Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.11.2024. Die Kritiker feiern Ali Ahmadzadehs iranischen Thriller "Critical Zone": Die FAZ dringt hier weit vor ins "Nachtgewebe" Teherans, die FR erlebt ein "Kinowunder". Der Hanser-Verlag trennt sich von seiner Literaturzeitschrift Akzente: Die SZ blickt wehmütig in die Zeit zurück, in der Verlage und Literaturzeitschriften selbstverständlich zusammen gehörten. Der Tagesspiegel freut sich über das neue Museum für Moderne Kunst in Warschau und findet gar nicht, dass es wie ein Schuhkarton aussieht. Die FAZ bewundert die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in Hamburg als "stilistisch virtuose Inszenatorin ihrer selbst."
Nacht in Teheran: "Critical Zone" von Ali Ahamdzadeh Die Feuilletons feiern AliAhmadzadehs iranischen Thriller "Critical Zone" über einen Drogenkurier in Teheran. Der bei den Filmfestspielen in Locarno ausgezeichnete Film (unser Resümee) dringt tief vor ins Nachtgewebe der Stadt, erkennt Bert Rebhandl in der FAZ. "Der Unterbauch großer Städte hatte schon immer etwas Mythisches", es ist der "Bereich des Unsichtbaren, des Illegitimen, des Nächtlichen, zu dem man Zugang nur gewinnt um einen gewissen Preis. ... Die Diktatur in Iran hat diese Spaltung noch verschärft. Und 'Critical Zone' zieht nun eine radikale Konsequenz aus dem Umstand, dass jegliche Öffentlichkeit in Iran unter Kontrolle des Regimes steht. Ali Ahmadzadeh hat einen Film über das Verdrängte in der iranischen Gesellschaft gemacht. Einen Film über die bösen Träume des Gottesstaats. Die Drogen sind die Pharmaka dieser Gegenwelt."
Für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist dieser Film ein subversives Hauptwerk eines "Kinowunders", jener "neuen Filmnation", die man als "Gegen-Iran" bezeichnen könnte: Iranische Filme, die am Regime vorbei oder gleich von außerhalb produziert wurden. "Selten hat das Wort vom Underground-Film mehr Wahrheit besessen. Mit Laiendarstellern und -darstellerinnen sowie drei leicht zu versteckenden Minikameras taucht Ahmadzadeh in das Schattenreich einer unsichtbaren Teheraner Jugend. ... Schon in seinen ersten Bildern durch einen Großstadttunnel holt dieses berückende Gesellschaftsporträt tief Luft, um uns anderthalb Stunden in Atem zu halten."
Es ist auch erneut ein iranischer Film, der über weite Strecken im Innern von Fahrzeugen spielt, schreibt Fabian Tietke in der taz: eine Signatur des iranischen Kinos, eine fürs Leben im Iran so typische Zwischenwelt von Innen und Außen, Öffentlichkeit und Privatheit. "Die Kamera verharrt meist im Innern des Fahrzeugs, oft stumm, und Ton tritt erst hinzu, wenn die Protagonist_innen sich der Kamera nähern. In den Innenräumen hingegen bewegt sich die Kamera so frei wie in jedem anderen Film, wechselt ihre Perspektiven und Einstellungen. In diesem Kontrast der Bilder findet 'Critical Zone' ein Ausdrucksmittel für die Unfreiheit des öffentlichen Raums und die beschränkten Freiheiten der Innenräume unter der mörderischen Herrschaft des islamistischen Regimes im Iran."
Weitere Artikel: In der tazresümiert Silvia Hallensleben das Dokfilm-Fest in Leipzig. GeorgStefanTrollererinnert sich (online nachgereicht) in der Welt daran, wie er einst das Rätsel um GrouchoMarx' Schnurrbart löste.
Besprochen werden der "ultimate cut" von Tinto Brass' Monumentalfilm "Caligula" (Perlentaucher), auf RTL gezeigte Serienadaption des populären True-Crime-Podcasts "Zeit Verbrechen" (FAZ), SteveMcQueens "Blitz" (FR), PascalPlantes "Red Rooms" (Perlentaucher), die DVD-Ausgabe von BradAndersons Thriller "The Silent Hour" (taz) und die auf Sky gezeigte Agententhriller-Serie "The Day of the Jackal" (taz). Außerdem informieren SZ und Filmdienst über die Kinostarts der Woche.
