Efeu - Die Kulturrundschau

Wetterleuchten im Olymp

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09.12.2016. Die Musikkritiker pilgern in die Scala, wo Riccardo Chailly die Erstfassung von Puccinis "Madame Butterfly" mit dem Kalligrafenpinsel dirigiert. Dominik Graf und Christian Petzold bringen Kirk Douglas ein Ständchen zum Hundertsten. Die taz porträtiert die kubanische Schriftstellerin Wendy Guerra. Die SZ freut sich über einen neuen Konzertsaal für München, würde aber dort gern auch mal was Ungehörtes hören. Das Art Magazin besucht die Sighard-Gille-Ausstellung in Leipzig.

Bühne


Szene aus "Madame Butterfly" an der Mailänder Scala. Bild: Scala

An der Mailänder Scala hat sich Riccardo Chailly zu Eröffnung der Spielzeit Puccinis Oper "Madame Butterfly" ausgesucht - in der Erstfassung, mit der Puccini 1904 einen spektakulären Misserfolg an der Scala hatte. Sie zeichnet den Tenor Pinkerton als echten Herrenmenschen: "Ursprünglich hatte Puccini ihm nicht mal eine eigene Arie zuerkannt. Die bekommt Pinkerton erst in der weichgespülten Zweitfassung, kurz und bündig, in der er vom Rüpel in einen Trottel verwandelt wird, was der Operntenor-Konvention ein bisschen mehr entgegenkommt. Dagegen haben die japanischen Sitten und Gebräuche in der Erstfassung deutlich mehr Tiefenschärfe", erklärt in der FAZ Eleonore Büning, die von dieser Variante auch musikalisch begeistert ist.

Ebenso Christian Wildhagen in der NZZ, der lobt: Chailly "nimmt dem Orchestersatz mit den an diesem Abend erfreulich konzentriert spielenden Musikern der Scala alles Schwere, Üppige und manchmal Operettenhaft-Süffige; stattdessen hellt er das Bassregister auf und zeichnet die darüber frei sich entfaltenden Melodielinien so fein, mit gleichsam grafischer Genauigkeit nach, als dirigierte er mit dem Kalligrafen-Pinsel. Und wieder tut sich dadurch ein musikhistorischer Durchblick auf, der sich selten in dieser Klarheit ergibt. Denn Chailly, zugleich einer der kundigsten Mahler-Dirigenten unserer Zeit, macht deutlich, wie viel das vier Jahre jüngere 'Lied von der Erde' gerade im 'Abschied' dem Exotismus der 'Butterfly'-Partitur verdankt." Über die Inszenierung von Alvis Hermanis möchten dagegen beide Kritiker gern den kilometerlangen geblümten Seidenstoff breiten, in den der Regisseur seine Figuren gewickelt hat. 

Besprochen wird außerdem Thirza Brunckens Adaption von Clemens Setz' Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" fürs Wiener Werk X (Welt).
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Film

Hundert Jahre Kirk Douglas - dazu gibt es nicht nur ein großes Porträt im Weblog Duoscope sowie Geburstagsgrüße in NZZ, FR, Welt und FAZ, sondern die SZ hat aus diesem freudigen Anlass auch im Filmbetrieb Stimmen und Notizen eingeholt, die die ganze erste Seite des Feuilletons füllen. Für den Regisseur Dominik Graf etwa zählt Douglas zu den "Halbgöttern" des klassischen Hollywood, die "eine Aura von Entrücktheit [hatten], die sie schützte und entblößte zugleich, ihre Physis wurde von Regisseuren, Kameramännern, Kostümbildnern eher wie Marmor präsentiert denn als menschliches Fleisch. Das wunderbare Technicolor malte sie gleichsam auf die Leinwand. Sie spielten grandios, ja, aber das war keine übliche Schauspielerei: ihre individuellen Arten, sich zu bewegen, waren fast Bewegungstanz, ihre unverwechselbaren Stimmen und Dialogsätze waren gesummte Intonation, ihr unverwechselbares Lächeln und ihre düstere Melancholie waren wie mythologisches Wetterleuchten im Olymp." Christian Petzold feiert Douglas dafür, wie dieser in einer Szene von Howard Hawks' "The Big Sky" ganz einfach "hineintanzt, singt und flirtet". Das schauen wir uns gerne näher an:



