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09.12.2024. Am Samstagabend hat Han Kang ihre Nobelpreisrede gehalten, die die FAZ abdruckt. In der taz spricht die Literaturwissenschaftlerin Marion Eggert über die Rolle von Trauma und Gewalt im Werk der südkoreanischen Schriftstellerin. Die Verleihung des Europäischen Filmpreises für die beste Dokumentation an Basel Adras und Yuval Abrahams Film "No Other Land" zeigt es mal wieder: Israelkritik ist angesagt, hält die NZZ fest. Die FAZ berichtet außerdem über einen kuriosen Fall von Befehlsverweigerung bei ChatGPT.
Am Samstagabend hat HanKang ihre Literaturnobelpreisredegehalten (hier die englische Übersetzung als PDF, die FAZ dokumentiert die Rede auf Deutsch). Morgen wird ihr der Preis offiziell verliehen. Für die tazspricht David Bieber mit der LiteraturwissenschaftlerinMarionEggert über Han Kangs Werk und im Zuge unter anderem auch auf die zentrale Bedeutung von GewaltundTrauma darin. "Sie hat als Kind indirekt das Massaker in der Stadt Gwangju miterlebt, mit dem sich die Militärdiktatur zunächst gefestigt und zugleich den Widerstand angestachelt hat. ... Gewalt zieht sich aber durch die koreanische Geschichte des gesamten 20. Jahrhunderts: die Kolonialisierung durch Japan, das einen sehr repressiven Kolonialapparat eingerichtet hat, die brutale Niederschlagung der Unabhängigkeits- und Widerstandsbewegungen in dieser Zeit, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dann der unglaublich grausameKoreakrieg, in dessen Vorfeld der Partisanenkrieg in unzugänglicheren Gebieten Südkoreas und das Massaker von Cheju 1948, über das Han Kang in 'Unmöglicher Abschied' schreibt. All das sind wichtige Gegenstände und prägende Faktoren der südkoreanischen Literatur insgesamt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Verarbeitet hat Han Kang das Massaker von Gwangju in ihrem Roman "Menschenwerk" von 2014 - dass sie in ihrem Schaffen überhaupt einmal darauf zu sprechen kommen würde, hatte sie zuvor jahrelang nicht gedacht, sagt sie in ihrer Rede, in der sie sich auch an diese Zeit erinnert: "Im Januar 1980 verließ ich die Stadt mit meiner Familie, und weniger als vier Monate später ereignete sich dort ein Massaker. Ich war damals neun. Drei Jahre später entdeckte ich zufällig ein Gwangju-Fotobuch, das verkehrt herum in einem Bücherregal steckte, und las es heimlich. Es war ein Buch, das im Verborgenen von den Hinterbliebenen und Überlebenden erstellt und verbreitet wurde, die gegen die Medienzensur der damaligen Militärregierung und die Verzerrung der Wahrheit Beweise zusammentrugen. Es enthielt Fotos von Bürgern und Studenten, die durch Knüppel, Bajonette und Schüsse getötet worden waren, als sie den Putschisten des neuen Militärregimes Widerstand geleistet hatten. Als Kind konnte ich die politische Tragweite der Bilder nicht vollständig erfassen. Doch die entstellten Gesichter formten sich in meinen Gedanken zu einer grundlegenden Frage über die Menschheit: Sind Menschen wirklich bereit, anderen so etwas anzutun? Gleichzeitig gab es weitere Bilder, die eine ganz andere Frage in mir aufkommen ließen. Die Aufnahmen zeigten Menschen, die sich vor einem Krankenhaus in einer endlosen Schlange anstellten, um Blut für die Schussverletzten zu spenden. Sind Menschen wirklich bereit, so etwas füreinander zu tun? Diese beiden Fragen, deren Antworten mir unvereinbar schienen, prallten aufeinander und bildeten ein unlösbaresRätsel."
