Efeu - Die Kulturrundschau

Es war wie die Geburt des Rock'n'Roll

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17.02.2017. Unbedingt sehenswert findet der Tagesspiegel Denzel Washingtons Verfilmung von August Wilsons Theaterstück "Fences". Der Freitag rät dringend, den Film in der Originalversion zu sehen. Die NZZ erklärt, warum vom Schweizer Jahresetat für Literaturpreise gerade mal die Hälfte bei den Autoren ankommt. Brian Eno erzählt in Pitchfork, wie sein Album "Reflection" entstand. FAZ und NZZ erliegen in der Münchner Aufführung von Rossinis "Semiramide" dem berückenden Wohllaut der Mezzosopranistin Joyce DiDonato.

Film



Dass es bis zur Verfilmung von August Wilsons 1983 entstandenem Theaterstück "Fences" über die Rassismuserfahrungen der schwarzen US-Bevölkerung solange gedauert hat, hat einen handfesten Grund: Nur ein schwarzer Regisseur sollte nach dem Willen des Autors den Stoff in die Kinos bringen. Jetzt hat sich Denzel Washington daran gewagt - und ist dafür prompt bei den Oscars nominiert worden. Geglückt ist ihm mit seinem komplett mit schwarzen Darstellern besetzten Film "etwas, was im Hollywoodkino bisher undenkbar war", schreibt Olufunke Moses im Tagesspiegel. "Er gewährt Einblicke in das Leben einer schwarzen Arbeiterfamilie. Die Kamera erzeugt eine schwindelerregende Nähe zu den Figuren, während Washington mit einem formidablen Gespür für Sprachrhythmus und Timing die Poesie aus den teilweise weitschweifigen Dialogen herauskitzelt."

Entsprechend rät Lukas Foerster im Freitag dringend dazu, sich den Film im Original anzusehen: "Washingtons Figur des Troy Maxson, eines Manns mittleren Alters, der bei der Müllabfuhr arbeitet und in einem kleinen Einfamilienhaus in Pittsburgh mit seiner Familie lebt, redet und redet und redet wie ein Wasserfall. Vor allem in der ersten halben Stunde ist Washingtons Stimme allgegenwärtig, durchdringt den Film bis ins Innerste." Für die SZ hat sich Jürgen Schmieder mit der Hauptdarstellerin Viola Davis unterhalten.

Weiteres: Für die Welt hat Cosima Lutz die Drehbuchpitchings rund um die Berlinale besucht. Besprochen werden das neue "Trainspotting"-Sequel (FR) und Claude Barras' Stopmotion-Film "Mein Leben als Zucchini" (Welt, FAZ).

Bei der Berlinale ist unterdessen Endspurt angesagt. Hong Sang-Soos "On the Beach at Night Alone" hat den Kritikern noch ein echtes Highlight beschert. Außerdem wird auf der Berlinale wenig gesprochen, noch weniger gevögelt, aber viel geraucht, ist den ersten Fazits zu entnehmen. Mehr dazu hier in unserer Presseschau.
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Architektur



Eine "gewisse Ermüdung" überkommt Rainer Haubrich (Welt) bei der Bonner Tagung "Demokratie bauen. Identität bauen" der Universität Stuttgart und des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung (BBR): "Das Terrain ist inzwischen ziemlich abgegrast, und es halten sich hartnäckig Klischees, die man überwunden glaubte. Dazu gehört etwa die Vorstellung, dass 'transparente Architektur' besonders demokratisch sei, weil sie für Offenheit und Teilhabe stehe. Wenn der Architekturhistoriker Klaus Jan Philipp über das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe aus dem Jahre 1969 referiert und dabei ein Gutteil seiner Abbildungen zugezogene Vorhänge oder heruntergelassene Jalousien zeigt, ist das nicht ohne unfreiwillige Ironie." (Foto: Rainer Lück, unter CC-Lizenz bei Wikipedia veröffentlicht)
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Bühne

Inszenatorisch ist Gioacchino Rossinis Melodrama "Semiramide" an der Bayerischen Staatsoper "eine Tombola mit Rätselbildern, interessant allenfalls, weil offen für die Phantasie", meint Jürgen Kesting in der FAZ. Dass die Aufführung dennoch "triumphal" ist, verdankt sie der Mezzosopranistin Joyce DiDonato und dem Dirigenten Michele Mariotti: "Betörend das Hörnerquartett zu Beginn der Ouvertüre, herrlich das Filigran der wie Silberfäden in einen Brokat eingewoben Holzbläser-Stimmen ... Ein Ereignis für sich: der berückende Wohllaut und die sublime wie technisch ausgefeilte Gesangskunst von Joyce DiDonato. Sie offenbart, dass das Schöne das Geistige ist, das sich sinnlich äußert." (Oben links: Joyce DiDonato als Semiramide, Foto: Bayerische Staatsoper)

Auch für Marco Frei (NZZ) rettet DiDonato "eine schwache Inszenierung": "Mit ihrem dunklen Timbre machte sie eine verdüsterte, abgründig tragische Tiefe hörbar, die perfekt zur Partie der Königin von Babylon passte - ein starkes Rollendebüt."

