Efeu - Die Kulturrundschau

Zeitgenössisch sophisticated

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03.01.2025. Der Tagesspiegel erlebt mit Philippe Parreno, Susanne Daubner und einer KI in München ein apokalyptisches Gesamtkunstwerk. Im Monopol-Magazin verteidigt Kuratorin Tanja Pirsig-Marshall die viel gescholtene Otto Mueller-Ausstellung in Münster. Die FAZ fragt sich, warum das Auswärtige Amt anlässlich von sechzig Jahren diplomatischer Beziehungen zu Israel kein Interesse an einem gemeinsamen Stand auf der Frankfurter Buchmesse hat. Außerdem beginnt sie das neue Jahr in Berlin mit klingenden Licht-Metaphern von Felix Mendelssohn Bartholdy.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2025 finden Sie hier

Kunst

 "Philippe Parreno. Voices". Ausstellungsansicht. Haus der Kunst. 2024. Foto: Andrea Rossetti

Wer sich schon immer mal von Susanne Daubner durch einen Science-Fiction-(Alb-)Traum führen lassen wollte, hat in Philippe Parrenos Ausstellung "Voices" im Münchner Haus der Kunst die Gelegenheit dazu, freut sich Gabi Czöppan im Tagesspiegel. Die Stimme der "Tagesschau"-Sprecherin führt durch Filme und Lichtskulpturen, die Parreno mithilfe einer künstlichen Intelligenz geschaffen hat. Daubners "Text, den sie monoton und sachlich für die Aufnahme vorgelesen hat", soll sich "zu einer sich ständig verändernden, neuen Sprachform entwickeln" - das erledigt ein Computer, "der in einer Ecke eifrig blinkt und mit Hilfe einer KI Daten direkt in die Ausstellung überträgt. Jede Bewegung, jedes Geräusch, jeder Atemzug, jeder Temperaturanstieg wird registriert und verarbeitet." Der Künstler möchte aufmerksam machen auf den Klimawandel, der seiner Heimat Andalusien schon jetzt Temperaturen von bis zu 50 Grad beschert: "Eine Ausstellung sei nicht nur eine Anordnung von Objekten, sondern 'ein Akt der Schöpfung', hat Philippe Parreno einmal gesagt. In München schafft er ein fast apokalyptisches Gesamterlebnis."

Ferial Nadja Karrasch führt für Monopol ein Interview mit Tanja Pirsig-Marshall, die die Otto Mueller-Ausstellung im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster kuratiert (unsere Resümees) und zu dem Künstler promoviert hat: Die Ausstellung wurde insbesondere von SZ und NZZ dafür kritisiert, zeitgenössische Maßstäbe an Kunst anzulegen, die mit ihren Entstehungsbedingungen wenig zu tun hätten. Die Kuratorin betont hingegen, es gehe darum, ein Bewusstsein zu schaffen für die Kontexte: "Ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass Mueller kein Rassist war. Er hatte eine wirkliche Affinität zu den Sinti und Roma. Nichts deutet darauf hin, dass er sich für etwas Besseres gehalten hat, ich sehe das nicht. Aber Tatsache ist, dass seine Werke zur Reproduktion bestimmter Stereotype beigetragen haben, die auch von den Nationalsozialisten aufgegriffen und verzerrt wurden und die zur Verfolgung führten. Sich solche Wechselwirkungen bewusst zu machen, ist wichtig. Diese Themen müssen aufgegriffen werden. Gerade hier in Deutschland und gerade mit der aktuellen Rechtsbewegung."

Besprochen wird die Augmented-Reality-Ausstellung "The Orangerie" im Grüneburgpark Frankfurt, eine Gemeinschaftsarbeit palästinensischer und israelischer Künstler (Monopol).
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Literatur

Sandra Kegel hält es in der FAZ für eine verpasste Chance, dass das Auswärtige Amt anlässlich von sechzig Jahren diplomatischer Beziehungen zu Israel kein Interesse an einem gemeinsamen Stand auf der Frankfurter Buchmesse hat: "Dabei hätte gerade die Einladung von Literaten und Intellektuellen, die sich seit Jahren kritisch mit Netanjahu und seiner Politik auseinandersetzen, der israelischen Gegenöffentlichkeit eine starke Stimme gegeben."

