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10.09.2024. Monopol und Tagesspiegel lassen sich in drei Berliner Ausstellungen von den Puppen der Choreografin Gisele Vienne verstören, die in ihren Arbeiten dem Ursprung von Faschismus und Rassismus nachspürt. Der Tagesspiegel bewundert im Willy-Brandt-Haus außerdem, wie Annemarie Heinrich sich in ihren Fotografien Argentiniens Katholizismus und Machismo widersetzte. "Niemand will ein zweites Ungarn", sagt Matej Drlička, von der slowakischen Regierung geschasster Leiter des Nationaltheaters, im taz-Gespräch. Die FAZ liest der Musikkritik die Leviten. Und die NZZ lauscht gebannt dem Wettstreit zwischen Susanna Mälkki und Christian Thielemann beim Lucerne Festival.
Gisèle Vienne, Series PORTRAITS 48/63, 2024, Foto: Gisèle Vienne Gleich an drei Orten wird in Berlin derzeit die französische Künstlerin Gisele Vienne, bekannt für ihre verstörendenPuppen-Arbeiten, gezeigt: Das Haus am Waldsee zeigt Puppen in gläsernen Särgen oder mit Verletzungen, das Georg Kolbe Museum arrangiert die Puppen zwischen historischen Vorbildern, während die Sophiensäle Viennes Bühnenarbeiten zeigen. Monopol-Kritiker Tobi Müller erläutert: "Die Puppen sind für Vienne ein Zeichen der Dissoziation, der Abspaltung von Schmerz aus dem eigenen Körper in etwas anderes. Das ermöglicht Distanz zu traumatischen Erlebnissen, von denen die Figuren wenn nicht immer erzählen, dann davon zeugen." Für den Tagesspiegel hat Birgit Rieger mit Vienne, deren Kunst sich mit Gewalt an Jugendlichen und Kindern durch "autoritäre Dominanz durch Erwachsene bis zum sexuellen Missbrauch und Inzest" beschäftigt, gesprochen: "Um in dieser Welt zu leben, muss ich verstehen, wie Gewalt entsteht, wie Faschismus, Rassismus und Neoliberalismus zustande kommen und sich artikulieren", erklärt die Künstlerin.
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel-Interview beklagt der thailändische Künstler Rirkrit Tiravanija, der bekannt für seine Kochaktionen in Museen wurde und dem der Gropiusbau jetzt die Retrospektive "Das Glück ist nicht immer lustig" widmet, dass es vor allem in der westlichen (Museums-)Welt viel mehr Regeln gebe als noch vor zwanzig Jahren. Weitere Nachrufe auf die im Alter von 80 Jahren verstorbene Künstlerin Rebecca Horn schreiben Hanno Rauterberg in der Zeit und Hans-Joachim Müller in der Welt. Peter Kropmanns erinnert in der FAZ an den vor 250 Jahren gestorbenen französischen Sammler, Verleger und Kupferstecher Pierre-Jean Mariette.
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Die Himmelsrichtungen", der neue Roman von Jo Lendle, handelt (wie interessanterweise auch das eben erschienene, online nachgereicht in der FAZbesprochene Konzeptalbum "Amelia" der Experimentalmusikerin Laurie Anderson) von der Pilotin Amelia Earhart, die 1937 beim Versuch, als erster Mensch den Globus per Flugzeug am Äquator zu umkreisen, ums Leben kam - und nebenbei auch Gedichte schrieb, die sie Magazinen unter dem männlichem Pseudonym "Emil Harte" anbot. "Mich fasziniert, was für eine fundamentale Blindheit für Grenzen Earhart hatte", verrät Lendle Julia Rothhaas im SZ-Gespräch. "Es scheint, als hätte sie niemals wahrgenommen, dass etwas eigentlich gar nicht möglich ist, technisch wie gesellschaftlich. Da war sie unverfroren. ... Ich unterstelle ihr, früh gemerkt zu haben, dass sie anders war als andere. In die ganzen Vorgaben des Frauseins hat sie sich nie einfühlen wollen oder können und daraus eine Unabhängigkeit bezogen, die ihr früh gezeigt hat: Der 'normale' Weg ist nicht meiner."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Außerdem: Der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis geht in diesem Jahr an SašaStanišić für seinen Roman "Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne" - Jury-Vorsitzende Wiebke Porombka im Dlf mit Einzelheiten. Ronald Pohl schreibt im Standard einen de facto Nachruf auf den AutorBodoHell, der seit Wochen in den Alpen verschollen ist.
