Efeu - Die Kulturrundschau

Die heitere Hölle der Hilflosigkeit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.10.2024. Hat die frischgebackene Nobelpreisträgerin Han Kang das Gwangju-Massaker verfälschend dargestellt, fragt die Welt. Sich auf das Ende der Welt zuzubewegen, kann auch sehr beschwingen, erfahren SZ und Standard in György Kurtágs Oper "Fin de Partie." Queere Synagogen sieht der Tagesspiegel in Navot Millers Bildern. Astronauten fliegen demnächst mit Prada-Weltraumanzügen durchs Universum, staunt die SZ. Musikproduzent Ben Bazzazian gibt der SZ Hoffnung für die deutsche Musik.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2024 finden Sie hier

Literatur

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In Südkorea herrscht Euphorie über den Literaturnobelpreis für Han Kang. Nur Kim Gyuna gießt Wasser in den Wein, berichtet Soonim Shin in der Welt: Die ebenfalls südkoreanische Schriftstellerin macht in einem Beitrag im Radiosender MBC nicht nur der Schwedischen Akademie Vorwürfe, Han Kang nur deshalb dem chinesischen Autor Yan Lianke vorgezogen zu haben, weil sie eine Frau ist - und Han Kang selbst jenen, in ihrem Roman "Menschenwerk" die Ereignisse das Gwangju-Massakers von 1980 verfälscht zu haben. "Dass die Schwedische Akademie so eine Bewertung und so ein Lob spendete, zeigt, dass sie nichts über koreanische Geschichte weiß", zitiert Soonim Shin Kim Gyuna und ist sich selber eher unschlüssig, was sie von Anwürfen halten soll, die sie im folgenden detailliert mit der historischen Überlieferung und den Möglichkeiten künstlerischer Freiheit abgleicht. "Das könnte der schwerste Vorwurf gegen Han Kang ... sein: Dass sie Menschen, die in aussichtsloser Situation nicht gegangen, sondern geblieben und deshalb gestorben sind, zu Helden glorifiziert. Eine der Erzählstimmen, vielleicht Han Kang selbst, sagt am Schluss des Buches: 'Auf die Frage angesprochen, warum sie überhaupt geblieben waren, obwohl sie genau wussten, dass sie unter Beschuss geraten würden, antworteten alle Überlebenden ähnlich. 'Ich weiß nicht, warum, aber es schien mir das Richtige zu sein.' Ich hatte mich getäuscht, sie als Opfer zu betrachten. Sie sind genau deswegen geblieben, damit sie nicht zu Opfern werden.' Letztlich sind aber auch die Überlebenden gerade durch diese Haltung Opfer geworden - und es fällt schwer, ihr eigentlich sinnloses Opfer als lohnend anzusehen."

Außerdem: Im FAZ-Podcast von der Frankfurter Buchmesse spricht Andreas Platthaus mit Clemens Meyer über dessen aktuellen Roman "Die Projektoren". Jens Uthoff fasst in der taz die politischen Diskussionen auf der Frankfurter Buchmesse der letzten Tage zusammen. Markus Hesselmann spricht im Tagesspiegel mit Milena Rolka über Kleist. Der Freitag bietet Wissenswertes über Bücherregale.

Besprochen werden unter anderem Jane Campbells "Bei aller Liebe" (NZZ), Antonio Scuratis "M. - Das Buch des Krieges" (online nachgereicht von der FAZ), Matias Faldbakkens "Armes Ding" (NZZ), Frank Schulz' "Amor gegen Goliath" (taz), Frank Schätzings "Helden" (Welt), Lea Ruckpauls "Bye Bye Lolita" (FR), Giancarlo De Cataldos "Schwarz wie das Herz" (Freitag) und eine Neuübersetzung von Marina Jarres "Weit entfernte Väter" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Bühne

