Efeu - Die Kulturrundschau

Die ganze Dimension des menschlichen Horrors

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12.07.2024. Literaturklassiker in einfacher Sprache? Was bleibt da noch von der Literatur, fragt sich die NZZ. FR und FAZ erfreuen sich an der postkolonialen Avantgarde der Casablanca Art School, die die Schirn ausstellt. FAZ und NZZ sind sich noch nicht ganz sicher, was sie mit der Stückeauswahl der Münchner Opernfestspiele anfangen sollen. Die Filmkritiker trauern um die Schauspielerin Shelley Duval, die Kunstkritiker um den Fotografen Thomas Hoepker.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2024 finden Sie hier

Literatur

Dass der Aibo-Verlag mit Künstlicher Intelligenz und etwas redaktionellem Feinschliff gemeinfreie Literaturklassiker in einfache Sprache übersetzen und damit auch Menschen mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten zugängig machen will, ist "im Grunde ein höchst achtbares Unterfangen", schreibt Paul Jandl in der NZZ. Offen bleibe aber die Frage, ob es sich beim Endresultat dieses Vorgangs - der den literarischen Text auf Äußerlichkeiten reduziert - wirklich noch um etwas handelt, das dem Werk entspricht: "Die KI dampft ihren Fontane auf etwas ein, was sie mit Essenz verwechselt. Was in der neuen 'Effi Briest' steht, ist nicht das, was Fontane sagen wollte. Er habe den Roman 'wie mit einem Psychographen' geschrieben, notiert der deutsche Schriftsteller im Frühjahr 1895. Von dieser Seelenkunde versteht die künstliche Intelligenz naturgemäss so gut wie nichts. ...  Franz Kafkas 'Verwandlung' steht auch auf der Liste künftiger Publikationen. Das Werk, das nichts als Sprache ist und bei dem man befürchten muss, dass es zu Staub zerfällt, wenn man es nur von der Handlung her liest."

Die Schriftstellerin Annette Mingels äußert in der FAZ ihr Unbehagen über die Diskussion um die im Mai verstorbene Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro und die jüngst geäußerten Vorwürfe ihrer Tochter Andrea Robin Skinner, dass sie aus den sexuellen Übergriffen des zweiten Ehemanns ihrer Mutter keine Konsequenzen gezogen habe (unser Resümee). Schließlich habe auch Skinners Vater, Munros erster Ehemann, seinen Anteil daran, da sich Skinner ihm gegenüber schon in jungen Jahren offenbart hatte. "Er war es gewesen, der sie in den nächsten und vielen darauffolgenden Sommerferien zu Fremlin hatte reisen lassen. ... Ich finde es gefährlich, wenn wir einen antifeministischen Blick reduplizieren, der seit jeher die weibliche Mitschuld an sexuellen Übergriffen durch Männer sucht. Und kaum etwas bietet sich dafür besser an als das Stereotyp der kaltherzigen Mutter. Folgt man Skinners Erinnerungen, scheint jedoch klar, dass sich in ihrem Fall vor allem zwei Männer schuldig gemacht haben: Gerald Fremlin, der sein sexuelles Interesse über die Unversehrtheit eines Kindes stellte, und ihr leiblicher Vater James Munro, zu dem sie ein engeres Verhältnis als zu ihrer Mutter hatte, und der sie dennoch, wohl um des familiären Friedens willen, nicht beschützte."

Weitere Artikel: Gustav Seibt ist für die SZ ins brandenburgische Beeskow gefahren, wo ein dem 2020 verstorbenen Schriftsteller Günter de Bruyn gewidmetes Dichterhaus entsteht. Jan Behrs wirft für 54books einen Blick aufs Verhältnis zwischen Literatur und Computerspiel. Besprochen werden unter anderem Maren Kames' "Hasenprosa" (taz), Leslie Jamisons "Splitter" (Zeit), Alem Grabovacs "Die Gemeinheit der Diebe" (Freitag), Jürgen Beckers "Nachspielzeit" (FR) und Michael Wildenhains Essay "Eine kurze Geschichte der Künstlichen Intelligenz" (Freitag). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur

Kunst

Mohammed Chabaa: Ohne Titel. Foto: Fouad Mazouz.

