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02.12.2024. Kamel Daoud schildert in Le Point die Schikanen, denen er seit seinem neuesten Roman "Houris" ausgesetzt ist. Darf man Botho Strauß zum Geburtstag gratulieren, obwohl ihm vorgeworfen wurde, "rechts" zu sein? Der Schauspieler Jens Harzer erklärt im SZ-Interview, warum er die Vorwürfe für unsinnig hält. Die Kritiker bewundern an der Schaubühne die Verwandlungskunst von Anna Schudt und Jörg Hartmann in Maja Zades "changes". Die Filmkritiker trauern um Karin Baal, einen der größten Stars des deutschen Nachkriegsfilms.
Kamel Daoud schreibt in seinem sehr beeindruckenden Text für Le Point über die Schikanen, denen er seit seinem neuesten Roman "Houris" ausgesetzt ist. Im Buch thematisiert er die Jahre des blutigen Clinches zwischen Regime und Islamisten kurz vor der Jahrtausendwende. Heute hat sich das Klima nach dem "Hirak", der Protestbewegung vor einigen Jahren, noch einmal deutlich verschärft: "Die Verfolgung von Schriftstellern ist heute leider Realität. Sie zeigt sich in der Verhaftung von Boualem Sansal und in den Angriffen auf meine Frau, meine Familie und meine Angehörigen. Es ist auch das Werk von Dutzenden von Denunziatoren, Hinterzimmern, Presseartikeln im Rudelmodus, Verleumdungen und Druck auf Jurys und Verleger. All das begann bereits vor zwei Jahren: Razzien, Publikationsverbote und ein regelrechter Aufruf zur Bücherjagd durch islamistische Abgeordnete in der Nationalversammlung."
Wichtig zu sehen ist, dass Boualem Sansal vor allem wegen seiner Äußerungen zum postkolonialen Status Algeriens inhaftiert wurde, nicht wegen seiner Kritik am Islamismus. Es geht sozusagen um die Identitätspolitik jener Regimes mit teils brüchiger Legitimität, die sich nach der Dekolonisierung entwickelt hatten - in Algerien drückt sich das in einem obsessiven Nationalismus der korrupten politischen Elite des Landes aus, die Adlène Meddi in Le Pointbeschreibt: Die Äußerungen von Boualem Sansal "haben in Algerien eine Schockwelle ausgelöst. Algerien sei ein 'kleines Ding', schnauft ein algerischer Ex-Diplomat. 'Das erinnert mich an die skandalösen Erklärungen von Macron, der sogar die Existenz einer algerischen Nation vor der französischen Eroberung von 1830 leugnete.' Ein von Le Point kontaktierter hoher Beamter sagt: 'Die territoriale Integrität ist eine rote Linie. Sansal kann kritisieren so viel er will, das System, den Mangel an Demokratie, den Islamismus, er kann sich an die französische extreme Rechte heranmachen. ... Andere tun das auch, und wir sagen nichts. Aber das Territorium Algeriens anzutasten, das eins und unteilbar ist, ist ein Verbrechen, das nach dem Strafgesetzbuch bestraft wird." Vor 1830 war Algerien einer der vom Osmanischen Reich beherrschten "Barbareskenstaaten", die Piraterie und Sklavenhandel betrieben. Botho Strauß, 2007. Foto: Oliver Mark, unter CC BY-SA 4.0-LizenzBotho Strauß wird achtzig. Darf man das feiern, wo viele ihn doch jetzt für rechts halten? Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons winkt Jürgen Kaube ab: "Das war ebenso blind geurteilt, wie die Vereinnahmungsversuche töricht waren, die von rechts unternommen wurden. Simplizität und Vordenkertum sind nicht seine Stärken. Versuche der Gegenaufklärung, der Ideologiekritik am wohlmeinenden Konsens, der Bloßstellung üblicher Phrasen, sofort als rechts und damit untragbar abzustempeln, bleiben darum ebenso unterhalb der Möglichkeiten des Nachdenkens über seine Texte wie die Mobilisierung des Antiquariats zu angeblich politischem Geschimpfe."
