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06.08.2024. Nach einigen Highlights fällt Valentin Schwarz' "Ring des Nibelungen" in Bayreuth beim Publikum erneut durch, bedauert die FAZ, die immerhin ein paar berührende Momente gesehen hat. Die taz lernt in einer Londoner Ausstellung, dass die "Tropische Moderne" keineswegs eine antikolonialistische Strömung war. Die nachtkritik ergründet die Verquickungen von Journalismus und Theater. Der Schauspieler und Gewerkschafter Heinrich Schafmeister zeichnet in der SZ ein düsteres Bild von der Situation deutscher Schauspieler.
Szene aus "Dem Ring des Nibelungen" in Bayreuth. Foto: Enrico Nawrath. Wagners Ring der Nibelungen in Bayreuth war leider eine Enttäuschung, bedauert Clemens Haustein in der FAZ. Die Idee des Regisseurs Valentin Schwarz, den Ring als "Geschichte ewig sich fortpflanzender Traumata" zu erzählen, findet Haustein eigentlich vielversprechend, allerdings war die Umsetzung für ihn wenig originell: "Eine vollgerümpelte Bühne und eine äußerst inflationäre Verwendung von Pistolen, offenbar ein verzweifelter Versuch, Dramatik zu erzeugen. Beides deutet auf eine gewisse Ratlosigkeit des Regie-Teams hin, wie mit der Ring-Erzählung denn im Detail zu verfahren sei." Berührende Momente gab es aber trotzdem, so Haustein: "Die erste Sünde ist hier nicht der Raub des Rheingoldes, sondern die Bemächtigung eines Kindes durch Erwachsene, die es in ihrem Sinn formen wollen. Wie dieses Ring-Kind in die Handlung eingeführt wird, gehört zu den berührenden Momenten dieser Inszenierung: Zur Sonnenaufgangsmusik im 'Rheingold', wenn die 'Weckerin' 'in den Grund' 'lacht', kommt ein Junge im goldgelben Shirt auf die Bühne, verträumt am Rand eines Pools entlangbalancierend, in dem eben noch die Rheintöchter Alberich in mehrfacher Hinsicht nass gemacht hatten."
Elena Philipp und Esther Slevogt unterhalten sich für die nachtkritik mit dem Regisseur Calle Fuhr und dem Correctiv-Autor Jean Peters. Einige Produktionen setzen in letzter Zeit auf eine Mischung aus Journalismus und Theater, wie zum Beispiel die Inszenierung "Geheimplan gegen Deutschland" von Correctiv mit dem Volkstheater Wien und dem Berliner Ensemble. Gibt es, so die Frage der Kritikerinnen, nicht einen grundlegenden Widerspruch zwischen faktenbasiertem Journalismus und der Fiktion im Theater? Im Journalismus wird ja ebenfalls inszeniert, meint Peters - es kommt darauf an wie und mit welchem Zweck: "Ich habe kürzlich einen ehemaligen BILD-Chef, getroffen und der sagte, 'wirklich beeindruckende Recherche, aber diese Inszenierung fand ich zu viel'. Da habe ich innegehalten, ihm in die Augen geguckt und gelächelt. Da hat er es selber gemerkt, dass sie bei BILDständig Fakten inszenieren und zu Kampagnen bauen...Die verfolgen eine eigene politische Agenda, verdrehen Fakten, trampeln auf den Ärmsten der Gesellschaft herum. Bei Correctiv ist das Ziel und die Umsetzung mit künstlerischen Mitteln natürlich grundsätzlich anders als bei der Bild Zeitung. Fakten müssen so eingebettet, also kontextualisiert und emotionalisiert werden, dass das Publikum die Komplexität besser versteht. Und wenn du auf das Wort Manipulation bestehen solltest... Wir manipulieren zur Selbstbestimmung und zum gemeinschaftlichen Erkenntnismoment."
Weiteres: Dorion Weickmann trifft für die SZ den Ballerino Julian MacKay, erster Solist beim Bayerischen Staatsballett, der nebenher "Markenbotschafter" für Cartier ist. Tom Mustroph berichtet für die taz vom Eisenbahntheaterprojekt "Hotel Einheit".
Tilman Spreckelsen entdeckt in der FAZ das Mittelalter-Kartenspiel Ludwig Tiecks. Peter Kropmanns plädiert ebenfalls dort dafür, den Historienmaler Fernand Cormon wiederzuentdecken, der in seiner privaten Malschule "Atelier Cormon" in Paris unter anderem Louis Anquetin, Henri de Toulouse-Lautrec und Vincent van Gogh unterrichtete, die allerdings seinen Vorgaben einer realistischen Malerei nicht folgen wollten.
Besprochen werden die Klangkunst-Ausstellung "Sounds Of Bethany" im Künstlerhaus Bethanien (taz), die Ausstellung "Städel-Frauen. Künstlerinnen zwischen Frankfurt und Paris um 1900" im Städel-Museum Frankfurt (tsp), eine Ausstellung mit Werken des Fotografen Dean West in der Galerie Camera Work in Berlin. (tsp)
Schauspieler und Gewerkschafter HeinrichSchafmeister spricht in der SZ über die Arbeitssituation der Schauspieler in Theater und Film: Beim Theater gibt es Unterbeschäftigung, bei Film und Fernsehen bricht der von den Streamern vor wenigen Jahren ausgelöste Fictionboom gerade massiv ein, während die Öffentlich-Rechtlichen mehr und mehr sparen müssen. Konjunktur haben nur Synchronsprecher - doch hier zeichnet sich ein Damoklesschwert über den Köpfen ab: "Theoretisch ist es schon jetzt möglich, dass ein einziger Schauspieler die deutsche Fassung eines kompletten Spielfilms einspricht, alle Rollen, alle Dialoge. Das kann eine KI dann mit der jeweiligen StimmfärbungderOriginalschauspieler ausspielen. Das ist natürlich weniger aufwendig und viel billiger als die heutige Synchronproduktion. ... Ein austauschbarer Sprecher mit sauberer Artikulation genügt völlig." Die dafür nötige "KI ist da, und die Entwicklung ist rasend schnell. Viele Synchronstudios werden in Schwierigkeiten geraten. Der gesamten Branche ist klar, dass KI die Synchronarbeit drastisch verändern kann."
