Efeu - Die Kulturrundschau

Tanz des Ungenügens

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21.04.2017. Beim Internationalen Filmfestival in Istanbul offenbart sich die Spaltung der türkischen Filmszene, berichtet die SZ. Philippe de Chauverons Abschiebungskomödie "Alles wird gut" ruft bei ZeitOnline Unbehagen hervor. Die taz wohnt bei der Berliner Ausstellung von Stefan Panhans und Andrea Winkler Formen des Unvermögens im Verhalten menschengesteuerter Avatare bei. Und Stefanie Sargnagel bereitet den Kritikern mit ihrem Stück "Ja, Eh!" einen launigen Beislabend im Wiener Rabenhof.

Film

Ein betrübliches Bild zeichnet Amin Farzanefar in der SZ vom Internationalen Filmfestival in Istanbul, das zwar aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, aber eine kritisch-liberale Position einnimmt: Sponsoren springen - wohl aus Sorge um das eigene Image - ab, das Kultusministerium strafft die Mittel und greift ins Programm ein. Sorgen macht sich Farzanefar aber vor allem um die türkischen Filmemacher, für die das Festival ein internationaler Showcase ist: "Generell ist die Filmszene so polarisiert wie auch das Land: in Günstlinge wie etwa Semih Kaplanoğlu, der einen sonderbaren Zug in Richtung islamische Mystik bestiegen hat, oder Kutluğ Ataman, der aus persönlicher Abneigung gegen die Gezi-Protestler von 2013 die Nähe zur Macht suchte. Ehemalige Publikumslieblinge sind inzwischen einer regelrechten Hexenjagd ausgesetzt, als vermeintliche Terrorunterstützer - die Medien sind ja gleichgeschaltet. Dazwischen ducken sich die Unabhängigen weg und suchen einen eigenen Weg." Dieser, erfahren wir weiter, führe oft ins Exil.

Mit der Komödie "Monsieur Claude und seine Töchter" ist Philippe de Chauveron nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland ein beträchtlicher Publikumshit geglückt. Jetzt feierte sein neuer Film "Alles wird gut" in Dresden Premiere. Mit der Komödie um einen Polizisten, der zum letzten Mal eine Abschiebung durchführen soll, hatte ZeitOnline-Kritiker Matthias Dell allerdings erhebliche Probleme: "Der Film hält seinen großen Zeh immer nur kurz in die fröstelnde Wirklichkeit, die meiste Zeit liegt er in seinem prächtigen Paternalismus am Hotelpool und lässt sich von der ihm untergeordneten Umgebung den Rücken eincremen. "

Besprochen werden John Lee Hancocks "The Founder" (Tagesspiegel, Freitag, unsere Kritik hier) und Mira Nairs "The Queen of Katwe" (FR, FAZ).
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Literatur

Jana Volkmann porträtiert im Freitag Jürgen Schütz und dessen Wiener Kleinverlag Septime. NZZ-Autor Paul Jandl besucht die Schriftstellerin Nina Bussmann und unterhält sich mit ihr über ihren neuen Roman "Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen".

Besprochen werden Jérôme Leroys "Der Block" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Nico Bleutges Gedichtband "nachts leuchten die schiffe" (NZZ) und Nina Bußmanns "Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Bühne


Hinreißend viel hingerotzte Power (Foto: Ingo Pertramer)

Einen "räudigen kleinen Theaterabend" hat Wolfgang Kralicek (SZ) im Wiener Rabenhof verbracht, das mit dem Stück "Ja, eh!" erstmals Texte von Stefanie Sargnagel auf die Bühne gebracht hat: "Aufgeteilt ist der Text auf drei erfrischend uneitle Schauspielerinnen (Miriam Fussenegger, Lena Kalisch und Saskia Klar). In deren löchrigen Pullis und schlabberigen Jogginghosen (Kostüme: Cátia Palminha) würde sich zwar bestimmt auch die Autorin wohlfühlen, aber Sargnagel-Alter-Egos sollen die drei offenbar nicht darstellen. Es geht hier ja darum, erstmals zu testen, ob diese radikal persönlichen Texte auch ohne die Person funktionieren, die sie geschrieben hat. Und? Ja, eh!" Die Schauspielerinnen agieren mit "hinreißend viel hingerotzter Power, irgendwo zwischen Pumuckl und Prekariatsprinzessin", freut sich Eva Biringer in der Welt.

