Efeu - Die Kulturrundschau
Schicke Nerds
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08.01.2025. In Patryk Vegas hochgradig spekulativer Filmbiografie "Putin" macht sich der russische Präsident in die Windeln, dem Filmdienst wird ob der intellektuellen Schlichtheit der Unternehmung trotzdem fad. Die SZ betritt mit Alhierd Bacharevičs Roman "Europas Hunde" eine "Terra incognita der Literatur", gegen die der belarussische Staat mit Traktorenpower vorgeht. Die FAZ flaniert in Paris durch eine Warenhausausstellung und freut sich über das Comeback dieser Konsumtempel. Zeit Online widmet sich dem markanten Sägesound des Rage-Raps.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
08.01.2025
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Film

Der polnische Regisseur Patryk Vega, sonst eher für vulgäres Actionkino und zotig-klamottige Komödien bekannt, will mit seinem Film "Putin" (für den der Schauspieler und Putin-Parodist Slawomir Sobala hinter die ki-generierte Maske des Diktators schlüpft) einen "Schlüssel zur Psyche des russischen Langzeitpräsidenten" und dessen "Kriegsversessenheit" liefern, schreibt Kerstin Holm in der FAZ. Es ist eine "halb psycho-allegorische, halb mystisch theologische Deutung von Putins Biographie, die auch apokryphe Quellen nutzt und angesichts von geheimdienstlich erzeugten weißen Flecken spekulativ kontrapunktische Lesarten präferiert."
Mitunter sieht man in dieser Kolportage auch Putin, der sich in Windeln einscheißt, schreibt Lukas Foerster im Filmdienst: "Subtil geht anders". Auch ansonsten winkt er ab: "Wenn man den Dreh einmal verstanden hat, bietet 'Putin' nur noch die Wiederkehr des Immergleichen. Die inneren Dämonen befehlen, und Putin führt aus. Russland und in der Folge die Welt gehen vor die Hunde. Insbesondere in der zweiten Filmhälfte, nach Putins erfolgreichem Durchmarsch an die Spitze des Staates, ist die intellektuelle Schlichtheit der Unternehmung, in Kombination mit dem exzessiv farbkorrigierten Direct-to-Video-Look des Films, zunehmend schwerer zu ertragen."
Besprochen wird außerdem die ARD-Dokuserie "Warum verbrannte Oury Jalloh?" (FR).
Bühne
Familientreffen sind ein beliebter Stoff auf Theaterbühnen, weiß taz-Autor Jens Fischer. Zumeist wird das lustig inszeniert, die "Vergeblichkeit des Harmoniebemühens" taugt für "satirische Pointen wider eine Kultur der Verdrängung." Michel Marc Bouchards Stück "Die Nacht, als Laurier erwachte", das am Deutschen Theater Göttingen seine deutschsprachige Erstaufführung feiert, gelingt es freilich, auch "die Tragödie dahinter wirken zu lassen." Im Stück "kommt die weltweit gefeierte 'Künstlerin des Todes', Thanatopraktikerin Mireille (Yana Robin la Baume), zur Einbalsamierung und Beerdigung ihrer Mutter in die Provinz. Geheimnisvoll mondän, mit aufgerissenen Augen wie eine Gruselfilmgräfin, tritt sie auf die zur gekachelten Leichenhalle hergerichteten Bühne." Weitere Familienmitglieder treffen ein und irgendwann "fällt das Stichwort 'Vergewaltigung', deren Opfer Mireille geworden sei. Aber es gibt auch Blicke und Gesten, die Zweifel daran wecken; ein fesselndes Changieren zwischen Vertuschen und Offenbaren."
Nicht allzu viel erwarten sollte man in nächster Zeit von den Berliner Bühnen nach dem Spardiktat des Senats, klagt in der FAZ Simon Strauß. An der Komischen Oper ist bereits eine geplante, vielversprechende Inszenierung des Oscar-Wilde-Musicals "Mein Freund Bunbury" ins Wasser gefallen. Und die Volksbühne, prophezeit Strauß, wird es schwer haben, überhaupt den Betrieb aufrecht zu erhalten.
Nicht allzu viel erwarten sollte man in nächster Zeit von den Berliner Bühnen nach dem Spardiktat des Senats, klagt in der FAZ Simon Strauß. An der Komischen Oper ist bereits eine geplante, vielversprechende Inszenierung des Oscar-Wilde-Musicals "Mein Freund Bunbury" ins Wasser gefallen. Und die Volksbühne, prophezeit Strauß, wird es schwer haben, überhaupt den Betrieb aufrecht zu erhalten.
