Efeu - Die Kulturrundschau
In hinreißende Dialoge verstrickt
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.08.2024. Die SZ verschraubt ihren Körper mit Anne Teresa De Keersmaeker vor modernen Meistern zu Klangströmen von Marlene Dietrich bis Herbert Grönemeyer im Folkwang Museum. Die FAZ spricht mit dem tschechischen Dirigenten Jakub Hrůša, der frischen Wind in die deutsch-tschechischen Beziehungen bringen will. Außerdem erinnert sich die FAZ mit Mohamed Kordofanis Filmdebüt "Goodbye Julia" an die Aufbruchstimmung, als der Südsudan seine Unabhängigkeit erklärte.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
20.08.2024
finden Sie hier
Kunst


An "allen Nervenenden gepackt" wird Ingeborg Ruthe (FR) in der Ausstellung "Arctic Hysteria" im KW Institute for Contemporary Art, das der im Alter von nur 49 Jahren gestorbenen grönländischen Künstlerin Pia Arke eine Retrospektive widmet. Arke untersuchte in ihren Arbeiten die noch heute wirksamen "kolonialen Strukturen und die daraus entstandenen Verletzungen im Alltag", so Ruthe: "Geradezu radikal wehrte Arke sich mit ihren künstlerischen Mitteln gegen die ihrem Volk seit dem 18. Jahrhundert von Dänemark auferlegte Kategorisierung. So baute sie eine an ihre Körpermaße angepasste Camera obscura, um so geradezu physisch Teil des Bildherstellungsprozesses zu werden. (...) Mit diesem Vehikel, dessen sich einst schon Leonardo da Vinci und die Aufklärer René Descartes und John Locke so praktisch wie wissenschaftlich bedienten, schuf die Künstlerin die stärksten Arbeiten ihres Nachlasses: ihre Selbstporträts, ihre Körper-Interaktionen mit der ruppigen Landschaft. Für Arke waren diese düsteren, verhuschten Camera-obscura-Aufnahmen symbolische Akte der Ermächtigung und der still-trotzigen Verschmelzung des Inuit-Körpers mit dem Land."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel berichtet Birgit Rieger, wie Chemnitz, im kommenden Jahr Kulturhauptstadt Europas, mit diversen Ausstellungen und "Art-Scouts" versucht, den Rechten zu trotzen.
Besprochen werden die Ausstellung "Frans Hals. Meister des Augenblicks" in der Berliner Gemäldegalerie (taz) und die Ausstellung "Patrick Faigenbaum: À la cristallerie de Saint-Louis" im Kristallmuseum La Grande Place in Saint-Louis-lès-Bitche (FAZ).
Architektur
Die meisten Megastädte sind wohl doch eher "Rohrkrepierer", hält Gerhard Matzig in der SZ fest: Scheitern die Projekte doch immer häufiger an "Finanzierungskrisen, Umsetzungskrisen und der immer schwer zu beantwortenden Frage, ob die grünen Traumstädte nicht doch nur Greenwashing-Fantasien sind". Jüngstes Beispiel ist die von Sofian Sibarani entworfene Retortenstadt Nusantara auf Borneo. "Das Vorhaben - erdacht, um die an Überbevölkerung leidende und vom steigenden Meeresspiegel bedrohte Hauptstadt Jakarta zu entlasten - ist noch surreal. (…) Was fertig ist, natürlich: Präsident Joko Widodos neuer, ziemlich grotesk aussehender Palast in Form eines Feder-Fabelwesens. Der 'Garuda' dient in Indonesien als Hoheitszeichen. Reduziert zur Fassade ist auch die Assoziation zum deutschen Bundesadler als 'fette Henne' gestattet."
Film

Mit regem Interesse hat FAZ-Kritiker Bert Rebhandl Mohamed Kordofanis Filmdebüt "Goodbye Julia" gesehen, neben Amjad Abu Alalas "You Will Die at 20" aus dem Jahr 2019 der zweite sudanesische Film, der in den letzten Jahren aufs internationale Filmparkett getreten ist. Das im Jahr 2005 einsetzende Drama um eine frühere Sängerin, die sich zunächst den gängigen Rollenvorstellungen einer Ehefrau fügt, hat auch mit den Demokratiebewegungen im Land der letzten Jahre zu tun, erfahren wir: Der Regisseur geht mit seinem Film "an einen Punkt zurück, der für die heutige Situation in seinem Land konstitutiv ist: die Zeit, in der Südsudan seine Unabhängigkeit erklärte und auch internationale Anerkennung dafür fand. Die Konfliktlinien von damals sind der Geschichte von 'Goodbye Julia' geradezu diagrammatisch eingeschrieben. ... Mona ist eindeutig eine Stellvertreterin, aber in erster Linie ein vielschichtig gezeichnetes Individuum. Die Unterdrückung ihres künstlerischen Temperaments, die sich in der ostentativen Verschleierung zeigt, bricht in dem Moment auf, in dem die Zweierbeziehung mit Akram sich sozial öffnet, und auch ethnisch und religiös, denn Julia gehört zur christlichen Minderheit. Die Musik, die in Sudan eine starke, teilweise aber vergessene Tradition hat, steht für eine Emanzipation, die zugleich eine Wiederentdeckung verdrängter Wurzeln wäre."
