Efeu - Die Kulturrundschau
Mitsamt zotteligem Hündchen
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10.07.2024. Wo bleiben in Paris im Olympiajahr die architektonischen Utopien, fragt sich die SZ. Die FR flaniert durch eine Ausstellung im Städel und taucht ein in die Welt der Pariser Künstlerinnen-WGs. Die FAZ bejubelt die Wiederaufführung von Abel Gances Stummfilmepos "Napoleon" - eine atemberaubende Sinfonie des Grauens. Solidarität mit Israel zahlt sich in der Clubszene nicht aus, muss das Berliner About Blank laut Tagesspiegel derzeit erfahren. Die Musikindustrie muss die Gefahr durch KI endlich Ernst nehmen findet die SZ: Star-Wars-Powerballaden kann die künstliche Intelligenz schon.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
10.07.2024
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Architektur
Wie laufen in Paris die Vorbereitungen auf die olympischen Spiele? Nicht allzu gut, wenn man SZ-Autor Jörg Häntzschel glauben darf. Zumindest werden sich die Hoffnungen auf eine rundum nachhaltige, inklusive Sportveranstaltung wohl längst nicht in jeder Hinsicht erfüllen. Besonders enttäuscht ist Häntzschel von den neuen Bauten, die extra für Olympia errichtet wurden. Zum Beispiel ein "ecoquartier" auf der Seine-Insel Ile Saint-Denis: "Ein komplettes neues Stadtviertel, gleich bei Paris, und das ist alles, was den Planern einfiel? Hätte man sich nicht noch mal zu einem der utopischen Stadtexperimente aufraffen können, wie sie in den Siebzigern rund um Paris entstanden sind? Oder zu einer zeitgenössischen Version des Olympischen Dorfs in München, das auch nach 52 Jahren noch aussieht, als käme es aus der Zukunft? Perrault winkt lächelnd ab: 'Das ist eine sehr arme Gegend, das ist kein Witz, dort ist kein Platz für Utopien, da muss man urbanistische Realpolitik machen.' Ausgerechnet in Paris, Heimat so vieler Stadtvisionäre, hatte man einfach keine Idee."
Außerdem: Czaja Wojciech bespricht im Standard eine Ausstellung im Wiener Belvedere, die einen Dialog zwischen den Architekten Walter Pichler und Friedrich Kiesler inszeniert. Bernhard Schulz stellt auf monopol das Kuratorenteam für den deutschen Beitrag auf der kommenden 19. Architekturbiennale vor.
Außerdem: Czaja Wojciech bespricht im Standard eine Ausstellung im Wiener Belvedere, die einen Dialog zwischen den Architekten Walter Pichler und Friedrich Kiesler inszeniert. Bernhard Schulz stellt auf monopol das Kuratorenteam für den deutschen Beitrag auf der kommenden 19. Architekturbiennale vor.
Kunst

Das Städel Museum Frankfurt widmet einem von der Kunstgeschichte weitgehend übersehenen Netzwerk von Künstlerinnen - einem von vielen - eine umfangreiche Schau. Im Zentrum der Ausstellung, die Werke von 25 Malerinnen und Bildhauerinnen präsentiert, steht Ottilie W. Roederstein (1859-1937). Ein wichtiger Ort für das Netzwerk war, schreibt Lisa Berins in der FR, Paris: "In der französischen Kunstmetropole herrschte in den 1880ern ein freiheitlicheres Klima als in Deutschland. Künstlerinnen konnten dort in privaten 'Damenakademien' lernen und lebten oft in Wohngemeinschaften, weil es sich für eine Frau nicht gehörte, alleine zu wohnen. Louise Breslau war eng mit Roederstein befreundet. Auf ihrem 'Porträt der Freunde' von 1881 hält sie sich und ihre Künstlerinnen-WG mitsamt zotteligem Hündchen auf dem Tisch fest. Das Bild ist ein schöner Opener der Ausstellung, es will sagen: Es geht hier nicht um Konkurrenz, sondern um Zusammenhalt, auch um Freundschaft."
Till Briegleb betrachtet in der SZ Fotografien Henri Cartier-Bressons, die derzeit im Hamurger Bucerius-Kunst-Forum ausgestellt sind. Besonders beeindruckt ist er von Fotografien, die der Künstler am Rande weltgeschichtlich wichtiger Ereignisse schießt. Und zwar, weil sich Cartier-Bresson konsequent von den vermeintlichen Hauptpersonen abwendet: "Wackelnd wie ein Boxer oder nervös wie eine Libelle fixierte der ständig Angespannte mit seiner Leica das Geschehen und entschied sich dann, lieber die Schaulustigen der Krönungsparade mit ihren selbstgebastelten Periskopen zu zeigen, die verzweifelten und trauernden Menschen rund um Gandhis Einäscherung in Delhi 1948, oder mit der Waffe noch ungeschickte Zivilisten in den Straßen von Paris, die auf deutsche Landser zielen."