"Fin de Partie." Bild: Sofia Vargaiova.
SZ-Kritiker Egbert Tholl geht nach György Kurtágs Oper "Fin de Partie" an der Wiener Staatsoper, Samuel Becketts "Endspiel" nachempfunden, beschwingt nach Hause, obwohl es darin mit großen Schritten auf das Ende zugeht. Regie führt Herbert Fritsch: "Der stets aufgekratzte Regisseur entwirft dafür eine Partitur der Gesten und Grimassen, annähernd so detailliert wie die musikalische von Kurtág selbst. Der Raum ist so ikonisch, wie man es von Beckett-Aufführungen kennt: zwei graue Mülltonnen, darin Nell und Nagg, die Eltern von Hamm, die bei einem Fahrradunfall ihre Beine verloren. Hamm selbst sitzt blind in einem Rollstuhl, sein Diener, Gefährte, Faktotum Clov wuselt herum." Sehr zeitgemäß, findet Tholl: "In dieser zutiefst humanen Anleitung von Beckett/Kurtág/Fritsch liegt genau der Trost, den unsere von ganz allein absurd gewordene Welt braucht. Und das Orchester der Wiener Staatsoper spielt dazu federleicht, spielt neue Musik so selbstverständlich, als täte es nie etwas anderes. Dazu ein Hauch Wiener Schmäh, und lachend blickt man dem Untergang entgegen. Es geht zu Ende - vielleicht aber noch nicht. Und wenn, dann ist es eh wurscht. Herrlich."

Standard-Kritikerin Ljubiša Tošić ist ebenfalls angetan von den Untergangsgesängen: "Diese heitere Hölle der Hilflosigkeit hat Fritsch, auch für Bühne und grelle Kostüme verantwortlich, zu einem akribisch ausgestalteten Kammerspiel geformt, das mit der subtilen, nie grinsenden Musik organisch die omnipräsente Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit allen Bemühens ausbreitet. Dirigentin Simone Young lädt mit dem formidablen Wiener Staatsopernorchester den aphoristischen Charakter der Musik mit Energie auf. Deutliche Akzentuierung und jene farblichen Delikatessen, zu denen das Orchester befähigt ist, verleihen dieser introvertierten Musik Charme und Innenspannung. Heiterkeit auch nach dem Ende. Nachdem sich die grandiosen Protagonisten ihren Schlussapplaus abgeholt haben, taucht Regisseur Fritsch kurz aus der Mülltonne auf. Auch er wird mit Schlussapplaus beschenkt."

Was mit Männern so alles falsch ist, kann Nachtkritiker Christian Rakow in Sophie Passmanns One-Woman-Show "Pick me Girls" am Berliner Ensemble sehen, basierend auf ihrem gleichnamigen Buch. "In autobiographischer Erzählung nimmt sich Passmann Körperbilder vor: Körper betrachtet von Männern, betrachtet von anderen Frauen, betrachtet von Eltern. Körper in ihrer sozialmedialen Hochjazzung auf Tumblr, Instagram & Co", erklärt Rakow, "der Stoff ließe sich auch als harte Selbstbespiegelungsprosa denken. Aber Passmann ist natürlich Popliteratin genug und Feministin genug und überhaupt empowered genug, um lässig über alle Abgründe hinweg zu spielen. Statt Selbstmarterung gibt's das endlose Spiel der Ironie." Sein Resümee: "Das Ding wird Kult, wussten sie ja selbst schon. Nach 'It's Britney, Bitch' der nächste feministische Kassenknüller am BE. Passmann ist eine coole Performerin, hat Drive, Komik, Crowdpleasing. 'Du wirst als Frau in der Öffentlichkeit immer radikal unterschätzt oder überschätzt. Man wird nie einfach nur geschätzt', sagt Passmann. Stimmt oft, aber hier und heute doch nicht. Einfach schätzenswert."

Weiteres: Der Theaterskandal um Florentina Holzingers "Sancta" (unsere Resümees) geht weiter, Monopol interviewt, VAN Magazin berichtet über die Hassnachrichten, die Holzinger bekommen hat. Festspielleiter der Oberammergauer Passionsspiele wird wahrscheinlich auch in Zukunft weiterhin Christian Stückl sein, meldet die FR nach längeren Diskussionen. Vom Gesangswettbewerb "Neue Stimmen" in Gütersloh ist das VAN Magazin ganz hingerissen.

