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20.11.2024. Das ganze Brimborium des Katholizismus bietet Edward Bergers Film "Konklave" auf, freut sich die FAZ. Die Kürzungspläne des Berliner Senats werden konkreter - und treffen insbesondere auch die Theater hart, wie Zeit Online berichtet. Die Feuilletons gratulieren Thomas Manns "Zauberberg" zum Hundertsten, einem Buch, das man am besten im Zustand der fiebrigen Erkältung lesen sollte, wie die FAZ außerdem findet. Die Welt tanzt sich in den Sophiensälen mit Gisèle Viennes "Crowd" durch eine abgründige Rave-Party.
Virtuoser Zweifel: Ralph Fiennes als Kardinal Lawrence in "Konklave" "Das gute alte Schauspielerkino, in dem hochkarätige Stars alle Register der Vieldeutigkeit ziehen, hat mit 'Konklave' wieder einmal einen Festtag", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ über Edward BergersVerfilmung des gleichnamigen Vatikanthrillers von RobertHarris. "Dem Drama einer zerrissenen Seele, das RalphFiennes wirklich virtuos darbietet und das StanleyTucci elegant auf die Schippe nimmt, entgegnet Edward Berger mit dem ganzen Brimborium, das ein Konklave äußerlich ausmacht. Das beginnt mit den Schauplätzen, den alten Gemäuern im ewigen Rom, hinter jedem Gesicht lauert ein Fresko." Es ist "ein durch und durch katholischerFilm auch insofern, als er gegenüber dem bildskeptischen und insgesamt visuell asketischen Protestantismus das Drama der Orientierungsprobleme einer wankenden Traditionsinstanz eben bewusst in deren alter Prachtentfaltung sucht." Im Filmdienst-Gespräch räumt Berger ein, dass ihn bei dem Projekt vor allem die von Fiennes gespielte Figur des Kardinal Lawrence gereizt hat. Dieser befindet sich auf der "Reise eines Zweifelnden. Damit kann ich mich identifizieren. Diese widerstreitenden Gefühle habe ich auch."
Aktualisiert das "Dritte Kino": "Manas" von Marianna Brennand Auf FAZ.nethofft Bert Rebhandl, dass Marianna Brennands eben auf dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg ausgezeichnetes, brasilianisches Drama "Manas" einen Weg ins reguläre Kinoprogramm findet, handelt es sich doch um einen Film, der "einem engagierten Kino wichtigeerzählerischeWege weist. Diese eigentümliche Spannung, dass das Kino es erlaubt, jemand ins Gesicht zu sehen, während wir eigentlich die ganze Zeit auch mit dieser Figur denken, um sie und mit ihr bangen, nennt man üblicherweise Identifikationskino. Wenn ein solches Kino sich mit einer nachgerade systematischen Erschließung von sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen Vorgängen verbindet, kommt etwas heraus, das man als eine Aktualisierungeinesfrüheren 'DrittenKinos' sehen kann. So nannte man während der Systemkonkurrenz viele Versuche, zwischen dem Hollywood-Kommerz und dem kodifizierten kommunistischen Kino einen dritten Weg zu finden, auf Seiten der damaligen 'Dritten Welt'."
Außerdem: Andreas Scheiner spricht für die NZZ mit AndresVeiel und SandraMaischberger über LeniRiefenstahl. Jean-Martin Büttner war für die NZZ bei einer Veranstaltung in London, wo Ex-Monty-Python MichaelPalin aus seinem bewegten Leben erzählte. Besprochen werden BrunoDumonts in der französischen Provinz angesiedelte Blockbuster-Persiflage "Das Imperium" (taz) und die Paramount-Serie "Landman" über die Ölindustrie in Texas (taz).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Vor hundert Jahren erschien ThomasManns "Der Zauberberg" und damit "einer der wenigen großen komischen Romane deutscher Sprache", schreibt Jürgen Kaube in der FAZ, der als idealtypische Rezeptionsvoraussetzung für dieses Diskursgewimmel von einem Buch eine leicht fiebrige Erkältung identifiziert hat. "Der physiologische Materialismus und die Spätromantik haben ihren Einsatz, die Psychoanalyse und die aufklärerische Pädagogik, der Kommunismus, der Nationalismus und die Politische Theologie. Alle diese Ideologien umwerben das Weltkind Castorp, keine führt jedoch zu etwas anderem als zu ihrem Gegenteil. Irgendwann sind wir vom Diskurs zu benebelt, als dass wir noch unterscheiden könnten, wer im Streit um 'Geist und Natur' was vertreten hat. Es bleibt eine gewaltige Konfusion in unserem fiebrigen Kopf. ... Alles, was gesagt wird, ist maßlos übertrieben, alles lebt vom rhetorischen Schwung. Krankheit und Tod machen die Sprecher nicht ernst, sondern exaltiert."