Hollywood steht so gut wie geschlossen hinter KamalaHarris, schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. Doch "zur Überwindung der Polarisierung trägt" dies nicht bei, denn "das amerikanische Kino kennt nur einen Teil von Amerika. Das Filmschaffen ignoriert das Kernland. Kaum ein Filmstoff verhandelt das Leben in den Flyover-Countrys. ... Es fehlen die politischen Zwischentöne. Das gilt für die Filme, und es gilt für den politischen Aktivismus, in dem sich die Exponenten üben. Wer sich so offenkundig nicht für die Leute interessiert, braucht ihnen auch nicht mit Wahlempfehlungen zu kommen."
Gegenüber "Buffy" wirken heutige "Netflixserien mit ihrem Anspruch der Bingewatching-Kompatibilität ... wie verwässerte Limonade", meint Maria Wiesner in der FAZ in ihrer Würdigung von JossWhedons 90s-Serienklassiker, in dem sich alles findet, was Serien im vergangenen Vierteljahrhundert so einen Siegeszug bescherte: "Als zusätzliche Lackschicht auf dem vor Details überbordenden Gemälde, das jede einzelne Episode darstellt, haben die Autoren gesellschaftliche, soziale und politische Analysen aufgetragen. Daneben ziehen sich größere Erzählbögen durch die Handlung, bestimmt von Liebe, Herzschmerz und Verrat. Jede Emotion ist so tief ausgelotet, jede mit so heftigen Konsequenzen belegt, wie es die antiken Dramen wagten. ... Man muss Pausen zwischen den Folgen einlegen, muss darüber reden, was man gesehen hat - immer noch. Die Intensität mag auch dem Fernsehformat geschuldet sein, für das 'Buffy' ursprünglich geschrieben war. ... Stundenlanges, hirnlosesVersacken vor Fernseher oder Internet wäre ein Szenario gewesen, in das bei 'Buffy' ein Dämon die Menschen versetzt hätte."
Weitere Artikel: Irene Genhart unternimmt für den Filmdienst vorab einen Streifzug durchs Programm des 77. Filmfestivals in Locarno. Jakob Thaller porträtiert für den Standard den österreichischen StummfilmpianistenGerhard Gruber.
Besprochen werden OzPerkins' Horrorthriller "Longlegs" mit Nicolas Cage (online nachgereicht von der FAZ, Presse), M. NightShyamalans Thriller "Trap", bei dem ein Stadionkonzert zu einer Falle für einen Serienmörder wird (Welt), die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Lady in the Lake" mit NataliePortman (FAZ) und die auf Sky gezeigte Doku "The Truth vs. Alex Jones" (taz).
Besprochen werden unter anderem eine Ausstellung in New York über JamesBaldwin (FAZ), die von CharlesLinsmayer herausgegebene Zusammenstellung "'19/21 Synchron Global'. Ein weltliterarisches Lesebuch von 1870 bis 2020" (FAZ) und ManuLarcenets Comicadaption von Cormac McCarthysRoman "Die Straße" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die SalzburgerFestspiele verneigten sich in den letzten Tagen vor ArnoldSchönberg und insbesondere vor dem "Verein für musikalische Privataufführungen", bei dessen Veranstaltungen der Komponist unter klandestinen Bedingungen moderne Musik aufführen ließ, zum Teil in Bearbeitungen durch Schönberg selbst, um dem kleinen Rahmen der Aufführung gerecht zu werden. Die Bearbeitung von Gustav Mahlers "Lied von der Erde" konnte Schönberg allerdings nicht mehr fertigstellen, dies schloss erst 2015 Rainer Riehn ab, dessen Fertigstellung nun in Salzburg zu hören war. SZ-Kritiker Harald Eggebrecht lobt die "ausgezeichnet den schmerzlichenMahlerton treffende Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner. ... Schönbergs Ansatz verdünnt nicht etwa Mahlers orchestraleOpulenz, sondern verdeutlicht sie. Die Musik wirkt in dieser Schlankfassung ungewöhnlich klangfarbenintensiv, elastisch und konstruktiv, ohne Mahlers Wehmut und seine Sehnsucht nach dem 'Ewigen' zu schmälern, wie es im Text von Hans Bethge beschworen wird, der dem 'Lied von der Erde' zugrunde liegt."
Weitere Artikel: Yelizaveta Landenberger resümiert in der FAZ das Kulturfestival Kiosk im slowakischen Žilina. Hoo Nam Seelmann schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den südkoreanischen Protestsänger KimMinGi.
Besprochen werden die Klangkunst-Ausstellung "Sounds of Bethany" im Berliner Künstlerhaus Bethanien mit historischen Klangarbeiten und neuen Installationen (taz), eine Arte-Doku über Bruce Springsteen (TA), ein Schostakowitsch- und Mahler-Abend mit dem Bariton MattiasGoerne und dem Pianisten MarkusHinterhäuser in Salzburg (Standard) und Adeles Auftritt in München (Welt, mehr dazu bereits hier).