Werke aus der Casablanca Art School, die in Marokko von 1956 bis in die achtziger Jahre reichte, bekommt man unverständlicherweise fast nie zu sehen, umso besser, dass nun in der Frankfurter Schirn rund hundert davon in einer Ausstellung dieser postkolonialen Avantgarde zu sehen sind, freut sich Lisa Berins in der FR: "Maßgeblich treiben drei Künstler die neue Kunstbewegung an: Farid Belkahia (1934-2014), (…) sowie Mohammed Chabâa (1935-2013) und Mohamed Melehi (1936-2020), die Dozenten für Malerei, Collage und Fotografie, Grafik und Raumgestaltung werden. Ihre künstlerische Arbeit ist ein Befreiungsschlag von den kolonial und akademisch geprägten Vorstellungen von Kunst und Lehre: Statt des Studiums der klassischen schönen Künste, wie sie bisher in der Kunstakademie gelehrt wurden, geht es jetzt um einen eigenen Ausdruck, eine eigene Identität: Inspiration finden die Künstler im afro-amazighischen Erbe, in traditionellen marokkanischen Künsten wie der Deckenmalerei, Teppichen, Schmuck und Kalligrafie. Ihre kulturellen Wurzeln verbinden sie mit der Moderne, mit Abstraktion und den Prinzipien des Bauhauses."

Farid Belkahia war vielleicht der wichtigste Vertreter der Casablanca Art School, meint in der FAZ Katinka Fischer. Das lege auch die Ausstellung nahe: "In dem chronologisch organisierten, ein Vierteljahrhundert umspannenden Rundgang stammt das erste wie das letzte Werk von ihm. Zwei kleine, noch vor seinem Amtsantritt an der Casablanca Art School entstandene Ölmalereien erinnern an die Art Brut von Jean Dubuffet. Ein Wesen mit kreisrundem Kopf und ebenso geformtem, wie im Munch-Schrei geöffnetem Mund sowie eine an den Füßen aufgehängte Figur sind politische Motive. Das geben auch die Titel 'Cuba Si' und 'Sévices', was so viel wie Misshandlung bedeutet, zu erkennen. Gleiches gilt für Belkahias extrem querformatiges, 'Bataille' betiteltes Kupferrelief. ... Seine erdfarbene Farbpalette behält der Künstler in der mehrteiligen, 1985 entstandenen 'Procession' bei. Die kantenlosen Formen, die sich wie ein Puzzle ineinanderfügen, und die Materialien - Leder auf Holz - unterstreichen den Eindruck einer naturnahen Volkskunst, der von den geometrischen Tuschzeichnungen, die darauf zu sehen sind, aber gebrochen wird."

Weiteres: Die NZZ ärgert sich, dass das von Agnes Denes als Konzeptkunstwerk für die Art Basel angelegte Weizenfeld "Wheatfield - A Confrontation" von den Verantwortlichen nun "dem Verfall überlassen" wird. Der Fotograf Thomas Hoepker ist im Alter von 88 Jahren gestorben, Nachrufe gibt es in der FAZ, bei Zeit Online und bei Monopol.