Besprochen werden: "Chroniken vom Mars" nach Ray Bradbury in der Inszenierung von Philippe Quesne am Theater Basel (Nachtkritik), Tschechows "Der Apfelgarten" in der Inszenierung von Antú Romero Nunes am Thalia Theater (taz) und "Antigone" von Anne Carson, basierend auf Sophokles, inszeniert von Elsa-Sophie Jach am Theater Bremen (taz).
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Kunst

Navot Miller, "A Pink Shul." Wannsee Contemporary Berlin. Foto: Jens Ziehe

Der queere israelische Künstler Navot Miller ist 2013 nach Berlin gekommen, wollte eigentlich Architektur studieren, es hat ihn dann aber doch an die Kunsthochschule Weißensee verschlagen, erfährt Tagesspiegel-Autorin Nicola Kuhn im Interview anlässlich seiner Ausstellung "A Pink Shul" in der Wannsee Contemporary Galerie. Dort gibt es ungewohnte Perspektiven zu sehen: "Eine Synagoge, deren Innenraum quietschbunt ausgemalt ist, vor allem in diversen Rosatönen, Männer, die paarweise oder zu dritt umschlungen, mit dem Rücken zum Betrachter im Gebetsraum stehen, dazu auch noch nackt." Wie ist Miller zu diesen bunten Darstellungen gekommen? Er "erwarb zu Beginn in Melbourne ein Set mit Pastellkreiden in Neonfarben und war fortan für alle Zwischentöne verloren.Und die flächige Malweise, der summarische Stil, der an Illustrationen in Kinderbüchern erinnert? Auch dafür hat Navot Miller eine einfache Erklärung. Er mag eben die klare Darstellung von Spielzeugen, kleine Autos, Kartenspiele. Darauf bricht er auch seine Malerei herunter. Für seine Freundschaftsbilder greift er auf Fotos von seinen Liebhabern zurück."

Karlheinz Lüdeking legt in der FAZ dringend nahe, die William Kentridge-Ausstellung  "Self-Portrait as a Coffee-Pot" im Arsenale Institute for Politics of Representation in Venedig zu besuchen, so lange sie noch zu sehen ist. Neun Filme werden auf Leinwänden gespielt und zeigen den Künstler im Atelier: "Bäume haben es Kentridge besonders angetan... man erinnert sich, dass auch Picasso, als er für den Film von Clouzot auf einer Glasscheibe malte, eine unbewusste Vorliebe für gewisse anthropomorphe Figurationen erkennen ließ. Wenn man verfolgt, wie Kentridge einen dicken, runden Pinsel ergreift und mit schwarzer Tusche geschwungene Linien auf ein Papier malt, bemerkt man, wie seine Hand von links nach rechts und gleichzeitig von oben nach unten oszilliert. Solche Handbewegungen sieht man auch, wenn er mit einem Stück Kohle Schraffuren anlegt oder diese ausradiert. Man spürt einen Enthusiasmus des Machens. "

Weiteres: Der Tagesspiegel sieht sich auf dem neuen Pariser Ableger der Art Basel um. Besprochen werden die Ausstellungen "Mexican Prints at the Vanguard" im New Yorker Metropolitan Museum (taz) und "Textile Universen" von Gunta Stölzl und Johannes Itten im Kunstmuseum Thun (FAZ) und die Ausstellung .
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Film

Andreas Scheiner porträtiert in der NZZ die Schauspielerin June Squibb, die gerade mit 94 Jahren in "Thelma" ihre erste Hauptrolle gespielt hat. Valerie Dirk stellt im Standard auf der Viennale gezeigte restaurierte Filmklassiker vor, während ihre Kollegin Esther Buss über das Kurzfilmprogramm des Festivals schreibt. Besprochen werden Alfonso Cuaróns Apple-Serie "Disclaimer" mit Cate Blanchett (Freitag), Andreas Dresens "In Liebe, eure Hilde" (NZZ, unsere Kritik), die von der ARD online gestellte Serie "Schwarze Früchte" (taz) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Under the Bridge" (FAZ).
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Stichwörter: ARD, Blanchett, Cate

Design

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"Da werden der Mann im Mond, die Marsmännchen und die Aliens ... staunen", schreibt Gerhard Matzig in der SZ: Denn Prada "soll zusammen mit dem US-Raumfahrtunternehmen Axiom Space den Unisex-Weltraumanzug für eine Nasa-Mission zum Südpol des Mondes schneidern. ... Obwohl etwa die gewählte Farbe Weiß an die Apollo-Missionen vor einem halben Jahrhundert erinnert, sieht Matt Ondler als Chef von Axiom Space nun eine 'extrem' zukunftstaugliche 'Ingenieurskunst' am Werk. 'Der Anzug muss sehr clever entworfen sein', sagt Ondler, denn am Südpol des Mondes herrschen Temperaturen von bis zu minus 203 Grad Celsius. Außerdem muss der Anzug für den Mondspaziergang vor Strahlung schützen, wobei man sich das Ganze eher nicht als Spaziergang im flaneurhaften Sinn Walter Benjamins vorstellen darf. Mindestens die Schildkröte an der Leine passt nicht recht ins Bild vom Weltall. Sauerstoff für bis zu acht Stunden muss der Anzug auf dem Mond außerdem bevorraten - das war's dann mit der schmalen Prada-Silhouette."

