Jonas Lüscher

Kraft

Roman
Cover: Kraft
C. H. Beck Verlag, München 2017
ISBN 9783406705311
Gebunden, 237 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen, unglücklich verheiratet und finanziell gebeutelt, hat womöglich einen Ausweg aus seiner Misere gefunden. Sein alter Weggefährte István, Professor an der Stanford University, lädt ihn zur Teilnahme an einer wissenschaftlichen Preisfrage ins Silicon Valley ein. In Anlehnung an Leibniz' Antwort auf die Theodizeefrage soll Kraft in einem 18-minütigen Vortrag begründen, weshalb alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Für die beste Antwort ist eine Million Dollar ausgelobt. Damit könnte Kraft sich von seiner anspruchsvollen Frau endlich freikaufen … Jonas Lüscher erzählt in diesem Roman von einem Mann, der vor den Trümmern seines Lebens steht, und einer zu jedem Tabubruch bereiten Machtelite, die scheinbar nichts und niemand aufhalten kann.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.02.2017

Als Roman möchte Rezensentin Marie Schmidt Jonas Lüschers "Kraft" zwar nicht unbedingt bezeichnen, als Essay im Gewand belletristischer Fiktion findet sie das Buch allerdings grandios. So stört es die Kritikerin keineswegs, dass sämtliche Figuren einem gewissen "Schematismus" folgen, vielmehr bewundert sie, wie der Schweizer Autor sich mit seinem linksliberalen, finanziell klammen Professor Kraft zum Kern der heutigen Theodizee-Frage vorarbeitet. Wie Lüscher hier mit dem Neoliberalismus abrechnet, hat der Rezensentin gut gefallen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2017

Andreas Platthaus erkennt in Jonas Lüschers Roman ein Buch zur Zeit. Sogar das Befremden, das der Rezensent empfindet, wenn Lüscher seine stark ironisch eingefärbte Geschichte um den Niedergang eines deutschen Bildungsbürgers in Stanford mit archaischen, manieriert wirkenden Wendungen wie "allenthalben" garniert, möchte Platthaus als zeitgemäße Verunsicherung deuten. Der kleine Roman, der den Rezensenten stilistisch an Thomas Mann, thematisch an T. C. Boyle erinnert, hat Platthaus sichtlich Spaß gemacht.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.02.2017

Christopher Schmidt folgt dem Sengstrahl von Jonas Lüschers intellektueller Prosa durch die Gegenwart. Der altmodische, ironische Erzählton des Autors gefällt ihm, wenn Lüscher seinen Tübinger Rhetorikprofessor Richard Kraft als satirischen Inbegriff eines europäischen Intellektuellen in die Keimzone des digitalen Totalitarismus nach Kalifornien schickt. Und in ihm bäumt sich das alte Europa gegen das Silicon Valley auf, die Hermeneutik gegen die Algorithmen, der Humanismus gegen das Engineering. Teils Gelehrtensatire, teils Campus-Roman, teils Kapitalismus-Kritik, berauscht der Roman den Rezensenten durch Leichtfüßigkeit und die Souveränität eingestreuter philosophischer Exkurse sowie durch ein feines Motivnetz.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 04.02.2017

Richard Kämmerlings geht mit Jonas Lüschers Gelehrtensatire "Kraft" hart ins Gericht. Zwar muss der Kritiker über die ein oder andere Episode durchaus schmunzeln, im Wesentlichen erscheint ihm die Geschichte um einen Tübinger Rhetorik-Professor, den es aus Geldnot und dank einer Preisfrage an die Stanford University in Kalifornien verschlägt und an dessen Beispiel Lüscher die Geschichte liberal-konservativen Denkens erzählen will, allerdings zu "klischeehaft und plump". Dass sich der Witz des ewigen Scheiterns und der Spott über die digitale Elite bald erschöpfen, mag der Rezensent noch verzeihen. Dass Lüscher sich aber nicht entscheiden kann, ob sein Held oder die Welt Zielscheibe des Zynismus ist, findet der Kritiker störend. Lüschers "betüddelnde" Erzählhaltung, dazu einige schiefe Formulierungen lassen für Kämmerlings nur einen Schluss zu: Lieber zu Saul Bellows Roman "Herzog" greifen, der die "Tragik des modernen Bewusstseins" wesentlich besser verdeutlicht, rät der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.01.2017

Was das Politische mit dem Privaten zu tun hat, lernt Rezensent Philipp Theisohn mit Jonas Lüschers Roman. Die Chronik einer Kapitulation, den Absturz eines virilen Bildungsbürgers im Angesicht einer fremden Autorität, inszeniert der Autor laut Rezensent allerdings nicht überzeugend. Das liegt für Theisohn am Missverhältnis von Charakter und Geschichtlichkeit. Oder anders: Die Fallhöhe der Figur stimmt nicht. Und der Text wiederholt die Posen seiner Figur in überzogenen Szenen, meint Theisohn. Den Selbstmord am Schluss nimmt er dem Protagonisten nicht ab. Die Verbindung zwischen dem Schicksal der Figur und der Theodizee, die der Text suggeriert, sie scheint dem Rezensenten schon vor dem Ende des Romans zerrissen.