Besprochen werden die Ausstellungen "Courage: Wilhelm Lehmbruck und die Avantgarde" Lehmbruck-Museums in Duisburg (FAZ), "Frans Hals. Meister des Augenblicks" in der Gemäldegalerie (tagesspiegel), "Der große Schwof - Feste feiern im Osten" in der Kunsthalle Rostock (monopol) und "Lucia Moholy: Exposures" in der Kunsthalle Prag (monopol).
Archiv: Kunst

Film

Shelley Duvall, 1976 (Foto: Kathleen Ballard,, CC-BY 4.0)
Shelley Duvall ist tot. Ihre fünf Filme umfassende Zusammenarbeit mit Robert Altman in den Siebzigern und "ihre geschmeidigen Züge und schrullige Leinwandpersönlichkeit" machten sie damals zu "einem der größten Filmstars", schreibt Clay Risen in der New York Times. "Mit ihrer hauchdünnen Gestalt, ihrem zahnigen Lächeln und weichen Südstaatennäseln war sie einfach die Schauspielerin für jede Rolle, die nach einer sonderbaren, naiven jungen Frau verlangt. Fans nannten sie 'die texanische Twiggy', die Kritikerin Pauline Kael, die ihre unterschätzte Physikalität auf der Leinwand pries, nannte sie 'den weiblichen Buster Keaton'."

Dem heutigen Publikum ist sie aber vor allem aus Stanley Kubricks Horrorfilm "The Shining" bekannt. Für ihre bis heute in Mark und Bein gehende Performance ging sie zum Äußeren - oder trieb sie der Regisseur bis dahin und vielleicht sogar darüber hinaus, wie in den letzten Jahren immer wieder kritisch angemerkt wurde. "Wer die ganze Dimension des menschlichen Horrors auf der Leinwand spiegeln will, muss ihn in einem menschlichen Gesicht spiegeln", schreibt Tobias Kniebe in der SZ. "Oder besser noch, in einer menschlichen Seele. Shelley Duvall war dieses Gesicht, und sie war diese Seele."

Hier eine Szene aus Robert Altmans "Three Women":
Außerdem: Fritz Göttler und Susan Vahabzadeh sprechen für die SZ mit Isabelle Huppert, die aktuell in Elise Girards (bei Artechock besprochenem) "Madame Sidonie in Japan" im Kino zu sehen ist. Wolfgang Lasinger empfiehlt auf Artechock Filme aus dem Münchner Festival "Cinema Iran". Der deutsche Nachwuchsfilm zeichnet sich aus durch "eine neue Diversität, die ... vielleicht als Gegengewicht zu der zunehmenden Verdichtung populistischer Politik begriffen werden muss", lautet das Fazit von Artechock-Kritiker Axel Timo Purr nach dem Filmfest München. Christel Strobel resümiert auf Artechock die Kinderfilme des Filmfests München. Artechock-Kritikerin Katrin Hillgruber sah dort derweil italienisches Kino und Dunja Bialas (hier) deutsche Komödien. Der Serienklassiker "The Wire" ist ungebrochen aktuell, findet Kai Spanke in der FAZ. In der Literarischen Welt erinnert sich Georg Stefan Troller (online nachgereicht) an seine Begegnung mit Hans Albers. David Steinitz schreibt in der SZ zum Tod des Schauspielers Benji Gregory, den man als Kinderdarsteller aus der 80er-Serie "Alf" kennt.

Besprochen werden Maryam Moghaddams und Behtash Sanaeehas "Ein kleines Stück vom Kuchen" (Artechock, mehr dazu hier), Joachim A. Langs "Führer und Verführer" (Standard, Artechock, mehr dazu bereits hier) und der vierte Teil der Animationsfilmreihe "Ich - Einfach unverbesserlich" (TA, Artechock).
Archiv: Film

Architektur

Das Architektur-Büro Raumwerk aus Köln hat ein wichtiges und nachhaltiges Stadtteilprojekt in Wuppertal angestoßen und dafür schon mehrere Preise erhalten, die FAZ berichtet. Die NZZ besucht das von Fumihiko Maki entworfene Museum Reinhard Ernst.
Archiv: Architektur