Auch der Schauspieler Jens Harzer, Träger des Iffland-Ringes, kann mit den Vorwürfen gegen Strauß nicht viel anfangen, wie er im SZ-Interview erklärt. "Toxisch? Was heißt das denn bitte? Ich glaube, dass viele Theaterleute, auch in verantwortlichen Positionen, da irgendwelche vorgeschobenen Befürchtungen haben. Es herrscht da oft eine gewisse Mutlosigkeit. Mich wundert das, denn sie unterschätzen ihr eigenes Metier. Das Theater verwandelt doch die Dinge in ein Drittes oder Viertes oder was weiß ich, vor allem durch die Schauspieler. Eigentlich müsste das genügen, um die Liebe zu einem Stoff zu entwickeln. Kann sein, dass es an dieser Art von Verständnis fehlt." Botho Strauß zum Achtzigsten gratulieren außerdem in der NZZ Roman Bucheli, in der SZ Egbert Tholl, in der Welt Tilman Krause und im Tagesspiegel Gregor Dotzauer.
Weiteres: Paul Jandl liest für die NZZ von KI produzierte Gedichte. Besprochen werden u.a. Michael Lentz' Buch "Grönemeyer" (FR), Peter Sloterdijks "Der Kontinent ohne Eigenschaften" (NZZ), der zweite Teil von Reinhard Kleists Comic-Biografie über David Bowie, "Low - David Bowie's Berlin Years" (taz), Norman Ohlers Roman "Der Zauberberg, die ganze Geschichte" (SZ) und eine Reihe Krimis (FAZ).
Der Schinkel-Pavillon muss bleiben, ruft Manuel Brug in der Welt. Durch die neuen Sparmaßnahmen ist der Ausstellungsraum bedroht: "Kaum ein anderer Kunstort in Berlin wird international derart wahrgenommen, kaum einer ist so einflussreich. Dabei kommt der Pavillon mit einem Minimum an Unterstützung aus und hat nur drei Angestellte. Das Programm hat museales Niveau. Momentan zeigt man Sigmar Polke, einen der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, von dem seit einer großen Retrospektive 2017 in den Museen praktisch nichts mehr zu sehen war. Ein Streit der Erben macht es beinahe unmöglich, Werke von Polke zu zeigen. Aber eben nur beinahe. Dieses hoch ambitionierte, kunsthistorisch relevante Programm ist nun akut gefährdet."
Besprochen werden die Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" in der Kunsthalle München (FAZ) und die Ausstellung "Rembrandt - Hoogstraten. Farbe und Illusion" im Kunsthistorischen Museum in Wien (Tsp).
Karin Baal ist gestorben, einer der größten Stars des deutschen Nachkriegsfilms. Nachdem sie schon fast vergessen war, wurde sie in den achtziger Jahren von Fassbinder, Wenders, Thomas Brasch, Margarethe von Trotta und Hans-Christoph Blumenberg wiederentdeckt. Berühmt wurde sie jedoch in den Fünfzigern, erinnert in der FAZ ein bewundernder Andreas Kilb: "Dabei führen die reißerischen Verleihtitel der Filme - 'Der Jugendrichter', 'Die junge Sünderin', 'Vertauschtes Leben', 'Straße der Verheißung', 'Und sowas nennt sich Leben' - oft in die Irre. In vielen der Geschichten geht es um weibliche Selbstbestimmung, Aufhebung von Klassengrenzen, sozialen Aufstieg, und in fast allen ist Baals Figur die treibende Kraft der Veränderung. Ihre Schönheit wird durch die Entschlossenheit, mit der sie ihre sogenannten Reize einsetzt, gleichsam scharfgestellt, und auf einmal sehen die Mannsbilder der Fünfziger neben ihr allesamt ziemlich alt aus."
