Efeu - Die Kulturrundschau

Bewegung im Dunkeln

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06.01.2016. Die Welt feiert die stillen Pastelle des Genfer Calvinisten Jean-Etienne Liotard. In der NZZ berichtet Serhij Zhadan von seiner Reise an die Front im Donbass. Der kalabrische Autor Carmine Abate erkennt etwas sehr Vertrautes in den Augen der Flüchtlinge in seinem Heimatort. Die Berliner Zeitung erinnert an den schwarzen preußischen Kapellmeister Gustav Sabac el Cher. Die taz fragt in Tom Hoopers Transgenderdrama "The Danish Girl": Und was ist mit dem Sex?

Kunst


Jean-Etienne Liotard, Woman on a Sofa Reading, 1748-52

Schnell, nach London, ruft ein entzückter Manuel Brug in der Welt, nachdem er die Pastellbilder Jean-Étienne Liotards in der Londoner Royal Academy of Arts gesehen hat: "Pastelle sind meist auch stille Bilder, die Aufgeregtheit und Überspanntheit der Welt bleibt hier außen vor. Der Blick ist konzentriert auf ein Gegenüber. Gruppenarrangements sind selten, Stillleben werden bevorzugt, wie das auch hier ausgestellte chinesische Teeservice, das samt halb gegessener Butterbrötchen von einem eben beendeten Frühstück zeugt. Einem Liebesmahl vielleicht? Das Rokoko mag frivol sein, Jean-Étienne Liotard, der Genfer Calvinist, ist es nicht, er blendet diskret weg, zeigt durchaus Fleisch in erster Mädchenblüte, aber er stellt es nicht aus."

Weiteres: Für die taz porträtiert Michael Freerix die Berliner Künstlerin Sonya Schönberger. Besprochen wird die Ausstellung "Goldene Zeiten: Meisterwerke der Buchkunst von der Gotik bis zur Renaissance" in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien (FAZ).
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Stichwörter: Jean-Etienne Liotard

Literatur

Der ukrainische Dichter und Sänger Serhij Zhadan gab an den Weihnachtstagen mit seiner Rockband Konzerte an der Front im Donbass. In der NZZ erzählt er von seiner Reise und den Begegnungen mit den Soldaten: "Die Ukraine erlebt wirklich sehr schwere Zeiten - physisch und, wichtiger noch, psychisch. Das alles erinnert an eine Bewegung im Dunkeln, wenn du irgendwo stehst und nicht erkennen kannst, wohin du gehen musst. Man kann in einer solchen Dunkelheit auch für immer steckenbleiben."

Ebenfalls in der NZZ erzählt der italienische Autor Carmine Abate von den Flüchtlingen, die in seinem Heimatort Carfizzi in Kalabrien ankommen und deren Blick viele der dort Ansässigen gut kennen: "Angst mit einem Rotzfleck aus Wut, eine Mischung aus Hoffnung und einer Traurigkeit, die wir nicht kannten. 'Doch, ich kenne sie', sagte einer der Rumänen, die seit ein paar Jahren im Ort arbeiten, bald als Handlanger, bald auf dem Land. 'Für mich war es nicht ganz so, aber fast', sagte ein alter Germanese, einer, der Gastarbeiter in Deutschland gewesen war. Er musterte sie neugierig. 'Als wir in Ludwigshafen ankamen, stach mir wirklich als Allererstes der Gestank des Himmels über der großen Anilinfabrik in die Nase. Ich erinnere mich an diesen Blick auch bei mir, genauso finster und voller Wut, um die eigene Angst vor den anderen zu verstecken.'"

Besprochen werden Dorota Maslowskas "Liebling, ich habe die Katzen getötet" (Berliner Zeitung), eine Ausstellung zum Berliner Peter-Szondi-Institut (NZZ), Anke Kuhls Bilderbuch "All the Children" (NZZ), Daniel Anselmes "Adieu Paris" (FR), António Lobo Antunes' "Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben" (FR), Rudolf Stumbergers Reportage "Das kommunistische Amerika: Auf den Spuren utopischer Kommunen in den USA" (Freitag),İmran Ayatas "Ruhm und Ruin" (ZeitOnline) und Bora Ćosićs "Die Tutoren" (FAZ).
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Musik


Gustav Sabac el Cher mit einer Verehrerin, gemalt von Emil Doerstling. Foto: Wikipedia

