Efeu - Die Kulturrundschau

Zudem eine zarte Philanthropie

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30.09.2020. Der Guardian steht in der National Gallery mit schlotternden Knie vor den Bildern der Artimisa Gentileschi, die sich mit Meisterwerken an ihrem Vergewaltiger rächte. Geschichte der Gegenwart fragt, wie man heute Othello oder auch Lucia di Lammermoor sinnvoll besetzt. FAZ und FR verdrehen genervt die Augen über den Feldzug gegen J.K. Rowling. FAZ und Tagesspiegel erleben mit Oskar Roehlers Fassbinder-Film "Enfant Terrible" Regie-Berserker-Kino reinsten Wassers.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2020 finden Sie hier

Kunst

Rape revenge: Artemisia Gentileschis "Judith enthauptet Holofernes". Bild; National Gallery 

Im Guardian feiert Jonathan Jones die große Artemisia-Gentileschi-Schau als das Aufregendste, was er je in der National Gallery gesehen hat. Hat noch jemand Zweifel, dass die Renaissance-Malerin, die sich in ihren Gemälden immer wieder für ihre Vergewaltigung rächte, zu den ganz großen Meistern gehörte? "Körper drängen einem von den Leinwänden entgegen, mit wütenden Gesichtern, gewaltigen Händen, spritzendem Blut. Es ist von Anfang bis Ende eine Achterbahnfahrt, ein Scorsese-Film aus dem italienischen Hexenkessel des 17. Jahrhundert. Im Jahr 1610, als Artemisia, die Tochter des mäßig erfolgreichen Künstlers Orazio Gentileschi, gerade siebzehn wurde, malte sie eine blendendes Meisterwerk in ihrem Schlafzimmer. 'Susanna und die Alten' schlägt in ihr eine Saite an. Susanna sitzt nackt auf grauem Stein, ihr linker Fuß tippt in das klare Wasser eines Beckens, in dem sie gerade badete. Und während sie dort sitzt, drängen sich zwei männliche Gestalten in den engen Raum des Bildes. Die Widerlinge spannen nicht nur, sie drängen sich ihr auf. Es ist eine erschütternde Arbeit, wahrscheinlich die kraftvollste Version dieser biblischen Geschichte, die jemals gemalt wurde - keine geringe Behauptung angesichts der Susannas, die Tintoretto und Rembrandt gemalt haben. Aber Artemisia bringt etwas Einzigartiges mit für die Geschichte einer jungen Frau, die von ungezügelten Männern belästigt wird - ihre eigene Erfahrung. Denn Susanna ist nach ihr selbst modelliert, nach ihrem Körper, ihrer Sicht. Sie malt mit einem Spiegel. Es ist ein Selfie aus der Hölle."

Von bewundernswerter positivistischer Strenge findet Patrick Bahners in der FAZ die Ausstellung, mit der das Kölner Museum Ludwig seine Bestände an russischer Avantgarde auf den Prüfstand stellt. Von diesen Werken sind besonders viele Fälschungen im Umlauf, auch das Museum Ludwig hat sich von den notorischen Galerien welche andrehen lassen: "Wenn ein plötzlich aufgetauchtes unbekanntes Meisterwerk als authentisch akzeptiert wird, profitieren alle, Verkäufer, Gutachter und Käufer; wenn nicht, hat niemand etwas davon. Diese Asymmetrie wird durch epistemologische Schwierigkeiten verstärkt: Indizienbeweise bleiben immer hypothetisch. In dieser Situation möchte das Museum Ludwig den state of the art der Echtheitskritik dokumentieren und zeigen, wie auf diesem heiklen Feld belastbare Urteile möglich sind. In jedem einzelnen Fall hat man drei Methoden kombiniert: Materialanalyse, Provenienzforschung und Stilkritik."

Besprochen werden eine Ausstellung der großen italienischen Fotografin Letizia Battaglia im Italienischen Kulturinstitut Berlin (Tsp), die Ausstellung "Kontinent - Auf der Suche nach Europa" der Fotoagentur Ostkreuz in der Akademie der Künste (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "Foto Arbeiten" des Leipziger Künstlers Adrian Sauer im Oldenburger Kunstverein (taz).
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Film

"Enfant Terrible": Katja Riemann als Fassbinderfrauen-Amalgam "Gudrun" und Oliver Masucci in der Rolle von Fassbinders Wampe.

Fassbinder war immer schon eine wichtige Referenz für Oskar Roehler, jetzt bringt er mit "Enfant Terrible" ein Biopic über den Filmemacher heraus. Hier bekommt man vor allem ein Bild Fassbinders präsentiert, das seine Gegner nach seinem Tod bedient haben, meint Andreas Busche im Tagesspiegel: Buchstäblich kulissen- und theaterhaft sei dann auch Roehlers Film. "Doch in der Zweidimensionalität der Kulissen kommt Oliver Masuccis Körpereinsatz umso besser zur Geltung, er rast wie eine Abrissbirne durch die Bühnenbilder; man kann sich dieser Wucht nur schwer entziehen. Aber es ist auch, zumal für Roehler, die offensichtlichste Methode, sich an Fassbinder abzuarbeiten: immer laut, immer vulgär, kotzen, schwitzen, ficken. Tourette-Kino. Der politische Filmemacher Fassbinder gerät dabei leicht in Vergessenheit. Die Bundesrepublik ist in 'Enfant Terrible' nur ein Nebengeräusch."