"Fussenegger, Klar und Kalisch setzen als motivierter Chor an und sacken wahlweise ins Selbstmitleidige oder ins Gelangweilte ab. Oder schrauben sich ins Artifizielle hinauf", schreibt Theresa Luise Gindlstrasser in ihrer Nachtkritik. Für "sehenswert, auch für Leute, die sich leicht grausen" hält Barbara Petsch das Stück in der Presse und staunt vor allem über den souveränen und innovativen Einsatz des Wienerischen: "Hier wird Dialektkultur à la André Heller, Werner Schwab oder Elfriede Jelinek revitalisiert - und eine neue Kunstsprache aus den Tiefen der Gosse gewonnen." Für Thomas Trenkler (Kurier) ist der Abend "ein großes Vergnügen, eine echte Hetz". Nur Michael Wurmitzer zeigt sich im Standard verhalten enttäuscht: "Ohne das Lakonische und Beiläufige von Sargnagels Gehabe, ohne die daraus resultierende Diskrepanz der Figur zum Geschehen, wirkt das meiste wie harmloser Klientelhumor."

Weiteres: In der NZZ kündigt Isabelle Jakob die morgige Premiere des Stücks "Le Corbusier" in den Berner Vidmarhallen an, für das dem taiwanesischen Choreografen Yu-Min Yang das wenig bekannte literarische Werk des frankoschweizer Architekten als Grundlage diente. Besprochen wird Andreas Kriegenburgs Inszenierung der Oper "Frau ohne Schatten" von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal an der Hamburger Staatsoper (SZ) sowie das als Audiowalk inszenierte Stück "Kampf Club Ost" am Schauspiel Leipzig (taz).
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Musik

Für die SZ trifft sich Juliane Liebert mit dem früheren Sonic-Youth-Musiker Thurston Moore. Georg Rudiger berichtet im Tagesspiegel von den Osterfestspielen in Baden-Baden. Frank Schäfer (NZZ) und Jens-Christian Rabe (SZ) gratulieren Iggy Pop zum 70. Geburtstag, aus welchem Anlass Markus Schneider (Berliner Zeitung) und Michael Pilz (Welt) Jim Jarmuschs Dokumentarfilm "Gimme Danger" über den rüstigen Punk-Pionier besprechen.

Besprochen werden Kendrick Lamars "Damn" (FR, The Quietus), Father John Mistys "Pure Comedy" (taz), Tim Mohrs Buch "Stirb nicht im Warteraum der Zukunft" über die ostdeutschen Punks und den Fall der Mauer (taz), ein Konzert von Princess Nokia (Tagesspiegel), Matt Thornes Prince-Biografie (taz), Joey Bada$$' "All-Amerikkkan Bada$$" (taz) und "Narkopop" von Gas (Pitchfork). Daraus ein kleiner Ausschnitt:


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Stichwörter: Iggy Pop, Gas, Jim Jarmusch

Kunst


Bild: Galerie im Turm

Noch bis Ende nächster Woche ist in der Galerie im Turm in Berlin-Friedrichshain die Ausstellung "A Gallerina's Dream (Arbeitstitel)" mit Werken von Stefan Panhans und Andrea Winkler zu sehen, die Julia Gwendolyn Schneider in der taz sehr empfiehlt. Gezeigt wird dort unter anderem Panhans Experimentalfilm "Freeroam À Rebours, Mod#I.1" (2016), der auf Fehlerszenarien aus dem Computerspiel "Grand Theft Auto" basiert: "Zwischen Videoclip, Performance und zeitgenössischem Tanz oszillierend, basiert der Film auf Formen des Unvermögens im Verhalten menschengesteuerter Avatare. Die Unkonzentriertheit der realen Personen, die die virtuellen Spielfiguren steuern, erzeugt Fehlbewegungen im Algorithmus der Figuren. Damit sind Stillstand und Zögerlichkeiten gemeint, die den permanent handlungsorientierten Bewegungen des fast reinen Action-Spiels zuwiderlaufen und den perfekten Spielfluss stören. In Panhans' Video kopieren Tänzer und Schauspieler die Fehler im Bewegungsalgorithmus der Game-Avatare und zelebrieren diese Momente in einem Tanz des Ungenügens, der Bewegungen richtungslos hin und her wabern lässt und jegliche Zielorientiertheit gegen den Strich bürstet."
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