Mit der Trennung von der Literaturzeitschrift Akzente trennt sich der HanserVerlag auch "von der eigenen Geschichte", seufzt Thomas Steinfeld in der SZ und blickt mit sichtlicher Wehmut zurück auf die Zeit, als große Verlagshäuser sich noch selbstverständlich Literaturzeitschriften hielten. "Diese Zeitschriften waren - und sind, soweit sie noch existieren - fortlaufende Manifeste zur eigenen Arbeit. Sie waren Mitschriften aus dem Lektorat, in ihnen formten sich Programm und Anspruch in einer Weise, für die es unter den Voraussetzungen einer digitalisierten Öffentlichkeit kein Komplement gibt. ... Was den Hanser-Verlag betrifft: Er wurde über die Akzente überhaupt erst zu einem literarischen Verlag."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Schriftsteller Robert Harris erzählt im Welt-Interview mit Wieland Freund die Hintergrundgeschichte zu seinem neuen Roman "Abgrund". Es geht um die wahre Geschichte des britischen Premierministers Herbert Asquiths, der an seine Geliebte unzählige Briefe schickte - und in ihnen Militärgeheimnisse verriet: "Die Briefe wurde nach Venetia Stanleys Tod im Jahr 1948 von ihrer Tochter entdeckt. Zehn Jahre später hat sie sie Asquiths Enkel, einem Verleger, gezeigt. Dessen Mutter, Violet Asquith, war in ihrer Jugend Venetia Stanleys beste Freundin gewesen, und sie ließ sich überreden, sie teilweise zuveröffentlichen. Etwa die Hälfte von ihnen ist frei verfügbar. Allerdings hat Asquith die Briefe, die Venetia ihm geschrieben hat, vernichtet. Das macht diese Liebesgeschichte sehr einseitig. Also habe ich mich entschieden, ihre Antworten zu schreiben. Erst damit wurde die Affäre lebendig."
Besprochen werden unter anderem OlgaGrjasnowas "Juli, August, September" (Welt), Craig Thompsons Comic "Ginsengwurzeln" (FAZ.net), Jul und Achdés neues Lucky-Luke-Abenteuer "Letze Runde für die Daltons" (Standard), TommyOranges "Verlorene Sterne" (taz), MariaStepanovas "Der Absprung" (FAZ) und JoachimMeyerhoffs "Man kann auch in die Höhe fallen" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Elfriede Lohse-Wächtler: Die Zigarettenpause (Selbstporträt), 1931, Privatsammlung Hamburg; Foto: Privatbesitz Elfriede Lohse-Wächtler: Die Zigarettenpause (Selbstporträt), 1931, Privatsammlung Hamburg; Foto: Privatbesitz
Die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler gilt vor allem als bedeutende Vertreterin der "Neuen Sachlichkeit", weiß FAZ-Kritiker Wolfgang Krischke. Dass ihr Werk aber "stilistisch und motivisch in seiner Vielfalt weit über deren Bildsprache hinausgeht", kann er in der Ausstellung "Ich, als Irwisch" im Hamburger Barlach Haus beobachten. 1932 wurde Lohse-Wächtler nach einer Schizophrenie-Diagnose in eine Heilanstalt eingewiesen, wo sie unermüdlich weitermalte, berichtet Krischke. 1940 wurde sie im Zuge des Euthanasieprogramms von den Nazis ermordet. Die Kuratoren setzen in Hamburg einen "Kontrapunkt" und präsentieren die Bilder nicht dem biografischen Lebensweg folgend, sondern "nach Sujets wie 'Selbstbildnisse', 'Warteräume', 'Paare' ... gruppiert", so Krischke. "Höhepunkte erlebt der Besucher gleich im ersten Raum mit Selbstbildnissen, die Lohse-Wächtler als stilistisch virtuose Inszenatorin ihrer selbst zeigen - vom mondän-irisierenden 'Selbstporträt mit Schatten' über die expressive 'Zigarettenpause (Selbstporträt)' bis zur in fahlen Farben gehaltenen 'Absinth-Trinkerin' mit wirrem Haar und aufgedunsenen Gesichtszügen."
Weiteres: Hanno Rauterberg fährt für die Zeit ins Kunstmuseum Wolfsburg und bekommt mit den Werken von Leandro Erlich gleich ein wenig bessere Laune. Philipp Meier schreibt in der NZZ den Nachruf auf den Schweizer Fotografen Rolf Schroeter.