Dass Baal "nicht die Brigitte Bardot oder Jean Seberg des deutschen Films wurde, lag nicht an ihr, sondern am deutschen Film, der sich solche realistischen Ausrutscher" - wie Tresslers "Die Halbstarken", in dem sie 1956 als 16-Jährige debütierte - "nicht wieder leisten wollte", bedauert in der SZ Willi Winkler: "Die Unsicherheit merkt man ihr in ihrem Debüt noch an. Sie scheint nicht zu wissen, was ihr da mit den Burschen und ihrem kriminellen Treiben zustößt. In der Espresso-Bar starrt die Kamera auf ihren Hintern und die Hand, die Buchholz besitzanzeigend drauflegt, aber dann tanzen sie sich beide frei. Als die Musikmaschine beim Plattenwechsel anschließend einen gut preußischen Marsch auflegt, fordert Buchholz 'im Gleichschritt!', und die ganze Bande zieht davon, die erledigte alte Zeit parodierend. Die wahre Siegerin ist Karin Baal, sie schießt auf den alten Mann, den sie ausrauben wollen, und sie schießt auch ihren Freund nieder. Mehr nouvelle vague war nie: Von den 'Halbstarken' ist es nicht mehr weit zu Godards 'Außer Atem'." In der FRschreibt Harry Nutt einen kurzen Nachruf auf Baal.
Hier ist sie mit Horst Buchholz, in "Die Halbstarken":
In der NZZ wundert sich der russische Ökonom Wladislaw L. Inosemzew nicht, mit welcher Eilfertigkeit westliche Regisseure in Russland auftreten, wie zum Beispiel kürzlich Luc Besson, Oliver Stone und Emir Kusturica auf einem Moskauer Forum für Medien und Kultur. Denn nach dem internationalen Bann russischer Filme habe der russische Staat viel Geld in die Filmindustrie gesteckt, die jetzt boome: "In Moskau versucht die zuständige Sonderbehörde Moskino die Stadt in ein globales Zentrum der Kreativwirtschaft und der Produktion von Film- und Videoinhalten zu verwandeln" und hat zu diesem Zweck ein milliardenstarkes "Darlehensprogramm für Filme aufgelegt, die in der Stadt gedreht werden. Der Staat garantiert den Banken eine 95-prozentige Rückzahlung von Krediten, die für Filmaufnahmen aufgenommen wurden, und hält als Sicherheit die Rechte am geistigen Eigentum. Die ersten Ergebnisse sind staunenswert ... Ende 2023 lag der Anteil russischer Filme an den Einspielergebnissen bei über 72 Prozent, was einem Umsatz von etwa 300 Millionen Schweizerfranken entspricht."
Weiteres: Die Regisseurin Aelrun Goette spricht im Interview mit der Berliner Zeitung über ihren Film "In einem Land, das es nicht mehr gibt", der die Ost-Berliner Modeszene zum Thema hat. Claus Löser stellt in der Berliner Zeitung neue Filme aus Slowenien vor, die das Berliner Sputnik-Kino gerade zeigt. Besprochen werden Markus Steins Doku "Entsichertes Herz" über das Leben des Fotografen Jürgen Baldiga, einem Chronisten der Westberliner Schwulenszene (taz), die Netflix-Serie "The Madness" (taz) und Soi Cheangs "City of Darkness" ("Der Film ist ein Glück für Fans von bildgewaltigen Martial-Arts-Spektakeln, denn man sieht ihm an, mit wie viel Liebe zum Detail er entstanden ist", schwärmt Sofia Glasl in der SZ).
Szene aus "changes" an der Berliner Schaubühne. Foto: Arno Declair. Eine "Etüde der Verwandlungskunst" hat FAZ-Kritiker Simon Strauß in Maja Zades neuem Stück "changes" gesehen, das Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne inszeniert hat. Es geht um ein Paar in der Ehekrise. Der Aufführung fehlt es zwar ein wenig an Tiefe, meint Strauß, toll findet er aber die raschen Rollenwechsel der beiden Schauspieler, die hier alle Figuren verkörpern. Eine Szene, die im Elefantenhaus spielt, hat ihn besonders beeindruckt: "Hier, auf dieser Bank, trifft sie, die immer zu wenig Zeit für alles hat, aber stets genug Zeit, um genau das zu sagen, ihren alten Vater. Jeden Tag kommt er her und schaut den Tieren trostsuchend in die Augen. Der Geruch von Alleinsein umgibt ihn, ein Mangel an Leben, und doch treibt ihn ein letzter Stolz, kurz vor seiner viel beschäftigten Tochter aufzustehen, um zu einem angeblichen Termin aufzubrechen. Es ist diese eine Szene im Elefantenhaus unter Aufsicht der altklugen Rüsseltiere, in der sich erfüllt, wovon die anderen Szenen träumen: ein Lebensbild en miniature zu sein. Abschied und Erinnerungsschmerz, Dauer und Umbruch, Anfang und Ende."