Weiteres: Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit Fanny Liatard und Jérémy Trouilh über deren aktuellen Kinofilm "Gagarin" über den Abriss der Cité Gagarine bei Paris. Anna Böhler erinnert im Tagesanzeiger an die lebenslange Verbundenheit zwischen Romy Schneider und dem eben verstorbenen Alain Delon. Besprochen wird Kevin Costners Western "Horizon" (Presse).
Bühne

Zum zweiten Mal kuratiert Ricardo Carmonda das Berliner Festival Tanz im August, im Zentrum steht dieses Jahr das Thema "Migration", wie Katrin Bettina Müller (taz) der Eröffnungsrede entnimmt. Passend dazu inszeniert die junge Brüsseler Choreografin Soa Ratsifandrihana mit dem Gitarristen Joël Rabesolo ihr Stück "Fampitaha, fampita, fampitàna": "Beide und die zwei weiteren Performer eint eine Geschichte der Migration in erster, zweiter und dritter Generation aus Madagaskar, Haiti und weiteren früheren Kolonien Frankreichs und Belgiens. Am Anfang zitieren ihre Rokoko-Kostüme die Kolonialzeit und ihr Tanz lehnt sich an höfische Menuette an. Bald aber folgen Funk, Soul und Disco in der Musik. Szenen der sprachlichen Übungen wechseln mit langen Tanzsequenzen ab, in denen sie eine immer größere Leichtigkeit entfalten. ... So hat das Stück einige Verweise auf den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit, lebt vor allem aber vom freien Umgang mit schwarzen Musikstilen und minimalistischen Tanzmaterial."
Dass Anne Teresa De Keersmaeker sich nie zum Vorwurf toxischer Arbeitsbedingungen äußerte, auch nicht der SZ gegenüber, hat Dorion Weickmann nicht vergessen. Künstlerisch aber ist die Choreografin nicht zu toppen, versichert Weickmann, die mit Keersmaeker im Stück "Y" während der Ruhrtriennale durch das Folkwang Museum tanzt und sich vor den Meistern der Moderne im Sehen schulen lässt: "Virtuos verschraubte Körper werden in hinreißende Dialoge verstrickt, in Zwiegespräche mit Gemälden, Skulpturen und Fotografien, die De Keersmaeker auf einer Ausstellungsfläche von mehr als achthundert Quadratmetern versammelt hat. Mittendrin bebildert sie nun das Spannungsverhältnis zwischen Stillstand und Bewegung, Abstraktion und Figuration, gestern und heute."
Weitere Artikel: Bis zu zehn Prozent soll der Berliner Kulturetat gekürzt werden, also gut und gerne um 100 Millionen Euro - die Szene ist entsprechend beunruhigt, weiß Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Aber Joe Chialo steht noch vor weiteren Herausforderungen: "In Kürze soll die Intendanz der Volksbühne ausgeschrieben werden. Das gehört zum komplizierten Verfahren, dass sich das Haus Chialo ausgedacht hat. (…) Wer soll, wer könnte übernehmen? Die Choreografin Florentina Holzinger wird genannt, ebenso der norwegische Regisseur Vegard Vinge, der vor Jahren in Berlin irre Inszenierungen gemacht hat, auch Ersan Mondtag scheint im Gespräch zu sein." Äußerst zufrieden resümiert Simon Strauß in der FAZ zwei knapp achtstündige Lesemarathons zu vergessener österreichischer Dramatik bei den Salzburger Festspielen, darunter: Ferdinand Kringsteiners 1806 uraufgeführte Farce "Werthers Leiden", Theodor Herzls 1898 in Wien uraufgeführtes politisches Reflexionsstück "Das neue Ghetto" und das 1929 uraufgeführte und seitdem vergessene Stück "Heer ohne Helden" von Anna Gmeyner. Nachtkritikerin Valeria Heintges resümiert den Auftakt des Zürcher Theater Spektakels.
Besprochen werden das Stück "Aurora" von Sputnik Kollektiv im Theater Bremen (taz) und das Rossini Opera Festival in Pesaro (Welt).
