Efeu - Die Kulturrundschau

Die geheime Mechanik der Seele

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23.08.2024. Die Streamingdienste zeigen nur noch uniformen Schrott, beschwert sich Zeit Online. Die FAZ lotet das Verhältnis Claudia Roths zu Bayreuth aus und genießt auf dem Kunstfest Weimar das Spiel der Theaterlegenden Eva Mattes und Roberto Ciulli. Ebendort freut sich die SZ, dass die Menschenrechtsorganisation Memorial sich nicht unterkriegen lässt. In Luzern bekommt die NZZ Wagner mit zeitgenössischen Instrumenten zu hören - und staunt, wie rauh das klingt. Der Freitag hinterfragt die Kanon- und Auszeichnungspraktiken des deutschen Literaturbetriebs.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2024 finden Sie hier

Kunst

Das andere Russland. Bild: Kunstfest Weimar. © Archiv Zukunft Memorial e.V.

Die Menschenrechtsorganisation Memorial ist in Russland von Putin offiziell zerschlagen worden, im Exil arbeitet sie weiter. So hat die Historikerin Irina Scherbakowa als Schirmherrin für das Kunstfest Weimar die Ausstellung "Das andere Russland" kuratiert, SZ-Kritikerin Christine Dössel sieht darin "vor allem auch ein Lebenszeichen: dass es diese Wahrheitsforscher noch gibt. Dass sie sich nicht unterkriegen lassen. Es ist nur eine kleine Ausstellung, aber wirkungsvoll. Ein einziger Raum, darin Sperrholz-Aufsteller mit Fotos und Dokumentationen. In der Mitte eine Tischvitrine mit Objekten, Zeichnungen, persönlichen Dingen aus den Gulags. Kleine Puppen, gefertigt aus einem Wollfaden, ein Frauenkopf-Mosaik aus Eierschalen, heimlich eingenähte Gebetstexte in einer Weste. Kultur-Spuren von Menschen in größter Not, Zeichen ihrer Würde." Yelizaveta Landenberger trifft für die FAZ Scherbakowa, die inzwischen im deutschen Exil lebt: "Scherbakowa hebt hervor, dass auch die deutsche Gesellschaft historische Aufklärung, wie sie Memorial betreibe, benötige. Sie und ihre Mitstreiter hätten noch vor Putins Machtantritt, schon während des ersten Tschetschenienkriegs Mitte der Neunzigerjahre die Vorzeichen einer autoritären Wende erkannt. Das wolle sie auch in Deutschland vermitteln. Denn Putins Propaganda beeinflusse längst nicht nur die russische Gesellschaft."

Für Monopol sieht sich Anne Kiesiel im Woods Art Institute Hamburg um, das von Sammler Rik Reinking gegründet wurde und ein Ort der Entschleunigung und der Begegnungen sein soll. So kommen sowohl High- und Low-Art miteinander in Kontakt als auch ganz verschiedene geografische Räume: "Masken aus Ozeanien oder Afrika treten hier in Austausch mit einem Schädel von Damien Hirst, der belgische Künstler Jan Fabre und die niederländische Künstlerin Amie Dicke steuern ebenfalls Bilder des menschlichen Selbst bei. Spannungsreich ist auch die Präsentation einer Video-Arbeit des griechischstämmigen Filippos Tsitsopoulos in der ehemaligen Turnhalle. Der Künstler setzt sich mit der Tradition von Masken im antiken Theater als Verkörperung von Emotionen auseinander. Nicht nur in der westlich geprägten Hemisphäre dienen die artifiziellen Gesichter als Instrumentarium, um verborgene Gefühlsregungen freizusetzen."

Die Ausstellung "Im Dialog mit Benin" im Zürcher Museum Rietberg zeigt Artefakte, die 1897 als Raubgüter nach Europa gekommen sind, so Giorgio Scherrer in der NZZ, vielleicht sind sie vor einer möglichen Rückgabe zum letzten Mal zu sehen. Das Museum versucht einen Brückenschlag und zeigt sowohl den afrikanischen wie den westlichen Blick auf die Werke: "Erst ihr Wechselspiel ist es, das die Vergangenheit der Objekte mit ihrer Gegenwart verbindet - und ihrer ungewissen Zukunft. Dort steht jene Frage, zu der jede Geschichte über die Benin-Bronzen unweigerlich führt: Zurückgeben oder nicht? Das letzte Wort werden die Besitzer haben, in diesem Fall Stadt und Kanton Zürich. (...) Frankreich und Deutschland haben in den letzten Jahren rund vierzig Benin-Bronzen nach Nigeria restituiert, über tausend weitere sollen folgen. Gut möglich also, dass der Kopf des Oba, der Stosszahn mit den Brandspuren, die filigrane Gürtelschnalle gerade zum letzten Mal in Zürich zu sehen sind."