Von einem kuriosen (und mittlerweile behobenen) Fehler in ChatGPT berichtet der SchriftstellerClemens J. Setz (von dem der Standard außerdem ein neues Gedicht veröffentlicht) online nachgereicht in der FAZ: Die KI weigerte sich aufs Hartnäckigste, den Namen DavidMayer auszuschreiben, was im Netz sofort zu allerlei Wildwuchs an Theorien führte: "Was aber, so musste ich während dieser Zeit immer wieder denken, wenn man nicht bloß nach 'David Mayer' sucht, sondern David Mayer ist? Es gibt sie ja, überall. ... Mehr und mehr Menschen verwenden heute ChatGPT, so, wie sie früher Google verwendeten. Sie bewegten sich bis zu dem Zeitpunkt, da der Fehler von Open AI korrigiert wurde, ineiner Welt ohne David Mayer - jahrelang unwissentlich, und lediglich eine Woche lang im vollen Bewusstsein der bizarren Leerstelle. David Meyer, David Meier usw. waren nie betroffen, bloß der mit a und y fehlte, über ihn durfte nicht gesprochen werden."
Außerdem: Jette Wiese berichtet in der taz von einer Tagung über rechte Kulturstrategien und die Rolle der Literatur. Der Poetry-Slammer NilsFrenzel zeigt sich auf Zeit Online als enttäuschter Liebender: Die Poetry-Slam-Szene, die ihm in den Zehnerjahren eine kulturelle Heimat geboten hatte, hat seitdem zum großen Teil ihren Biss verloren: "Man schreibt keine Texte mehr, die einem selbst etwas bedeuten, sondern beginnt mit seinen Gedanken beim vermeintlichen Zuschauerinteresse." Außerdem empfiehlt die NZZ die zwölf schönsten Bücher des Winters für den Gabentisch. Wir empfehlen dazu passend unsere aktuelle Zusammenstellung mit den BüchernderSaison - hier als komfortable Büchertische zum Durchstöbern.
Besprochen werden unter anderem ThomasMeineckes "Odenwald" (Freitag), Jessica Knolls "Bright Young Women" (online nachgereicht von der FAZ), Mascha Kalékos "Ich tat die Augen auf und sah das Helle" mit von DanielKehlmann zusammengestellten Gedichten der Lyrikerin (online nachgereicht von der Zeit), Tom Hillenbrands Krimi "Lieferdienst" (online nachgereicht von der Zeit), DoraKaprálovás "Winterbuch der Liebe" (Freitag), MarcoMeiers Biografie über die Journalistin IngeFeltrinelli (NZZ) sowie KeanuReeves' und ChinaMiévilles Fantasyroman "Das Buch Anderswo" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Stephan Opitz über LarsGustafssons "Menschen verschwinden langsam":
"Menschen verschwinden langsam unter dem Horizont. Bei einigen dauert es Stunden Tage Monate ..."
Bei der Verleihung des EuropäischenFilmpreises hat JacquesAudiards Musical "Emilia Pèrez" (unsere Kritik) groß abgeräumt. Als bester Dokumentarfilm wurde "No Other Land" ausgezeichnet - die Ansprache der beiden Co-Regisseure BaselAdra und YuvalAbraham verlief offenbar noch etwas drastischer als vor fast einem Jahr auf der Berlinale, worauf damals eine heftige Kontroverse folgte. "Dass man in der internationalen Filmgemeinschaft selbsterklärte Agitprop für auszeichnungswürdiges dokumentarisches Schaffen hält, ist vielsagend", findet Andreas Scheiner in der NZZ. "Die Europäische Filmakademie ist Teil einer Kulturszene, die keine Gelegenheit auslässt, sich ihrer guten, das heißt: propalästinensischenGesinnung zu vergewissern. ... Für die Verurteilung von islamistischemTerror sieht man sich in der Kulturwelt nicht zuständig. Für die Ukraine offenbar auch nicht mehr. ... Pro Palästina zu sein, scheint angesagter." Auch dass MohammadRasoulof, der seinen Politthriller "The Seed of the Sacred Fig" klandestin in Iran gedreht hat, bevor er aus seiner Heimat fliehen musste, "in Luzern leer ausging, irritiert. Dafür versicherte man sich sonst beflissen der eigenen weltpolitischenErgriffenheit. 'Schaut aus dem Fenster, schaut die Nachrichten', so begann die Akademiepräsidentin JulietteBinoche ihre Ansprache."
