Efeu - Die Kulturrundschau

Nach vorne schauen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.11.2015. Die Presse sieht Österreich-Ungarn mit den Augen des Fotografen Andreas Groll beim Bauen zu. Die taz freut sich über eine Wiener Retrospektive zur Regisseurin Ida Lupino. Die FAZ besucht das Indonesische Literaturfestival. Und Richard Williams, neuer Leiter des Jazzfests Berlin, erklärt in der Berliner Zeitung, wie er die kreative Community der Stadt einbinden will.

Kunst


Keith Haring: Ohne Titel aus der Serie 'Fertility', 1983; © Keith Haring Foundation

Weder sentimentale Mütter noch leidende Mütter sieht man in der Ausstellung "Rabenmütter" im Linzer Lentos, freut sich Anne Katrin Feßler im Standard. Statt dessen die ganze Palette, "ein leidenschaftliches Universum der Emotionen - wie es Candice Breitz in ihrer famosen (in der Schau aber leider alles übertönenden und mit ihrer Dramatik dominierenden) Filmcollage Mother (2005) aus Filmszenen etwa mit Meryl Streep, Shirley MacLaine und Diane Keaton zusammenfügte. Man spricht inzwischen nicht nur über Tabuisiertes wie 'Regretting Mothers', Nicht-stillen-Wollen, zwanghafte Helikoptermütter, gewollte Kinderlosigkeit - all diese Grautöne und Schattentage im Muttersein dürfen sich heute auch in Bildern manifestieren."

Norbert Mayer porträtiert in der Presse den Fotografen Andreas Groll, der ab Mitte des 19. Jahrhunderts die rege Bautätigkeit in Österreich-Ungarn dokumentierte, wie man jetzt in einer Ausstellung im Wien-Museum sehen kann. Groll, der aus bescheidenen Verhältnissen kam und sich sein technisches Wissen als Hausknecht des Polytechnischen Instituts aneignete, "war insofern ein wesentlicher Pionier, als er im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen, nicht das Atelier und Kulissen bevorzugte, sondern hinaus ging in die Welt und deren rasante Veränderungen aufzeichnete".

Besprochen werden die Ausstellung "I Got Rhythm: Kunst und Jazz seit 1920" im Kunstmuseum Stuttgart (Standard) und Stefan Sagmeisters "The Happy Show" im MAK in Wien (FAZ)
Archiv: Kunst

Film

Mit einer Retrospektive hat die Viennale die Regiearbeiten der sonst eher als Schauspielerin bekannten Ida Lupino in Erinnerung gerufen, freut sich Sven von Reden in der taz: "Was ihre Karriere besonders ungewöhnlich macht: Sie begann am Tiefstpunkt der Emanzipation in Hollywood. Mit ihrem Debüt 'Not Wanted' aus dem Jahr 1949 beendete sie eine Periode von sechs Jahren, in der - nach Dorothy Arzners 'First Comes Courage' (1943) - dort nicht ein einziger Film von einer Frau produziert wurde."

Singen konnte sie auch: Hier ihre Version von "One for my Baby"



Weitere Artikel: Patrick Straumann denkt in der NZZ über die Zukunft des französischen Films nach. In Berlin wurde mit mehreren Veranstaltungen an Pier Paolo Pasolini erinnert, der vor 40 Jahren ermordet wurde, berichtet Jens Uthoff in der taz. Patrick Heidmann unterhält sich für die Berliner Zeitung mit Bond-Produzentin Barbara Broccoli. Dominik Kamalzadeh und Michael Pekler plaudern für den Standard mit dem Filmpräsidenten und Viennale-Leiter Eric Pleskow über die Zukunft der Viennale.

Besprochen werden Sam Mendes' neuer Bond-Film "Spectre" (taz, SZ), Jayro Bustamantes "Ixcanul Volcano" (NZZ), David Wnendts rasende Erfolge feiernde Hitlerkomödie "Er ist wieder da" (die Michael Hanfeld in der FAZ für "den dümmsten und perfidesten Film" hält, "der seit langer Zeit in die Kinos gekommen ist") und Pablo Larraíns "El Club" (ein "atemraubend überraschender Film, dessen immense moralische Kraft sogar Komik aushält", staunt Dietmar Dath in der FAZ).
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Literatur

Der Perlentaucher lanciert ein Metablog: lit21.de. Im Editorial schreiben die Perlentaucher: "Das neue Metablog lit21.de bündelt den Feed von literarisch relevanten Blogs, Zeitungsadressen und anderen Quellen deutscher Sprache. Auf die Idee haben uns die Autorenblogs einiger Verlage - etwa Hundertvierzehn.de - aber auch Literaturblogs von Autoren und Kritikern und Websites von Radiosendern gebracht. Einzeln agieren sie recht isoliert und verloren in den Weiten des weltweiten Netzes. Gebündelt bringen sie einen intensiven Strom literarisch interessanter neuer Inhalte."

Der Prix Goncourt geht in diesem Jahr an den Schriftsteller Mathias Énard für dessen der Bevölkerung Syriens gewidmeten Roman "Boussole", dessen Übersetzung der Hanser Verlag für den August 2016 unter dem Titel "Kompass" angekündigt hat. Gerrit Bartels vermutet im Tagesspiegel, dass die Jury "auch ein politisches Zeichen" setzen wollte. Joseph Hanimann hält die Auszeichnung im knappen SZ-Kommentar für "literarisch gerechtfertigt und politisch bedeutsam".