Auf das Kulissenhafte des Films kommt auch Andreas Kilb in der FAZ mit einer schönen Beobachtung zu sprechen: Geldnot hat den Film davor bewahrt, "zum deutschen Filmeweihespiel" zu werden, "zur fernsehtauglichen Hommage": "Auch Fassbinders Kosmos war ein Käfig, und je besser er sein Metier beherrschte (und je mehr ihm sein Leben entglitt), desto stärker schloss er sich darin ein. Die Szenen aus Fassbinder-Filmen, die Roehler nachgestellt hat, passen sich nahtlos in seinen Bühnenraum ein, nicht deshalb, weil er ihnen Gewalt antut, sondern weil die Filme selbst bühnenhaft waren. Das schlechte Altern von Fassbinders Kino, das Vergessenwerden, in dem es zu versinken droht, hat auch mit dieser Künstlichkeit zu tun: Seine Realität ist nicht mehr unsere."

Ein "Mysterienspiel" sah SZ-Kritiker Fritz Göttler, "zusammengesetzt aus lauter Versatzstücken." Auf critic.de moniert Robert Wagner allerdings, dass Röhler Fassbinder nur über seine hervorquellende Wampe versteht: "Biografische Entwicklungen oder Genauigkeiten treten vor der Ausschließlichkeit des Unförmigen zurück. ... Nichts gibt es, was über den wilden Sadisten und die begabte Sau Fassbinder hinausgeht. Dessen Leben verkommt zum Zirkus." Dlf Kultur hat mit Roehler gesprochen.

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser resümiert für die taz das Filmfestival in San Sebastián, das in diesem Jahr den Filmen, die im Frühjahr Cannes eigentlich zeigen wollte, einen Hafen bot. Irene Bazinger hat für die FAZ Rosa von Praunheim besucht. Lukas Foerster macht für critic.de mit einer Besprechung von Giuseppe Varis "Die Nonne und das Biest" aus dem Jahr 1977 den Auftakt zu einer Textreihe über Erotik- und Bahnhofskinostar Laura Gemser, die am 5. Oktober 70 Jahre alt wird. Besprochen wird außerdem der Netflix-Film "Enola Holmes" mit Millie Bobby Brown (NZZ, mehr dazu bereits hier).

Und ein Linktipp: Die Budapester Film- und Theateruniversität, die derzeit sehr unter Beschuss steht, hat auf Vimeo einen großen Schwung der dort entstandenen Filme aus vielen Jahrzehnten online gestellt, darunter auch Arbeiten von Béla Tarr. Allerdings sind die Filme nur noch heute zugänglich.
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Bühne

William Mulreadys Porträt von Ira Aldridge als Othello. Aldridge war der erste schwarze Schauspieler, der Othello spielen durfte. Foto: Wikipedia


Othello zu besetzen war schon immer eine heikle Aufgabe: schwarz oder weiß, geschminkt oder verkleidet? Die Zürcher Kulturwissenschaftlerin Joanna Nowotny denkt in der Geschichte der Gegenwart darüber nach, wie Bühnen heutzutage damit sinnvoll umgehen können. Shakespeare sagte nichts dazu, Verdi riet in seiner Oper zu "äthiopischer Kleidung" für den Protagonisten. "Erst in einer Welt, in der Schwarze Sänger*innen ganz selbstverständlich Donizettis Lucia geben dürfen und dies auch regelmäßig tun, ist ein weißer Otello unproblematisch", gibt Nowotny als Maßgabe aus, warnt aber vor einer Besetzung nach Hautfarben: "Eine Welt, in der alle nur noch Mitglieder der Gruppen spielen und singen dürfen, denen sie selbst angehören, kann nicht das Ziel sein. Dennoch ist es aus einer rein pragmatischen Perspektive wünschenswert, die PoC-Darsteller*innen, die auf ihrem Karriereweg strukturell benachteiligt sind, in einer prestigeträchtigen Oper wie Otello zu besetzen. Zudem hat eine Hauptrolle, die in einer weißen Mehrheitsgesellschaft Opfer von Rassismus wird, Symbolwert und kritisches Potenzial." (Schwarze SängerInnen spielen in der Oper allerdings schon seit Jahrzehnten ganz selbstverständlich "weiße" Rollen.)