Besprochen werden unter anderem die von Dana von Suffrin herausgegebene Anthologie "Wir schon wieder" mit 16 jüdischen Erzählungen (TA), UlrikeEdschmids "Die letzte Patientin" (NZZ), JörgSpäters historischer Abriss "Adornos Erben" über die Geschichte der FrankfurterSchule (FR), MichèleFischels' Comic "Outline" (online nachgereicht von der Zeit), Anna Katharina Hahns "Der Chor" (online nachgereicht von der Welt), der Band "Gedichte und Erzählungen" aus der Kritischen Gesamtausgabe WalterBenjamin (FAZ) und Jürgen Habermas' "Es musste etwas besser werden..." mit Gesprächen mit Stefan Müller-Doohm und Roman Yos (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Den "Säuberungen" in wichtigen slowakischen Kulturinstitutionen durch Kulturministerin Martina Šimkovičová (unsere Resümees) fiel auch Matej Drlička, bis vor kurzem Leiter des Slowakischen Nationaltheaters, zum Opfer. Er habe nicht mal mehr Zugang zu seinen Mails, ersetzt wurde er durch Zuzana Ťapáková, Generaldirektorin des Privatsenders Markíza und Freundin von Šimkovičová, sagt er im taz-Gespräch, in dem er auch auf die angeblichen Gründe seiner Kündigung zu sprechen kommt: "Es ist eine Liste an Nonsens und Lügen, die noch am selben Tag vom Ministerium veröffentlicht wurde. Allen voran, dass ich ein politischer Aktivist sei. Das ist eine glatte Lüge. Ich habe nie meine politischen Ansichten geteilt, weder in Interviews noch in den sozialen Medien. Auch das Theater war nicht politisch gefärbt. Ja, wir hatten auch Einladungen an Oppositionspolitiker ausgesprochen, aber das ist Teil des Protokolls und der guten Manieren", sagt er und verspricht einen "revolutionären Herbst", denn: "Niemand will ein zweites Ungarn, denn dort ist der Kampf bereits verloren."
Ja, das Lausitz Festival kostet: Einem Budget von 4,5 Millionen Euro Subventionen standen letztes Jahr gerade mal 5083 verkaufte Eintrittskarten gegenüber, aber das Geld ist gut investiert, meint Peter Laudenbach in der SZ. Und zwar nicht nur wegen des erstaunlichen Staraufgebots, sondern weil hier einfach gutes Theater gezeigt werde. Antu Romero Nunes' Tokarczuk-Adaption "Empusion" etwa, oder Lukas Rietzschels von großen Theatern abgelehntes Stück "Widerstand", mit dem die Gruppe Theaterland durch Brandenburgs Dörfer tingelt - und das zum "Stück der Stunde" taugt, wie Laudenbach lobt: "Was aus der örtlichen Arbeiterklasse nach drei Jahrzehnten Bundesrepublik geworden ist, kann man dann in der Aufführung sehen: Paketboten für Amazon, Versicherungsvertreter, Polizisten. Gedemütigt und abgehängt fühlen sie sich alle. (…) Irgendwann gehen sie dann zur Tat über und spielen etwas zu unvorsichtig mit rechten Gewaltfantasien. Lukas Rietzschel, ein genauer Beobachter, hat kein AfD-Versteher-Stück geschrieben, aber verstehen, was die Leute so unzufrieden macht, will er schon."
Ebenfalls in der SZ verneigt sich Egbert Tholl vor dem inzwischen 90 Jahre alten Künstler, Bühnenbildner und Regisseur Achim Freyer, der Verdis "Don Carlos" nun auf die Bühne des Staatstheaters Meiningen gebracht hat. Besprochen wird außerdem Robert Wilsons Adaption von Herman Melvilles "Moby Dick" am Düsseldorfer Schauspielhaus (FAZ).
Thomas Abeltshauser blickt im Freitag mit gemischten Gefühlen zurück auf die Filmfestspiele von Venedig (mehr zu deren Abschluss hier). Besprochen werden Artus' Gaunerklamotte "Was ist schon normal" (taz) und und die vierte Staffel der Apple-Serie "Slow Horses" (taz).
Und die Agenturen melden, dass der Schauspieler JamesEarlJones gestorben ist. Bekannt war nicht nur, aber auch als Stimme von Darth Vader in den "Star Wars"-Filmen.