Die SZ hat derweil JoannaBator, GeorgiGospodinov und NellZink um Notizen zum "Zauberberg" gefragt. Dass Mann die Schuld an seiner bösen Persiflage auf Gerhart Hauptmann (in der Figur des Mynheer Pepperkorn) jenem gegenüber auf den beim Verfassen offenbar reichlich genossenen Wein schob, macht Zinks Mann-Begeisterung zumindest ambivalent. Bator gesteht, dass sie bei ihrer ersten Lektüre Hans Castorp sein wollte, ein "starker Charakter" und "im Werden begriffen. Er war einzig und allein an diesem Ort, um sieben Jahre lang reifen zu können." Für Gospodinov ist Manns Roman "die Relativitätstheorie auf dem Feld der Literatur. Ich ziehe es vor, sie genauso zu denken, gemeinsam, im Zusammenschluss - Einstein und Mann, Wissenschaft und Literatur, Physik und Roman."
Weitere Artikel: Michael Wurmitzer spricht für den Standard mit dem Schriftsteller und Landwirt ReinhardKaiser-Mühllecker, der eben mit dem ÖsterreichischenBuchpreis ausgezeichnet wurde und den Wurmitzer außerdem hier porträtiert. "Die Bücher dieses Autors sind brillante Beispiele der Landwirtschaftskunde", schreibt außerdem Ronald Pohl ebenfalls im Standard. Patrick Straumann freut sich in der NZZ, dass Paris mit dem Geschäft von SophieSemin-Handke in der Nähe des Jardin du Luxembourg wieder eine deutscheBuchhandlung hat.
Besprochen werden unter anderem HengamehYaghoobifarahs "Schwindel" (FR), SebastianMolls "Das Würfelhaus" (FR), der von DanavonSuffrin herausgegebene Band "Wir schon wieder" mit sechzehn jüdischen Erzählungen (FAZ) und die deutsche Gesamtausgabe des "Zibaldone" von GiacomoLeopardi (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Auch die Berliner Zeitunggreift den Wirbel um die Nan-Goldin-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin auf (siehe hier und hier): Susanne Lenz zeichnet noch einmal nach, weshalb vor allem das geplante Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung: Diskussionsraum zum Nahostkonflikt" zum Streitpunkt wurde und kritisiert die Boykottrhetorik von "Strike Germany". Auch die Künstlerin selbst greift diese auf: "Ist es nur ungeschickt, dass Nan Goldin diesen Post [von Strike Germany] mit einem Like versehen hat? Leider nicht, denn sie distanziert sich zudem auf Instagram: Sie habe nichts von dem Symposium gewusst, bis ein Verbündeter sie darüber informiert habe. Ein 'Verbündeter' (an ally) - was für eine vielsagende Wortwahl: Da teilt offenbar jemand die Welt in Freund und Feind."
Außerdem: Frauke Steffens betrachtet in der FAZ die Skulpturen der koreanischen Künstlerin Lee Bul, die seit Kurzem die Fassade des New Yorker Metropolitan Museums schmücken.
Besprochen werden die Schau "Durchgeknallt und abgebrannt: Feuerwerkskünste aus fünf Jahrhunderten" im Berliner Kulturforum (taz) und die Lyon-Biennale (monopol).
