Efeu - Die Kulturrundschau

Einblick in die Ideenmaschine

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28.06.2024. Das Bachmann-Lesen in Klagenfurt hat begonnen und die Zeitungen machen mit Tijan Sila einen ersten Favoriten aus. Die FAZ warnt davor, dass die Abrissbirne der Öffentlich-Rechtlichen die Kultur platt macht. Der Regisseur Edward Berger macht sich in der SZ für deutsche Filmförderung stark. Die FR entdeckt mit Selma Selman "die gefährlichste Frau der Welt." VAN lässt sich von Georg Friedrich Haas' "11000 Saiten" ins Innere eines Bienenstocks versetzen, während die taz von Tony Conrad und Jennifer Walsh schier weggeblasen wird.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2024 finden Sie hier

Literatur

Gestern war der erste Tag beim Bachmannlesen in Klagenfurt (hier alle Lesungen und Videos): Als dringend preisverdächtig stach an diesem ersten Tag für Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels nur Tijan Silas "Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde" (hier zum Lesen) heraus. Darin "erzählt er von seiner Mutter und seinem Vater, die während der Kriege aus Jugoslawien flüchten mussten und daran beide psychisch zerbrachen: 'Sie gingen Hand in Hand zum Abgrund, doch während meine Mutter unerschrocken, wie sie nun einmal war, sich mit Anlauf hineinstürzte, kroch mein Vater auf allen Vieren zum Schlund.' Ein bei aller traurigen Ernsthaftigkeit der von Sila geschilderten Vorkommnisse begeisternder, souverän erzählter Text, der auch die Jury durchweg und nahezu ohne Abstriche in Euphorie versetzte. Von 'außerordentlich gut' (Thomas Strässle) über 'toll' (Kastberger) bis 'hat mich extrem beeindruckt' (Mithu Sanyal) reichte die Begeisterungsspanne." Im Standard resümiert Michael Wurmitzer den ersten Lesetag. Judith von Sternburg (FR) und Christiane Lutz (SZ) schreiben zur Eröffnungsrede von Ferdinand Schmalz.

Jan Wiele wird in der FAZ wehmütig, wenn er darauf schaut, dass mit dem Wettlesen in Klagenfurt der öffentlich-rechtliche Rundfunk einerseits mit "über tausend Minuten Literatur" für sich wirbt, während dort zugleich an anderen Stellen - wie jüngst im SWR - allen Literatursendungen ständig das Fallbeil des Sparzwangs droht. Man müsse also etwa schon "das bloße Vorkommen von etwas im Gegensatz zum Nichts" hervorheben, denn "diesem Nichts an Kultur steuern die Öffentlich-Rechtlichen immer zielstrebiger entgegen, der Aufschrei bleibt immer öfter aus, weil man sich längst gewöhnt hat an neue Demontage-Runden, die Abrissbirne wandert vom hr zum BR zum SWR und demnächst womöglich zum Deutschlandradio, von anderen Sendern zu schweigen, die Kulturkritik und rezensorische Formate schon ganz aufgegeben haben." Dazu passend ärgert sich Björn Hayer im Freitag darüber, dass der SWR seinen durch hohe Pensionskosten verursachtes Loch in den Kassen durch die Streichung literaturkritischer Sendungen stopfen will.

Weitere Artikel: Kathleen Hildebrand spricht für die SZ mit der Comicautorin Alice Oseman. Besprochen werden unter anderem Miranda Julys "Auf allen vieren" (Freitag), John Wrays "Unter Wölfen" (NZZ) und Richard Russos "Von guten Eltern" (TA). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur

Film

Der Regisseur Edward Berger wirbt im SZ-Gespräch mit David Steinitz dringend dafür, Claudia Roths Pläne für die Reform der Filmförderung umzusetzen. Der hiesige Standort könne dadurch nur gewinnen, denn große Produktionen drehen derzeit vor allem in Ungarn, allerdings allein aufgrund der dort guten Steueranreize. Doch "viele Filmschaffende und Studios möchten nicht in einem Land drehen, in dem queere Menschen diskriminiert werden und das sich aus nationalistischen Motiven abschottet. Auch Hollywood käme viel lieber nach Deutschland als nach Ungarn - aber eben nicht, wenn der Film hierzulande 15 Millionen Dollar mehr kostet. Das muss man leider knallhart betriebswirtschaftlich betrachten. Deutschland hat international einen exzellenten Ruf, es gibt sehr gute Crews, gute Hotels, gutes Essen, das sind entscheidende Faktoren. Aber im Bereich der steuerlichen Anreizmodelle sind wir momentan nicht konkurrenzfähig. Wir stehen in einem internationalen Wettbewerb, den wir derzeit deutlich verlieren."