Das neue Museum für Moderne Kunst in Warschau. Foto: Marta Ejsmont Nach der Abwahl der PiS-Regierung geht es bei den Kunst- und Kulturinstitutionen in Polen wieder aufwärts: In Warschau wurde nun der Neubau für das Museum für Moderne Kunst eröffnet, berichtet Alexandra Wach im Tagesspiegel. Kritik am minimalistischen Entwurf von Architekt Thomas Phifer gab es nicht zu knapp, so Wach, viele fanden ihn "einfallslos" und fühlten sich an einen "Schuhkarton" erinnert. Doch die Warschauer mögen ihren "weißen Würfel". Zweifellos "fällt das dank riesiger Panoramafenster lichtdurchflutete Gebäude, was der Architekt als Katalysator der Öffnung für Ideen verstanden möchte, in seinem Umfeld aus dem Rahmen. Die Boulevards des Viertels wurden 1944 nach dem niedergeschlagenen Warschauer Aufstand von den deutschen Besatzern zerstört. Die sowjetischen 'Verbündeten' schauten vom anderen Ufer der Weichsel zu und 'befreiten' die Hauptstadt, um sie ihrer totalitären Herrschaft hinzuzufügen. Stalin 'schenkte' den Warschauern dann den lange verhassten Kulturpalast im Zuckerbäckerstil, der sich heute symbolhaft von der glitzernden Skyline aus Glas und Stahl abhebt. Die Fenster blicken auf das 'vergiftete Geschenk' und den im Umbau befindlichen Defilierplatz, aber auch in alle anderen Richtungen der Stadt."
Beim Leipziger Theaterfestival euro scene wurde eine Performance des "freedom theatre" wegen Antisemitismus-Vorwürfen abgesagt, berichten Jessica Ramczik und Nicolas van Veen in der taz. Die Kontroverse betraf nicht das Stück selbst, sondern die politischen Umtriebe der Beteiligten. Dass die Festivalleitung von diesen nichts gewusst haben will, erscheint den Reportern recht unglaubwürdig: Das Freedom Theatre "versteht sich als Akteur des 'kulturellen Widerstands', durch den der 'bewaffnete Widerstand' gegen Israel unterstützt werden soll - eine Trennung wird explizit nicht vorgenommen, sondern auf der Webpräsenz des Theaters durch den Gründer für unmöglich erklärt. Im Rahmen der Initiative 'The Cultural Intifada', die in der Tradition der ersten beiden Intifadas verortet wird, ruft das Theater zu einer 'kulturellen Intifada' auf und präsentiert sich als Teil der als antisemitisch eingestuften BDS-Bewegung." Bereits vor der offiziellen Ankündigung des Stückes kritisierte eine angefragte Übersetzerin "die terroristischen und antisemitischen Hintergründe des Freedom Theatre in zwei längeren E-Mails. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Vorwürfen durch den Intendanten erfolgt nicht, [Festivalleiter Christian] Watty bleibt allgemein: auf beiden Seiten gebe es extrem problematische und radikale Positionen, das Hauptproblem seien Staaten, die ihre Legitimierung durch Religion und einen Gott begründeten. Das Theater habe man genau überprüft - und nichts gefunden."
Vielleicht ein Trost:
This is one of the most iconic pas de deux in all of contemporary ballet: Angelin Preljocaj's ballet Le Parc features stunning principal dancers Alice Renavand and Matthieu Ganio with the incredible @operadeparis! https://t.co/IXXsEsywvCpic.twitter.com/aaBLeWCSEQ
Der US-Popstar ChappellRoan wünscht sich von seinen Fans, im Privaten in Ruhe gelassen zu werden, was unter den Fans wiederum eine Debatte ausgelöst hat, "was Stars ihren Fans schulden", schreibt Stephanie Caminada in der NZZ. Tobias Lehmkuhl spricht für FAZ.net mit dem Sänger, Komponisten und Instrumentenbauer EyalelWahab. Rolf Thomas resümiert in der FAZ das JazzfestBerlin.
Besprochen werden BlixaBargelds und TehoTeardos gemeinsames Album "Christian & Mauro" ("ein zentrales Album des Jahres", meint Christian Schachinger im Standard, ohne so wirklich zu verraten, warum), EricPfeils Buch "Ciao, Amore, Ciao" über den Italopop (TA), ein Auftritt von FontainesD.C. in Zürich (NZZ, TA), ein neues Album von TheTelescopes (Standard) und das neue Album "Doppeldenk" von Gewalt (Jungle World).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Jannis Brühl: Disruption Man muss die Tech-Oligarchen des Silicon Valley als Avantgarde verstehen. Eine Handvoll Männer mit Milliardenvermögen, futuristischer Technologie und einer Vorliebe für Science-Fiction…
Alexander Schnickmann: Gestirne Kometen und Sonnenfinsternisse, schwebende Planeten und galaktische Stürme: Im endlosen Raum des Weltalls ist alles von Licht durchwebt und strahlt in finsterer, ewiger Nacht.In…
Tomer Gardi: Liefern Aus dem Hebräischen von und in Zusammenarbeit mit Anne Birkenhauer. Sie sind überall, wir sehen sie jeden Tag. Egal ob in Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Istanbul oder Berlin,…
Wolfram Lotz: Träume in Europa Du sitzt im Taxi in Amsterdam, aber seltsamerweise musst du selbst fahren, während der Taxifahrer daneben sitzt. Ein Bekannter aus dem Internet umarmt dich zu Hause, du fühlst…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier