Efeu - Die Kulturrundschau
Macht der Mutter
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17.07.2024. Die Filmkritiker frösteln gemeinsam mit Profi-Einbrecher Trojan in Thomas Arslans "Verbrannte Erde": Die FAZ feiert den Gangsterfilm als Regiestreich eines Genregenies. Der Tagesspiegel fordert: Joe Chialos Bibliothekspläne für die Galeries Lafayette müssen umgesetzt werden, und zwar jetzt. François-Xavier Roth wird trotz Missbrauchsvorwurf Chefdirigent des SWR-Symphonieorchesters - ein falsches Signal, kritisiert Backstage Classical. Der Standard erfreut sich an Anne Teresa De Keersmaekers und Radouan Mrizigas Tanzstück über den Klimawandel, mitsamt Breakdance-Headspin und Zeitlupen-Akrobatik.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
17.07.2024
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Film

14 Jahre nach "Im Schatten" (unsere Berlinale-Kritik) setzt Thomas Arslan mit "Verbrannte Erde" seiner Berliner Gangster-Reihe um den kühl-wortkargen Profi-Einbrecher Trojan (Mišel Matičević) fort - was auch dem Abstand in der erzählten Zeit des Films entspricht. Berlin hat sich seitdem verändert, schreibt Michael Meyns in der taz, nicht ohne Hinweis darauf, dass Arslan seit den Neunzigern auch ein Chronist der räumlichen Gegebenheiten dieser Stadt ist und der Menschen, die sich dadurch bewegen. "Angesichts seiner professionellen, unterkühlten Art könnte man meinen, dass Trojan ideal in das neue, geschäftige Berlin passen würde, eine Stadt, der zunehmend die Ecken und Kanten abhanden kommen, in der Brachen rar werden, in der langweilige Investorenarchitektur vermehrt das Stadtbild prägt." Angesichts der voranschreitenden Uniformität der Metropolen "wirkt es fast schon konsequent, dass auch Berlin, diese ewige Möchtegern-Weltstadt, immer austauschbarer und uniformer wird, dass sich ein Gangster wie Trojan durch eine Stadt ohne Eigenschaften bewegt, keine Spuren hinterlässt und am Ende, mal wieder, verschwindet."
Der erste Teil "war ein Film über eine Stadt, in der eine neue, eiskalt kalkulierende Härte dabei war, mit den Überbleibsel einer älteren, historisch gewachsenen, proletarisch geprägten Alltagskultur aufzuräumen", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. "'Verbrannte Erde' ist ein Film über eine Stadt, in der dieser Prozess abgeschlossen ist." Zu bewundern ist hier "ein Regiestreich eines Genregenies", jubelt Andreas Platthaus in der FAZ, zu erleben "ein Strom von Einstellungen aus einem Berlin, das weder Nostalgiesehnsüchte befriedigt, noch Zukunftshoffnungen bereitstellt, sondern in der Unwirtlichkeit des architektonischen Gegenwartspopanz Hauptstadt eine Kulisse der Kälte bietet, die selbst einen so kühlen Kopf wie Trojan frösteln lässt. Film Noir - das ist die Desillusionierung unserer Erwartungen an eine prästabiliert scheinende Welt."
Besprochen werden außerdem Rose Glass' lesbische Thriller-Romanze "Love Lies Bleeding" mit Kristen Stewart ("ein Neo-Noir, aus dessen Schweißporen das Kino der frühen 90er quillt" und der "Stewart und ihren Co-Star Katy O'Brian in den Olymp queerfeministischer Göttinnen katapultiert", schwärmt Valerie Dirk im Standard) und die RTL-Reality-Serie "The Real Housewives of Munich" (NZZ).
Architektur

Peter Richter erinnert in der SZ noch einmal daran, dass der Bau des Architekten Jean Nouvel in den 1990ern Resultat großformatiger Pläne war: "Man muss sich nur vor Augen halten, dass er das Kondensat von Nouvels großer Friedrichstraßen-Vision für die Ausstellung 'Berlin morgen - Ideen für das Herz einer Groszstadt' 1991 im Deutschen Architekturmuseum war: eine Abfolge von 'Medienfassaden', über die, wenn es nach dem Architekten gegangen wäre, mehr elektrisch illuminierte Schriftzeichen in die Stadt geleuchtet hätten als an Times Square und Shibuya Crossing zusammen. Am Ende wurde es immerhin der letzte Bau dieser Größe, der sich mit Glas-und-Stahl-Fassade noch nach außen wenden konnte, bevor für lange Zeit die Zwangsversteinerung von Berlin-Mitte dekretiert wurde." Da jetzt schnöde Büros einziehen zu lassen, wäre schon arg trist.
Stefan Rebenich zeichnet in der FAZ nach, wie in Branitz eine moderne Baumschule versucht, den Herausforderungen des Klimawandels gerecht zu werden, und Bäume zu züchten, die den Fortbestand aufwändiger Parkanlagen gewährleisten: "Dies bedeutet keineswegs den Verlust des historischen Wertes des Gartendenkmals. Denn dessen spezifische Materialität, genauer dessen Lebendigkeit impliziert notwendigerweise, dass über die Zeiten hinweg kein historischer Idealzustand konserviert oder reproduziert werden kann, sondern das natürliche Kunstwerk unter steter Auseinandersetzung mit den sich verändernden ökologischen und sozialen Rahmenbedingungen weiterentwickelt werden muss."
