Efeu - Die Kulturrundschau

Wir selbst sind das Medium

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.02.2017. Die Feuilletons nehmen Abschied vom großen griechischen Künstler Jannis Kounellis. Die Welt erklärt, was an dem filmischen Dokument von Marcel Proust so aufregend ist. Die FAZ erlebt mit Philip Tiedemanns Inszenierung von Heiner Müllers "Herzstück" im Berliner Ensemble einen vergnüglichen Abschiedsabend. Der Kurier verzweifelt an der Wiener Unfähigkeit zu spektakulärer moderner Architektur. Das Zeit Magazin entdeckt die Unterhose als Mittel des politischen Protests. Und A.V. Club meldet: Der heilige Gral der Nouvelle Vague ist bei Youtube aufgetaucht!

Kunst

Der griechische Künstler Jannis Kounellis ist am Donnerstag im Alter von achtzig Jahren in Rom gestorben. In der NZZ widmet ihm Gabriele Detterer ein Porträt: "Kounellis selbst bezeichnete sich als 'pittore', als Maler. Aber was haben Segel, Kohlen, Jutesäcke, Eisenplatten, Kaffeepulver mit Malerei zu tun? Oder gar zwölf Pferde, die der Künstler in der römischen Galerie L'Attico anpflockte... In der Frage, ob er nicht doch ein Objektkünstler sei, blieb Kounellis eisern: 'Ein Zentner Kohlen ist kein Objekt, der Haufen repräsentiert die Divergenz zur traditionellen Skulptur und ist unwiderruflich mit den umgebenden Wänden verbunden, so wie ein Fresko.' Das Fresko also hatte dem Maler den Weg gewiesen, vom traditionellen Tafelbild weg hin zu raumgreifender Kunst."

In der FAZ erinnert Kolja Reichert an Kounellis: "Während die Pop Art die Oberflächen der Warenwelt zum Material erklärte, nutzten Kounellis und seine Weggefährten arme, teils flüchtige oder verderbliche Materialien mit archaischer Kraft und poetischem Potential. 'Arte Povera', nannte der Kunstkritiker Germano Celent diese Kunst... Die Dramatik seiner Installationen wurde auch im Theater geschätzt. 1991 gestaltete er Bühnenbilder für die Amsterdamer Oper und für Heiner Müller in Berlin, später für Daniel Barenboims 'Elektra'. Selbst schrieb er auch Stücke. Von 1993 bis 2001 war er Professor in Düsseldorf."

"Einen Stammplatz hat Kounellis im Kolumba-Museum in Köln sicher", schreibt Gottfried Knapp in der SZ: "Der von ihm dort abgestellte Kleiderständer mit Mantel und Hut, der vor einer goldgetönten Wand steht und von einer seitlich angebrachten Petroleumlampe schwach erleuchtet wird, soll alle künftigen Umbauten überstehen." Weitere Nachrufe in der FR, im Standard, im Guardian und in Le Figaro. Für den DLF hat sich Michael Köhler mit dem Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath über Kounellis unterhalten.

Weiteres: Besprochen werden eine Ausstellung mit Fotografien von Claudia Andujar im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (FR), eine Doppelausstellung mit Fotografien von Garry Winogrand und Peter Lindbergh im NRW-Forum Düsseldorf (FAZ), eine eine Werkschau von Alfons Schilling in der Wiener Galerie Westlicht (Standard) sowie die große David Hockney-Retrospektive in der Tate Britain (Tages-Anzeiger).
Archiv: Kunst

Architektur

Dass sich 400 Künstler auf einer Unterschriftenliste gegen den Bau eines Hochhauses am Wiener Heumarkt ausgesprochen haben, hinterlässt bei Georg Leyrer (Kurier) "Ratlosigkeit, auch wenn dieses Projekt sicher nicht das sympathischste ist. Schenken die Superreichen ihr Ausbeutungsgeld plötzlich an die Armen, wenn sie den Heumarkt nicht verbauen dürfen? ... Wäre es nicht Aufgabe gerade der Kultur, diese Stadt von ihrem pragmatisierten Erbenstatus in eine Zukunft zu führen? Und warum schafft es jede Stadt der Welt, spektakuläre moderne Architektur an zentrale Orte zu stellen, nur Wien streitet um jeden faden Bau?"
Archiv: Architektur
Stichwörter: Wien, Moderne Architektur

Bühne

Sehr angeregt berichtet Irene Bazinger in der FAZ von Philip Tiedemanns Inszenierung von Heiner Müllers "Herzstück" auf der Probebühne des Berliner Ensembles: "Immer wieder wird 'Herzstück' interpretiert, ob von einem Mann und einer Frau oder vom Ensemble als Chor vorgetragen, ob in einer Phantasiesprache schwadroniert oder als Monolog ausgereizt, ob pantomimisch komisch überhöht oder von Claudia Burckhardt und Uli Pleßmann als groteskes Duett gesungen. Heiner Müllers Texte funkeln und strahlen und ergänzen einander als Chronik des Untergangs, die hier - 'das Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken' - zu einem leichtfüßig-intelligenten, elegant wie expressiv choreografierten Albtraumbilderbogen wird." (Oben: Jörg Thieme und Anke Engelsmann in "Herzstück"; Foto: Marcus Lieberenz)