Harald Jähner erinnert in der Berliner Zeitung an den schwarzen preußischen Kapellmeister Gustav Sabac el Cher, der sich in Berlin um 1900 großer Popularität erfreute. Nachdem er als Militärmusiker beim "Füsilier-Regiment Nr. 35 Prinz Heinrich von Preußen" in Brandenburg gedient hatte, quittierte er 1909 "seinen Militärdienst, um in Berlin auf dem freien Musikmarkt Karriere zu machen. Mit dem 'Symphonischen Blasorchester Groß-Berlin' ist er in den 20er Jahren wiederholt im neu entstandenen Rundfunk zu hören. Er dirigiert Schubert, sogar Wagner, am liebsten jedoch leichte Operettenpotpourris. Gustav Sabac el Cher will gefallen, und es gelingt ihm spielend. Erhalten ist die Visitenkarte einer Verehrerin an den 'so liebenswürdigen wie schneidigen' Kapellmeister, der bei Tanzbällen schon mal sein Pult verließ, um die Damen von besonders plumpen Tanzpartnern zu erlösen."

Jan Brachmann schreibt in der FAZ zum Tod des Dirigenten Gilbert Kaplan. Jürn Kruse schreibt in der taz den Nachruf auf Achim Mentzel. Zum Tod des Jazzpianisten Paul Bley schreiben Gregor Dotzauer im Tagesspiegel und Ueli Bernays in der NZZ. Hier der Mitschnitt eines Konzerts von 1999:
 


Besprochen werden "Yo, Picasso" von Fatoni & Dexter (taz), Ennio Morricones Soundtrack zu Quentin Tarantinos "The Hateful Eight" (Pitchfork), ein Konzert der Jazzsängerin Erika Stucky in Zürich (NZZ) und Alan Rusbridgers Buch "Play it again: Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten", in dem der ehemalige Guardian-Chefredakteur davon berichtet, wie er sich an Chopins "Ballade Nr. 1" abarbeitet (Zeit).
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Bühne

Für die Berliner Zeitung unterhält sich Kerstin Krupp mit der Schauspielerin Dagmar Manzel, die derzeit in "Kiss me, Kate" an der Komischen Oper zu sehen ist. Irene Bazinger hat sich für die FAZ mit Sven-Eric Bechtolf, dem Interims-Chef der Salzburger Festspiele, unterhalten. In der NZZ schreibt Lilo Weber zum Tod des Tänzers und Choreografen Jean Deroc. In der Welt schreibt Michael Pilz zum Tod des Unterhaltungskünstlers Achim Mentzel.
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Stichwörter: Sven-Eric Bechtolf

Film



Der Versuch des oscarprämierten Regisseurs Tom Hooper, mit "The Danish Girl" ein Transgender-Drama möglichst nah am Mainstream zu erzählen, um das Thema zu normalisieren, schlägt gründlich fehl, meint Barbara Schweizerhof in der taz: Alles nur edles Kostüm, und nichts dahinter, "die wirklich heiklen Fragen lässt er außen vor. Eben noch zeigt er sein Paar beim glücklichen heterosexuellen Beischlaf, später aber scheint Sex als Verlangen keine Rolle mehr zu spielen - womit das Drehbuch auch die realen Vorbilder mehr vereinfacht, als eigentlich nötig gewesen wäre. Und auch aus dem vielversprechenden Widerspruch, dass Vikander ihre Gerda als eine Frau anlegt, die aus dem üblichen weiblichen Rollenverständnis ihrer Zeit ausbricht, während ihr geliebter Mann auf der Suche nach seiner weiblichen Identität den 'schlimmsten' Rollenklischees nacheifert, macht der Film: nichts."

Außerdem: In der taz unterhält sich Toby Ashraf mit dem Regisseur Joachim Trier über dessen neuen Film "Louder Than Bombs", den Tod und die Nähe der Kriegsfotografie zum Kino. Für die Berliner Zeitung unterhält sich Patrick Heidmann mit Leonardo DiCaprio über die strapaziösen Dreharbeiten zu Alejandro González Iñárritus (in der FAZ von Verena Lueken ausführlich besprochenen) Frostfilm "The Revenant" (weitere Kritiken heute in NZZ und Welt). Nicht vergessen sollte man angesichts des anhaltenden "Star Wars"-Hypes, dass George Lucas die Saga in den 70er Jahren mit einem unverhohlenen Quasi-Remake von Akira Kurosawas Samuraiklassiker "Die verborgene Festung" in Gang gesetzt hatte: Bei der BBC erläutert Nicholas Barber die auffallenden Ähnlichkeiten zwischen beiden Filmen.
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