SZ-Kritiker Peter Laudenbach bekommt dagegen schon einen Vorgeschmack auf die Auswirkungen der Sparpolitik: Wirkliche "Kunst-Ambitionen" kann er nicht erkennen, die Figuren dienen "eher der unterhaltsamen Klischeebebilderung, als dass sie die Chance hätten, ein Eigenleben zu entwickeln." Über jeden Zweifel erhaben ist für Nachtkritikerin Christine Wahl das "Tatort-Traumpaar" Anna Schudt und Jörg Hartmann, der Rest sei leider zu flach geraten. Ähnlich sieht es Rüdiger Schaper im Tagesspiegel.
Besprochen werden auperdem K. D. Schmidts Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" am Staatstheater Mainz (FR), Arthur Romanowskis Recherche-Stück "Zusammenarbeit mit einem Toten" im Mousonturm Frankfurt (FR), Philipp Rosendahls Inszenierung von der "Der Sandmann" nach E.T.A Hoffmann (nachtkritik), Sandra Strunz' Adaption von Didier Eribons Roman "Eine Arbeiterin" am Hessischen Landestheater Marburg (nachtkritik), FX Mayrs Inszenierung von Gogols "Der Revisor" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), Christiane Pohles Inszenierung von Mazlum Nergiz' Stück "Der Fluss" (nachtkritik), Martina Hefters Performance "Soft War" am Leipziger Schauspielhaus (FAZ), Meryl Tankards Choreografie "Kontakthof - Echoes of '78" nach Pina Bausch am Tanztheater Wuppertal (taz), Carolin Millners Inszenierung des dokumentarischen Stücks "Was bleibt. Das Leben der Familie Cohn" im Anhaltischen Theater Dessau (taz), die Performance "A Sky Like a Wall" in der Berlinischen Galerie (taz) und Martin Zimmermanns Choreografie "Louise" am Schauspielhaus Zürich (NZZ).
Welt-Kritiker Elmar Krekeler killt seine Novemberdepression mit dem Berliner OriginalklangensembleLautten Compagney, die eine Abba-CD aufgenommen haben: "Wolfgang Kaschner, der Lautenist und Co-Gründer der Compagney, fand die Idee prima, vor allem wenn man Abba mit Jean-Philippe Rameau, dem revolutionären Tanzkomponisten von Louis XV, kombiniert - die bürgerlichen Stockholmer Dorfdissenklassiker und die grazilen Versailler Ballettbizarrerien des 18. Jahrhunderts. 'Dancing Queen' heißt das Album, zu dem sich die Compagney mit der Saxophonistin Asya Fateyeva verstärkte. ... Sie wollen Spaß haben. Was sie (und wir) gerade deswegen haben, weil Bo Wiget aus 'Waterloo' und 'Mamma mia' und 'Lay All Your Love On Me' geradezu in den Winterwald der harmonischen Verwandlungswunder verwandelt hat. Hier funkelt der Jazz durch, da tanzt Abba durchs Unterholz barocker Kontrapunktik, die Farben changieren."
Wir hören rein:
Weitere Artikel: Klaus Walter gratuliert in der FR den Goldenen Zitronen zum Vierzigsten. Jens Wohlgemuth erklärt in der FAZ, was Basketball und Jazz gemeinsam haben. In der FAZ schreibt Wolfgang Sandner zum Tod des Jazzkritikers Ulrich Olshausen.
Besprochen werden Adalbert von Goldschmidts Oratorium "Die sieben Todsünden" an der Berliner Volksbühne (Tsp, FAZ), Konzerte der Bandleaderinnen Joëlle Léandre, Anna Webber und Caroline Davis beim Züricher Jazzfestival (NZZ) und ein Konzert des Peter Gall Jazzquintetts im Münchner Club Unterfahrt (SZ).
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