Hotellobby. Sie weiß ja, dass viele gar nicht weggehen können aus ihrer Heimat. Weil sie kein Geld haben, weil sie zu jung sind."
Weitere Artikel: Robert Mießner erinnert in der taz an den 2019 verstorbenen Komponisten Georg Katzer, der morgen 90 Jahre alt geworden wäre. Das Bonner Beethoven-Haus hat das kürzlich nach viel Hin und Her erworbene Manuskript des 4. Satzes von Beethovens Streichquartett op. 130 der Öffentlichkeit präsentiert, berichtet Patrick Bahners in der FAZ. Jukka-Pekka Saraste widmet sich in einem VAN-Essay den Sinfonien von Jean Sibelius. Eleonore Büning porträtiert für VAN den Dirigenten Marek Janowski. Harry Nutt (FR), Jan Wiele (FAZ) und Willi Winkler (SZ) schreiben Nachrufe auf Peter Yarrow von Peter, Paul & Mary. Peter Laudenbach erinnert in der SZ an Rio Reiser, der heute 75 Jahre alt geworden wäre.
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