Weiteres: Nachdem eines seiner Kunstwerke mit einem Hakenkreuz beschmiert wurde, setzt der israelische Künstler Avi Albers Ben Chamo auf Dialogbereitschaft statt auf Anzeigen, berichtet der Tagesspiegel.

Besprochen wird die Ausstellung "der die DADA" im Arp Museum Rolandseck (FR).
Archiv: Kunst

Film

Einst hoben sich die Streamingdienste vom Durchschnittsfernsehen mit qualitativ hochstehenden Produkten ab, heutzutage unterbieten sie es mit unfassbaren Mengen von Schrott, seufzt Lars Fleischbrod auf Zeit Online. Und Werbeblöcke durchkreuzen das Programm mittlerweile auch. "Das Mittelmaß ist die Stärke von Netflix: Streamer kennen die Datenlage besser als Sender. Sie nutzen Algorithmen, die dem Zuschauer neue Varianten des Immergleichen vorsetzen. ... Wer mit deutschen Drehbuchautoren spricht, der weiß, dass sie heute über die neue Netflixmaschinerie klagen wie früher über die öffentlich-rechtliche Bürokratie. Streamingdienste pressen, bevor der erste Dialog geschrieben ist, jede Erzählung in engmaschige Formeln. ... Man könnte das die Mick-Jagger-Storytelling-Theorie nennen; man könnte es genauso gut einen begrifflosen, seelenlosen Anschlag auf jede Geistesregung nennen. Wo man Geschichten solchen Verkehrsregeln unterwirft, wird es nie wieder ein 'The Wire' geben, wie David Simon es erfunden hat, als er sich endlich von solchen stupide schematischen Sendervorgaben befreien konnte. Streamingdienste wollten keine herausragenden Serien mehr produzieren, schreibt der Fernsehkritiker Poniewozik, sondern schöne Vorschaubilder für die Mediatheken."

Außerdem: Christiane Peitz blickt für den Tagesspiegel auf die wenig überraschend einigermaßen desaströse Halbjahresbilanz der deutschen Filmbranche. In der NZZ schreibt Patrick Holzapfel über Leben und Werk von Henri-Georges Clouzot. Rüdiger Suchsland schreibt auf Artechock einen Nachruf auf Alain Delon (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden Zoë Kravitz' Regiedebüt "Blink Twice" (Standard) und Aaron Arens' "Sonnenplätze" (Artechock).
Archiv: Film

Bühne

Jan Brachmann ärgert sich in der FAZ über Claudia Roth, trotz eines gestiegenen Bundesanteils an der Finanzierung. Brachmann sieht in Roths Forderungen nach diverserem Programm und Publikum vor allem Ressentiments: "Vermutlich ist es ein Loyalitätskonflikt gegenüber dem eigenen Milieu, der Roth immer wieder zu anmaßenden und darin gefährlichen Äußerungen über Bayreuth anstachelt. Dieses Milieu, das sich in Form von kulturrevolutionärem Bildungsbürgermobbing auch beim Umkrempeln der Programminhalte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Macht verschafft hat, kultiviert von 'Bayreuth' das Feindbild eines elitären Glamour-Events für galoppierend vergreisende Bestverdiener."

"S wie Schädel." Bild: Thomas Müller.


Zum Auftakt des Kunstfests Weimar lässt sich FAZ-Kritikerin Sandra Kegel vom hinreißenden Spiel der Theaterlegenden Eva Mattes und Roberto Ciulli verzaubern, die in "S wie Schädel" Texte von Navid Kermani auf die Bühne bringen. Es geht um Liebe, Trost und Hoffnung, bisweilen erhaschen die Zuschauer "einen Blick in die geheime Mechanik der Seele." Das Wesen des Theaters komme zum Vorschein und erklärt denn auch den Titel dieses collagenartigen Abends: "Der promovierte Philosoph und Hegel-Kenner Ciulli hat einmal die paradoxe Formel aufgestellt, dass das Leben vom Tod handle, das Theater aber vom Leben. Wenn man dem Altmeister nur dabei zusieht, wie unendlich viel Zeit er sich nimmt, um aus Sand und Wasser kleine, seltsame Figuren zu kneten, bekommt man eine Ahnung davon, was Gelassenheit bedeutet. (...) Die Figürchen etwa, die bald wie Artefakte einen ganzen Tisch bevölkern, sind Gestalt gewordene Reaktion auf eine kurze Binnenerzählung, die ins Jahr 1900 zurückreicht, als in Tansania eine Gruppe Widerstandskämpfer von deutschen Kolonialherren gehängt wurde. Deren Köpfe wurden hernach zu Forschungszwecken ins Kaiserreich verschifft: 'Allein die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verwahrt in ihrem S-Archiv - S wie Schädel - rund 5500 abgetrennte Häupter aus den ehemaligen Kolonien', heißt es bei Kermani."