Weiteres: In der Stuttgarter Zeitung porträtiert Tomo Pavlovic den Bühnenbildner Aleksandar Denic, der lange Jahre an der Volksbühne mit Frank Castorf und jüngst mit Armin Petras in Stuttgart arbeitete. Besprochen werden ein Falco-Musical in der Alten Oper Frankfurt ("an Banalität kaum zu unterbieten", stöhnt Volker Schmidt in der FR), das Tanzstück "Foreign Tongues" der Wiener Gruppe Liquid Loft im Tanzquartier Wien (Standard), Christoph Marthalers Inszenierung von Alban Bergs "Lulu" an der Hamburgischen Staatsoper (Standard) und Rebekka Kricheldorfs Grimm-Bearbeitung "Das blaue Licht/Dienen" am Kasseler Staatstheater (FR).
Anzeige
Archiv: Bühne

Musik

Hans Keller erinnert in der NZZ an die Ursprünge der Sambamusik vor 100 Jahren, die aus einem Plagiatsstreit und einem sich daran anschließenden Wettkampf um die beste Parodie des plagiierten Songs entstand. Die Welt spendiert einen Gratis-Download von Beethovens 9. Sinfonie mit Gustavo Dudamel. Cathrin Kahlweit schreibt in der SZ über Falco, der morgen 60 Jahre alt geworden wäre. Die FAZ-Popkritiker würdigen Falco als Pionier des deutschsprachigen Raps. Besprochen wird zudem eine "Best Of"-CD von Old Crow Medicine Show (FAZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Rap, Gustavo Dudamel

Design

Das politische Statement ist in die Mode zurückgekehrt, stellt Katharina Pfannkuch vom Zeit Magazin nach dem Besuch der New York Fashion Week fest: "Der mexikanisch-amerikanische Designer Raul Solis von LRS druckte 'No Ban, No Wall' auf Unterhosen. Das Label Public School zitierte die roten Baseballcaps der Trump-Anhänger, nur prangte auf den Kappen der Aufdruck 'Make America New York'. Jeremy Scott machte seine Models zu wandelnden Telefonbüchern - auf den T-Shirts seiner Kollektion standen die Namen und Nummern von US-Senatoren. Eine modische Multiplikation des Aufrufs von Filmemacher Michael Moore, der forderte, dass jeder US-Bürger nun täglich seinen Repräsentanten im Senat über seinen Trump-Unmut informieren sollte."
Archiv: Design

Film

Jean-Luc Godards erster, nie in den Verleih gekommener Kurzfilm "Une Femme Coquette" aus dem Jahr 1955 ist bei Youtube aufgetaucht, meldet ein darüber ziemlich aufgeregter Ignatiy Vishnevetsky auf A.V. Club: Dies sei "der Heilige Gral aus der Zeitenwende der Nouvelle Vague. Ein Film, der so selten ist, dass er von Biografien und filmhistorischen Büchern oft als 'verschollen' eingeschätzt wurde."



Weiteres: Richard Kämmerlings unterhält sich in der Welt mit James Schamus über dessen Verfilmung von Philip Roths "Empörung". Für The Quietus spricht Ian Schultz mit John Waters. Für die Welt trifft sich Felix Zwinzscher mit Keanu Reeves, der sich dabei als Melancholiker unter den Hollywoodstars erweist.

Besprochen werden Baltasar Kormákurs Serie "Trapped" (ZeitOnline, hier alle Folgen in der ZDF-Mediathek) und der als Abschluss der Berlinale außer Konkurrenz gezeigte Superheldenfilm "Logan" mit Hugh Jackman (Tagesspiegel).

In Berlin gehen die Filmfestspiele zu Ende - die Kritiker ziehen Bilanz. Alles dazu in unserer Berlinale-Presseschau.
Archiv: Film

Literatur

Dass Proustianer so entzückt darauf reagieren, dass Marcel Proust in einem kürzlich entdeckten Filmfragment durchs Bild huscht, lässt sich nach kurzem Nachschlagen mit Proust selbst erklären, schreibt Richard Kämmerlings in der Welt: Der Autor war für den medialen Umbruch seiner Zeit nämlich sehr empfänglich. "Eine Hochzeitsgesellschaft wie die der Greffulhes auf einem Film festzuhalten war damals eine sensationelle Neuerung. Doch die äußerliche Wiederholung ist für Proust die uninteressante Seite der Medaille. Entscheidend ist, 'die feine Rille aufzuspüren, die der Anblick eines Weißdornbusches oder einer Kirche in uns eingezeichnet hat', heißt es in 'Die wiedergefundene Zeit' ... Die technische Rillenmetapher ist hier schlagend: Wir selbst sind das Medium, um jenen entscheidenden Eindruck festzuhalten und wieder hervorzurufen, den eine ästhetische oder erotische Erfahrung einmal in uns hinterlassen hat."

Weiteres: Susanne Messmer schreibt in der taz über die Schriftstellerin Carson McCullers, die morgen 100 Jahre alt geworden wäre. Tilman Spreckelsen hat für den literarischen Wochenendessay der FAZ zu Theodor Storms Frankfurt-Aufenthalt im Jahr 1865 recherchiert. Auf dctp.tv sprechen Alexander Kluge und der Literaturwissenschaftler Bernd Flessner über Stanisław Lem und Arno Schmidt als Science-Fiction-Autoren.

Besprochen werden Nicolas Debons Comic "Essai" (Tagesspiegel), Chris Kraus' "I Love Dick" (Tagesspiegel), Julian Barnes' "Der Lärm der Zeit" (SZ) und der erste Band der Salzburger Ingeborg-Bachmann-Gesamtausgabe (FAZ), aus dem die Welt in ihrer Beilage einen Vorabdruck bringt.
Archiv: Literatur