Marco Stahlhut hat für die FAZ das Indonesische Literaturfestival besucht, dem die Regierung vorab alle dem Massaker im Jahr 1965 gewidmete Veranstaltungen untersagt hatte. Natürlich war das Thema umso präsenter: "Um die Absurdität der Absage (...) zu verdeutlichen, muss man nur darauf aufmerksam machen, dass die in diesem Jahr international meistdiskutierten indonesischen Romane - von Laksmi Pamuntjaks 'Alle Farben Rot' über Leila Chudoris 'Pulang - Heimkehr nach Jakarta' bis zu Eka Kurniawans 'Beauty is a Wound' - zum großen Teil von diesen Massakern handeln. Wenn man über sie nicht sprechen darf, muss man auch den interessantesten Teil der indonesischen Gegenwartsliteratur ignorieren."

Volker Breidecker kommt bei sueddeutsche.de nochmal auf den kleinen Eklat bei der Preisverleihung für Gabriele Goettle (unsere Resümees) zu sprechen: "Da geisterten über alle Ticker plötzlich die Buchstaben 'Merck', die sowohl für den Namensgeber stehen als auch für den Sponsor des sonst eher wenig beachteten 'Merck-Preises für literarische Kritik und Essay'. Und weil Goettle diesen Preis zwar angenommen, das mit ihm verbundene Preisgeld aber einer pharmakritischen Initiative gespendet hat, war der Pharmahersteller Merck in aller Munde. Keiner wollte da noch von dem großen Darmstädter Kritiker und Goethe-Intimus Johann Heinrich Merck sprechen - außer Gabriele Goettle."

Weiteres: Der Illustrator Benjamin Lacombe stellt in der NZZ sein Bilderbuch "Superhelden" vor. Besprochen werden Norman Maneas Essaysammlung "Wir sind alle im Exil" (FR), Alexandre Kojèves "Tagebuch eines Philosophen" (NZZ), Véronique Bizots "Die Heimsucher" (FAZ), Alban Nikolai Herbsts "Traumschiff" (SZ) und die Literaturpreis-Ausstellung "Geistesgegenwärtig" im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt (SZ).
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Archiv: Literatur

Architektur

Der Rohbau bringe es angeblich zutage: Die beim langfristigen Bauprojekt der Frankfurter Altstadt vorgesehene Pergola auf dem Krönungsweg mag auf Entwürfen eine gewisse Eleganz ausstrahlen, doch "dürfte diese", meint der Architekt Marc Jodi in der FAZ, am Ende "ganz anders wahrgenommen werden. ... Der Geländeversprung zur Schirn ermöglichte, die Sockel der ehemaligen Häuser darzustellen und somit an sie zu erinnern, als wäre zwar ihr Torso abwesend, Fundament und Sockel aber noch vorhanden. Das käme einer Aufforderung gleich, auch diese Häuser eines - fernen - Tages wieder hochzuziehen. An deren Stelle aber tritt nun als neues Element die Pergola, mittels derer jede Erinnerung verdrängt wird. Sie muss verhindert werden."
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Musik

Sehr schön und auf Augenhöhe geraten ist das Gespräch, das Popkritiker Jens Balzer für die Berliner Zeitung mit Richard Williams geführt hat, der ab diesem Jahr das Jazzfest Berlin leitet und selbst bereits in den 60ern für britische Tageszeitungen über Pop schrieb, was Balzer schlicht staunen lässt. Auch auf Williams' Pläne für das Festival kommen die beiden zu sprechen: Der neue Leiter will "nach vorne schauen! Ich werde keine Jahrestage feiern, es soll keine Hommagen oder so etwas geben. Selbst die alten Recken, die ich einlade, werden mit jungen Musikern etwas Neues entwickeln. ... Wenn ich etwas als meine Mission ansehe in den drei Jahren, über die mein Vertrag läuft, dann ist es gerade dies: das Jazzfest näher an die kreative Community in der Stadt zu rücken."

Bayerische Volksmusik in der taz? Gewiss, meint Jens Uthoff, denn es sei "höchste Zeit, den bayerischen Folk zu entdecken", zumindest wenn er von dem Münchener Volksmusikkollektiv G. Rag & die Landlergschwister kommt. Deren Anliegen ist es, "Volksmusik in andere Kontexte zu integrieren, um jenen Hörern diese Musik näherzubringen, für die derartige Klänge bislang tabu waren. Wie zuvor schon Bands wie das österreichische Duo Attwenger füllen die Münchener die Musik mit Inhalten, bei denen 'Volksmusik' eher im Sinne von wildwüchsigem US-'Folk' verstanden werden will." Und das klingt tatsächlich ziemlich toll, wie dieser Hörprobe zu entnehmen ist:



Weiteres: Ljubiša Tošić annonciert im Standard das morgen beginnende Festival Wien Modern. Besprochen werden das neue Album "Elaenia" von Sam Shepherd alias Floating Points (Pitchfork), Cellosonaten von Johannes Brahms mit Gavriel Lipkind und Roman Zaslavsky in der Tonhalle Zürich (NZZ), ein Konzert von Ryan Lott alias Son Lux im Wiener Flex ("in den Strophen immer eher so um First-World-Probleme wie Isolations- und Entfremdungsgefühle Jugendlicher, das Zerbrechen der Kleinfamilie in den anonymen Vorstädten und dieses Ohnmachtsgefühl, wenn es um 'sie' gegen 'uns' geht. So gemein", spottet Christian Schachinger im Standard) und Christian Gerhahers Buch "Halb Worte sind's, halb Melodie" (NZZ)
Archiv: Musik