Efeu - Die Kulturrundschau

Schöngeist und Ekel zugleich

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11.07.2014. Die Feuilletons huldigen geschlossen dem Musiker Morrissey, ach ja, sein neues Album mit weltverneinenden Klageliedern erwähnen sie auch. Die Welt tanzt im Berghain zu der vom Elektropop-Duo Neon Neon musikalisch untermalten Forderung nach einem "Palast der Flüchtlinge". Pierre Assouline verkündet in seinem Blog: Der neue Roman von Martin Amis sorgt schon vor seinem Erscheinen für Ärger. Und Diane Kruger lobt im SZ-Interview den neuen Anspruch des Fernsehens.

Musik

Morrisseys neues Album "World Peace Is None Of Your Business" (hier als Stream) beschäftigt die Feuilletons - auch wenn es den Kritikern zuweilen etwas schwer zu fallen scheint, dem Album ganz konkret etwas abzugewinnen, weshalb sie sich meist auf Morrisseys Werdegang konzentrieren. "Morrissey [windet sich] in altbekannter Stimmlage wieder in altbekannten Schmerzen - jede Menge weltverneinende Klagelieder sind zu hören", schreibt etwa Jens Uthoff in der taz. Und weiter: "Morrissey ist trotz alldem noch gut. Sogar verdammt gut. Wobei er sicher kein großer Musiker mehr ist, dafür aber ein umso größerer Poet, der nicht müde wird zu betonen, wie wir uns zugrunde richten. ... Aber da ist diese Stimme des Meisters. Getragen, schwer, wie mit Öl gesalbt."

In der Zeit meint auch Thomas Groß, dass Morrissey sich mit diesem Album in erster Linie einfach nur treu bleibt: "Wieder ist Morrissey Schöngeist und Ekel zugleich, er geißelt die Machos und gibt den Hooligan, er rettet den Stier und nimmt den Tod des Toreros billigend in Kauf ... Ein Humanismus aus Menschenfeindlichkeit."

Im Tagesspiegel hält Gerrit Bartels das Album für eher "unspektakulär". Eckhart Nickel von der SZ pflichtet dem zwar im wesentlichen bei, räumt aber ein: "Natürlich gibt es auf jedem neuen Morrissey-Album immer ein oder zwei Monumente, die den Rest des Mittelmaßes um sie herum vergessen lassen - und für die sich dann letzten Endes das ganze Album gelohnt hat. Diesmal ist es das Credo seines Lebens namens "I"m not a Man", wo er sich gegen die furchtbaren Stereotypen der männlichen Existenz verwahrt."

Außerdem: In der Zeit spricht Daniel Gerhardt mit Matt Berninger von der dezent geschmackvollen Indie-Band The National und dessen Bruder Tom Berninger, der Metal-Fan ist und über eine Tour der Band seines Bruders den amüsiert-distanzierten (in der FAZ besprochenen) Dokumentarfilm "Mistaken for Strangers" gedreht hat. Bjorn Schaeffner spricht in der NZZ mit dem Transgender-Musiker Terre Thaemlitz alias DJ Sprinkles über Geschlechtsidentität und die kritischen Aufgaben der Clubkultur. Für die SZ war Thomas Kirchner bei den Sängerfesten in Tallinn, die in Estland auch eine nationale Selbstvergewisserungsfunktion einnehmen.

Besprochen wird Helikons Album "Stumme Detektive" (taz).
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Bühne



Ein rotes Kärtchen hat Reiner Reitsamer in die Hand gedrückt bekommen, als er im Berghain das Musical "Praxis Makes Perfect" des Elektropop-Duo Neon Neon sehen wollte, erzählt er in der Welt: "Was damit zu tun ist, erklärt eine Frau, die sich über den Notausgängen aufbaut. Sie spricht in ein Megafon. Es ist schwer, sie durch die Rückkopplungen zu verstehen, doch es geht um den Oranienplatz und die Gerhart-Hauptmann-Schule. Die Flüchtlingspolitik Deutschlands sei eine Schande, sagt sie. Ihr Vorschlag: Sie will den früheren Palast der Republik in einen "Palast der Flüchtlinge" umwandeln. Dort könnte dann jeder bleiben, der Asyl in Deutschland sucht. Mit dem zuvor erhaltenen roten Kärtchen können die Zuschauer dafür oder dagegen stimmen." (Bild: Berghain)

Die Aufführung von Bertolt Brechts selten gespieltem "Untergang des Egoisten Johann Fatzer" am Berliner Ensemble krankt laut Jakob Hayer in der Jungle World an zweierlei: "Zum einen an der für das BE neu erstellten Textfassung, welche die literarische Fülle und die innere Widersprüchlichkeit des Fragments von Brecht beschneidet, und zum anderen an der Form der Inszenierung, die selbst den reduzierten Stoff nicht entfaltet. Jede Geste scheint nur den Text zu wiederholen, kaum einmal überrascht der spielende Körper mit einer Abweichung vom Gesagten, die sich als widersprüchliches Denkbild verfestigen könnte. Die Worte bleiben eigenartig körperlos, bedeutungslos."

