Efeu - Die Kulturrundschau

Flirrend fluktuierende Punkte-Wolke

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21.04.2016. Politische Debatte findet nur noch im Theater statt, nicht mehr in der Kunst, klagt das Art Magazin. Ist Richard Prince der Andy Warhol unserer Tage?, fragt Vulture Athina Rachel Tsangari nimmt mit ihrem Film "Chevalier" zur Freude der Filmkritiker den Machismus aufs Korn. Die NZZ sieht Kurzfilme der Pariser Oper. Die SZ hört große Popkunst von Xavier Naidoo.

Kunst

Politische Debatte findet nur noch im Theater statt, nicht mehr in der Kunst, klagt Raimar Stange im art Magazin. "Beispiel Berlin: Großausstellungen mit politischer Kunst finden, wenn überhaupt, im Theater statt, etwa der letztjährige 2. Berliner Herbstsalon zum Thema Migration im Gorki-Theater. Im Hamburger Bahnhof war dagegen gleichzeitig eine Sammlungsausstellung zu sehen. Mal wieder. Auch die wichtigen Symposien zur politischen Kunst werden längst in Theatern wie dem Hebbel am Ufer (HAU) und der Volksbühne veranstaltet. Symposien im engeren Kunstbetrieb, wie jüngst 'Was ist Kritik?' im Neuen Berliner Kunstverein, schmoren dagegen genüsslich im eigenen ästhetizistischem Saft. Last but not least: Für den 'Preis der Nationalgalerie' wurde in seiner inzwischen 16-jährigen Geschichte nicht ein einziger explizit politisch arbeitender Künstler nominiert."

Ist Richard Prince der Andy Warhol unserer Tage?, fragt Carl Swanson bei Vulture, kommt aber zu keinem klaren Ergebnis. Die Affäre über die abgepausten Instagram-Bilder von hübschen jungen Frauen, die für 90.000 Dollar pro Stück verkauft wurden, scheint Prince aber eher ein bisschen beschädigt zu haben: "Prince hatte nie ein Problem mit dem Stehlen - die Outlaw-Idee gehört zum Kern seiner künstlerischen Identität. Er hat im Lauf der Jahre eine Menge Copyright-Klagen überstanden und hat die Klagen als guter Punk mit einem Augenrollen quittiert. Aber das mit der Aneignungskunst sah ein bisschen anders aus, als der Künstler ein mittelalter reicher Mann war, der diese Mädchen kommentierte oder kritisierte oder einfach über sie herzog."

Weiteres: Für ZeitOnline spricht Michael Pfister mit dem gerade mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Fotografen Daniel Etter.

Besprochen werden die Erwin-Wurm-Ausstellung in der Berlinischen Galerie (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Terror Incognitus" des britischen Fotografen Edmund Clark im Mannheimer Zephyr (taz).
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Literatur

Im Deutschlandradio Kultur schreibt Regina Kusch zum 200. Geburtstag Charlotte Brontes. Georg Renöckl hörte für die NZZ an der Universität Wien einen Vortrag Sibylle Lewitscharoffs über Literatur und Theologie.

Besprochen werden ein Gedichtband von Olga Berggolz (NZZ), Lena Anderssons Roman "Widerrechtliche Inbesitznahme" (NZZ), Maxim Billers "Biografie" (ZeitOnline), Jonas Jonassons "Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind" (SZ), Garth Risk Hallbergs "City on Fire" (Freitag) und eine Neuauflage von Walker Percys "Der Kinogeher" (Freitag).
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Film


Gesichtlos Gesicht wahren: Szene aus "Chevalier".

Für "Chevalier" hat die Regisseurin Athina Rachel Tsangari vier Männer auf eine Jacht gesperrt, wo sie sich aneinander messen wollen. Das neue griechische Kino zeigt sich darin einmal mehr von seiner absurden, gesellschaftliche Mechanismen sezierenden Seite, stellt dazu Patrick Holzapfel im Perlentaucher fest: Die Filmemacherin "legt die Schichten unter der Oberfläche, den Ritualen und dem Posieren zwar frei, aber viel mehr geht es ihr darum zu zeigen, wie diese Oberflächen wieder erneuert werden. Egal wie tief ihre Männer fallen, sie wollen immer ihr Gesicht wahren.

Auch Philipp Haibach ist ziemlich beeindruckt von dem Film. Er hat für die Welt mit Tsangari gesprochen: "In ganz Europa herrsche derzeit ein nationaler Machismus, sagt Tsangari, als wir sie via Skype in ihrem geräumigen Büro in Harvard anrufen. (Dort gibt sie gerade Kurse.) 'Die griechische Gesellschaft spiegelt im Kleinen das Große. Überlegenheit, Sieg, Sexualität als Medium - also Machtdemonstrationen - beschreiben auch die politischen Lage in Europa. Wie Yorgos im Film: Er will sich und den anderen unbedingt beweisen, dass er problemlos einen Steifen bekommt.' Dabei gebe es etwas existentiell Unberechenbares: 'Wir erleben eine völlig neue Situation in Bezug auf Ideen, Leidenschaften und Gefühle.'" Für die taz hat sich Dominik Kamalzadeh mit der Regisseurin unterhalten.