Warten auf Godot in Köln. Foto: Birgit Hupfeld


Als Notnagel wurde Jan Bosses Inszenierung von Samuel Becketts "Warten auf Godot" ins Programm des Kölner Schauspielhauses gehievt, weiß Martin Krumholz in der SZ, aber was braucht Theater schon außer Witz, Ideen und tolle Leute? "Knaack, schmaler Typ mit Hütchen und Latschen, hält verzweifelt die Hoffnung am Leben; aber worauf? Ratjen im Leopardenfell kriegt die Zähne kaum auseinander, macht aber doch knirschend mit. 'Gehen wir. / Wir können nicht. / Warum nicht? / Wir warten auf Godot': Das Stereotyp, in das Beckett die beiden Außenseiter presst, wird bedient, aber ohne Pathos, auch ohne sich nur selbstreferenziell auf die Theater-im-Theater-Situation zu verlassen. Stattdessen blüht der Humor, zudem eine zarte Philanthropie, die der Text enthält, aber nur preisgibt, wenn man die Figuren so genau befragt, wie Bosse es tut."

Weiteres: Hochverdient findet Judith von Sternburg in der FR die Wahl der Oper Frankfurt zum Haus des Jahres, schon wegen Barrie Koskys spektakulärer "Salomé"-Inszenierung. Besprochen wird Stefan Herheims "Walküre" an der Deutschen Oper Berlin (NZZ).
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Literatur

Die Leute, die J.K. Rowling (aka Robert Galbraith) wegen angeblicher Transfeindlichkeit am liebsten schon für tot erklären und für Online-Videos ihre Bücher verbrennen, haben ihren neuen Roman "Böses Blut" sehr wahrscheinlich überhaupt nicht gelesen, mahnt Gina Thomas in der FAZ: Zwar gibt es in dem Serienkiller-Thriller tatsächlich eine männliche Figur, die Frauenkleider trägt - dies aber nicht als Ausdruck einer trans Identität, sondern es handle sich lediglich um eine strategische Verkleidung, um sich seinen Opfern nähern zu können. Paradoxerweise entspreche dieser Typ "mit dem ihn erotisierenden Machtgefühl, das er sich durch die Angriffe auf Frauen verschaffte, denn auch eher dem feministischen Feindbild Mann", wie überhaupt "auf fast jeder Seite des Buches der Schlag von Rowlings feministischem Herz zu hören ist." In der FR verdreht auch Sylvia Staude über den Online-Feldzug gegen Rowling genervt die Augen.

Besprochen werden unter anderem Olga Tokarczuks neuer Erzählband "Die grünen Kinder" (Zeit), Thomas Hettches "Herzfaden" (Freitag), Ulrike Ulrichs "Während wir feiern" (NZZ), Zora del Buonos "Die Marschallin" (NZZ), Ian McEwans Aufsatzsammlung "Erkenntnis und Schönheit" (Dlf Kultur), Kamel Daouds "Meine Nacht im Picasso-Museum" (SZ) und Ben Lerners "Die Topeka Schule" (FAZ).
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Stichwörter: Rowling, J. K.

Musik

Überall öffnen die Kulturveranstaltungsorte wieder ihre Pforten - einen Anlass zur Entwarnung sieht die Münchner Konzertveranstalterin Alexandra Schreyer darin allerdings noch nicht, sagt sie im SZ-Gespräch. In Wahrheit seien das "verzerrende Nachrichten. Es handelt sich um öffentliche oder halböffentliche Institutionen und Rundfunkanstalten, die unter den derzeitigen Bedingungen Kultur veranstalten. Wir Privatveranstalter müssen da schon genauer rechnen, und dabei kommt heraus, dass wir nicht vor halb leeren Sälen spielen können." Auch Doppel-Konzerte in direkter Folge seien keine Lösung: "Das rechnet sich nicht. Dafür dürfen zu wenige Menschen in den Saal, und wir können auch nicht die Künstler zwingen, für eine Gage zweimal aufzutreten." Die von Grütters in Aussicht gestellten Millionen könnten nur mit erheblichem bürokratischen Aufwand abgerufen werden und linderten die Not nur wenig. Dazu passend: Für den Tagesspiegel hat Regine Müller in Nordrhein-Westfalen nachgefragt, warum der Start in den Konzertbetrieb dort geschmeidiger abläuft als in Berlin.

Außerdem: Junge jamaikanische Musiker entdecken den Reggae wieder, berichtet Jonathan Fischer in der NZZ. Für die Jungle World spricht Tobias Rapp mit DJ Tanith, der seit den 80ern in Berlin auflegt, über den Wandel der Clubkultur. Die FR spricht mit Hubert von Goisern. In der Berliner Zeitung gratuliert Christian Schlüter Ralph Siegel zum 75. Geburtstag.

Besprochen werden neue Alben von Public Enemy (Standard), Afel Bocoum (SZ), Róisín Murphy (Berliner Zeitung), Crucchi Gang (Berliner Zeitung) und Erotik Toy Records (taz), Lang Langs Interpretation der Goldberg-Variationen (Freitag), die Wiederveröffentlichung von Kevin Rowlands Soloalbum "My Beauty" (Standard) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter Aloe Blaccs "All Love Everything" (SZ).
Archiv: Musik