Efeu - Die Kulturrundschau
Zeremonienmeister des Surrealismus
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13.09.2024. Jahrmarktstimmung kommt für die FAZ in der großen Surrealismus-Ausstellung im Centre Pompidou auf. Der Standard bringt Machtmissbrauch am Theater in der Josefstadt ans Licht. Backstage Classical fragt sich, wieso der Dirigent John Eliot Gardiner trotz Skandalen so gut vernetzt ist. 54books entdeckt ostdeutsche Literatur, die sich der Ostalgie widersetzt. Die SZ gruselt sich angenehm beim Lauschen des apokalyptischen Die Nerven-Albums.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
13.09.2024
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Kunst

Der Surrealismus wird 100 und FAZ-Kritikerin Bettina Wohlfahrt verliert sich gerne in der Feier, die das Centre Pompidou mit der Ausstellung "Surrealismus" auf die Beine gestellt hat. Die aufregenden, verwirrenden und herausfordernden Werke von Künstlerinnen und Künstlern von Suzanne van Damme bis André Masson wissen zu begeistern: "Eine Art Jahrmarkteffekt hat auch die Idee, Bretons Stimme aus Radioaufzeichnungen durch Künstliche Intelligenz zu reproduzieren. Sie ertönt in einer Rotunde im Herzen der Ausstellung, wo der Zeremonienmeister des Surrealismus gewissermaßen selbst seine Lehre verkündet. Dort wird auch das kostbare Manuskript des Manifests ausgestellt, das erst 2021 für 2,7 Millionen Euro von der französischen Nationalbibliothek erworben wurde. Um die Rotunde kreisen in einer labyrinthischen Spirale dreizehn Themenräume. Diese Szenographie hat bestrickende Bedeutung: Das Labyrinth als Emblem der Surrealisten beherbergt Doppelwesen wie den Minotaurus und immer auch ein Geheimnis. Hier verliert man sich - und wird fündig."
Die erste Maurice de Vlaminck-Ausstellung in Deutschland seit 95 Jahren, "Rebell der Moderne" im Museum Barberini, zeigt Tagesspiegel-Kritikerin Lena Schneider, dass dessen Selbstinszenierung als von allen Einflüssen freier Künstler nicht so ganz stimmt, mit Interesse kann sie die Vorbilder von Matisse bis Cézanne nachvollziehen. Zunächst Anarchist, ließ er sich in den 1940er Jahren dazu hinreißen, die nationalsozialistische Kulturpolitik in Artikeln zu loben: "Wie Vlaminck diese Zeit künstlerisch verdaute, zeigt der letzte Raum. Zu sehen sind spätimpressionistische Schneelandschaften von 1950, eine bedrohliche Häuserwand in Flammen von 1945. Und ein unverblümtes Echo auf Monet: Getreideschober aus den frühen 1950er Jahren. Darüber dunkle Gewitterwolken."
Weiteres: Der Standard trauert um den Künstler Jürgen Messensee, der im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Die Zeit stellt die Skulpturen-Hallen Ulrich Rückriem in Sinsteden vor. Monopol porträtiert den Künstler Raphael Sbrzesny.
Besprochen werden: "Das Glück ist nicht immer lustig" von Rirkrit Tiravanija im Gropius Bau Berlin (Taz), Andreas Mühes Ausstellung "RAFNSU" im Foyer Leipzig (FAZ), "Auf der Suche nach Blau" von Alexander Heil auf der Burg Kronberg (FAZ), Mark Dions "Delirius Toys" in der Bundeskunsthalle Bonn (SZ), die "Retrospektive zum 70. Geburtstag" für und von Erwin Wurm in der Albertina (Standard) und die Ausstellung "Kazuko Miyamoto" der gleichnamigen Künstlerin im Belvedere (Standard).
Bühne
Im Standard werden Vorwürfe des Machtmissbrauchs am Theater in der Josefstadt laut: Der 2026 scheidende Theaterdirektor Herbert Föttinger neige zu Wutausbrüchen und verhindere zudem, dass Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt ergriffen werden können. Die Betroffenen berichten anonym: "Als Regisseur gebe Föttinger alle Schritte und Bewegungen auf der Bühne vor. Wer Aspekte seiner Inszenierung infrage stelle, werde vor dem gesamten Team bloßgestellt. Eine der Produktionen mit Föttinger beschreibt der langjährige Schauspieler 'als die schlimmste, die er je erlebt hat'. Auf ein Feedback von ihm habe der Theaterdirektor einmal lautstark erwidert: 'Du kannst jederzeit gehen, wenn du willst.' Danach habe Föttinger nur gelacht. Demütigungen und Wutausbrüche auf Proben seien jedoch 'ganz normal', resümiert das Ensemble-Mitglied. Gerechtfertigt werde dieses Verhalten damit, dass die Kunst über allem stehe, erklären mehrere Personen aus der Technikabteilung. Das sei ein offenes Geheimnis im Haus." Die Direktion erwidert auf die Vorwürfe, man habe unjüngst einen Verhaltenskodex unterzeichnet - am selben "Tag, an dem der Standard das Theater in der Josefstadt mit den Vorwürfen konfrontiert hat."