Außerdem: Thomas Wochnik schippert im Tagesspiegel mit dem Ausstellungsschiff Hošek Contemporary über die Spree. Ingeborg Ruthe erinnert in der Berliner Zeitung an Sigismund Streit, Kunstmäzen aus dem 18. Jahrhundert.
Besprochen werden die Schau "Luiz Roque, Pia Arke, Jimmy DeSana & Paul P." im KW Institute for Contemporary Art, Berlin (monopol) und die Sonderausstellung "Prinzip Held* - Von Heroisierungen und Heroismen" im Militärhistorischen Museum Flugplatz Berlin-Gatow (taz).
Literatur
Im SZ-Gespräch mit Carolin Gasteiger bekräftigt der Schriftsteller Nicola Lagioia die in einem Offenen Brief von italienischen Schriftstellern an die Frankfurter Buchmesse und die italienische Kulturpolitik herangetragene Kritik an den Planungen für den italienischen Gastauftritt auf der Buchmesse im Herbst. "Ein Großteil der Autorinnen und Autoren, die in die offizielle Delegation eingeladen wurden, sind zutiefst angewidert von den Regierungsinstitutionen, mit denen sie nach Frankfurt fahren." Es ist "als würde ein geschiedenes Ehepaar nach Frankfurt fahren. ... Politik und Literatur werden in Frankfurt unweigerlich zusammenfinden, nicht nur aufgrund der Differenzen innerhalb der italienischen Delegation, sondern auch wegen allem, was in Europa und auf der Welt gerade passiert. Unser Kontinent ist im Begriff zu implodieren. Europa ähnelt Kakanien aus Robert Musils 'Der Mann ohne Eigenschaften' nach hundert Jahren. Oder Thomas Manns 'Zauberberg', wo über Philosophie und Literatur diskutiert wird, während die Welt untergeht."
Außerdem: Die FAZ hat ihr Gespräch mit René Aguigah über James Baldwin online nachgereicht (ein weiteres Gespräch mit Aguigah über Baldwin resümierten wir hier). Der Schriftsteller Richard Swartz erinnert sich in der NZZ an seinen sonderbaren Vermieter in Wien.
Besprochen werden Maren Kames' "Hasenprosa" (NZZ), Nicolas de Crécys Comic "Transit Visa" (FAZ.net), Jakob Augsteins "Die Farbe des Feuers" (Zeit), Alhierd Bacharevics "Europas Hunde" (Intellectures), Sacha Naspinis "Hinter verschlossenen Türen" (FAZ) und Zora del Buonos "Seinetwegen" (SZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Außerdem: Die FAZ hat ihr Gespräch mit René Aguigah über James Baldwin online nachgereicht (ein weiteres Gespräch mit Aguigah über Baldwin resümierten wir hier). Der Schriftsteller Richard Swartz erinnert sich in der NZZ an seinen sonderbaren Vermieter in Wien.
Besprochen werden Maren Kames' "Hasenprosa" (NZZ), Nicolas de Crécys Comic "Transit Visa" (FAZ.net), Jakob Augsteins "Die Farbe des Feuers" (Zeit), Alhierd Bacharevics "Europas Hunde" (Intellectures), Sacha Naspinis "Hinter verschlossenen Türen" (FAZ) und Zora del Buonos "Seinetwegen" (SZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Musik
Andrian Kreye staunt in der SZ weiterhin darüber, was für Quantensprünge KI in immer kürzeren Abständen hinlegt. Anlass ist diesmal ein Musikvideo, in dem Darth Vader aus "Star Wars" sich einen Stormtrooper verliebt. Visuals, Musik und Text: ki-generiert! Dahinter steckt Andreas Loff, der selber darüber staunt, dass ein vorangegangenes Projekt noch zwei Wochen Arbeit beansprucht hatte, dieses aber nur sechs Tage. "Es ist immer noch nicht so, dass man einer KI einfach den Befehl gibt 'Bitte ein Star-Wars-Video, in dem sich Darth Vader verliebt, Soundtrack: Powerballade'." So hat Loff einen ganzen Software-Park für sich arbeiten lassen, um zu diesem Ergebnis zu kommen. ... Was er "vermitteln will, ist keine Botschaft, sondern eine Warnung. Denn die Film- und Musikwelt verschlafe gerade die entscheidenden Entwicklungssprünge. Mag sein, dass die Sprachmodelle gerade an ihre Grenzen stoßen, mag sein, dass es für Laien immer noch zu kompliziert ist, stringente Filme aus der KI zu holen. Bei der Musik wird es mit KIs wie Suno und Udio schon sehr viel leichter. Wenn da nur ein wenig Panik hängenbleibt, hat er sein Ziel schon erreicht."