Nachtkritiker Tobias Prüwer fühlt sich hingegen nicht ganz abgeholt von der Collage an Textsplittern aus Kermanis Oeuvre: "Die auf universalistische Ebene abzielende Inszenierung, die Ciulli in seiner Doppelrolle als Spieler und Regisseur eingerichtet hat, verliert sich im Partikularen, wenn den einzelnen Grausamkeiten schon schwer zu folgen ist, sie aber das Unbegreifbare einen soll. Jedes Einzelschicksal ist zu viel, sicher. Aber statt loser Aufzählung wäre ein bündigerer Abend, der mehr ist als die Summe seiner Teile, wünschenswert gewesen."

Stefan Kaegis "Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan)" gastiert derzeit am Zürcher Theaterspektakel, Anna Kardos befindet in der NZZ, dass das Geschehen auf der Bühne mehr einlöst als der Titel verspricht: Die Schauspieler "versuchen nun während der Dauer der Vorstellung mit theatralen Mitteln eine Botschaft für Taiwan einzurichten. Ihre persönlichen Erfahrungen mischen sich dabei mit der Tragik ihres Landes, Fakten und Visionen setzen sich mit witzigen Episoden zu einem großartigen Mosaik zusammen. Und bei aller Realität wahrt Stefan Kaegi die künstlerische Distanz, so dass das Stück trotz Intimität nie ins Voyeuristische abdriftet. So entsteht ein sinnlich-theatrales Amalgam, das uns Zuschauende mitnimmt auf eine Spurensuche in ein Land, das bis heute offiziell nicht existieren darf."

Weiteres: Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg ist von "Theater Heute" zum Theater des Jahres gewählt worden, meldet die FR, Lina Beckmann zur Schauspielerin und Dimitrij Schaad zum Schauspieler des Jahres, ergänzt Spiegel Online.
Archiv: Bühne

Musik

Die "Raritäten der Klaviermusik" im Schloss vor Husum rücken das Musikgeschichtsverständnis in schöner Regelmäßigkeit zurecht, schreibt Jan Brachmann in der FAZ. Doch in diesem Jahr grenzen die Entdeckungen an eine Sensation, die "unser Bild vom frühen neunzehnten Jahrhundert grundsätzlich erschüttert". Die britische Pianistin Clare Hammond stellte die französische Komponistin und Pianistin Hélène de Montgeroult mit einer Auswahl von zwischen 1788 und 1812 entstandenen Etüden vor, die viel von dem vorweg nehmen, was später Schubert, Chopin und Beethoven zugeschrieben wird - und Mendelssohn gar unter Plagiatsverdacht stellt. "Erschütternd ist daran dreierlei: Erstens erleben wir die Geburt des romantischen Klavierstücks in Frankreich noch zu Lebzeiten Mozarts und Haydns; zweitens erfährt hier lange vor Chopin die Etüde ihre Umprägung vom manuellen Trainingsstück in eine Form wortloser Lyrik; drittens steht damit eine Frau an der Spitze musikgeschichtlicher Innovation und Originalität und nicht mehr im Windschatten männlicher Avantgarde."

Beim Lucerne Festival führten Concerto Köln und die Dresdner Festspielorchester unter Kent Nagano Wagners "Walküre" mit Instrumenten aus der Entstehungszeit der Oper auf - eine äußerst interessante Erfahrung, versichert Christian Wildhagen in der NZZ. "Die Musik klingt viel rauer, ungeschlachter, wilder als gewohnt, es rumpelt, knarzt und ächzt im buchstäblich historischen Gebälk - bei heutigen, immer noch auf einen philharmonisch abgerundeten Ton getrimmten Orchestern hört man solche urwüchsige Unmittelbarkeit selten. Das Klangbild ist generell weniger höhenbetont und geschlossen, dafür erdiger, dunkler, archaischer. Und obwohl sich die einzelnen Instrumentengruppen viel weniger homogen mischen, kommt es zwischen ihnen nicht zu jenen Überbietungswettbewerben, bei denen der von Wagner charakteristisch erweiterte Blechbläser-Apparat alle anderen dominiert. ... Hier wird wirklich ein neues Kapitel der Wagner-Interpretation aufgeschlagen."