Weitere Artikel: Marc Reichwein verkündet in der Welt die besten Sachbücher des Monats. Auf Platz Eins: Carlo Levis "Die doppelte Nacht. Eine Deutschlandreise im Jahr 1958". Besprochen werden unter anderem Daniel Clowes' Comic "Monica" (NZZ), Katerina Gordejewas "Nimm meinen Schmerz. Geschichten aus dem Krieg" (NZZ), Res Strehles Biografie über Harald Naegeli (online nachgereich von der FAZ), Katherine Blakes "Not Your Darling" (Presse) und Nancy Mitfords "Schöne Bescherung auf Compton Bobbin" (FR). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Film

Marc Trappendreher widmet sich auf Artechock den Filmen von Robert Eggers. Besprochen werden Luca Guadagninos Burroughs-Verfilmung "Queer" mit Daniel Craig (Artechock, unsere Kritik), Robert Eggers' Remake von Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu" (Zeit Online, Artechock, unsere Kritik) und die ARD-Serie "Levi Strauss und Stoff der Träume" (FAZ).
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Stichwörter: ARD, Queer

Bühne

"Legende." Foto: Frol Podlesnyi.

Der Regisseur Kirill Serebrennikov, der Russland 2021 aus politischen Gründen verlassen hat, inszeniert am Hamburger Thalia Theater sein viertes Stück als Artist in Residence, "Legende", das vom Leben des Filmemachers Sergey Paradjanov handelt, das Stück ist "aber alles andere als eine konventionelle Biografie. Vielmehr erzählt Serebrennikov von fiktiven Königen, Dichtern und Künstlern; von Menschen also, deren Leben auf der Bühne überhöht wird, kurz: die zu Legenden werden", so Frida Schubert in der Taz. Mit musik- und bildgewaltiger Bühnensprache wird der Stil Paradjanovs nachgeahmt: "Ohne Vorwissen erschließt sich nicht, wie die in Szene gesetzten Legenden zusammengehören und in welcher Verbindung sie wiederum mit Paradjanov stehen. Sie reihen sich eher lose aneinander, Serebrennikov arrangiert ein Kaleidoskop aus Gewalt, Kunst und Freiheit. Darin scheint dann manchmal sehr konkret das Leben Paradjanovs auf: So muss er auf offener Bühne ein erpresstes Schuldgeständnis unterschreiben: 'Homosexualität, Perversion, Gewalt', das sind demnach seine Vergehen; dafür wurde Paradjanov 1974 in Kiew zu Lagerhaft verurteilt."

Das Thalia Theater und das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg solidarisieren sich mittels einer Videobotschaft mit den protestierenden Georgiern, federführend ist dabei die Autorin Nino Haratischwili, meldet die FAZ. Der Clip, für den Zaza Rusadze Regie geführt hat, enthält Szenen aus Haratischwilis Stück "Sacred Monsters" und ist bei Youtube abrufbar:



Nachrufe: Die südafrikanische Choreografin und Tänzerin Dada Masilo ist nach kurzer Krankheit mit 39 Jahren gestorben, der Standard schreibt einen Nachruf. Hartwig Albiro, langjähriger Schauspieldirektor des Theaters Chemnitz, ist mit 93 Jahren gestorben, die Berliner Zeitung erinnert an sein Leben. Viel Applaus gab es bei den Tiroler Festspielen Erl für Bárbara Lluchs Inszenierung von Giacomo Puccinis "La Bohème" - und damit auch für Jonas Kaufmann, er hier erstmals als Intendant fungierte, berichtet Stefan Ender in der NZZ.
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Architektur