Die Schelling Architekturstiftung hat bekanntgegeben, dass sie, anders als geplant, den mit 10.000 Euro dotierten Architekturtheorie-Preis doch nicht an James Bridle verleihen wird. Der Künstler Bridle gehört zu den Unterzeichnern des jüngsten Boykottaufrufs gegen israelische Kulturinstitutionen (siehe hier). Astrid Kaminski ist sich in der taz nicht sicher, was sie von der Sache halten soll: "Für die Schelling Stiftung führte der Begriff des Boykotts zur Absage der Preisverleihung. Das bedeute, so [Siftungsleiterin] Baus, eine 'ultimative Dialogverweigerung'. Nun reagiert aber wiederum die Schelling Stiftung durch die Ausladung Bridles mit Dialogverweigerung. In ihrem öffentlichen Statement erklärt sie, dass sie weder einen Aufruf zur kulturellen Isolation Israels unterstütze, noch damit in Verbindung gebracht werden möchte. Diese Argumentation ist genau genommen, wie auch vieles im Boykottaufruf selbst, unscharf. Denn er gilt nicht der 'kulturellen Isolation Israels', sondern Institutionen, die die (unscharfen) Forderungen der Unterzeichnenden nicht erfüllen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Außerdem: Lena Kaiser unterhält sich in der taz Nord mit dem Journalisten Rainer Donsbach über die architektonische Bedeutung des Columbusbahnhofs in Bremerhaven, der nun glücklicherweise doch nicht abgerissen wird. Donsbach hat über das Thema auch ein Buch geschrieben.
Die Kürzungspläne des Berliner Senats werden konkreter - auch im Kulturbereich. vanveröffentlichte gestern via bluesky eine Liste, die nach Institutionen aufgeschlüsselt ist und insgesamt ein Streichungsvolumen von 130 Millionen Euro nahelegt. Tobi Müller kommentiert auf Zeit Online: "Die Liste hat darum Sprengkraft, weil die dort verzeichneten Kürzungen extrem unterschiedlich ausfallen. So muss das Maxim Gorki Theater nur rund eine von rund 20 Millionen einsparen, das Deutsche Theater aber drei von knapp 30 Millionen. Es geht also um Unterschiede von mal fünf, mal zehn Prozent. Auch das Berliner Ensemble muss nicht auf ganze zehn Prozent verzichten, die Popbehörde Musicboard aber auf 25 Prozent: 750.000 von drei Millionen Euro Zuwendungen fallen da laut der Liste auf einen Schlag weg." Müller selbst macht für die anstehende Krise neben den Kürzungen selbst auch die zu hohen Fixkosten im Theaterbereich verantwortlich.
Der Osten ist noch nicht verloren, glaubt Andrea Hanna Hünniger ebenfalls in der Welt. Sie besucht eine Diskussionsveranstaltung in Gera im Rahmen des Theaterpreises "Faust". Hier reden Theaterleute mit der lokalen Bevölkerung. Nicht mit den gut 35%, die bei den letzten Wahlen für die AfD gestimmt haben, sondern mit dem Rest. Der ist immerhin noch in der Mehrheit und nimmt das Gesprächsangebot mit Freude an. Eine Diskutantin "erzählt, dass sie im Theater meist nicht einer dramaturgischen Absicht folge, sondern eher 'aus Versehen' etwas lerne. Und dass genau das ein großes Potenzial habe: Was gebe es eigentlich Besseres als versehentliches Lernen? Eine örtliche Choreografin stimmt ihr zu. Sie erzählt, dass die Aufklärung schlichtweg bei Kinder- und Jugendarbeit beginne. Und wer das Lernen noch lerne, lerne eher zufällig. Wie so etwas aussehen könne, schlägt die Berliner Regisseurin Lena Brasch vor, Spross einer ostdeutschen Kulturdynastie. Sie erläutert ihr Konzept: eine Mischung aus Popkultur und griechischer Tragödie." Für Zeit Onlineberichtet Peter Kümmel vom Theaterpreis.
Außerdem: Atif Mohammed Nour Hussein schreibt auf nachtkritik über das Schmierentheater der aktuellen Weltpolitik. Die SZ beschäftigt sich in zwei Texten mit explodierenden Baukosten insbesondere im Bühnenbereich. Michael Stallknecht zeichnet nach, weshalb sich verschleppende Theaterbauprojekte fatal für das Image der Kultur sind. Roland Muschel gibt ein Update in Sachen Zeitplanverschiebung und Kostensteigerung bei der Oper Stuttgart.
Besprochen werden Sidi Larbi Cherkaouis "Ihsane" am Ballet du Grand Théâtre de Génève (Welt), die Konzertperformance "Ich bin mir selber fremd geworden" im Leipziger ZiMMT (nmz) und Gordon Kampes Kinderoper "immmermeeehr" an der Deutschen Oper Berlin (van).