Weitere Artikel: Im Münchner Feuilleton spricht Simon Hauck mit Werner Herzog unter anderem über dessen neuen Film "Salt & Fire" (unsere begeisterte Kritik hier, sowie eine Gegenposition auf Artechock). Auf Artechock schreibt Rüdiger Suchsland weiter "Cinema Moralia"-Tagebuch, in dem es diesmal um Björn Böhning, den wiederaufgekochten Skandal um Bertoluccis "Der Letzte Tango in Paris" und die seiner Ansicht nach viel zu gnädige Herzog-Rezeption geht. Christiane Peitz schreibt im Tagesspiegel über den 29. Europäischen Filmpreis, der am Wochenende in Breslau verliehen wird. Michael Kienzl war für critic.de beim Filmfestival in Marrakesch.

Besprochen werden Hong Sang-soos "Right Now, Wrong Then" (Artechock, unsere Kritik hier), Ulrich Seidls Dokumentarfilm "Safari" (Freitag, unsere Kritik hier), Felipe Guerreros "Oscuro Animal", der in Zürich beim Human Rights Festival läuft (NZZ), Jérôme Salles Biopic "Jacques - Entdecker der Ozeane" (Artechock), Liza Johnsons "Elvis & Nixon" (Tagesspiegel, Welt), die Exzesskomödie "Office Christmas Party" (Tagesspiegel), eine von der Augsburger Puppenkiste ins Kino gebrachte Version der Weihnachtsgeschichte (FR) und die neue Serie "Quarry" über einen Vietnamveteran (FAZ).
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Literatur

Im Tagesspiegel porträtiert Carolin Haentjes den im Berliner Exil lebenden iranischen Schriftsteller Abbas Maroufidessen neuer Roman "Fereydun hatte drei Söhne" gerade erschienen ist: "Ob er auch einmal daran gedacht habe, zurückzukehren, entgegen aller Vernunft, so wie sein Protagonist Madjid? Abbas Maroufi schüttelt vage den Kopf. Er ist berühmt in Iran, sagt er, und gefährlich für das Regime. Sein Roman 'Symphonie der Toten' von 1989 (auf Deutsch 1998 im Suhrkamp-Verlag erschienen) sei zwar verboten, aber trotzdem eine Million Mal verbreitet worden. Aber er gibt zu: 'Einmal habe ich auf Facebook gepostet: Ich will zurückkommen. Dann habe ich einen Brief voll blutiger Metaphern erhalten. Absender unbekannt. Ich weiß, was das bedeutet.'"

Weitere Artikel: In der taz porträtiert Knut Henkel die kubanische Schriftstellerin Wendy Guerra, die seit der Veröffentlichung ihres Romans "Alle gehen fort" vom kubanischen Kulturbetrieb geschnitten wird. Für Tell sprechen Julia Krautstengel und Eva Schneider mit der Schriftstellerin Katja Petrowskaja über Mehrsprachigkeit und deren Auswirkung auf die eigene literarische Arbeit. Katharina Borchardt schreibt in der NZZ über den vor 100 Jahren gestorbenen japanischen Schriftsteller Natsume Soseki, dessen Romane die Umbruchszeit der Meiji-Jahre abbilden. Das nach drei Jahren Renovierung und Modernisierung wiedereröffnete Literaturarchiv in München biete jetzt "traumhafte Bedingungen für Philologen", freut sich Hannes Hintermeier in der FAZ.