Literatur
Tilman Spreckelsen gratuliert in der FAZ dem Schriftsteller Arno Surminski zum 90. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem Arno Geigers "Reise nach Laredo" (Standard, FR, NZZ, FAZ), Daniela Kriens "Mein drittes Leben" (Freitag), Benedict Wells' "Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Leben" (FR), Rita Bullwinkels Debütroman "Schlaglicht" (Zeit Online) und David Wagners "Verkin" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
Konstantin Nowotny durchleuchtet für die Jungle World die "Swiftonomics": Längst sind die Mega-Konzerte samt der "Eras"-Tour des us-amerikanischen Popstars (aber auch etwa die zehntägige Münchner "Residency" von Adele) ein Wirtschaftsfaktor, an dem nicht nur der Star selbst, sondern viele Branchen und Nationalökonomien munter mitverdienen. Damit einher geht aber auch "eine neue Art von Marktdruck. Denn alle, die mit solchen Massenveranstaltungen im Wettbewerb stehen, können dabei nur leer ausgehen. Wer zwischen 200 und 1.000 Euro für ein Adele-Konzert ausgibt, der leistet sich im Zweifel weniger kleinere und günstigere Clubkonzerte im Jahr. Und wenn die Sängerin fast einen ganzen Sommermonat in der bayerischen Landeshauptstadt residiert, wird es für alle schwer, deren Shows mit diesen Publikumsmagneten konkurrieren. ... Der Begriff 'Swiftonomics' bezeichnet also nicht viel mehr als die Monopolisierung der Live-Industrie, mit allen Begleiterscheinungen, die solche Monopolisierungen auch in anderen Wirtschaftsbereichen mit sich bringen. Plötzlich interessieren sich für die großen Stars nicht nur Fans, sondern Investoren, Banken und Politiker - und das ist durchaus eine neue 'Era' für die internationale Popmusik."
Gerald Felber unterhält sich für die FAZ mit dem tschechischen Dirigenten Jakub Hrůša, der im September die Bamberger Symphoniker, die er als Chefdirigent leitet, und die Tschechische Philharmonie, deren Erster Gastdirigent er ist, für ein Open-Air-Konzert in Prag zusammenbringen will. "Es hat in Böhmen und Mähren bis zur kompletten Annullierung nach 1945 jahrhundertelang ein ganz natürliches Nebeneinander der tschechischen und deutschen Sprache und ihrer Kulturen gegeben - nicht ohne Auseinandersetzungen, aber insgesamt sehr fruchtbar", sagt er. "Auch bei der Prager Uraufführung von Gustav Mahlers 7. Symphonie 1908 spielten tschechische und deutsche Musiker zusammen, und es war schon lange meine Idee, dieses Ereignis mit den Nachfolgern der damals beteiligten Orchester zu erneuern - die Bamberger Symphoniker sahen sich ja bei ihrer Gründung 1946 selbst in der Tradition der ehemaligen Deutschen Philharmonie in Prag."
Weiteres: Jan Brachmann resümiert in der FAZ die ersten Tage des Lucerne Festivals. Karl Fluch porträtiert für den Standard den US-Musiker Post Malone. Besprochen werden ein Konzert von Jan Voglers Moritzburg Festival Orchester in Berlin (Tsp), Kiko Dinuccis und Luise Volkmanns gemeinsames Album "Enxame" (FR), Sonic Booms und Panda Bears gemeinsame EP "Reset Mariachi" (Standard), das neue Album von Beabadoobee (SZ) und weitere neue Musikveröffentlichungen, darunter das gemeinsame Album "Unfolding" des Klarinettisten Louis Sclavis und des Pianisten Benjamin Moussay (Standard).
Gerald Felber unterhält sich für die FAZ mit dem tschechischen Dirigenten Jakub Hrůša, der im September die Bamberger Symphoniker, die er als Chefdirigent leitet, und die Tschechische Philharmonie, deren Erster Gastdirigent er ist, für ein Open-Air-Konzert in Prag zusammenbringen will. "Es hat in Böhmen und Mähren bis zur kompletten Annullierung nach 1945 jahrhundertelang ein ganz natürliches Nebeneinander der tschechischen und deutschen Sprache und ihrer Kulturen gegeben - nicht ohne Auseinandersetzungen, aber insgesamt sehr fruchtbar", sagt er. "Auch bei der Prager Uraufführung von Gustav Mahlers 7. Symphonie 1908 spielten tschechische und deutsche Musiker zusammen, und es war schon lange meine Idee, dieses Ereignis mit den Nachfolgern der damals beteiligten Orchester zu erneuern - die Bamberger Symphoniker sahen sich ja bei ihrer Gründung 1946 selbst in der Tradition der ehemaligen Deutschen Philharmonie in Prag."
Weiteres: Jan Brachmann resümiert in der FAZ die ersten Tage des Lucerne Festivals. Karl Fluch porträtiert für den Standard den US-Musiker Post Malone. Besprochen werden ein Konzert von Jan Voglers Moritzburg Festival Orchester in Berlin (Tsp), Kiko Dinuccis und Luise Volkmanns gemeinsames Album "Enxame" (FR), Sonic Booms und Panda Bears gemeinsame EP "Reset Mariachi" (Standard), das neue Album von Beabadoobee (SZ) und weitere neue Musikveröffentlichungen, darunter das gemeinsame Album "Unfolding" des Klarinettisten Louis Sclavis und des Pianisten Benjamin Moussay (Standard).
Kommentieren