Efeu - Die Kulturrundschau

Ins menschliche Maß zurück

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16.12.2016. Was ist britische Kunst? Darüber denkt die FAZ vor einem Paul Nash und der Guardian vor einem Turner nach. Der Freitag bewundert den neuen Film der Dardenne-Brüder, "Das unbekannte Mädchen", nach sechs Minuten Kürzung. Die NZZ erinnert an den Zürcher Literaturstreit. Die Berliner Zeitung erzählt, wie Dresden mit Kultur die hässlichen Pegida-Laute übertönen will.

Kunst


Paul Nash,The Rye Marshes, 1932, Tate

Die Tate Britain zeigt gerade eine große Schau zum Werk des Malers Paul Nash. Interessant, meint Gina Thomas in der FAZ, in Zeiten des Brexit. Denn Nash wandte sich nach seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg von der Landschaftsmalerei ab und hin zu einer experimentellen Moderne. Dabei musste er sich die Frage gefallen lassen, wie britisch seine Malerei denn eigentlich noch sei: "Die Fronten seien abgesteckt, konstatierte Nash: 'internationale Moderne gegen eine heimische Kultur, Erneuerung gegen Erhaltung, das Industrielle gegen das Pastorale, das Funktionale gegen das Zwecklose'. Die Ausstellung führt vor, wie er diese beiden Stränge mit seiner Wahrnehmung der von Geschichte und Spiritualität durchdrungenen Landschaft zu vereinbaren suchte, in Kompositionen, die seine Gefühlswelt spiegeln."


J.M.W. Turner, Dutch Boats in a Gale ('The Bridgewater Sea Piece'), 1801, National Gallery

Im Guardian hält Jonathan Jones überhaupt nichts von Nash und seinen Zeitgenossen. In der modernen Malerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren britische Maler bestenfalls zweitklassig, meint er: "What am I saying - that we should all share the 'conservative' tastes of Harry Hyams and look at paintings by Turner instead of British modernists such as Barbara Hepworth? Er, yeah, that is what I am saying - for it is Turner who is the real radical. The British version of modern art between 1900 and 1940 was pallid and mediocre, like an art teacher's tame version of the creative mayhem going on in Europe at the time. Turner, by contrast, was at the forefront of European Romanticism and his art genuinely influenced the likes of Henri Matisse and Mark Rothko in the modern age. He still echoes in the art of today, from Anselm Kiefer to Olafur Eliasson."

Weiteres: Michael Kohler berichtet im Art Magazin über die Dreharbeiten zu Christian Schwochows Film über Paula Modersohn-Becker.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Rom-Veduten aus dem 18. Jahrhundert im Dresdner Kupferstichkabinett (NZZ), eine Ausstellung flämischer Landschaftsmalerei Bruegel bis Rubens in den Staatliche Kunstsammlungen Dresdens (NZZ), die Ausstellung "Artige Kunst - Kunst und Politik im Nationalsozialismus" in der Situation Kunst (für Max Imdahl) in Bochum (art), Alfred Seilands Bildband "Imperium Romanum, Opus Extractum II" (art) und die Ausstellung "Maatwerk. Made to Measure" im Architekturmuseum in Frankfurt, die die niederländischen und die flämischen Architekturszenen miteinander vergleicht (NZZ).
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Film

Das Cinema Jenin im Westjordanland ist mangels Publikumszuspruch geschlossen und abgerissen worden, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. Das Grundproblem des Kinos, so Rodek, ist immer "bestehen geblieben, und das heißt 'Normalisierung'. Es ist das Grundproblem der gesamten palästinensischen Gesellschaft: Entweder man betrachtet sich als im Kampf befindlich mit der israelischen Besatzung - dann kann man zwar das hoch politisierte Freedom Theatre fördern, aber nicht einen Ort der Normalität wie das Cinema Jenin. Oder man lebt die Fiktion einer befriedeten Zivilgesellschaft, in der Hoffnung, dass daraus irgendwann eine befriedete Zivilgesellschaft erwachsen könnte. Dass die Palästinenser diese Fiktion nicht leben können (oder wollen), hat dem kulturellen Refugium Cinema Jenin das Genick gebrochen."

Die Dardenne-Brüder haben ihren neuen Film "Das unbekannte Mädchen" (mehr dazu im gestrigen Efeu) nach dem verhaltenen Feedback in Cannes nochmal im Schneideraum bearbeitet und um rund sechs Minuten gekürzt, erklärt Gerhard Midding im Freitag. Das habe dem Film gut getan, meint er: Jetzt zeige sich die Präzisionsarbeit der Regisseure im vollen Glanz. "Sie kehren zu den philosophischen Fragen ihrer frühen Werke zurück (Schuld und Gnade) und übersetzen sie in die Konkretion der Gesten. Jede Szene nehmen sie in langen Plansequenzen auf, die die Geschehnisse in Realzeit festhalten. Das verleiht den Momenten unbestechliche Integrität. Die Kamera beobachtet die Figuren - und lässt zu, dass deren Bewegungen die Bewegungen des Films vorgeben."

Weitere Artikel: Jessica Abrahams berichtet in der taz vom Censored Women Film Festival in Berlin. Daniel Kothenschulte schreibt in der FR zum 50. Todestag von Walt Disney.