Außerdem: Dunja Bialas spricht für Artechock mit Frédéric Jaeger, der von der Filmkritk und dem Filmkuratieren zum Filmemachen gewechselt ist und nun beim Filmfest München seinen Debüt-Langfilm "All We Ever Wanted" zeigt. Mehr zum Festival, das heute unter neuer Leitung beginnt, schreibt Bialas hier. Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland freut sich beim Filmfest München vor allem auch auf eine Veranstaltung, bei der die Kinder des 2011 verstorbenen Kritikers Michael Althen Expeditionen in dessen tausende Kassetten umfassende VHS-Sammlung unternehmen. Axel Timo Purr hat für Artechock das Mumbai Internatonal Film Festival besucht und dort neue Dokumentarfilme aus Indien gesehen. Michael Töteberg hat für den Filmdienst in den Archiven dazu recherchiert, wie sich der Filmemacher G.W. Pabst mit den Nazis arrangiert hat. Andreas Scheiner denkt in der NZZ über die Schauspielkunst von Jake Gyllenhaal nach. Für den Filmdienst porträtiert Jörg Taszman die Schweizer Schauspielerin Ella Rumpf.

Besprochen werden Michael Sarnoskis Horror-SF-Film "A Quiet Place. Tag Eins" (Perlentaucher, Zeit Online, FAZ, Tsp), Christy Halls "Daddio - Eine Nacht in New York" (Welt, Tsp), Anna Novions "Die Gleichung ihres Lebens" (Artechock), die Sky-Doku "Kill Bitcoin!" über Betrug mit Kryptowährungen (FAZ), die Amazon-Serie "My Lady Jane" (taz) und die Serie "Land of Women" (SZ).
Archiv: Film

Kunst

Ausstellungsansicht "Flowers of Life". Foto: Norbert Miguletz.
"Die gefährlichste Frau der Welt" nennt sich die bosnische Künstlerin Selma Selman selbst, Lisa Berins kann sich für die FR nun in der Kunsthalle Schirn in der Schau "Flowers of Life" selbst ein Bild davon machen. Zentraler Bestandteil ihres Werkes sind Performances, in denen sie Autos und Computer nach Altmetallen auseinandernimmt: "Es geht bei diesen Aktionen nicht nur um die Wiederverwertung von Wegwerfprodukten der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch um einen transformativen Akt auf mehreren Ebenen, wie Matthias Ulrich, der Kurator der Ausstellung, erklärt: Vermeintlicher Müll wird zu etwas Wertvollem, zugleich lässt Selman Männer für sich arbeiten und bezahlt sie aus dem Kapital des Kunstsystems. Die Mitglieder der nichtprivilegierten Gruppe der Roma und Romnja, zu der die Künstlerin selbst gehört, treten so in den Kunstkontext. Klischees und patriarchale Strukturen werden auf den Kopf gestellt, Machtverhältnisse umgekehrt. In der Kunst von Selman geht es hintergründig stets um erlebte Unterdrückung, Ausgrenzung, Gewalt - und daraus generierte Kraft."

In der Pariser Cinématèque kann Kathleen Hillenbrand in "L'Art de James Cameron" für die SZ das bildkünstlerische Werk des Regisseurs entdecken: "Weil James Cameron nicht vom Schreiben, sondern vom Visuellen, vom Malen und Basteln zum Film kam, gibt es in dieser Ausstellung viel zu sehen. In mehreren, abgedunkelten Räumen zum Beispiel Modelle vom 'Alien'-Xenomorph, vom Terminator und den sechsbeinigen Pferdetieren aus 'Avatar'. Aus einem anderen Glaskasten glotzt eine Miniversion des durchsichtigen Glibberwesens aus 'Abyss - Abgrund des Todes von 1989' mit seinem ausfahrbaren Gesicht. Das Schönste ist aber, dass man durch Camerons Kinderzeichnungen, seine Skizzen und Konzeptpapiere auch zu nie gedrehten Filmen einen Einblick in die Ideenmaschine dieses Regisseurs bekommt."