Weitere Artikel: In der Welt beklagt Jan Grossarth, dass jährlich viele Tausend Häuser aus den 1950er bis 1980er Jahren abgerissen werden.
Literatur

Einfach nur bitter findet Marlen Hobrack im Freitag den postumen Fall der Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro, die sich von der Offenbarung ihrer Tochter, ihr zweiter Mann habe diese sexuell missbraucht, im Verhältnis zu ihrem Mann offenbar nicht beirren ließ: "In Munros Fall offenbart sich bei der Re-Lektüre von Interviews, in denen sie von ihrem Mann spricht, eine gehörige Portion Abhängigkeit von demselben. ... Zu einer feministischen Ermächtigungserzählung gehört auch die Macht der Mutter, die als preisgekrönte Autorin unabhängig sein könnte von dem Mann, der missbraucht. Allerdings gilt ebenso die Binse von den künstlerischen Ikonen, die zuletzt Mensch sind: bisweilen masochistisch, abhängig und blind für die eigenen Verstellungen."
Paul Jandl sammelt in der NZZ Reaktionen von Schriftstellerinnen zu den aktuellen Enthüllungen und stellt fest: "Die Kurzgeschichte 'Vandals', die 1993 im "New Yorker" erschien, also kurz nachdem Andrea Robin Skinner ihre Mutter in einem Brief über den Missbrauch durch den Stiefvater informierte, wird man heute anders lesen. Es geht darin um einen Pädophilen, der die Nachbarskinder sexuell bedrängt. Viel später, als erwachsene Frau, rächt sich eines der Opfer und steckt sein Haus in Brand. Es ist wie ein Literatur gewordenes Zitat aus Munros eigenem Familienleben, geschrieben in einer Zeit, als Tochter Andrea die Dinge nicht mehr einfach ruhen lassen wollte."
Besprochen werden Colm Tóibíns "Long Island" (Zeit Online), Zora del Buonos "Seinetwegen" (TA), Rebecca Pattersons Bilderbuch "Mein fuchsteufelswilder Stinkesauer-Tag" (FR), die Werkausgabe von Manès Sperber (FAZ) und Tobi Dahmens Comic "Columbusstraße" (SZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Kunst
Eine Ai-Weiwei-Lego-Arbeit nach Vorlage Gustav Klimts stellt Olga Kronsteiner im Standard vor. Felicia Okçu spricht für monopol mit dem Installationskünstler Andrés Reisinger. In der taz interviewt Johanna Weinz den Zeichner Tobias Vogel.
Besprochen werden die Frans-Hals-Schau in der Berliner Gemäldegalerie (Berliner Zeitung), die Schau "Casablanca Art School" in der Frankfurter Kunsthalle Schirn (SZ), die Ausstellung "Schauen erlaubt?" im Innsbrucker Schloss Ambras (Standard), "The Soul Station", eine interaktives Multimedia-Schau in der Halle am Berghain (monopol) und in einer Doppelbesprechung die Ausstellungen "Twilight is a Place of Promise" und "Aeroplastics" bei den Berliner Galerien Esther Schipper beziehungsweise Max Goelitz (taz Berlin).
Besprochen werden die Frans-Hals-Schau in der Berliner Gemäldegalerie (Berliner Zeitung), die Schau "Casablanca Art School" in der Frankfurter Kunsthalle Schirn (SZ), die Ausstellung "Schauen erlaubt?" im Innsbrucker Schloss Ambras (Standard), "The Soul Station", eine interaktives Multimedia-Schau in der Halle am Berghain (monopol) und in einer Doppelbesprechung die Ausstellungen "Twilight is a Place of Promise" und "Aeroplastics" bei den Berliner Galerien Esther Schipper beziehungsweise Max Goelitz (taz Berlin).
Bühne

Ein Tanzstück über den Klimawandel? Wer da gleich abwinken möchte, den verweist Helmut Ploebst im Standard an Anne Teresa De Keersmaekers und Radouan Mrizigas "Il Cimento dell'Armonia e dell'Inventione", das im Wiener Volkstheater aufgeführt wird. Das Grundgerüst bilden Vivaldis Jahreszeiten-Zyklus, der mit einer innovativen Choreographie verknüpft wird: "Immer wieder stockt die Dynamik, reißt die Musik ab und bricht wieder herein, wie um das Publikum anzufeuern. Nassim Baddag baut seine Breakdance-Headspins im Sommer aus und dimmt sie im (zweiten) Herbst zu einer atemberaubend anzusehenden Zeitlupen-Akrobatik herunter, nachdem die Männer sich wie Monster gebärdet haben. Dieser Herbst folgt auf einen Sommer, bei dessen Ausklang das Quartett in einen schlafwandlerischen Zustand gerät, und, in rostrotes Licht getaucht, zu Boden geht."