Architektur
Die Firma O&O Baukunst aus Berlin hat einen ersten Entwurf für das neue Haus der Geschichte im Wiener Museumsquartier vorgelegt, der Standard berichtet.
Literatur

Besprochen werden unter anderem Jürgen Habermas' Gesprächsband "Es musste etwas besser werden..." (NZZ), Jón Kalman Stefánssons "Mein gelbes U-Boot" (NZZ) und Daniela Kriens "Mein drittes Leben" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Film
In Indien mosern die Hindunationalisten über die Netflix-Serie "IC 814" über eine Flugzeugentführung in Indien im Jahr 1999, berichtet Natalie Mayroth in der taz. Dennis Vetter (critic.de) und Rüdiger Suchsland (Artechock) resümieren das Filmfestival Venedig. Ebenfalls auf Artechock blickt Janick Noltin derweil auf in Venedig gezeigte Filme, die die Triebhaftigkeit des Menschen fokussieren. Rüdiger Suchsland freut sich auf Artechock, dass das Filmfest Oldenburg Dominik Graf mit einer Retrospektive würdigt. Auf Artechock gratuliert Dunja Bialas dem Verein "Filmstadt München", in dem sich 16 Filmfestivals der Stadt zusammengeschlossen haben, zum 40-jährigen Bestehen. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb der Schauspielerin Jacqueline Bisset zum 80. Geburtstag. Marius Nobach schreibt im Filmdienst zum Tod von James Earl Jones (weitere Nachrufe hier).
Besprochen werden DK Welchmans und Hugh Welchmans "Das Flüstern der Felder" (FAZ, Artechock), Albert Serras Ausstellung "Liberté" im Eye Filmmuseum in Amsterdam (Artechock), Doris Metz' Dokumentarfilm "Act Now" über Petra Kelly (Tsp, Zeit Online, Artechock), Julia von Heinz' "Treasure" (Artechock, critic.de), Tim Burtons "Beetlejuice Beetlejuice" (Artechock, Welt, SZ, unsere Kritik), Vuk Lungulov-Klotz' "Mutt" (Standard), Rupert Saunders' Remake von "The Crow" (Standard), Annika Appelins "Immer wieder Dienstag" (Artechock) und die Netflix-Krankenhausserie "Atemlos" (Freitag).
Besprochen werden DK Welchmans und Hugh Welchmans "Das Flüstern der Felder" (FAZ, Artechock), Albert Serras Ausstellung "Liberté" im Eye Filmmuseum in Amsterdam (Artechock), Doris Metz' Dokumentarfilm "Act Now" über Petra Kelly (Tsp, Zeit Online, Artechock), Julia von Heinz' "Treasure" (Artechock, critic.de), Tim Burtons "Beetlejuice Beetlejuice" (Artechock, Welt, SZ, unsere Kritik), Vuk Lungulov-Klotz' "Mutt" (Standard), Rupert Saunders' Remake von "The Crow" (Standard), Annika Appelins "Immer wieder Dienstag" (Artechock) und die Netflix-Krankenhausserie "Atemlos" (Freitag).
Musik
Axel Brüggemann widmet sich auf Backstage Classical den jüngsten Aktivitäten von John Eliot Gardiner und dessen neuem Constellation Orchestra, die manche Augenbraue nach oben gehen lassen: "Vieles erinnert an einen kompromisslosen Rachefeldzug des Dirigenten gegen sein altes Ensemble, den Monteverdi Choir und Orchestra (MCO), beziehungsweise die English Baroque Soloists, die er nach seinem Ohrfeigen-Skandal verlassen hatte." So stechen einige Terminungereimtheiten ins Auge, die mitunter wie Duelle mit dem alten Orchester wirken - und mitunter kurzzeitig anberaumt wurden, etwa in der Elbphilharmonie, wo man eigentlich notorisch um Slots kämpfen muss. "Welcher Zusammenhang besteht, dass ausgerechnet auch Wien, Dortmund und Luxemburg ebenfalls schnell Termine für Gardiner gefunden haben?"