Taylor Swift hat ihr Schweigen zu Wien gebrochen: Sie wollte nicht schweigen, schreibt sie, sondern den richtigen Zeitpunkt abwarten - bis nach dem Ende ihrer Europa-Tournee. "Das ist okay", kommentiert Karl Fluch im Standard und plädiert im Fantum für mehr Gelassenheit. "Hätte sie es früher getan, auch gut. Vielleicht besser. Vielleicht nicht. ...Gut ist es nicht gangen, aber nix ist g'schehn. Das zählt."

Weiteres: Das Debüt des 28-jährigen finnischen Dirigenten Klaus Mäkelä bei den Salzburger Festspielen war "ein Fest, ein Triumph, eine sanfte Überwältigung", jubelt Helmut Mauró in der SZ. "Schon in den ersten Takten von Peter Tschaikowskys Violinkonzert ... horcht man auf. Wie genau da jeder Ton und jedes begleitende Tönchen geformt wird." Für den Standard resümiert Heidemarie Klabacher den Abend. Dass die ersten KI-generierten Songs in die Charts einsickern, nimmt Lars Fleischmann in der taz eher gelassen zur Kenntnis: "Eingedenk der Tatsache, dass bereits einige Lieder mit Algorithmen und KI-Tools aufgemotzt werden, kann man eh nicht mehr zwischen 'echt' und 'künstlich' unterscheiden." Besprochen werden das neue Album von What Are People For (taz), die Memoiren von Frank Zappas Tochter Moon Unit Zappa (Presse), das erste von vier Wiener Coldplay-Konzerten (Standard, Presse) und das neue Album "Romance" von Fontaines D.C., bei dem tazler Dirk Schneider nicht recht ein noch aus weiß: Es ist einerseits "ein raffiniertes Meisterwerk", aber andererseits auch "ein Stück exquisiter musikalischer Designerware".

Archiv: Musik

Literatur

Im Freitag kann Marlen Hobrack die insbesondere auf Social Media laut gewordene Kritik an der Longlist zum Deutschen Buchpreis (unser Resümee) zum Teil schon nachvollziehen, insbesondere was die überaus starke Präsenz von Konzernverlagen betrifft. Allerdings fehlt ihr daran der strukturelle Ansatz: "Literatur entsteht nicht im gesellschaftlich luftleeren Raum. Wer bereits viel symbolisches Kapital besitzt, weil er sich als Journalist einen Namen gemacht hat oder der Sohn eines berühmten Lyrikers ist, der kann diese symbolischen Vorteile in lukrative Verträge umwandeln. Das Migrantenkind, das leider nicht an einem Literaturinstitut studiert hat, dürfte es dagegen schwerer haben. Momentan sind sowohl ökonomisches wie auch symbolisches Kapital in den Händen weniger konzentriert. Insofern hilft es nicht, das Pferd von hinten aufzuzäumen, also den Mangel auf Listen anzukreiden. Stattdessen muss man immer und immer wieder hinterfragen, wer bestimmt, was kanontauglich ist, wer in Jurys entscheidet und wer im schrumpfenden Diskursraum, den wir Feuilleton nennen, überhaupt noch besprochen wird."

Weiteres: Thomas Ribi (NZZ) und Jakob Hessing (Welt) erinnern an Ephraim Kishon, der vor 100 Jahren geboren wurde, und insbesondere an dessen außergewöhnlichen Erfolg in Deutschland.

Besprochen werden Zora del Buonos "Seinetwegen" (taz), Sven Regeners Poetikvorlesung "Zwischen Depression und Witzelsucht. Humor in der Literatur" (NZZ), Lydia Davis' Kurzgeschichtenband "Unsere Fremden" (FR), Barbara Zemans "Beteigeuze" (Standard), Marion Messinas "Die Entblößten" (Freitag), ein von Eva Rieger herausgegebener Band mit Briefen von Richard und Minna Wagner (FR), Beate Roths Rezeptebuch "Jean Paul häppchenweise" (FAZ) und Chantal-Fleur Sandjons "City of Trees" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur