Efeu - Die Kulturrundschau

Bizepsbär am Abgrund

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11.09.2024. Darth Vader ist tot - oder zumindest seine Originalstimme James Earl Jones: Der Tagesspiegel huldigt dessen majestätischem Bariton. Die taz erfreut sich in Athen im Museum für Gegenwartskunst an Kernkompetenzen femininer Ästhetik. Das Blog Tag und Nacht blickt ins dunkle Haus der Schriftstellerin Shirley Jackson. Die Berliner Zeitung erinnert anlässlich einer Ausstellung an das Theater des Jüdischen Kulturbundes, das jüdischen Theaterleuten nach 1933 zwischenzeitig Beschäftigungsmöglichkeiten verschaffte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2024 finden Sie hier

Kunst

Penny Siopis: Ambush, 2008. Collection Skinner, Johannesburg © Penny Siopis Courtesy of the artist and Stevenson, Cape Town, Johannesburg and Amsterdam

Ingo Arend reist für die taz nach Athen, zur Ausstellung "What if Women Ruled the World?", zusammengestellt von der Starkuratorin Katerina Gregos im dortigen Museum für Gegenwartskunst (EMST). Final beantwortet wird die titelgebende Frage nicht, stellt Arend klar. Dennoch stößt er auf Sehenswertes: "Wenn die Schau eine Art Kernkompetenz femininer Ästhetik zutage fördert, dann einen Sinn für das Verletzliche. Besonders beeindruckend zeigt das die Künstlerin Penny Siopis, eine der faszinierenden Wiederentdeckungen von Gregos. So sehr sich die 1963 als Tochter griechischer Eltern in Südafrika geborene Siopis einen Namen als Kämpferin gegen Rassismus und Kolonialismus machte, so filigran kommt ihr Werk daher. In ihrer Arbeit 'For Dear Life' von 2020 lässt sie in einer auf dem Boden platzierten Leinwand Leim, Tinte und Ölfarbe ineinanderfließen. 'Meine Rolle', erklärte die Künstlerin einmal die Bedeutung der energiegeladenen Komposition in Rot, 'ist es, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass sich etwas ereignet.'"

Außerdem: Die Berliner Art Week steht vor der Tür. Für die taz hat sich Noemi Molitor durchs Programm gewühlt. Im Tagesspiegel unterhält sich Hilka Dirks mit Tracey Snelling, deren Skulpturen im Berliner Haus am Lützowplatz zu sehen sind. In einem dritten Tagesspiegel-Text stellt Nikolaus Bernau fünf Künstler vor, die vom Japanischen Kaiserhaus für ihr Lebenswerk geehrt werden - unter ihnen Sophie Calle und Ang Lee. Martina Farmbauer schaut sich für monopol im Brasilianischen Nationalmuseum in Rio de Janeiro um, in dem vor sechs Jahren ein verheerender Brand ausgebrochen war. Und schließlich: In Kanada ist ein Fälscherring aufgeflogen, der mit Fakes des indigenen Künstlers Norval Morisseau Unsummen verdiente, weiß Nina Rehfeld in der FAZ

Besprochen werden eine dem Fotografen Roger Melis gewidmete Ausstellung in der Berliner Galerie Pankow (FR) und die Schau "Burning Down the House. Rethinking Family" im Kunstmuseum St. Gallen (monopol).
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Literatur

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In ihrem Blog Nacht und Tag schreibt die Übersetzerin und Autorin Nicole Seifert ausführlich über Shirley Jackson, die eher für ihre "literarischen Horrorromane" bekannt war, aber auch über ihre Zeit als Mutter von vier Kindern in den USA der Fünfzigerjahre zwei Romane geschrieben hat, die Seifert ins Deutsche übertragen hat. Das zweite, "Alles wie immer", ist eben erschienen (hier unser Resümee zum ersten Buch, "Krawall und Kekse"). Dass im Roman "das Familienleben überwiegend als glückliches Miteinander dargestellt wird, widerspricht nicht den zahlreichen Hinweisen auf seine dunklen Seiten und auf die negativen Auswirkungen, die diese auf das Leben von Frauen haben. Oft stehen Glück und Verzweiflung mindestens andeutungsweise direkt nebeneinander, so wie das gute Haus die Möglichkeit des bösen Hauses in sich birgt. Die Themen, Motive und Metaphern sind hier dieselben wie in Jacksons Horror-Romanen, deren Schrecken immer auf einem psychologischen Level angesiedelt ist, begründet im Häuslichen und Familiären. Oder wie es Jacksons Biografin Ruth Franklin formulierte: Man muss die lustigen Familienszenen hier und da nur anstupsen, damit sie in Dunkelheit abgleiten."

Weitere Artikel: Im Dlf spricht Nora Karches ausführlich mit dem Schriftsteller Saša Stanišić, der gestern mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Die Forscherin Theresa Specht erklärt im taz-Gespräch Juli Katz, warum Rechtsextreme gerne mittelalterliche Fantasy für sich vereinnahmen. Helene Slancar schaut sich für den Standard in der neuen Bücherwelt von Booktube, Bookstagram und Booktok um. In der SZ erzählt Johanna Adorján von ihrer Begegnung mit der Schriftstellerin Lily Brett bei den Dreharbeiten zu Julia von Heinz' "Treaure" nach ihrem Roman "Zu viele Männer".

Besprochen werden Alka Saraogis "Entwurzelt" (FR), Carlo Cassolas "Ins Holz gehen" (NZZ), Teresa Reichls Literaturvermittlung "But Make It Classy!" (online nachgereicht von der Zeit), Anslavs Eglitis' "Schwäbisches Capriccio" (NZZ), Marino Morettis "Die vorlaute Fischhändlerin" (FAZ) und Thomas Hüetlins "Man lebt sein Leben nur einmal" über Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Film

James Earl Jones im Jahr 2010 (Bild: Stuart Crawford, CC BY 2.0)
Die Filmkritiker trauern um James Earl Jones, der als die markante Stimme von Darth Vader (aus "Star Wars") und Mufasa (aus "König der Löwen") gleich zwei Generationen von Filmfans geprägt hat (und nebenbei auch den Slogan "This is CNN" für den Nachrichtensender einsprach). Aber auch als ganz leiblicher Schauspieler schlüpfte er mit Vorliebe in Vaterrrollen und mindestens einmal auch in verquer-bösartige. Wie etwa in "Conan, der Barbar", schreibt Dietmar Dath in der FAZ, wo "James Earl Jones als menschliche Riesenschlange Thulsa Doom den Bizepsbären Arnold Schwarzenegger an den Rand des finsteren Abgrunds seiner Herkunft lockt."

"Unabhängig von seinem majestätischen Bariton war Jones mit fast 1,90 Meter Größe auch äußerlich eine eindrucksvolle Erscheinung", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Auf dem Broadway feierte er seine größten Erfolge als größenwahnsinniger King Lear, als Othello und Macbeth, als pompöser Big Daddy in Tennessee Williams' 'Die Katze auf dem heißen Blechdach'; aber auch in den Stücken des Dramatikers August Wilson, der die afroamerikanische Erfahrung aus der Perspektive der schwarzen Arbeiterklasse einfing." Auch André Boß würdigt auf Zeit Online Jones' Verdienste und Anfänge im Theater: Mit dem Broadway-Stück "Die große, weiße Hoffnung" gelang ihm der große Durchbruch. "Jones spielt einen oft genug verzweifelten Kämpfer - gegen die Gegner im Ring. Gegen den Rassismus. Jones' Bühnenpräsenz war unvergleichlich, körperlich wie stimmlich. Und weil er sich beim Schauspiel selbst nicht anstrengen musste, konnte er die ganze Energie in die Gefühle der Figuren legen. Er litt mit ihnen. ... Die Verfilmung kam 1970 ins Kino, Jones wurde für als bester Schauspieler für den Oscar nominiert, nach Sidney Poitier als zweiter Schwarzer Darsteller in dieser Kategorie."

Mit einem Longread im Filmdienst würdigt Claus Löser den tschechischen Surrealisten und Avantgarde-Animationsfilmer Jan Švankmajer, der vor wenigen Tagen 90 Jahre alt geworden ist und bis heute "als sehr lebendiges Sinnbild für artistischen und politischen Widerstandsgeist steht. ...  An einer bloßen Abbildung der Wirklichkeit war er nie interessiert. Auch als er nach dem Kollaps des Realsozialismus endlich frei arbeiten konnte und fortan nur noch abendfüllende Filme drehte, erzählte er keine Geschichten mit klassischen Plots. Er war immer an einer Verwandlung des Vorhandenen interessiert, an Prozessen, die über das Sichtbare hinausweisen. Die Kamera sowie der Trick- und Schneidetisch sind ihm Vorrichtungen, mit denen Metamorphosen eingeleitet werden können. Mit ihrer Hilfe durchdringt er den Firnis des Sichtbaren."