Weitere Artikel: Josef Nagel orientiert sich für den Filmdienst beim Festival in Coimbra im aktuellen portugiesischenKino. Maria Wiesner (FAZ) und Alexander Menden (SZ) gratulieren der Schauspielerin JudiDench zum Neunzigsten.
Besprochen werden GuanHus "Black Dog" (Standard, mehr dazu hier), MichaelWechs Dokumentarfilm "13 Steps - Die unglaubliche Karriere von Edwin Moses" (Welt), JohnM. Chus Musical "Wicked", das die Vorgeschichte vom "Wizard of Oz" erzählt (Standard), BarbraStreisands Memoiren (NZZ) und die zweite Staffel der ARD-Krimiserie "Die Toten von Marnow" (FAZ).
Szene aus "Die Macht des Schicksals" an der Mailänder Scala. Foto: Davide Massimiliano . Vereinzelte Buhrufe gab es auch diesmal - das konnte Anna Netrebko aber nicht davon abhalten, in Leo Muscatos Inszenierung der Verdi-Oper "Die Macht des Schicksals" an der Mailänder Scala zu brillieren, wie Kirsten Liese im Tagesspiegel berichtet. Immer noch kritisiert wegen ihrer ursprünglich unklaren Haltung zum Ukrainekrieg, ist Netrebko das Highlight des Abends. Sie "bewegt sich zu den Szenen und Arien, in denen sich Leonoras erschüttertes Seelenleben ausdrückt, natürlich mit einfachen Gesten. Anfänglich im Streit mit ihrem Vater noch ein wenig unsicher in der Intonation, avanciert sie zunehmend mit ihrer dunklen, großen Stimme zum Glanzlicht. Besonders im Lyrischen berührt sie mit großer Zärtlichkeit, sei es in ihrem flehentlichen Gebet zur Jungfrau Maria oder in ihrer finalen Arie 'Pace, pace mio Dio', einem Aufruf zum Frieden, durchsetzt von kristallin-schönen Spitzentönen."
Auch FAZ-Kritiker Jan Brachmann ist von Netrebko begeistert, aber auch vom Dirigenten Riccardo Chailly: "Dieses Mal stürzt er sich fast atemlos in den musikalischen Mahlstrom des Schicksals, treibt die Streicher zur Weißglut, hält das Orchester, auch den von Alberto Malazzi ausgezeichnet vorbereiteten Chor, in der Raserei mit Mühe, aber erfolgreich in der Kurve und sorgt im leise verglimmenden As-Dur-Schluss für eine Spannung, die keinen Lärm mehr braucht." SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck merkt an, wie "grandios" Netrebko und Chailly "die Tiefenstrukturen der Oper ausleuchten", sonst ist ihm die Inzenierung aber ein bisschen zu oberflächlich geraten.
Besprochen werden Jan Neumanns Inszenierung von Goethes "Faust" am Nationaltheater Weimar (nachtkritik), Emre Akals Adaption von George Orwells Roman "Animal Farm" am Schauspiel Hannover (nachtkritik), Leila Hekmats musikalische Komödie "Gloriette" im HAU Hebbel am Ufer Berlin (Tsp, taz), Philipp Stölzls Inszenierung von Ferenc Molnárs Stück "Liliom" am Burgtheater Wien (FAZ), Christian Frankes Inszenierung von "Fragment Felix" über den Antifaschisten und Kriegstagebuchschreiber Felix Hartlaub am Nationaltheater in Mannheim (taz), Lorenz Noltings Inszenierung von Kleists "Michael Kohlhaas" am Theater Osnabrück (taz), Moritz Sostmanns Inszenierung von "Herzfaden" nach Thomas Hettches Roman am Staatstheater Wiesbaden (FR), Falk Richters Inszenierung von Elfriede Jelineks Text "Endsieg" am Hamburger Schauspielhaus (SZ) und Herbert Wernickes Inszenierung von Hans Pfitzners Oper "Palestrina" an der Wiener Staatsoper (Welt).