Was bleibt von der britischen Opernlandschaft nach der knallharten Sparpolitik der Konservativen? Gina Thomas macht in der FAZ immerhin eine Reihe außergewöhnlicher Aufführungen von Lehár-, Rachmaninow- und Puccini-Werken ausfindig, die in der diesjährigen Sommerfestivalsaison zu sehen sind. Boris Motzki stellt ebenfalls in der FAZ den weitgehend vergessenen Theaterautor Jura Soyfer vor. Peter Laudenbach unterhält sich in der SZ mit Claudia Schmitz, der Geschäftsführenden Direktorin des Deutschen Bühnenvereins über Sparzwänge an deutschen Theatern. Wolfgang Behrens entwirft auf nachtkritik aus aktuellem Anlass eine kleine Theatergeschichte des Attentats.
Besprochen werden Peter Tschaikowskys "Mazeppa" bei den Tiroler Festspielen in Erl (nmz) und Graham Vicks "Tristan"-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin (van)
Musik
Der SWR hält auch nach Vorwürfen wegen sexueller Belästigung weiterhin an François-Xavier Roth als nächstem Chefdirigenten des SWR-Symphonieorchesters fest. Backstage Classical liefert dazu Hintergründe und dokumentiert die Mails, mit denen dem Orchester diese Entscheidung mitgeteilt und begründet wurde.
Der Sender begründet seine Entscheidung für Roth damit, dass in Absprache Maßnahmen getroffen worden seien, die dafür sorgen, dass der Dirigent sich an seiner neuen Wirkungsstätte anständig verhält. Shoko Kuroe deutet das auf Backstage Classical mit dem Phänomen der "Tätermigration". Das Signal dieser Entscheidung sei fatal: "Warum soll ein Opfer sich an die Leitung oder die interne Prüfungskommission wenden und Kraft und Zeit für eine Aussage aufwenden, warum soll es persönliche und berufliche Nachteile riskieren und eine Retraumatisierung in Kauf nehmen, wenn die Leitung voraussichtlich - auch bei Bestätigung der Vorwürfe - letztendlich zum Täter stehen und Auswege für ihn suchen wird. Der SWR weist in seiner Erklärung darauf hin, dass es keine offizielle AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) Beschwerde gegeben habe, doch diese Hürde ist für Opfer gerade in Systemen wie einem Rundfunkorchester besonders hoch. Kann man also unter diesen Umständen noch gut und gesund zusammenarbeiten?"
Weitere Artikel: Stephanie Grimm porträtiert für die taz das Berliner Trio Yelka, das sich zum Ziel gesetzt hat, in drei Jahren zehn Alben zu veröffentlichen - das vierte liegt seit kurzem vor. Ljubiša Tošić spricht für den Standard mit dem Komponisten Alexander Kukelka. Joachim Hentschel schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Gitarristen R.P.S. Lanrue von Ton Steine Scherben.
Besprochen werden die Auftritte von Air und Massive Attack beim Montreux Jazz Festival (NZZ, TA). das kurz nach dem Tod von Bassist Steve Albini veröffentlichte Shellac-Album "To All Trains" (FR) sowie Berliner Konzerte von Waxahatchee (Tsp) und den Staples Jr. Singers (taz).
Der Sender begründet seine Entscheidung für Roth damit, dass in Absprache Maßnahmen getroffen worden seien, die dafür sorgen, dass der Dirigent sich an seiner neuen Wirkungsstätte anständig verhält. Shoko Kuroe deutet das auf Backstage Classical mit dem Phänomen der "Tätermigration". Das Signal dieser Entscheidung sei fatal: "Warum soll ein Opfer sich an die Leitung oder die interne Prüfungskommission wenden und Kraft und Zeit für eine Aussage aufwenden, warum soll es persönliche und berufliche Nachteile riskieren und eine Retraumatisierung in Kauf nehmen, wenn die Leitung voraussichtlich - auch bei Bestätigung der Vorwürfe - letztendlich zum Täter stehen und Auswege für ihn suchen wird. Der SWR weist in seiner Erklärung darauf hin, dass es keine offizielle AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) Beschwerde gegeben habe, doch diese Hürde ist für Opfer gerade in Systemen wie einem Rundfunkorchester besonders hoch. Kann man also unter diesen Umständen noch gut und gesund zusammenarbeiten?"
Weitere Artikel: Stephanie Grimm porträtiert für die taz das Berliner Trio Yelka, das sich zum Ziel gesetzt hat, in drei Jahren zehn Alben zu veröffentlichen - das vierte liegt seit kurzem vor. Ljubiša Tošić spricht für den Standard mit dem Komponisten Alexander Kukelka. Joachim Hentschel schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Gitarristen R.P.S. Lanrue von Ton Steine Scherben.
Besprochen werden die Auftritte von Air und Massive Attack beim Montreux Jazz Festival (NZZ, TA). das kurz nach dem Tod von Bassist Steve Albini veröffentlichte Shellac-Album "To All Trains" (FR) sowie Berliner Konzerte von Waxahatchee (Tsp) und den Staples Jr. Singers (taz).
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