Efeu - Die Kulturrundschau

Übersprung zur Praxis der Kritik

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20.07.2015. Im Standard erklärt der Fotograf Joel Meyerowitz, warum immer bessere Bilder nicht das Ziel sind. Was soll noch kommen nach 13 Documentas, fragte sich ein Symposium in Kassel. Griechenland natürlich, antwortet laut Welt der neue Documenta-Leiter Adam Szymczyk. Die nachtkritik berichtet vom Theaterfestival in Avignon. In der Welt schildert Peter Wawerzinek ein Ereignis von Welt in Bad Doberan.

Kunst


Girl on a scooter, 1965, © Joel Meyerowitz

Das Kunsthaus Wien widmet derzeit dem Fotografen Joel Meyerowitz eine große Ausstellung. Meyerowitz war einer der ersten, der die Farbfotografie ernst nahm. Im Interview mit Michael Freund/Standard erklärt er, was ihn antreibt: "John Szarkowski, ein früherer Chef der Fotoabteilung am MoMA, sagte mir einmal, dass es in der Fotografie um Ideen geht. Das traf mich wie ein Pfeil. Ich verstand, dass es nicht genug und nicht das Richtige war, immer bessere Bilder zu machen. Ich wurde hungrig danach zu verstehen, was ich mit meinen Fotos wollte. Wenn ich durch die Straßen streifte und genau sehen wollte, was sich zwischen Menschen und zwischen ihnen und Dingen abspielte, dann waren das Spiegelbilder davon, was mich in meinem Inneren interessierte."

Ein Symposium in Kassel zu 60 Jahren Documenta offenbarte eine Identitätskrise der Kunstinstitution, beobachtete Ingo Arend für die taz. So war Adam Szymczyk, Kurator der kommenden, nach Athen aufbrechenden Documenta, "nicht der Einzige, der sich leise fragt: Was soll eigentlich noch kommen nach 13 Documentas? Die geistigen Nachholbedürfnisse der Nachkriegszeit sind befriedigt, die Aussöhnung mit der von den Nazis geschmähten Moderne hat Arnold Bode geschafft. ... Welches ästhe­tische Paradigma sollte eine Documenta jetzt noch durchsetzen, welche letzte Grenze auflösen?" In der SZ berichtet Till Briegleb von der Tagung.

Gott sei Dank gibt es Griechenland, das mit der Krise als Kulturnation wieder interessant wird, lernt Werner Bloch, der für die Welt dorthin reiste, und zitiert Adam Szymczyk: "Athen, meint der smarte Kulturmanager, sei mehr als ein Stop-Over für Ägäis-Touristen. In der Metropole sieht er einen produktiven "melting point der Probleme" - der biete sich an, um Krisenmechanismen wie unter dem Brennglas zu erkennen und einen Lernprozess einzuleiten, von dem die Menschen im Norden profitieren könnten. Ambitionierter könnte ein Projekt nicht sein."

In einem mäandernden Essay auf seinem Blog denkt Georg Seeßlen über die Kunstkritik nach. Sein Befund: "Das akademische Wissen um den Zustand unserer Gesellschaft, der Demokratie und der Kultur, schafft den Übersprung zur Praxis der Kritik nicht mehr. Die Kritik wiederum wird vom akademischen Wissen nicht mehr wahrgenommen."

Weitere Artikel: Stefan Schomann skizziert im Tagesspiegel die Kunstszene Katars. Für die Zeit tummelt sich Gunnar Lützow im Milieu der "True Collectors", die sich trotz schmalem Geldbeutel anschicken, Kunst der guten Sache wegen zu sammeln.

Besprochen werden Sanja Ivekovićs Ausstellung "Ich war, ich bin, ich werde sein" in der DAAD Galerie in Berlin (Tagesspiegel), Petra Mattheis" Ausstellung "Become A Menstruator" in Leipzig (Freitag), eine Marcel Broodthaers gewidmete Retrospektive im Fridericianum in Kassel (FAZ) und die Christoph Niemann gewidmete Schau "Unterm Strich" im MAK in Wien (SZ).
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Bühne



Lena Schneider berichtet in der nachtkritik vom Theaterfestival in Avignon, das sich redlich bemüht, die Zeichen der Zeit zu lesen: das Massaker bei Charlie Hebdo, die beängstigenden Wahlerfolge des Front Nationale im Département Vaucluse, in dem das noch rote Avignon liegt. Und die "cartocrise", die die Kulturbudgetkürzungen im Land sichtbar macht: "Dass das so ist, dass die kulturelle Landschaft Frankreichs in der Krise ist, war lange ein eher diffuses Gefühl, seit Anfang 2015 sorgt eine Userin dafür, dass dieses Verschwinden sichtbar wird. Sie hat eine Karte Frankreichs ins Netz gestellt, übersät von unzähligen bunten Markierungen. Jeder Punkt ein Phantom: ein Festival, ein Theater, ein Kino, das es nicht mehr gibt. Im Januar diesen Jahres waren da 45, Ende Juni fast fünfmal so viel Phantome."

Besprochen werden Choreografien von Alix Eynaudi, Maarten Segher Elina Pirinen und Barbara Kraus beim ImPulsTanz-Festival in Wien (Presse, Standard) und ein in der Kammeroper Frankfurter gezeigter "Don Pasquale" (FR).
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Literatur

Im Tagesspiegel führt Lars von Törne durch die kanadische Indie-Comicszene, die derzeit auffällig viele hervorragende Arbeiten hervorbringe, so auch den gerade mit dem Eisner Award ausgezeichneten Comic "Ein Sommer am See" von Mariko und Jillian Tamaki. In der taz empfiehlt Stephan Wackwitz die im Hanser Verlag erschienene, von Gunhild Kübler kommentierte und übersetzte zweisprachige Ausgabe der gesammelten Gedichte Emily Dickinsons. Gert Ueding (Freitag) freut sich über 150 Jahre "Max und Moritz" von Wilhelm Busch. Philipp Lichterbeck (Tagesspiegel) trifft sich mit dem kubanischen Schriftsteller Leonardo Padura.

Besprochen werden ein Band über die deutsch-böhmische Kunstszene (NZZ), Elif Shafaks Roman "Der Architekt des Sultans" (NZZ), Sulaiman Addonias Roman "Die Liebenden von Dschidda" (Presse), Dietmar Daths Science-Fiction-Roman "Venus siegt" (Zeit, mehr), Bruno Preisendörfers "Reise in die Goethezeit" (Zeit), Uwe Nettelbecks "Prozesse. Gerichtsberichte 1967-1969" (Jungle World), Claire Hajajs "Ismaels Orangen" (FR) und Jean Prévosts "Das Salz in der Wunde" (SZ).

Die online nachgereichte Frankfurter Anthologie der FAZ bringt Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttels "Sterbelied":

"Es ist genug! Mein matter Sinn
Sehnt sich dahin, wo meine Väter schlaffen.
Ich hab es endlich guten Fug,
..."
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Film

Ralf Schenk gratuliert in der Berliner Zeitung dem Dokumentarfilmemacher Winfried Junge zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Doug Aitkens "erstaunlich fesselnder" Dokumentarfilm "Station to Station" (FR), der Horrorfilm "Unknown User" (Standard) und Sion Sonos Hiphop-Musical "Tokyo Tribe" (SZ, mehr).
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Stichwörter: Doug Aitken, Hiphop, Horrorfilm

Musik

Völlig zurecht wird "Currents", das neue Album von Tame Impala, allüberall abgefeiert (bei Pitchfork beispielsweise), schreibt Jan Kedves in der SZ. Und gerade auch, weil das parallel dazu veröffentlichte Album der Chemical Brothers so enttäuscht, sieht er ein neues Narrativ in der Popmusik heraufdämmern: Bislang schien die Rockmusik von der elektronischen Musik kreativ völlig überholt. Doch nun "scheint diese Erzählung (...) an ein Ende gekommen. Die Band mag sich zwar am meisten auf den Psychedelic-Rock der Siebziger berufen, (...) klanglich aber ist ihr Album von einem modernen Dance-Album kaum zu unterscheiden. Was vor allem am sensationellen, bis ins letzte Detail durchgearbeiteten Sounddesign liegt. ... [Produzent Kevin Parker] schmirgelt (...) jedes einzelne Hi-Hat-Zischen ein wenig anders an, und Percussion-Sounds modelliert er in die exakte Mitte zwischen Klatschen und Fingerschnippen." Auch Spencer Kornhaber vom Atlantic ist völlig hingerissen: Das Album mag tief im Retrosumpf schwimmen, doch lässt es dabei "Dekaden psychedelischer Sounds in einen einzigen lieblichen, verschwommenen Fleck aufgehen."

Veteranentreffen in Bad Doberan: Peter Wawerzinek berichtet in der Welt von der Zappernale. "Fakt ist, wenn die Zappanale stirbt, ist Zappa richtig tot. Oder man wandelt das Sommerfestival in einen Zappa-Kirchentag um und gibt es für Schwule und Lesben frei, mit der Möglichkeit, dort in der Zielgraden der Rennbahn mit Fotofinish durch Günter Zint verheiratet zu werden. Scherz beiseite und den Realitäten nicht mehr so ins Auge gegriffen: Bad Doberan und seine Zappanale sind schon ein Ereignis von Welt. Der Ort nennt sich Zappatown, und das ist auch gut so, wie Wowereit gesagt hätte."

Außerdem: Julia Friese (Welt) fühlt sich alt auf dem Melt!-Festival in Gräfenhainichen. Thomas Groß (Zeit) bekommt beim Gang durch die vom Goethe-Institut ermöglichte, durch die Welt tourende und aktuell in München aufgeschlagene "Geniale Dilletanten"-Ausstellung über BRD-Underground der frühen 80er sanfte Beklemmungen: So apokalyptisch wie Neubauten-Platten seinerzeit klangen, war die Welt dann doch nicht. Helmut Mauró berichtet in der SZ vom Auftakt der Salzburger Festspiele mit Joseph Haydns "Die Schöpfung", bei der "der Schlussapplaus quasi bruchlos überging in einen ganz allgemeinen Freudenrausch."

Besprochen werden Konzerte von Mumford & Sons (Tagesspiegel), Patti Smith (Standard), A$ap Rocky (Presse, Standard), Hermeto Pascoal und dem Andromeda Mega Express Orchestra (taz), Rudresh Mahanthappa (Tagesspiegel), Bertrand Chamayou (FR) und Udo Lindenberg (FR, FAZ) sowie eine Hommage an Maurice André in Colmar (FAZ) und ein von arte ausgestrahlter Dokumentarfilm über Bob Marley (FR, hier in der Mediathek).
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