Besprochen werden der neue "Star Wars"-Film "Rogue One" von Gareth Edwards (Perlentaucher), der Thriller "Shut In" mit Naomi Watts (Tagesspiegel), Christian Schwochows Biopic über die Malerin Paula Modersohn-Becker (Welt, FAZ) und Sergei Loznitsas "Austerlitz" (SZ, mehr dazu im gestrigen Efeu).
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Bühne

Dresden hat für fast hundert Millionen Euro das einstige Kraftwerk Aurora, das mitten in der Stadt liegt, zu einem Haus für Operette und Kindertheater umgebaut. Werkstätten sind angegliedert und auch die Böll-Stiftung sowie die Hochschule für Musik und das Heinrich-Schütz-Konservatorium haben Platz hier. Bernhard Honnigfort hat sich das für die Berliner Zeitung angesehen und ist beeindruckt: Die haben da was gestemmt, die Dresdner. War aber auch nötig. Denn nebenbei ist Pegida trotzdem aufgestiegen: "Oberbürgermeister Hilbert, lange abwartend und zögerlich, kämpft nun um sein Dresden. Sein Klagelied handelt von einer großartigen Stadt, die von einer Minderheit in den Dreck gezerrt wird: 'Wir sind Deutschlands Geburtenhauptstadt, die erste schuldenfreie Stadt der Bundesrepublik, haben eine enorme wirtschaftliche Dynamik, wir sind inzwischen der wichtigste Mikroelektronikstandort in Europa, besitzen eine Exzellenz-Universität, zwölf Frauenhofer-, drei Max-Planck- und fünf Leibnitz-Institute und weltberühmte Kultureinrichtungen. Aber das alles nützt uns gerade nichts.'"

Weiteres: In der nachtkritik staunt Rainer Nolden, wie schnell Karl Sibelius als intendant das Theater Trier an die Wand gefahren hat. Besprochen wird "Tintagiles Tod" der Digitalbühne Zürich in der Roten Fabrik in Zürich (nachtkritik).
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Archiv: Bühne

Literatur

Vor fünfzig Jahren hielt der Literaturwissenschaftler Emil Staiger seinen Vortrag "Literatur und Öffentlichkeit" und entfachte damit unbeabsichtigt den vehement geführten Zürcher Literaturstreit, erinnert Roman Bucheli in der NZZ. Die Wirkung des Vortrags war paradox: Zur Wahrung des Schönen, Guten und ewig Gültigen in der Literatur gehalten, entfesselte die Rede eine Debatte, an deren Ende die Relativierung solcher Werte in den Feuiletons stand. "Staiger lief gewiss ahnungslos in dieses Verderben. Er zählte auf das Gewicht seiner Stimme. Er hatte den Streit nicht gesucht und auch nicht kommen sehen. Er hatte wohl lediglich wieder einmal einen Pflock einschlagen wollen. Das Ergebnis freilich war ganz gegenteiliger Art: Alle Pflöcke (oder jedenfalls viele) wurden danach ausgerissen. ... Die Kunst wie die Künstler aus den Sphären des Unberührbaren und Ewigen ins menschliche Maß zurück." Hier lässt sich die Rede nachlesen, eine Aufnahme gibt es zudem:



Weiteres: Für das CrimeMag spricht Marcus Müntefering mit dem Krimimeister Garry Disher. Besprochen werden Mathias Énards "Der Alkohol und die Wehmut" (Tell), Guido Crepax' Comicklassiker "Valentina" (CrimeMag), Wladislaw Chodassewitschs "Nekropolis" (FR), James Tureks Comic "Motel Shangri-La" (Tagesspiegel) und Daniel Kehlmanns "Du hättest gehen sollen" (SZ).

Mehr aus dem literarischen Leben auf: 



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Musik

Auch wenn sich taz-Rezensent Robert Henschel lange damit aufhält, die auf die afro-amerikanische Herkunftsgeschichte bezogenen Bedeutungsebenen des Titels "Broken Knowz" von Jay Daniels neuem Album zu durchleuchten, hat ihn schlussendlich doch vor allem die Musik umgehauen: "'Broken Knowz' ist ein äußerst karges und rohes Album, das fast wie eine Sammlung rhythmischer Skizzen wirkt. Aus eben dieser Kargheit ziehen die Beats zugleich eine irre Kraft, die sich nur mühsam in Synthesizerhooks abdämpfen lässt. Die ästhetische Referenz zur Detroiter House-Ikone Theo Parrish drängt sich auf, nicht zuletzt der Anleihen beim Jazz wegen." Eine Kostprobe:



Außerdem: In der taz spricht Julian Weber ausführlich mit Pophistoriker Simon Reynolds über Glamrock. John Lydon stellt auf Pitchfork die Platten vor, die ihn im Laufe seines Lebens am meisten geprägt haben. Im Standard erinnert Karl Fluch an das vor 25 Jahren erschienene, wegweisende Album "Out of Time" von R.E.M. Christoph Dallach spricht im ZeitMagazin mit The xx. Jürgen Kaube gratuliert in der FAZ dem Komponisten und ABBA-Gründer Benny Andersson zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden ein Konzert von Heinz Holliger (NZZ), ein Auftritt der Hidden Cameras (FR), eine Münchner Aufführung von Anton Bruckners Neunter unter dem Dirigat von Valery Gergiev (SZ) und Frustrations "Empires of Shame", dessen "Synth-Punk-Noise" Annika Glunz von der taz den Glauben an die musikalische Zukunft zurück gibt.
Archiv: Musik