Nach zwei Jahren kann Rolf Brockschmidt für den Tagesspiegel endlich wieder den Zypern-Saal des Neuen Museums Berlin besichtigen, und lässt sich von Kurator Anton Gass Besonderheiten der zypriotischen Kunst erklären: "'eine zypriotische Skulptur ist niemals nackt', sagt Gass. Einer der Männer trägt eine zypriotische Mütze, das Gewand ist griechisch beeinflusst, ebenso wie das Medusenhaupt auf der Kleidung. Die Schlangen, die davon herabhängen, sind wiederum phönizisch. Zudem sind beide Torsi aus Kalkstein und nicht aus Marmor, den gibt es auf Zypern nicht. Und so sind die Säulen im Zypernsaal ebenfalls aus gepickeltem Kalkstein, der dann mit Stuck verkleidet wurde, sodass er aussah wie Marmor."

Weiteres: Monopol interviewt Ai Weiwei sowie Bryan Adams anlässlich seiner Ausstellung "Exposed" im Leica-Museum in Wetzlar.

Besprochen werden: "Le Monde comme il va" in der Pariser Bourse de Commerce und "Carte Blanche à Kimsooja am selben Ort (Monopol) und das Kunstfestival "48 Stunden" in Neukölln (taz).
Archiv: Kunst

Bühne

Die Intendanz von Uwe Laufenberg am Staatstheater Wiesbaden ist nach zehn turbulenten Jahren zu Ende, Eva-Maria Magel und Guido Holze blicken in der FAZ zurück auf Skandale, Streits und so manche künstlerische Differenz: "Nicht nur das letzte Laufenberg-Jahr war mit 'einigen Turbulenzen' behaftet, wie es nun die interimistische Theaterleitung anlässlich einer letzten Erfolgsbilanz der Spielzeit und der Maifestspiele mit einem 'tollen Gesamtabschluss' nannte. Turbulenzen sind Programm gewesen in den knapp zehn Wiesbadener Jahren in der Intendanz Laufenberg, weit mehr als in der Landeshauptstadt ohnehin üblich. Das hatte schon vor dem eigentlichen Spielzeitbeginn im Herbst 2014 angehoben - als 1500 Wiesbadener statt einer Neuinszenierung von Puccinis 'La Bohème' durch den damals angesagten Isländer Thorleifur Örn Arnarsson mit einer Petition lieber die 27 Jahre alte Fassung des Repertoires behalten wollten."

Weiteres: Nach Jahrzehnten der intransparenten Besetzung soll der Posten des Spielleiters der Oberammergauer Passionsspiele nun offener vergeben werden, hat der Gemeinderat des Ortes beschlossen, der bisherige Leiter Christian Stückl ärgert sich (FR). Die Initiative "Critical Classics" setzt sich für diskriminierungsarme Opern ein (taz).
Archiv: Bühne

Musik

Jeffrey Arlo Brown dringt für VAN tief vor in den Klangkosmos von Georg Friedrich Haas' "11.000 Saiten", bei dem fünfzig Klaviere, die je minimal abweichend voneinander gestimmt sind, gleichzeitig spielen: "Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit erlebe ich einen Klang, den ich noch nicht kenne." Diese Klaviere "produzieren einen Klang, der in meiner Vorstellung dem nahekommt, was eine Arbeitsbiene im Inneren des Bienenstocks hört, mit dem Gewicht und der Gewissheit von etwa 120 Millionen Jahren Evolution auf dem kleinen pelzigen Rücken. Es fühlt sich an, als wäre man eine der 3.500 inneren Haarzellen des menschlichen Ohrs, ein winziger Teil eines komplexen Leitersystems, das Schwingungen in elektrische Signale umwandelt. Oder als sitze man mitten in einem Teilchenbeschleuniger und könne die Quarks mit der Hand berühren. Manchmal scheint es, als ob sich die klangliche Energie des Stücks genau in der Mitte des Gashouders, wo niemand sitzt, sammelt und in jedem Moment das Dach des imposanten Bauwerks wegblasen könnte."

