9punkt - Die Debattenrundschau

Kontextgebundenheit von Wertzuschreibung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.07.2018. Die von der Zeit ausgelöste Debatte um die privaten Flüchtlingsretter geht weiter. Das Warten auf eine vernünftige Aufnahmeregelung schließt keine "Lizenz, ertrinken zu lassen" ein, mahnt die SZ. Kann es sein, dass auch afrikanische Potentaten Verantwortung haben, fragt die Welt. In der taz erklärt Luc Boltanski, was er unter "Ökonomie der Bereicherung" versteht. Atlantic bringt eine Reportage über junge Säkulare im Irak und ihre Geschichten. Der Tagesspiegel geht aufräumen mit Gunda Borgeest. 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2018 finden Sie hier

Europa

Mariam Laus Kritik an Retterorganisationen in der Zeit (unser Resümee und Links) sorgt in den sozialen Netzen nach wie vor für erbitterte Debatten. Bernd Pickert will in der taz einfach nicht glauben, dass eine Öffnung der Grenzen und eine Einrichtung sicherer Fluchtrouten in Europa für Konflkte gesorgt hätte: "Wer so argumentiert, hat es aufgegeben, Menschen überzeugen und Mehrheiten schaffen zu wollen. Es ist ja schließlich kein Naturgesetz, dass immer mehr Menschen in den westlichen Industrieländern Migration als größtes Problem ihrer Zeit empfinden. Es ist ein von völkischen Demagogen erzeugter Effekt, den manche etablierte Politiker ausnutzen, um vom eigenen sozialpolitischen Versagen abzulenken."

Auch Jens Bisky verteidigt in der SZ die privaten Retter: "Natürlich gehört eine vernünftige Regelung des Verhältnisses von Aufnahme und Zurückweisung zu den aktuellen Aufgaben der Politik in der Europäischen Union. Eine Lizenz, bis zu einer solchen Regelung Menschen ertrinken zu lassen, gibt es nicht." Jetzt müssten wir nochmal nachschlagen, wo genau Lau eine "Lizenz, ertrinken zu lassen" gefordert hat.

Die Journalistin Hannah Beitzer hatte auf Laus Text mit einem Tweet reagiert, der die erregte Debatte mehr oder weniger einleitete und ihren Ton prägte: "Dear sonst so geschätzte @diezeit: Ihr habt doch den Arsch offen." In ihrem Blog rechtfertigt sie ihre Ausdrucksweise mit der Intensität ihrer Empörung und weiß sich mit ihren FollowerInnen einig: "Ich weiß, dass viele von Euch das genauso sehen, ich habe noch nie so viele Nachrichten auf irgendeinen Text bekommen wie auf den Tweet gestern. An dieser Stelle: Danke, danke, für Eure lieben Worte und die Unterstützung. Das bedeutet mir sehr viel."

Für Dirk Schümer (Welt) leiden die Retter eher unter einem Messias-Komplex. Wie wäre es denn, wenn die "verantwortungslosen Machthaber Afrikas" nicht länger von den selbst verursachten Konflikten profitieren könnten und ihre Länder aufbauen statt ausbeuten würden? "Letztlich leben die Entwicklungshelfer und Retter, die sich ... ethisch glorifizieren wollen, nur eine neue Form von Rassismus. Denn sie behaupten genau wie die Missionare und Militärs vor 150 Jahren, dass die Menschen Afrikas allein nicht zurechtkommen und dass nur Europa sie retten kann. Es ist allerhöchste Zeit, mit diesem moralischen Neokolonialismus zu brechen."

Europa wird zusehends wieder zu einem Kontinent der Grenzen und der Lager, die die Flüchtlinge an Teilhabe hindern sollen, schreibt der Kameruner Philosoph Achille Mbembe in einem Artikel für die südafrikanische Zeitung Mail and Guardian, den die taz übersetzt: Das System sei, "sie in Objekte zu verwandeln, die man deportieren, an jeder Bewegung hindern, ja zerstören kann. Dieser Krieg, der darauf abzielt, sie zu jagen, zu fangen, zusammenzutreiben, ihre Fälle zu bearbeiten, sie zu separieren und zu deportieren, hat am Ende nur ein Ziel. Es besteht nicht darin, Europa abzuschotten, es in eine uneinnehmbare Festung zu verwandeln, sondern darin, Europa allein das Privileg der globalen Besitznahme und ungehinderten Bewegungsfreiheit zu sichern - auch wenn wir eigentlich alle die gleichen Anrechte auf diesen Planeten haben."

Außerdem: Christian Jakob ist für die taz nach Malta gefahren und liefert einen eher entmutigenden Zwischenbericht über die Ermittlungen im Fall der ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia.