Bühne

Die Stückauswahl auf den Münchner Opernfestspielen findet Marco Frei in der NZZ gewagt: Statt auf eine sichere Bank zu setzen, mutet Intendant Serge Dorny dem Publikum der bayerischen Staatsoper mit György Ligetis "Le Grand Macabre" und Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" zu. Was an diesen beiden Stücken so gewagt sein soll, wird nicht recht klar. Doch spiegeln sich Auswahl auch die Besetzungsquerelen zwischen Dorny und dem Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski wider, so Frei: "Da ist ein Intendant, der bei den Neuproduktionen den Fokus mehrheitlich abseits des Kernrepertoires verlegt. Warum jetzt überdies ausgerechnet Debussys Oper eine Neuinszenierung erfahren hat, erschließt sich nicht wirklich. Die letzte Neuproduktion dieses Fünfakters von 1902 wurde erst vor neun Jahren realisiert. An der Bayerischen Staatsoper gibt es Werke, überdies aus dem Hauptrepertoire, die seit Jahrzehnten einer Neubefragung harren. Dass zudem der Staatsopern-GMD Jurowski weder die Ligeti-Eröffnung noch die jetzige Debussy-Premiere dirigierte, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack; zumindest eine Opernpremiere im Rahmen der Festspiele sollte Chefsache sein. Mit seiner Vorliebe für die Moderne wäre das Werk Ligetis für Jurowski perfekt gewesen."

Dass bei Ligeti der Tod zu betrunken ist, um die Apokalypse zu verantworten, wird in dieser Absurdität in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski leider nicht sinnstiftend deutlich, so Christian Gohlke in der FAZ: Ihr fehlt es, "je länger, desto deutlicher, an einer konkreten, anschaulichen Ausgestaltung der Handlung. Dabei bedürfte gerade das Absurde einer möglichst genauen Realisation. Die 'Landschaft in Breughelland mit Resten eines verfallenen Friedhofs' ist in der Lesart der Ausstatterin Małgorzata Szczęśniak halb Turnhalle mit blauen Matten, Pferd und Tauchbecken, halb amtlicher Warteraum mit langen Sitzreihen. Es bleibt völlig unklar, was der Regisseur in diesem beliebigen Unort eigentlich erzählen will." Für Debussy passt dem Kritiker zufolge das Unschärfe-Prinzip aber ganz gut: "Auch Jetske Mijnssens Inszenierung von Claude Debussys 'Pelléas et Mélisande' bleibt oft rätselhaft. Aber diese Unschärfe entspricht auf wundersame Weise Maurice Maeterlincks poetischem Drama und einer Musik, die Hannu Lintu mit dem Staatsorchester dynamisch fein schattiert zum Leuchten bringt."

Weiteres: Florian Lutz, der Intendant des Staatstheaters Kassel, hat mit Ainars Rubikis einen neuen Generalmusikdirektor eingestellt, den das Orchester überhaupt nicht wollte und damit den Graben zwischen den beiden Parteien wohl noch weiter vertieft, die FAZ berichtet. Besprochen wird das "Oktoberfestmusical" am Berliner Renaissance Theater von Harold Faltermeyer (SZ).
Archiv: Bühne

Musik

Klaus Bittermann schreibt in der Jungle World zum Tod von Kinky Friedman (weitere Nachrufe bereits hier). Manuel Brug erzählt in der Welt von seiner Reise mit einer Klassik-Kreuzfahrt. Im Welt-Gespräch mit Max Dax schimpft Helge Schneider auf KI.

Besprochen werden Anohnis Konzert in Berlin (taz), Jeremy Eichlers Buch "Das Echo der Zeit" mit Komponistenporträts (Zeit), Finlay Shakespeares Synthpop-Album "Directions Out of Town" (Standard), ein (bei den "Simpsons" bereits 1996 vorhergesehenes) Konzert der Rap-Band Cypress Hill mit dem London Symphony Orchestra (SZ) und neue Elektro-Alben, darunter die Collage "Social Engineering" von Jan Jelinek (taz).

Archiv: Musik
Stichwörter: Schneider, Helge, Rap-Musik