Die FR berichtet mit Bezug auf die dpa auch noch einmal über die Pläne, die der Speditions-Milliardär Klaus-Michael Kühne für einen von ihm finanzierten Neubau der Hamburger Oper hat (unsere Resümees).
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Musik

Mit regem Interesse (aber auch etwas leiser Skepsis) hört Diedrich Diederichsen für die taz das Album "Joy Anger Doubt" von Melodies In My Head, einem internationalen Projekt des Schweizer Popmusikethnografen Thomas Burkhalter. "Musikerinnen aus aller Welt kommen nun vor allem als Spender von Ideen, Wortbeiträgen, Soundbytes, Skits und als Vokalistinnen zu Wort, weniger indem ausdrücklich eine nichtnordwestliche Musik gesucht wird. Die Stimmen aus etwa Kenia und Pakistan werden stattdessen in einem eher einheitlichen Sound integriert, den man am besten als eine Art abstrahierten, aber stark angereicherten Synthie-Pop bezeichnen könnte - also euphorischer 80s-Dramasound. ... Manche Idee klingt, als wäre sie einem 1980er-Album der Band The Associates entlaufen, anderes ist musikalisch so zeitgenössisch sophisticated, wie man in der aktuellen Jahrzehntmitte nur sein kann. Die große Verbindungsklammer bildet aber schon ein oft nur knapp vor der Cheesiness gestoppter Breitwand-Keyboard-Sound. Man soll sich halt nicht täuschen über die Größe der schon vom Albumtitel versprochenen Emotionen."



Der RIAS Kammerchor und die Akademie für Alte Musik Berlin haben zu Neujahr unter  das Oratorium "Paulus" von Felix Mendelssohn Bartholdy gespielt. Es war ein geglückter Abend, schreibt Gerald Felber in der FAZ: Dirigent Florian Helgath führte "die Ensembles mit gelassener Besonnenheit entlang weich aufblühender und nur an wenigen, aber umso eindrucksvolleren Stellen dramatisch kulminierender Linien. ... Elementare Sinnlichkeit stand dabei höher als kristallin ausgefeilte Rhetorik; immer wieder spielten klingende Licht-Metaphern, vor allem den hohen Chorstimmen und der phantastischen Holzbläsergruppe anvertraut, eine Rolle. ... Erstaunlich, wie passgenau sich dabei das historische Instrumentarium der Akademie den Klängen Mendelssohns nicht einfach fügte, sondern sie manchmal geradezu transzendierte." Beim Dlf Kultur kann man das Konzert nachhören.

Frederik Hanssen vom Tagesspiegel hat zumindest stellenweise viel Freude am Neujahrskonzert der Berliner Staatskapelle unter Christian Thielemann: Schon bei Paul Linckes 'Ouvertüre zu einer Operette' wird dem Kritiker "klar: So edel, so elegant hat der Komponist seine Musik zu Lebzeiten garantiert nie gehört. Was hier glänzt, ist kein Talmi, sondern pures Gold. Thielemann lässt die Marschmelodie derart locker federn, dass keine Soldaten vor dem inneren Auge erscheinen, sondern Revuegirls, raffiniert sind seine Rubati im schnellen Walzerteil. Absolute Präzision, kombiniert mit überschäumender Spielfreude." Beim RBB kann man das Konzert nachhören.

Weitere Artikel: Lotte Thaler hat in der FAZ "gute Nachrichten für die Cello-Community", denn deren "Repertoiresorgen" dürften sich, nachdem kürzlich 200 bislang unbekannte Cellosonaten aufgetaucht sind, "in absehbarer Zeit mindestens halbieren". Wilhelm Sinkovicz stellt in der Presse Yannick Nézet-Séguin vor, der das nächste Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigieren wird. Ljubiša Tošić würde sich im Standard-Kommentar endlich einmal eine weibliche Neujahrskonzert-Dirigentin wünschen. Edo Reents gratuliert in der FAZ dem Rockmusiker Stephen Stills zum 80. Geburtstag. Besprochen wird ein neues Album von Halsey (taz).
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