Religion

(Via mena-watch.com) Im Irak gibt es inzwischen eine kleine Bewegung junger Säkularer, die auch wegen der Traumata der Gewalt im Land eine Trennung von Staat und Religion fordern. Dies könnte das Land auch von den religiösen Konflikten seiner verschiedenen Bevölkerungsgruppen erlösen, schreibt Alice Su in einer kleinen Reportage für Atlantic. Da wäre etwa der zwanzigjährige Khaldoun Saleh, der als Sympathisant des IS begonnen hatte: "Er sah sich jedes Hinrichtungsvideo an, das ISIS online veröffentlichte - Enthauptungen, Verbrennungen und Ermordungen angeblicher Homosexueller, die von Dächern geworfen wurden - und studierte die Koran-Stellen, die die Gruppe zur Rechtfertigung ihrer Handlungen benutzte. ISIS, so sein Eindruck, verstand den Koran viel wörtlicher, als er oder seine Familie es jemals getan hatten. Dies stellte ihn vor ein unlösbares Dilemma: Entweder er musste den Koran so interpretieren, wie es ISIS tat, oder er müsste als Heuchler leben und vieles von dem, was die islamischen Texte sagten, ignorieren. Da er keinen Mittelweg fand, verzichtete Saleh ganz auf Religion."

Es gibt sehr wohl einen muslimischen Antisemitismus, schreibt Heiko Heinisch bei den Kolumnisten, auch unter Zuhilfenahme statistischer Erkenntnisse: "Beteuerungen, das habe alles nichts mit dem Islam zu tun, helfen niemandem, schon gar nicht den betroffenen Juden. Es geht nicht um einen idealen, friedlichen und toleranten Islam, wie er in der Vorstellung vieler Muslime existieren mag, sondern um jenen Islam, der heute auf der ganzen Welt am sichtbarsten in Erscheinung tritt, weil seine Proponenten am lautesten für ihre Sache werben - es geht um den politischen Islam, wie er auch von vielen islamischen Organisationen in Europa vertreten wird. Und dieser Islam ist antisemitisch."

Ideen

Im Gespräch mit Tania Martini in der taz skizziert der französische Soziologe Luc Boltanski, was er unter "Ökonomie der Bereicherung" versteht, der sein letztes, zusammen mit Arnaud Esquerre verfasstes Buch gewidmet ist: "Wir beschreiben den ökonomischen Wandel, der durch die Deindustrialisierung in den westeuropäischen Ländern seit den 1970er Jahren eingesetzt hat, und den damit zusammenhängenden Wandel der Ausbeutung von Ressourcen, die nicht neu sind, aber eine völlig neue Bedeutung bekommen haben: die Künste, die Kultur, der Antiquitätenhandel, die Luxusindustrie, die Patrimonialisierung und der Tourismus."

Etwas konkreter spricht der Historiker Marcus Böick, Autor eines Buchs über die Treuhandanstalt mit Anja Maier ebenfalls in der taz über die "Kontextgebundenheit von Wertzuschreibung", die vielen ehemaligen DDRlern bis heute Phantomschmerzen bereitet. Auf die Frage, ob er das konkreter machen kann, antwortet er: "Das geht. Etwas, was eben noch viel wert sein kann, kann unter veränderten wirtschaftspolitischen Bedingungen nichts mehr wert sein. Der ehemalige Chef der SPD-Volkskammerfraktion, Richard Schröder, erzählt gern von seinem Wartburg, der bis zum Mauerfall sein größter Schatz war. Und wenig später hat er ihn nicht mal mehr verschenkt bekommen. In Bezug auf die DDR-Ökonomie war der 1. Juli 1990, der Tag der Wirtschafts- und Währungsunion, eine Art Tag des Jüngsten Gerichts."
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Gesellschaft

In Deutschland ist "me too" als Gesprächsangebot für ein neues Verhältnis zwischen Männern und Frauen ausgeschlagen worden, bedauert Jagoda Marinić in der SZ und sie stellt klar: "Bei 'Me Too' ging es nie darum, die Frau zum Opfer zu machen oder Männer zu Freiwild. Es ging darum zu zeigen, wie aus Verletzungen eine Stärke erwachsen kann, die Veränderungen bringt. Daraus hätte sich ein Gespräch ergeben können. Über Männer, Frauen, Rollenbilder und Macht. Doch mit der Verletzbarkeit der Frau konnte die Öffentlichkeit hierzulande nicht umgehen."

Schnell noch einen Termin machen! Julia Prosinger und Marius Buhl unterhalten sich im Tagesspiegel mit der Aufräumberaterin Gunda Borgeest , mit der man sich nicht nur eine wesentlich teurere Therapie ersparen, sondern gleichzeitig seine Wohnung aufräumen kann. Sie erzählt von einem Mann, der noch lauter Exzerpte für seine nie bewältigte Promotion im Schrank hatte und sich - obwohl er im Leben Erfolg hatte - als Versager vorkam: "Ich fragte ihn: Können Sie sich vorstellen, dass wir die Akten in einen Umzugskarton räumen? Wir sind dann irgendwann zum Altpapiercontainer, erst wollte er, dass ich es mache. Schließlich hat er sich getraut - und voller Erleichterung geweint."