Der Berliner Club About Blank - einer der wenigen, die sich nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober solidarisch mit Israel erklärt hatten und auch sonst linken Antisemitismus thematisieren - hat erhebliche finanzielle Probleme, berichtet Andreas Hartmann im Tagesspiegel. Gründe sind das veränderte Partyverhalten nach Corona, die teureren Energiepreise - aber auch der BDS, der seit Jahren Kampagnen gegen den Club fährt. "Seit dem 7. Oktober sei der vom BDS erzeugte Druck noch viel spürbarer geworden. So wurde unter anderem ein nach unten gerichtetes rotes Dreieck über den Eingang des Clubs gesprüht - ein Zeichen der Hamas, um feindliche Ziele zu markieren. Die Club-Betreiber:innen haben daraus ein Herz gemacht. Massive Probleme gebe es mit der Queerszene, mit der man sich eigentlich besonders verbunden fühle. Ganze Partyreihen, die für den Sommer geplant waren, seien abgesagt worden. Die Veranstalter-Kollektive spiegelten, dass sie keine DJs mehr finden würden, die hier auflegen wollten." Hier kann man übrigens spenden.
Weitere Artikel: Klaus Walter (FR), Andri Rostetter (NZZ) und Andreas Platthaus (FAZ) gratulieren Neil Tennant von den Pet Shop Boys zum 70. Geburtstag. Lotte Thaler berichtet in der FAZ vom Kissinger Sommer. Ausgewählte Konzerte bietet das Festival nun auch via Youtube an:
Besprochen werden Taylor Swifts Konzert in Zürich (NZZ), der Auftritt von Nadja Tolokonnikowa von Pussy Riot vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin (Freitag), ein Frankfurter Liederabend mit John Osborn (FR) und neue Pop- und Rockveröffentlichungen, darunter "Songwriter" von Johnny Cash mit Demoaufnahmen vor seinem großen "American Recordings"-Comeback in den Neunzigern ("ein charmantes Dokument einer Zeit, in der ihn eigentlich alle abgeschrieben hatten", freut sich Karl Fluch im Standard).
Der Berliner Club About Blank - einer der wenigen, die sich nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober solidarisch mit Israel erklärt hatten und auch sonst linken Antisemitismus thematisieren - hat erhebliche finanzielle Probleme, berichtet Andreas Hartmann im Tagesspiegel. Gründe sind das veränderte Partyverhalten nach Corona, die teureren Energiepreise - aber auch der BDS, der seit Jahren Kampagnen gegen den Club fährt. "Seit dem 7. Oktober sei der vom BDS erzeugte Druck noch viel spürbarer geworden. So wurde unter anderem ein nach unten gerichtetes rotes Dreieck über den Eingang des Clubs gesprüht - ein Zeichen der Hamas, um feindliche Ziele zu markieren. Die Club-Betreiber:innen haben daraus ein Herz gemacht. Massive Probleme gebe es mit der Queerszene, mit der man sich eigentlich besonders verbunden fühle. Ganze Partyreihen, die für den Sommer geplant waren, seien abgesagt worden. Die Veranstalter-Kollektive spiegelten, dass sie keine DJs mehr finden würden, die hier auflegen wollten." Hier kann man übrigens spenden.
Weitere Artikel: Klaus Walter (FR), Andri Rostetter (NZZ) und Andreas Platthaus (FAZ) gratulieren Neil Tennant von den Pet Shop Boys zum 70. Geburtstag. Lotte Thaler berichtet in der FAZ vom Kissinger Sommer. Ausgewählte Konzerte bietet das Festival nun auch via Youtube an:
Besprochen werden Taylor Swifts Konzert in Zürich (NZZ), der Auftritt von Nadja Tolokonnikowa von Pussy Riot vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin (Freitag), ein Frankfurter Liederabend mit John Osborn (FR) und neue Pop- und Rockveröffentlichungen, darunter "Songwriter" von Johnny Cash mit Demoaufnahmen vor seinem großen "American Recordings"-Comeback in den Neunzigern ("ein charmantes Dokument einer Zeit, in der ihn eigentlich alle abgeschrieben hatten", freut sich Karl Fluch im Standard).