Besprochen werden Bücher zum 100. Geburtstag von Wolfgang Hildesheimer (Tagesspiegel, SZ, mehr dazu auch im Deutschlandradio Kultur und im Logbuch Suhrkamp), Nathan Hills Debüt "Geister" (online nachgereicht von der SZ), der Sammelband "Comic Culture Clash" (Tagesspiegel) und Hermann Burgers Roman "Lokalbericht" aus dem Nachlass (Tagesspiegel).
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Musik

Der Freistaat Bayern will dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein eigenes Konzerthaus bauen. Das wird den Steuerzahler "Hunderte Millionen Euro" kosten. Umso wichtiger, meint Reinhard J.Brembeck in der SZ, dass das Programm dann nicht wieder nur die größten Hits der Romantik für ein reiches, sattes Publikum bietet, wie es in München überall zu hören ist: "Genau in dieser Einseitigkeit liegt die entscheidende Chance für den neuen Saal. Allerdings kann er sie nur nutzen, wenn es einen mächtigen Konzerthausintendanten gibt. Der müsste, um der Selbstgefälligkeit des Münchner Musiklebens etwas entgegenzusetzen, unabhängig von BR, Musikhochschule und Staatsoper handeln können, er bräuchte einen eigenen Etat und vor allem Ideen. Diese müssten nicht einmal besonders ausgefallen sein, um den offensichtlichen Defiziten des Konzertlebens zu begegnen und die dringend überfällige Belebung zu erreichen. Das Interesse am Ungehörten ist ja bei einem Teil des Münchner Publikums durchaus verbreitet. Es will nur geschickt bedient werden, was aber allzu selten geschieht."

Weiteres: in der NZZ stellt Knut Henkel das mexikanische Orkesta Mendoza vor. Der Siegeszug von Vinyl geht weiter: In Großbritannien wurde vergangene Woche erstmals mehr Geld für Musik auf dem an sich obsoleten Tonträger ausgegeben als für Downloads, meldet Christian Schröder im Tagesspiegel.

Besprochen werden das Album "Mit dem Bauch an die Wand" von Leichtmetall ("keinen wurstigen Dilettantismus, sondern bittersüße Pop-Satire", verspricht Julia Lorenz in der taz), das neue Album von Neil Young (FR, SZ, mehr im gestrigen Efeu), der Kino-Dokumentarfilm "Eat that Question" über Frank Zappa (Tagesspiegel), eine Box mit den Alben des Trance-Ambientprojekts GAS (Pitchfork), ein Album des Orchestra of Syrian Musicians (Pitchfork), Konzerte des Freiburger Barockorchesters mit René Jacobs und des Balthasar-Neumann-Ensembles unter Thomas Hengelbrock in Zürich (NZZ), das neue Album "Black America Again" von Common (Jungle World), ein Konzert von Grigorij Sokolov (Standard), ein Konzert von José Felicianos (Tagesspiegel), Kjartan Sveinssons "Der Klang der Offenbarung des Göttlichen" (Pitchfork) und diverse neue Popveröffentlichungen, darunter die neue EP von Burial (ZeitOnline).

Pitchfork kürt die 20 besten Experimental-Alben des Jahres. Und für The Quietus wählt Stewart Smith die zehn besten Jazzveröffentlichungen des Jahres. Auf der Spitzenposition: "America's National Parks" von Wadada Leo Smith, hier eine Hörprobe -
 
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Kunst

Im Leipziger Museum der bildenden Künste kann man derzeit eine Retrospektive des Künstlers Sighard Gille sehen, die keine Angst hat vor dem Frühwerk. So kann man zum einen deutlich sehen, schreibt Annekathrin Kohout im Art Magazin, wie stark Gille von Bernhard Heisig inspiriert war: "Er reiht sich in einen vorhandenen Stammbaum ein und macht dies zudem sichtbar. Schließlich könnte er es auch zugunsten einer Inszenierung der eigenen Originalität aussparen. Viele Künstler gewinnen bis heute auf diese Weise die Deutungshoheit über ihr eigenes Werk." Zum anderen könne man die Brüche sehen auf dem Weg zur Abstraktion: "In der Retrospektive werden derartige Entwicklungen im Sinne einer Werklogik sichtbar. Denn lange war es auch Anliegen der Künstler, diese zu inszenieren."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung der Soundstücke des Künstlers Florian Hecker im MMK 3 in Frankfurt (FR) und eine Ausstellung über Rubens und die Geburt des Barock im Palazzo Reale in Mailand (SZ).
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Stichwörter: Sighard Gille