Literatur

Besprochen werden unter anderem Julia Schochs "Wild nach einem wilden Traum" (FR, SZ), Simone Buchholz' "Nach uns der Himmel" (FR), eine Neuausgabe von George R. Stewarts "Sturm" (online nachgereicht von der Literarischen Welt), Ričardas Gavelis' "Vilnius Poker" (Standard) und Jeffrey Fords "Das Schattenjahr" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Architektur

Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikipedia.
Marc Zitzmann spaziert in FAZ-Auftrag durch die Ausstellung "La Saga des grands magasins" in der in der Cité de l'architecture et du patrimoine, Paris. Die "grands magasins", große, prunkvolle Kaufhäuser, schienen in der Nachkriegsära ihre Glanzzeit bereits hinter sich zu haben - aber erleben nun schon seit Jahrzehnten ein Comeback: "Seit 1980 steigt die Güte der Warenhäuser in einem Maß, dass viele von ihnen der ursprünglichen Zielgruppe - die untere Mittelklasse - den Rücken zuzuwenden scheinen. Wie einst in Gestalt von Breuer, Dudok, Horta, Mendelsohn, Mies van der Rohe und Sullivan werden wieder große Namen mit Neu- oder Umbauten betraut: Foster, Fuksas, Libeskind, Moneo, Nouvel, Piano, die Büros BIG, Future Systems, OMA, SANAA und andere. Zugleich besinnen sich historische 'grands magasins' auf ihr Bauerbe zurück, auf Treppen, Kuppeln, Marquisen, Fassaden- und Wanddekors, die - wie im Fall der Samaritaine - in jahrzehntelanger Detailarbeit restauriert beziehungsweise rekonstruiert werden."
Kunst
Der Kunsthistoriker Peter Geimer beschäftigt sich auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ mit Gerhard Richters Werkzyklus "Birkenau", der auch im Deutschen Bundestag zu sehen ist. Richters Bilder basieren auf Fotografien, die vier Auschwitzhäftlinge 1944 heimlich anfertigten, um die Nazi-Mordmaschinerie zu dokumentieren. Richter übermalte die Aufnahmen und verwandelte sie in abstrakte Bildräume. Der Bezug auf die Schoah blieb zunächst implizit - in neueren Versionen des Zyklus wird er jedoch explizit betont, teilweise werden Richters Bilder gemeinsam mit Reproduktionen der Originale ausgestellt. Der Zyklus gilt als eines der zentralen Werke in Richters Schaffen und als gelungene künstlerische Bearbeitung des Holocaust. Geimer ist da deutlich skepktischer, schreibt von einer "atmosphärischen Aufladung durch das düsterste Ereignis der deutschen Geschichte bei gleichzeitiger maximaler Unverbindlichkeit der Form", die der Rezeption viele, vielleicht allzu viele Freiheiten lässt. Zumindest, meint er, wären korrekte Fotocredits angebracht: "Es wäre gut, wenn (...) an allen Orten, an denen über den Zyklus 'Birkenau' gesprochen wird, neben dem Namen des Künstlers Gerhard Richter auch die Namen derjenigen genannt würden, die im Sommer 1944 in einer kollektiven Anstrengung und unter Lebensgefahr vier Fotos an die Nachwelt gerichtet haben: Alberto Errera, Alter Fajnzylberg, Abraham Dragon, Shlomo Dragon."
Kulturkürzungen allerorten. Das Kunstforum Wien wird derzeit freilich nicht von Sparplänen der öffentlichen Hand bedroht, sondern vom Rückzug des Hauptsponsors Bank Austria. Hubertus Butin rekonstruiert den Fall für die FAZ und ist entsetzt über das Vorgehen der Bank: "Natürlich hat ein Wirtschaftsunternehmen das Recht und die Freiheit, seine Sponsoringpolitik zu ändern. Doch wie die Bank Austria dabei vorgeht, kann man nur als respektlos und schäbig bezeichnen. An einer fairen Übergangslösung hat Ivan Vlaho bisher kein aufrichtiges Interesse gezeigt, denn die Direktorin und das Team des Kunstforums erfuhren offiziell erst durch die Presseerklärung vom 9. Dezember von den Schließungsplänen. Anstatt zuvor persönliche Gespräche zu führen und gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, wurde Ingried Brugger ohne Rücksicht vor vollendete Tatsachen gestellt. Gesellschaftliche und kulturpolitische Verantwortung scheint der Vorstandsvorsitzende der Bank nicht zu kennen."
Außerdem: Im Standard zählt Michael Wurmitzer derweil auf, wer in Österreichs Kulturinstitutionen Leitungspositionen übernommen hat. Wilfried Weinke bespricht für die taz ein Buch der Kunsthistorikerin Helene Roth über emigrierte deutsche Fotografen in New York. Katharina Cichosch unterhält sich auf monopol mit dem Galeristen und Künstler Il-Jin Atem Choi über dessen Arbeit als Geschäftsführer der Produzierendengalerie Intershop in Leipzig.