"H&M ist erwachsen geworden", stellt Yasmine M'Barek online nachgereicht in der Zeit fest: Weg vom Teenie-Image und Billig-Segment, das von Billigst-Anbietern aus Fernost mittlerweile eh viel besser bedient wird. "Das Haus hat seine Social-Media-Kanäle leer geräumt und neu bestückt, Renovierungen für zahlreiche Läden angekündigt und den Onlineshop durchgefegt. Jetzt auch mit Sustainability, wie man heute sagt, um Klasse zu signalisieren. Produziert wird weiterhin alles für grob gerechnet zwei Cent. ...  Die Läden richten sich nun an eine neue Zielgruppe: die vermeintlich nachdenkliche Mittelschicht, die eigentlich bei COS einkauft, dieser Kette, die zur H&M-Gruppe gehört und ebenfalls mit bescheidenem Aufwand ihre Waren produziert, die immerhin gehobener aussehen. ... Wo also kaufen sich Leute, die zwar noch nicht Christian Lindner, aber auch nicht mehr die Sozialdemokraten wählen, jetzt gut geschnittene Mäntel? Bei H&M, neben der Stange."

Von Linken und Rechten einst nicht nur aus praktischen Gründen, sondern wegen ihres ruppigen Images gleichermaßen geschätzt, ist die Bomberjacke "heute ein 'Fashion Piece' ersten Ranges", schreibt Jeroen van Rooijen in der NZZ: "Radikalisierung, Antibürgerlichkeit, Jugendkultur, Gewalt und Provokation - damit assoziiert man die MA-1 Bomberjacke. Es ist der Geruch des Untergrunds, der sie stets begleitet und periodisch wieder an die Oberfläche spült."

Das Team von Zeit Online gratuliert Ikea zum 50-jährigen Bestehen.
Archiv: Design

Musik

Jakob Biazza porträtiert für die SZ den unter anderem für Haftbefehl tätigen Produzenten Ben Bazzazian, der "verändert, wie Deutschland klingt. ... Auch weil es Bazzazian gibt, hat man seit ein paar Jahren wieder etwas Hoffnung, dass es ganz vielleicht doch noch mal was wird mit diesem Land und wirklich gutem Pop. Mit Musik, die etwas bedeuten will, die, Gott bewahre, vielleicht sogar wahrhaftig sein möchte." Sein eigenes Album "100 Angst" führt "in die Tiefe. Sehr weit unter die Oberfläche. Marianengraben-tief. Bassdrum-Sounds wie sanfte Drohschreie riesiger Unterseemonster, die das letzte Mal vor ein paar Zehntausend Jahren weit genug aufgetaucht sind, um Tageslicht zu erahnen. Sonar-Synthies. Klavierakkorde wie die Unterseite von Eisbergen im Mondschein."



Sebastian Solte singt auf VAN eine vergiftete Lobeshymne auf den Opus Klassikpreis und dessen Übertragung im ZDF: "Einmal mehr muss das Engagement gelobt werden, mit dem sich die tatkräftigen Stakeholder im Verein zur Förderung der klassischen Musik (VzFdKM) einbringen. Ihre besondere Leistung, den unübersichtlichen Klassik-Markt so vorzusortieren und aufzubereiten, dass Redaktionen nicht mit unnötiger Recherchearbeit belastet werden, kann in der heutigen Zeit gar nicht hoch genug angerechnet werden."

Außerdem: Titus Engel erinnert in VAN an die Komponisten Hans Krása, Ilse Weber, Gideon Klein und Viktor Ullmann, die von den Nazis in Theresienstadt ermordet wurden. Ruth Lang Fuentes spricht in der taz mit der Rapperin Finna über Hiphop und linke Politik. Besprochen werden Bob Dylans Auftritt in Frankfurt (FR, FAZ), Kylie Minogues neues Album "Tension II" (TA), ein von Elim Chan dirgiertes Konzert der Wiener Symphoniker (Standard), Noga Erez' Album "The Vandalist" (FR) und das Debütalbum des Berliner Rappers Apsilon (taz).

Archiv: Musik