Beim LucerneFestival kam es zu einem inoffiziellen Orchesterwettstreit der besonderen Art, berichtet Christian Wildhagen in der NZZ: Während die Berliner Staatskapelle sich zu einem von SusannaMälkki dirigierten Gastspiel bei den Eidgenossen einfand, dirigierte deren neuer Leiter ab der kommenden Saison, ChristianThielemann, die Wiener Philharmoniker. Aber das Berliner Orchester wirkte mit seinem Mahler-Programm "derart wach, auf den Punkt konzentriert und im Einvernehmen mit ihrer Dirigentin, dass das Spiel der Philharmoniker im Vergleich dazu lediglich routiniert erschien." Berlin hingegen ging mit "viel mehr Innovationsgeist" zu Werke und das "schon in dem frühen, aber visionären Sinfoniesatz 'Blumine', den Mahler nachträglich aus seiner Ersten entfernt hat. Mälkki überträgt diesen kalligrafisch genauen Zugriff dann auf dessen spätes "Lied von der Erde", das hier so radikal fortschrittlich wirkt wie selten. Doch gleichzeitig brennt und glüht die Musik in jedem Ton. ... Am Ende des existenziell aufwühlenden 'Abschieds' mit seiner Jenseitsvision herrscht auch im Saal eine kleine Ewigkeit lang Stille, ein vibrierendes Nachleuchten der Musik, wie man es nur ganz selten erlebt. Dann bricht sich Jubel Bahn, das sichtlich mitgenommene Orchester kann sein Glück anfangs kaum fassen."
Der altehrwürdige "Preis der deutschen Schallplattenkritik" wird 60 Jahre alt - eine Bastion der Unbestechlichkeit und Unabhängigkeit, schreibt Jurymitglied Max Nyffeler in der FAZ. Dem Rest der Zunft liest er aus diesem Anlass aber kräftig die Leviten: "Der musikalische Diskurs entfaltete sich einst im geschützten Bereich der Hochkultur. ... Unter dem Ansturm der Popkultur, der durch das Internet eine ungeahnte Explosivkraft erhielt, geriet die Musikkritik alten Stils in die Defensive. Die um sich greifende Verunsicherung hat heute Züge von Desorientierung angenommen. Aus Angst, als rückständig zu gelten, unterstützen die einen die opportunistischen Versuche der Veranstalter, das traditionelle Repertoire durch populistische Effekte einem klassikfernen Publikum schmackhaft zu machen", alldieweil "die anderen das Kind gleich mit dem Bade ausschütten: Sie verstehen Musikkritik als Dekonstruktion des tradierten Musikbegriffs und sympathisieren mit den politischen Aktivisten, die den verachteten bürgerlichen Musikbetrieb zum kulturellen Kampfplatz für Antikolonialismus, Umweltfragen und die Kritik am alten weißen Mann machen möchten."
Weiteres: Klaus Walter denkt in der FR über den Erfolg von Coverbands nach, die bis ins Bühnen-Outfit hinein die Konzerte ihrer Lieblinge nachstellen. Stefan Ender freut sich im Standard auf das in wenigen Tagen in Eisenstadt beginnende MusikfestivalHerbstgold. Besprochen wird der Saisonauftakt im Wiener Konzerthaus mit dem PittsburghSymphonyOrchestra (Standard).
In der Welt gratuliert Manuel Brug dem von Hans Scharoun entworfenen Wolfsburger Theater, der "kleinen Schwester der Berliner Philharmonie" zum fünfzigsten Geburtstag: "Heute ist das Wolfsburger Scharoun Theater als ensembleloses Haus eine der größten Bespielbühnen Deutschlands - und eine der am besten ausgelasteten. Was sicher auch an ihrer so besonderen Architektur liegt, welche die Besucher anzieht und die nach einem halben Jahrhundert immer noch so zeitlos modern und gültig wird, wie am ersten Tag. Und die gut gepflegt wie dezent renoviert wurde. Gerade als regelmäßiger Philharmonie-Besucher scheint einem hier vieles vertraut - angefangen von den zwei Bullaugenfenstern des Kassenraums am Eingang mit seinem schräg gestellten schmalen Vordach - Scharoun liebte eben Schiffe sehr. Über das langgezogene, eckig schwingende Foyer mit seinen ebenfalls aus der Philharmonie bekannten Tetraeder-Stehtischen geht es - eine Besonderheit - in ein weiteres Zwischenfoyer, das wohl aus akustischen Gründen vor dem eigentlichen Zuschauerraum platziert ist und die Treppen in den Rang abgehen lässt."
Weitere Artikel: Ebenfalls in der Welt sinniert Jan Grossarth über Traurigkeit in Neubaugebieten und die japanische Weisheitslehre "Wabi Sabi".