Hew Locke's "The Watchers". Foto: Anna Arca/British Museum.
Brauchen wir wirklich noch eine Ausstellung zum Postkolonialismus? Diese schon, findet Jannis Koltermann in der FAZ. Für die Ausstellung "What have we here?" hat das British Museum in London den britisch-guyanischen Künstler Hew Locke eingeladen, der koloniale Objekte der Sammlung klug kommentiert. Es geht zum Beispiel um den Koh-i-Noor-Diamanten, der "seit dem siebzehnten Jahrhundert von einer südasiatischen Herrscherfamilie auf die nächste überging, häufig nach gewaltsamen Umstürzen. Nach einem weiteren solchen 'Umsturz' fiel er 1850 an das britische Königshaus, Queen Victoria präsentiert sich stolz mit ihm auf einem Gemälde. Für Locke ist dies ein Beispiel für die Schwierigkeiten von Restitutionen: An welche der Herrscherfamilien oder Staaten müsste der Diamant denn zurückgehen, sofern es sie überhaupt noch gibt? Trotzdem findet er, der Stein solle nicht ewig in Großbritannien bleiben, Weltreiche würden nun einmal fallen. Da möchte man einwenden, dass das britische Weltreich zwar untergegangen sein mag, das Königshaus aber eben noch nicht - sonst läge der Stein jetzt vielleicht in Paris oder Berlin."
Außerdem: Gerald Felber spaziert für die FAZ auf dem Skulpturenweg "Purple Path", der die baldige Kulturhauptstadt Chemnitz mit achtunddreißig Kommunen in der Umgebung verbindet.
FAZ-Kritiker Jan Brachmann erlebt bei der neuen Brahms-Aufnahme von IgorLevit mit den von ChristianThielemann dirigierten WienerPhilharmonikern ein wahres Wechselbad der Gefühle, vor allem bei den Klavierkonzerten 1 & 2: "Levit kann sehr gut langsam spielen. In beiden Klavierkonzerten gelingen ihm und Thielemann die langsamen Sätze am besten, weil sich hier metrische Strenge, weiter Atem und spannungsreiche Dynamik zugunsten der Musik verbinden. Aber in den schnellen Sätzen gerät die Musik unter die Räder der Technik, weil Levits manuelle Fertigkeiten so tadellos funktionieren, dass Schwierigkeiten ihre expressive Qualität verlieren. Er tatzt die Akkordmassen im ersten Satz des zweiten Klavierkonzerts lässig weg wie ein Labrador eine Stubenfliege. Dass diese Akkorde magmatische Eruptionen sind, dass in ihnen körperlicheAnstrengung auskomponiert ist, hört man nicht."
Weitere Artikel: Das alljährliche, von den Acher-Brüdern von The Notwist kuratierte "AlienDisko"-Festival in München erwies sich auch in diesem Jahr als "das süddeutsche Klassentreffen der Indiefans", schwärmt Ralf Summer in der taz. Martin Scholz plaudert für die Welt mit dem Rapper Ice-T, dessen Metalband BodyCount gerade ein neues Album veröffentlicht hat. Karl Fluch erzählt im Standard die Geschichte von "Last Christmas" von Wham. Waltraud Schwab beklagt in ihrer taz-Kolumne, dass immer weniger Menschen CDs abspielen können.
Besprochen werden SimonJoyners Album "Coyote Butterfly" (FAZ) und das neue Album von Father John Misty (FAZ, mehr dazu bereits hier).
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