Brigitte Kronauer

Der Scheik von Aachen

Roman
Cover: Der Scheik von Aachen
Klett-Cotta Verlag, Suttgart 2016
ISBN 9783608983142
Gebunden, 399 Seiten, 22,95 EUR

Klappentext

Für ihre große Liebe Mario setzt Anita Jannemann alles auf eine Karte. Sie gibt ihren Job in Zürich auf und zieht zurück in ihre Heimatstadt Aachen. Dort besucht sie regelmäßig die alte Emmi. Anita ist schockiert, als ihre Tante barsch behauptet: "Du liebst Mario gar nicht." Der Antiquitätenhändler Marzahn, bei dem Anita nach ihrer Rückkehr eine Anstellung findet, ist ein zutiefst zynischer Mensch. Gerade deshalb ist er so von Anitas schwärmerischer Naivität für den Amateur-Bergsteiger Mario fasziniert. Besessen versucht er ihr die Liebe in all ihren Schattierungen zwischen Tragik und Lächerlichkeit zu erklären. Auch die Geschichten, die Anita in Anlehnung an Wilhelm Hauffs Zyklus "Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven" ihrer Tante jeden Samstagnachmittag zu deren Zerstreuung erzählt, kreisen um dasselbe Thema. Meist indirekt, denn Anita verbindet mit Emmi aufgrund eines Todesfalls ein familiäres Schweigegebot …

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.02.2017

Dieser Roman ist ein "Feuerwerk", jubelt Rezensentin Susanne Mayer über Brigitte Kronauers "Scheik von Aachen". Was entdeckt die Kritikerin nicht alles in der herrlich artifiziell konstruierten und jenseits aller Alltagsbanalitäten spielenden Erzählung um die vierzigjährige Anita und ihre alte pflegebedürftige Tante Emmi: Liebe, Tod und Verlust, dazu eine Prise Kronauer'sche Boshaftigkeit und Shakespeare'sche Leichtigkeit und nicht zuletzt ein an Kuriositäten reiches Figurenensemble, das Aki Kaurismäki-hafte Gestalten etwa auf die "skurrilen" Zwillinge aus Diane Arbus' berühmtem Foto treffen lässt. Während Mayer schon ganz hingerissen vermerkt, wie die Autorin mit den Genres spielt und Slapstick mit "romantischer Hintertriebenheit" verknüpft, verschlägt ihr Kronauers Sprachgewalt, die ganze "mimetische Explosionen" entfacht, vollends den Atem.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2016

Selten hat Rezensentin Sandra Kegel so unterhaltsam über den Verlust und den Umgang damit gelesen wie bei Brigitte Kronauer. Dass die Autorin zu den herausragenden Erzählerinnen der deutschen Gegenwart gehört, zeigt sich für Kegel in diesem Roman einmal mehr, und zwar an der Neugier, mit der Kronauer ihre von Verlusten gebeutelten Figuren begleitet, ohne Betroffenheit zu vermitteln, aber dafür mit Ironie, subtil, in origineller Sprache und mit romantischer Lust am Fantasieren und an der Spekulation, wie Kegel erklärt. Überhaupt Romantik, Kegel wird mitten in sie hineingezogen, ohne einen historischen Roman zu lesen allerdings, versichert sie. Das Buch, die Geschichte sind zeitgenössisch, versichert die Rezensentin, spielt bloß mit historischen Verweisen und märchenhaften Binnengeschichten. Zurückgelassene Frauen und Männer treten auf und berichten, vermittelt von einer Erzählerstimme mit Verve und Witz, wie Kegel findet, von ihren Schicksalen. Ein Vexierspiel aus Sarkasmus, Heiterkeit und Wärme, meint die Rezensentin erfreut.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.11.2016

Was Brigitte Kronauer ihren geheimnisvollen Erzähler geschickt arrangieren lässt, nennt Rezensent Nico Bleutge ein "funkelndes Reich der Ambivalenz". Tatsächlich sind es die vielen widersprüchlichen Schichten des Lebens, die die Autorin und ihre Figuren faszinieren, was sich sowohl in den Charakteren, als auch im Erzähler und seiner Erzählweise spiegelt. Nicht nur um Trauer, um Entbehrung, unerfüllte Sehnsüchte und Träume geht es in den Geschichten, die die Figuren einander erzählen, lesen wir, sondern auch um das Erzählen selbst, die Lust, den Schmerz, die Kraft der Sprache und die Magie des Benennens. Wenn auch mancher vermeintlich versteckter Hinweis ein wenig plump daher kommt, so ist es doch erstaunlich, schreibt Bleutge, wie die Autorin innere und äußere Landschaften zu einem komplexen, "sprachflimmernden" Kunstwerk verwebt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2016

Judith von Sternburg erzählt so erfreut wie ausführlich von Brigitte Kronauers neuem Roman "Der Scheik von Aachen": Er handelt von der 42-jährigen Anita Jannemann und ihrer gewagten Entscheidung, für ihren Geliebten Mario den Job in Zürich aufzugeben und zurück nach Aachen zu ziehen. Auch ihre Tante Emmi wohnt in Aachen, die zwar die Beziehung zu Mario eher skeptisch betrachtet, aber ihrer Nichte nicht zuletzt wegen des Todes ihres eigenen Sohnes verbunden ist. Besonders gelungen findet Sternburg die Figur der Anita. Sie sei so lebhaft und interessant, dass man als Leser kaum die Augen von ihr nehmen wolle. Die anderen Charaktere bleiben hier laut Sternburg entwicklungstechnisch ein wenig auf der Strecke. Ein Umstand, der dem "keineswegs handlungsarmen" Plot keinen Abbruch tut, versichert Sternburg, denn so bleibe wenigstens genügend Zeit für Plauderei.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2016

Rezensentin Jutta Person liest Brigitte Kronauers Romane gern, sie schätzt das Formbewusstsein und zugleich die nicht-naive Menschenfreundlichkeit der Autorin, die sie auch im "Scheik von Aachen" findet. Protagonistin dieses Romans ist eine etwas verstrahlte Mittvierzigerin, die in einem Aaachener Devotionalienhandel arbeitet, ihre Großliebe Mario verehrt und die aus dem Leben geworfene Tante unterhält. Ihr gegenübergestellt ist ihr Chef und zynischer Gegenspieler Marzahn. Einfach fantastisch findet die Rezensentin, wie Kronauer Tragik und Komik in diesem "Hochtief-Roman" miteinander verbinde, Hoffnung und Enttäuschung, Verehrung und Zynismus, so dass sie sich gar fragt, wie es wohl wäre, den Roman wie eine Schallplatte rückwärts zu lesen.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 08.10.2016

Wie ein "Wimmelbild der Verluste" erscheint Rezensent Paul Jandl dieser Roman, in dem Brigitte Kronauer sich über eine Vielzahl von Erzählern dem Gefühl von Trauer nähert. Für den Kritiker entfaltet sich hier die ganze Kunst der Autorin, die mit beeindruckender Leichtigkeit vom Tod von Geliebten ebenso wie vom Tod von Kindern erzählt, ihre Helden zugleich aber auch über den Verlust von Dingen trauern und die Grenzen dabei verschwimmen lässt. Mehr noch: Kronauer vermag nicht nur die Kluft zwischen "echtem Schmerz und falschem Pathos" mit einer gewissen Komik präzise zu durchleuchten, sondern überzeugt auch einmal mehr durch ihr virtuoses Gespür für die psychologische Zeichnung ihrer Figuren, schwärmt der Rezensent. Kunstvolle Arrangements, Kronauers brillante, bildreiche Sprache und Szenen, die dem Rezensenten wie die "psychotherapeutische Substanz eines Märchens" erscheinen, vollenden diesen großartigen Roman, lobt er.
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