Weiteres: Daniel Ender unterhält sich für den Standard mit Bo Skovhus, der in Peter Konwitschnys Inszenierung von Werner Egks Oper "Peer Gynt" im Theater an der Wien in der Titelrolle zu sehen ist.
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Musik

Für Pitchfork unterhält sich Philip Sherburne mit Brian Eno. Unter anderem geht es um die Produktion seines neuen Ambientalbums "Reflection", das einerseits als App veröffentlicht wurde, in der die musikalischen Variablen permanent verändert werden, sodass das Album theoretisch unendlich lange laufen könnte. Zum anderen gibt es eine statische Version des Albums von 54 Minuten Länge. Eno verfolgte dabei eine "hybride Annäherung. Ich hatte elf Stücke in der gewünschten Länge generiert, die ich von iTunes in zufälliger Reihenfolge abspielen ließ. Ich hörte mir die Stücke nachts an, während ich mit anderen Tätigkeiten beschäftigt war. Und während ein Stück durchlief, dachte ich: 'Das war ein schönes Stück. Vor allem die zweite Hälfte gefällt mir.' Entsprechend machte ich mir Notizen. So ging das ein paar Abende. Zwei Stücke stachen ganz besonders heraus. Bei dem einem waren die letzten 40 Minuten wunderschön, beim anderen die ersten 25 Minuten. Also dachte ich mir: 'Das ist ein Studio hier. Ich mache eine verdammte Platte. Ich füge sie einfach aneinander.' Es war wie die Geburt des Rock'n'Roll. 'Ich darf das. Das ist kein Beschiss.' Es war ein bisschen haarig, eine passende Stelle dafür zu finden, aber im Resultat handelt es sich um zwei miteinander vernähte Stücke."

Besprochen werden das Album "Culture" des HipHop-Trios Migos (taz) und ein Konzert von Kirill Gerstein (Standard).
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Stichwörter: Brian Eno, Ambient, Hiphop

Kunst

Maria Becker stellt in der NZZ das im ehemaligen Elektrizitätsunterwerk Selnau untergebrachte Gegenwartsmuseum Haus Konstruktiv vor. Besprochen wird die Werkschau von Wolfgang Tillmans in der Londoner Tate Modern (FAZ).
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Literatur


Ist er's oder ist er's nicht? Ab Sekunde 35 können Sie mitraten.

Der kanadische Literaturwissenschaftler Jean-Pierre Sirois-Trahan ist auf die Filmaufnahme einer Hochzeit von 1904 gestoßen, durch deren Bild ein eiliger Marcel Proust huschen soll, meldet der Guardian. Sirois-Traha gehe "besonders auf den grauen Gehrock ein, den Proust an diesem Tag trug", schreibt dazu Lukas Latz in der SZ. "Der Literaturwissenschaftler vermutet, dass es das gleiche Kleidungsstück ist, dass Swann, ein Protagonist aus dem ersten Teil des Romans, in einer Schlüsselszene trägt."

Martin Zingg porträtiert in der NZZ die mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnete Schriftstellerin Pascale Kramer. Passend dazu hat Roman Bucheli in der NZZ recherchiert, warum vom Schweizer Jahresetat für Literaturpreise gerade mal die Hälfte bei den Autoren ankommt. Der Rest versickert in Organisationsabläufen und repräsentativen Aufhübschungen: "Allein von dem runden Betrag für die (mit Verlaub: überflüssigen) Porträtfilme könnten eine Autorin und ein Autor glatt ein Jahr leben und arbeiten. Literaturpreise scheinen hier nur ein Vorwand zu sein, um hauptsächlich links und rechts davon das üppig vorhandene Geld kübelweise auszuschütten."

Weiteres: Dass auf der Shortlist für den Leipziger Buchpreis Jonas Lüschers Debüt "Kraft" fehlt, hält midt in der SZ für ein "sträfliches" Versäumnis. Judith von Sternburg freut sich in der FR unterdessen darüber, dass Brigitte Kronauers "Der Scheik von Aachen" nominiert ist. In der NZZ würdigt Roman Bucheli den Schweizer Literaturwissenschaftler Charles Linsmayer und dessen Verdienste um die Geschichte der Schweizer Literatur. Der Börne-Preis geht in diesem Jahr an Rüdiger Safranski. "Eine Entscheidung voller Idealismus", schreibt dazu Christian Thomas in der FR. Angela Schader schreibt in der NZZ über die Schriftstellerin Carson McCullers, die am kommenden Sonntag 100 Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden Julia Zanges "Realitätsgewitter" (taz), Birgit Birnbachers "Wir ohne Wal" (Tagesspiegel), Malla Nunns "Zeit der Finsternis" (Tagesspiegel) und Pola Oloixaracs "Kryptozän" (SZ).
Archiv: Literatur