Ganz ähnlich geht es tazler Diedrich Diederichsen mit dem Album "In the Merry Month of May" des US-Dronekünstlers Tony Conrad mit der irischen Komponistin Jennifer Walshe: "Man wird weggeblasen - aber es ist keine Verstärkerwand in der Nähe, kein überblasenes Saxophon. Und zum anderen wurde eine Songform erfunden, deren textliche Seite nicht das Gedicht ist, sondern der einzelne Satz oder auch nur eine Interjektion: wie in der von britzelnden 'konkreten' Streichersounds voran getriebenen Panik-Studie 'Oh My God', in der Walshe ihre vokalen Schauspieltalente auf die Spitze treibt. Der Bass aber zerreißt uns in dem, nun ja, Rock-Hit 'Well You Would' und in 'Dance Dance' - eine Bassgitarre kann das jedoch nicht gewesen sein. ... Tatsächlich fragt man sich während dieses Sturms die ganze Zeit, was einem da einerseits vertraut und andererseits überwältigend unvertraut klanglich um die Ohren fliegt, ähnlich wie bei der Musique concrète instrumental eines Helmut Lachenmann."



Außerdem: Merle Krafeld warnt in VAN vor den Folgen des sich in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich noch deutlich verschlimmernden Musiklehrkräftemangels: "Der Klassik droht so eine weitere Zementierung des Status als elitärer Enklave." Dass die öffentliche Kulturförderung künftig an Honoraruntergrenzen geknüpft sein soll, ist für freie Musiker einerseits eine gute Nachricht, schreibt Anna Schors in VAN, andererseits könnten die dadurch steigenden Kosten auch dazu führen, dass insgesamt weniger Projekte gefördert werden. Franziska Dürmeier erzählt in der SZ von ihrer Begegnung mit dem Jazzmusiker Makaya McCraven. Volker Hagedorn schreibt in VAN über Bruckner, der vor 200 Jahren geboren wurde. Tilman Krause reist für die Welt auf den Spuren von Bedrich Smetana durch Tschechien. Hans Well schreibt in der SZ zum Tod des bayerischen Liedermachers Fredl Fesl. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ zum Tod von Kinky Friedman, dessen Tod gestern Abend gemeldet wurde.

Besprochen werden Daniel Dreppers und Lena Kampfs Buch "Row Zero" über Gewalt und Machtmissbrauch in der Musikindustrie (NZZ), die Amazon-Doku "I am: Céline Dion" (Welt, Standard) und Mary Ocher Superstars Album "Your Guide to Revolution" (taz).

Archiv: Musik

Architektur

"Spät, aber umso durchschlagender ist in Russland die Architektur und die Ästhetik des Konstruktivismus Kult geworden", hält Kerstin Holm für die FAZ fest, und besucht verschiedene, allesamt deutlich vom aktuellen Regierungskurs geprägte, Ausstellungen und Gebäude, sowohl in Moskau als auch in den Provinzen. Den Reiz des Ganzen erklärt sie so: "Das Ende 2022 im zylindrischen Gebäude der ehemaligen automatisierten Brotfabrik Nr. 5 eröffnete Sotow-Zentrum für Konstruktivismus veranschaulicht in hochkarätigen Ausstellungen anhand von Bildern, Modellen und Objekten aus staatlichen wie privaten Sammlungen, wie frühsowjetische Künstler das Wohnen, Arbeiten und Zusammenleben umgestalteten. Im Kontext der rückwärtsgewandten Kulturpolitik und der Propagierung 'traditioneller Werte' wird die Modernität und das Emanzipationsversprechen der frühsowjetischen Avantgarde besonders attraktiv."

Weiteres: Gerhard Matzig regt in der SZ anlässlich des Tages der Architektur an, sich für neuen Wohnungsbau am Pragmatismus der Lego-Steine zu orientieren.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Konstruktivismus, Wohnungsbau