Besprochen wird "Harald Frackmann: A World in Almost 12"X12"" in der Berliner Werkstadtgalerie (taz Berlin).
Kulturkürzungen allerorten. Das Kunstforum Wien wird derzeit freilich nicht von Sparplänen der öffentlichen Hand bedroht, sondern vom Rückzug des Hauptsponsors Bank Austria. Hubertus Butin rekonstruiert den Fall für die FAZ und ist entsetzt über das Vorgehen der Bank: "Natürlich hat ein Wirtschaftsunternehmen das Recht und die Freiheit, seine Sponsoringpolitik zu ändern. Doch wie die Bank Austria dabei vorgeht, kann man nur als respektlos und schäbig bezeichnen. An einer fairen Übergangslösung hat Ivan Vlaho bisher kein aufrichtiges Interesse gezeigt, denn die Direktorin und das Team des Kunstforums erfuhren offiziell erst durch die Presseerklärung vom 9. Dezember von den Schließungsplänen. Anstatt zuvor persönliche Gespräche zu führen und gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, wurde Ingried Brugger ohne Rücksicht vor vollendete Tatsachen gestellt. Gesellschaftliche und kulturpolitische Verantwortung scheint der Vorstandsvorsitzende der Bank nicht zu kennen."
Außerdem: Im Standard zählt Michael Wurmitzer derweil auf, wer in Österreichs Kulturinstitutionen Leitungspositionen übernommen hat. Wilfried Weinke bespricht für die taz ein Buch der Kunsthistorikerin Helene Roth über emigrierte deutsche Fotografen in New York. Katharina Cichosch unterhält sich auf monopol mit dem Galeristen und Künstler Il-Jin Atem Choi über dessen Arbeit als Geschäftsführer der Produzierendengalerie Intershop in Leipzig.
Besprochen wird "Harald Frackmann: A World in Almost 12"X12"" in der Berliner Werkstadtgalerie (taz Berlin).
Musik
Mathis Raabe stromert für Zeit Online durch diverse Online-Regionen auf der Suche nach den Wurzeln und entscheidenden Parametern für das relativ junge Phänomen Rage-Rap. Dessen Stunde Null markiert die Veröffentlichung von Playboi Cartis Album "Whole Lotta Red" am Heiligabend 2020, typisch für den Rage-Sound ist der markante Sägesound, den Mikrogenres der Zehnerjahre geprägt haben. Ein "Paradigmenwechsel: Samples werden nicht mehr in der Soul-Abteilung des örtlichen Plattenladens gefunden, eine Szene und Community nicht mehr auf den Straßen der Heimatstadt, sondern beides im Internet. ... Rage-Künstler, auch die supererfolgreichen, sind keine Hypermänner und keine typischen Stars, sondern Nerds." Aber "man hat es mit schicken Nerds zu tun." Sie "tragen übergroße Klamotten aus dem Fundus von Punk und Goth, aktualisiert fürs Internetzeitalter durch zackige Linien und Chromtöne. Unmenschlich und dämonisch sehen sie darin aus."
Weitere Artikel: Das bislang in Berlin ansässige Archiv des DDR-Komponisten Kurt Schwaen zieht nun nach Dresden, berichtet Julia Schmitz im Tagesspiegel: Die Hauptstadt "lässt sich damit einen großen kulturellen Schatz entgehen". Axel Brüggemann spricht für Backstage Classical mit Malte Boecker darüber, wie es dem Beethoven-Haus nach vielen Hin und Her gelang, das Manuskript des Streichquartetts Opus 130 in B-Dur in die Sammlung zu holen: Für das Haus "ein Meilenstein". Ulrich Gutmair erinnert in der Jungle World an die New Yorker Band Suicide, die als erste für sich den Begriff "Punk" wählten, auch wenn ihre Musik nichts mit dem zu tun hat, was heute darunter verstanden wird. Karl Fluch (Standard) und Jean-Martin Bülow (NZZ) würdigen Elvis Presley, der heute 90 Jahre alt geworden wäre. Standard-Kritiker Ljubiša Tošić freut sich auf zwei Konzerte des Jazzgeigers Rudi Berger in Wien. Frederik Hanssen ärgert sich im Tagesspiegel über nicht auf lautlos gestellte Handys im Konzertsaal. Die Agenturen melden den Tod von Peter Yarrow von Peter, Paul and Mary.
Besprochen wird Michael Kiwanukas Album "Small Change" (FR-Kritiker Stefan Michalzik labt sich an dessen "Aura der Sanftmut"). Wir hören rein:
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