Bühne
Sören Kittel besucht für die Berliner Zeitung die Kreuzberger Theatertruppe Thikwa, die sich aus Menschen mit und ohne Behinderung zusammensetzt. Die Schauspielerin Deniz Dogan erläutert Kittel das Konzept: "'Leute, die das Wort behindert benutzen, denken oft, dass sie besser sind als ich.' Dabei könne sie Dinge tun, die andere nicht können, zum Beispiel eben das auf der Bühne. Sie sagt, sie sei zufrieden mit sich. 'Ich schäme mich nicht' und: 'Ich finde, wir sind alle hier perfekt, so wie wir sind.' In der Tat stehen alle Tänzerinnen und Tänzer in der Aufführung stolz auf der Bühne, zeigen sich und ihre Körper in unterschiedlichen Positionen und Situationen. Inspiriert ist es von den grafischen Arbeiten von MC Escher, einem niederländischen Künstler, der vor allem durch hypnotisch-paradoxe Bilder bekannt wurde: Treppen, die ins Nirgendwo führen, Fische, die zu Vögeln werden und umgekehrt. In den Bildern, die auf der Bühne durch die Tänzer entstehen, ist fast nie die einzelne Person im Zentrum, sondern immer das Bild, was mehrere Tänzer gemeinsam erschaffen."
Frederik Hansen verabschiedet im Tagesspiegel Matthias Schulz, der die Intendanz der Berliner Staatsoper abgibt. Joachim Lange berichtet auf nmz vom Festival in Aix-en-Provence, wo unter anderem avantgardistisches Musiktheater auf dem Programm steht. Esther Slevogt fragt sich auf nachtkritik, wo im Theater die Romantik abgeblieben ist.
Besprochen werden eine Inszenierung von Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" bei den Festspielen Reichenau (SZ), Leonardo Leos "La Morte di Abele" bei den Festspielen Retz (Standard) und eine Moby-Dick-Aufführung im Lübecker Domhof (taz Nord).
Frederik Hansen verabschiedet im Tagesspiegel Matthias Schulz, der die Intendanz der Berliner Staatsoper abgibt. Joachim Lange berichtet auf nmz vom Festival in Aix-en-Provence, wo unter anderem avantgardistisches Musiktheater auf dem Programm steht. Esther Slevogt fragt sich auf nachtkritik, wo im Theater die Romantik abgeblieben ist.
Besprochen werden eine Inszenierung von Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" bei den Festspielen Reichenau (SZ), Leonardo Leos "La Morte di Abele" bei den Festspielen Retz (Standard) und eine Moby-Dick-Aufführung im Lübecker Domhof (taz Nord).
Film

Ein filmhistorischer Triumph, jubelt Marc Zitzmann in der FAZ: In der Seine Musicale in Paris wurde Abel Gances wahnwitziges Stummfilm-Epos "Napoleon" (1927) in einer restaurierten und überhaupt erstmals in der intendierten (zumindest aber laut Veranstalter: letztgültigen) Fassung der Öffentlichkeit präsentiert. Neun Stunden an zwei Abenden, projiziert auf einer gigantischen Leinwand (da manche Sequenzen im Grunde drei Leinwände nebeneinander bräuchten, mehr dazu hier), mit großem Orchester und allem Schischi. Langeweile kommt nie auf, Gance "schafft blutvolle Figuren, stilisiert etwa die drei 'Götter der Revolution', Danton, Marat (gespielt durch Antonin Artaud) und Robespierre, sowie den 'Halbgott' Saint-Just zu Löwe, Hyäne, Tiger und Gepard. Die Kamera, in steter Bewegung, verleiht dem Film ein furioses, bisweilen schier Seekrankheit erzeugendes Tempo. Bravourstücke sind die kindlichen Schlachten, wütende Wirbel in Weiß, bei denen die Operateure sich auf Schlitten gleitend oder die Kamera auf die Brust gegurtet ins Getümmel stürzen, aber auch eine atemraubende nächtliche Verfolgungsjagd zu Pferde sowie die achtzigminütige Befreiung von Toulon, eine Symphonie des Grauens unter in schneidenden Schraffuren niederstürzendem Blutregen."
Außerdem: Marius Nobach blättert für den Filmdienst durchs Programm der Stummfilmtage Bonn im August. Besprochen werden Maryam Moghaddams und Behtash Sanaeehas iranisches Kammerstück "Ein kleines Stück vom Kuchen" (taz, mehr dazu bereits hier), Greg Berlantis Screwballkomödie "To the Moon" mit Scarlett Johansson (Standard, online nachgereicht von der FAS), der Animationsfilm "Ich - Einfach unverbesserlich 4" (Welt) und die ARD-Serie "Sick" (FAZ).
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