Auf ihrem neuen Album "Wir waren hier" nehmen Die Nerven erneut die Pole Position unter den Apokalyptikern des deutschsprachigen Indierocks ein, schreibt Thore Rausch in der SZ. Zu hören ist "Sound für übergroße Kathedralen, wie eine akustische Täuschung, glühende Wände aus Klang. Musik, die vor lauter Dringlichkeit geradezu aus den Kopfhörern platzt. Sehr kompromisslos in ihrer düsteren Vision." Es "ist ein Album zum Doomscrollen durch Nachrichtenapps, für einsame Momente in der Straßenbahn, durchzogen von universellem Unbehagen im endlosen Content-Fluss zwischen ETF-Spartipps, süßen Hundevideos und zerbombten Städten. Flughöhe: 'Ich bin mir ziemlich sicher, man kann hier noch ein paar Prozesse optimieren.'"
Weitere Artikel: In der taz spricht Dagmar Leischow mit der US-Musikerin Joan As Police Woman über deren neues Album. Christiane Peitz blickt im Tagesspiegel auf die Krisenlage der Berliner Musikhochschulen. Arno Lücker schreibt in VAN ausführlich über den Komponisten Charles Ives, den das Musikfest Berlin in diesem Jahrgang mit einem Schwerpunkt würdigt (hier außerdem Albrecht Selges VAN-Resümee der zweiten Woche des Festivals). In der FAZ spricht Max Nyffeler mit Nuria Schönberg Nono über deren Vater Arnold Schönberg, der heute vor 150 Jahren auf die Welt kam (hier Axel Brüggemann auf Backstage Classical mit einer Würdigung). Für die NMZ hat Ralf-Thomas Lindner Lemgo besucht, wo seit dem letzten Jahr in der Heilig-Geist-Kirche eine Wurlitzer-Kirchenorgel steht. Weitere Nachrufe auf Caterina Valente (unser Resümee) schreiben Georg Seeßlen (Zeit Online) und Paul Jandl (NZZ).
Besprochen werden ein Gastspiel des Cleveland Orchestras in Wien (Standard) und der Retro-Soul auf dem Album "Perak" des indonesischen Trios Thee Marloes ("Musik aus Träumen über verlorene Träume. Ihre Schönheit lässt einen nicht los", schwärmt Oliver Tepel in der taz).
Auf ihrem neuen Album "Wir waren hier" nehmen Die Nerven erneut die Pole Position unter den Apokalyptikern des deutschsprachigen Indierocks ein, schreibt Thore Rausch in der SZ. Zu hören ist "Sound für übergroße Kathedralen, wie eine akustische Täuschung, glühende Wände aus Klang. Musik, die vor lauter Dringlichkeit geradezu aus den Kopfhörern platzt. Sehr kompromisslos in ihrer düsteren Vision." Es "ist ein Album zum Doomscrollen durch Nachrichtenapps, für einsame Momente in der Straßenbahn, durchzogen von universellem Unbehagen im endlosen Content-Fluss zwischen ETF-Spartipps, süßen Hundevideos und zerbombten Städten. Flughöhe: 'Ich bin mir ziemlich sicher, man kann hier noch ein paar Prozesse optimieren.'"
Weitere Artikel: In der taz spricht Dagmar Leischow mit der US-Musikerin Joan As Police Woman über deren neues Album. Christiane Peitz blickt im Tagesspiegel auf die Krisenlage der Berliner Musikhochschulen. Arno Lücker schreibt in VAN ausführlich über den Komponisten Charles Ives, den das Musikfest Berlin in diesem Jahrgang mit einem Schwerpunkt würdigt (hier außerdem Albrecht Selges VAN-Resümee der zweiten Woche des Festivals). In der FAZ spricht Max Nyffeler mit Nuria Schönberg Nono über deren Vater Arnold Schönberg, der heute vor 150 Jahren auf die Welt kam (hier Axel Brüggemann auf Backstage Classical mit einer Würdigung). Für die NMZ hat Ralf-Thomas Lindner Lemgo besucht, wo seit dem letzten Jahr in der Heilig-Geist-Kirche eine Wurlitzer-Kirchenorgel steht. Weitere Nachrufe auf Caterina Valente (unser Resümee) schreiben Georg Seeßlen (Zeit Online) und Paul Jandl (NZZ).
Besprochen werden ein Gastspiel des Cleveland Orchestras in Wien (Standard) und der Retro-Soul auf dem Album "Perak" des indonesischen Trios Thee Marloes ("Musik aus Träumen über verlorene Träume. Ihre Schönheit lässt einen nicht los", schwärmt Oliver Tepel in der taz).
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