Sehr gut besprochen wird auch Ciro Guerras schwarzweißer, postkolonialistischer Kunstfilm "Der Schamane und die Schlange" über einen weißen Forscher im kolumbianischen Dschungel: "So einen Film hat es noch nicht gegeben", schwärmt Martina Knoben in der SZ. Tazlerin Barbara Schweizerhof lobt nach einem Exkurs über den Allegoriecharakter des Schwarzweiß in diesem Film: Er birgt "eine bittere kleine Parabel darauf, welche Folgen selbst die gut gemeinten Taten im fremden Terrain entfalten können".

Weiteres: Thomas Groh berichtet im Freitag vom Terza-Visione-Festival in Nürnberg, das sich der Geschichte des italienischen Genrefilms widmet. Im Tagesspiegel spricht Martin Schwickert mit Thomas Vinterberg über dessen neuen Film "Die Kommune" (mehr dazu im gestrigen Efeu). Für die FAZ war Amin Farzanefar beim Filmfestival in Istanbul. Auf der Filmtheatermesse in Las Vegas regt sich sichtlich Widerstand gegen Sean Parkers Pläne, mit dem Set-Top-Box-Angebot "Screening Room" gegen eine beträchtliche Leihgebühr aktuelle Kinofilme in die Wohnzimmer zu streamen, berichtet Susan Vahabzadeh in der SZ. Für die SZ berichtet Volker Breidecker von einem Abend mit Agnès Varda im Filmmuseum Frankfurt, das hier und hier Mitschnitte ins Netz gestellt hat. Außerdem neu im Youtube-Kanal des Filmmuseums: Eine Aufnahme von Norbert Grobs Lesung aus seinem Buch über Fritz Lang.

Besprochen werden außerdem Chantal Akermans Filminstallation "Femmes d'Anvers en Novembre" in München (Welt), Radu Munteans Film "One Floor Below" (NZZ), Thomas Vinterbergs "Die Kommune" (NZZ), Yorgos Lanthimos' neuer, am Kino vorbei direkt auf DVD ausgewerteter Film "The Lobster" (taz, unsere Kritik hier), Alex Proyas' Fantasy-Blockbuster "Gods of Egypt" (perlentaucher, FAZ) und die Serie "The Night Manager" mit Tom Hiddleston und Hugh Laurie (ZeitOnline).
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Musik

SZler Jens-Christian Rabe ärgert sich grün und blau: Ausgerechnet der gruselig mit dem Reichsbürger- und Verschwörungstheoretiker-Milieu liebäugelnde Xavier Naidoo bringt auf seinem neuen Album deutsche Sprache, Soulmusik und Pop so meisterlich wie kein zweiter Musiker zusammen: "Der Mann könnte vermutlich Gebrauchsanleitungen in Soul verwandeln. Große, große Popkunst. Das auffällig sorgfältige Songwriting und die eher klassische, aber souverän rollende, dabei nie überladene Produktion Pelhams tut ihr Übriges."

Besprochen werden das Soloalbum "The Ridge" von Sarah Neufeld (Zeit) und J Dillas "The Diary" (taz).
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Design

Die Modeindustrie geht zur Skinny Jeans auf Distanz, beobachtet Elena Beregow vom Freitag. Für die FAZ hat Felicitas Rhan die Ausstellung "Alles neu - 100 Jahre Neue Typografie und Neue Grafik in Frankfurt am Main" im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt besucht.
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Bühne

In der NZZ stellt Marc Zitzmann 3e Scène vor, eine Website der Pariser Nationaloper für Kurzfilme. Einzige Bedingung für die filmenden Künstler: die Beiträge müssen einen Bezug zur Pariser Oper haben. "Viele der Beiträge sind ganz dicht am Thema. Einige sogar zu dicht, begnügen sie sich doch damit, virtuosen Tänzern durch pittoreske Interieurs zu folgen. Wendy Morgan führt da einen erfrischenden Dreh ein: Sie filmt den Breakdancer Lil Buck so, dass seine Gesten und Mimiken pittoreske Skulpturen und Malereien des Palais Garnier evozieren. Der Disney-Zeichner Glen Keane und das Londoner Kollektiv United Visual Artists gehen noch weiter, indem sie eine Ballerina in eine Trickfilmfigur beziehungsweise in eine flirrend fluktuierende Punkte-Wolke verwandeln."



Shakespeares Todestag jährt sich zum 400. Mal. Die British Library begeht das Jubiläum mit einer großen Ausstellung. SZ-Kritiker Alexander Menden packt beim Anblick des einzigen Manuskripts mit der Handschrift des großen Dramatikers ein "Schauer der Ergriffenheit".

Weiteres: Mounia Meiborg resümiert das Find-Festival in Berlin. Besprochen werden die Arte-Doku "Der Kampf des Belarus Free Theatre" (FR, hier in der Mediathek) und die Hannoveraner Inszenierung von Alexander Zemlinskys Oper "Der Traumgörge" (FAZ).
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