Besprochen werden Julia von Heinz' Holocaust-Überlebenden-Roadmovie "Treasure" nach dem Roman "Zu viele Männer" von Lily Brett ("Angesichts der Aktualität von Antisemitismus und rechten Strömungen ... eine vertane Chance", seufzt Gunda Bartels im Tagesspiegel), Doris Metz' Dokumentarfilm "Act Now" über die 1992 verstorbene Grünen-Mitbegründerin Petra Kelly (FAZ, epd), Rupert Sanders' Remake von "The Crow" (taz), Gabriele Hochleitners Familien-Dokumentarfilm "Trog" (FAZ) und Laurens Pérols Tramperfilm "Üben, Üben, Üben" (SZ, FD, Kinozeit).
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Bühne

Eine Open-Air-Ausstellung in der Berliner Kommandantenstraße 57 erinnert elf Tage lang an das Theater des Jüdischen Kulturbundes, das am selben Ort von den den Nationalsozialisten von Deutschen Theatern vertriebenen Juden einige Jahre lang Zuflucht bot. Olga Ellinghaus rekonstruiert die Geschichte des Theaters in der Berliner Zeitung: "Jüdische Kulturschaffende, die nach dem Berufsverbot 1933 von den staatlichen Bühnen entlassen wurden, konnten in dem Verein wieder arbeiten. 'Viele der Menschen jüdischen Glaubens, die vor dem Nationalsozialismus fliehen konnten, sind berühmte Leute geworden. Aber was ist mit den Namenlosen? Den Bühnenarbeitern, dem Beleuchter, der Garderobenfrau? Für sie ist diese Ausstellung', erklärt (Ausstellungsinitiator Klaus) Wichmann. Als die Gestapo 1941 die Schließung veranlasste, wurden die meisten von ihnen direkt, oder über Umwege, nach Auschwitz deportiert."

Wie steht es um die polnische Theaterszene ein Jahr nach der Wahlniederlage der PiS-Regierung? Ziemlich gut, freut sich nachtkritik-Autorin Iwona Uberman. Politische Themen werden zwar derzeit kaum verhandelt, und auch postdramatische Experimente haben einen schweren Stand. Dafür reüssieren zahlreiche Bühnen mit fabelhaften Inszenierungen klassischer polnischer Stoffe: "Eigentlich ist es ein Treppenwitz der Geschichte: Die PiS-Regierung propagierte in den letzten Jahren vehement die polnischen Klassiker. Nennenswerte oder nur passable Inszenierungen entstanden dabei nicht. Kaum sind sie nicht mehr an der Regierung, inszenieren die wichtigsten progressiven Regisseur:innen des Landes nationale Klassik und polnische Themen. Sie machen ihre Aufführungen zu großartigen künstlerischen Erlebnissen."

Außerdem: Lisa Bullerdiek unterhält sich für die taz Nord mit Paolo Artisi, Leonie Friedel und Katharina Schadenhofer, die Teil des Leitungsteams des Hildesheimer Theaterfestivals "Making Space" sind. Judith von Sternburg erinnert in der FR an den am 5. September verstorbenen Theatermacher Peter Eschenberg. Christoph Irrgeher fragt sich im Standard, ob das Management des Wiener Opernhauses bei der Sanierung der Spielstätte irrgegangen ist, respektive versagt hat.

Besprochen werden Kay Voges' "Bullet Time" am Wiener Volkstheater (SZ) und der Dreiakter "Sigmaringer Triptychon" im Schloss Sigmaringen (FAZ).
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Musik

Benjamin Moldenhauer resümiert im ND das auf Düstermetal aller Sorten spezialiste Hellseatic-Festival in Bremen. Michael Jäger berichtet im Freitag vom Lausitz Festival. Ueli Bernays erinnert in der NZZ an die Zeit, als Gitarristen der Rockmusik noch als Götter galten. Besprochen wird die Benefiz-Compilation "Drones for Drones Vol. 3" mit experimentellem Krach zugunsten der Ukraine (taz).

Und das hat popkulturelles Gewicht: Nach dem TV-Duell zwischen Kamala Harris und Donald Trump hat Taylor Swift auf Instagram verkündet, Harris zu wählen - und sich dabei auch als "childless cat lady" in Pose gesetzt, als die Trumps Vize-Kandidat J.D. Vance Harris in Misskredit zu bringen versucht hatte.
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