Besprochen werden Antú Romero Nunes" "Guillaume Tell"-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper (FAZ) und die Musikfestspiele in Potsdam Sanssouci. (Welt)
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Kunst

Im sommerlichen Thessaloniki finden sich kaum noch Anzeichen für die Krise in Griechenland, meint Ingo Arend in der taz nach dem Besuch der 2009 initiierten "Tempus Ritualis"-Schau, die sich ästhetisch mit sozialen Umbrüchen befasst: Dabei handelt es sich um "eines jener kleinen Kunstprojekte, denen man oft mehr abgewinnen kann als spektakulären Biennale-Manifestationen, weil sich mitteilt, dass ihre Macherinnen ein echtes Anliegen treibt. ... Das Ergebnis ist eine kleine, aber fokussierte Schau. Die wieder einmal demonstriert, dass die Kunst soziale Mechanismen sichtbar machen kann, die tiefer reichen als alle Krisen."

Für die FR hat sich Dirk Pilz die neue Dauerausstellung im Bendlerblock zum Thema Deutscher Widerstand im Nationalsozialismus angesehen: "Konzeptionell ist diese auf Breitbandformat angelegte Ausstellung durchaus gelungen, pädagogisch in ihrem Versuch, an Einzelbiographien die Grenzen und Chancen von Widerstand generell aufzuweisen, auch. Aber ihr Aufzählungscharakter, die beflissene Namens- und Textdichte bleibt nicht ohne Ermüdungseffekte."

Weiteres: Auf der Art Basel interessieren sich die Käufer noch immer mehr für die "sicheren Werte" der Malerei als für angesagte Performances, berichtet Max Glauner im Tagesspiegel. Monopol meldet den Tod des japanischen Künstlers On Kawara, der vor allem durch seine Serie "Date Paintings" berühmt geworden ist.

Besprochen werden eine Jean-Baptiste Carpeaux gewidmete Schau im Musée d"Orsay (FAZ) und die Ausstellung "Und überdies Projektionen" der Videokünstlerin Silvie Defraoui im Kunstmuseum Solothurn (NZZ).
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Literatur

Im September erscheint der neue Roman von Martin Amis, "Zone of Interest", der in Auschwitz spielt und mit komödiantischen Mitteln zu arbeiten scheint. Pierre Assouline kann in seinem Blog nicht sehr viel mehr dazu sagen, als dass Amis" bisheriger Verleger in Frankreich, Gallimard, den Roman abgelehnt hat - er erscheint jetzt bei Calmann-Lévy - und dass Hanser in Deutschland ebenso verfahren haben soll. "Da bisher nur Verleger den Roman lesen konnten, kann man noch kein Urteil fällen... Man erinnere sich, dass Calmann-Lévy vor acht Jahren öffentlich seine Weigerung bekanntmachte, den umstrittenen Roman von Jonathan Littell zu publizieren. Es handelte sich um "Die Wohlgesinnten", die dann von Gallimard herausgebracht wurden."

Brigitte Kramer begrüßt in der NZZ freudig die Eröffnung einer Bibliothek im spanischen Ceuta an der marokkanischen Mittelmeerküste, denn: "Die Stadt hat viele Probleme. Sie hat Spaniens höchste Schulabbrecherquote und das geringste Bildungs- und Einkommensniveau. Fast vierzig Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos. Viele Familien leben in beengten Verhältnissen. Es herrscht eklatanter Wohnungsmangel, denn Ceutas Grundstücke sind entweder bebaut, oder sie gehören dem Militär, das auf der Halbinsel große Präsenz zeigt. Deshalb verbringen viele Ceutís ihre Nachmittage in der Bibliothek. Im gefilterten Sonnenlicht der hellen Säle lesen sie oder lassen den Blick durch die großen Fenster über ihre Stadt schweifen. Studenten, Arbeitslose oder Immigranten nutzen den kostenlosen Internetzugang."

Christian Schröder liest für den Tagesspiegel die Tagebücher von Erich Mühsam. Außerdem geben in der Zeit 22 Schriftstellerinnen Tipps für die Sommerlektüre.

Besprochen werden Richard Yates" "Eine strahlende Zukunft" (FR), Hubert Dreyfus" und Sean Dorrance Kellys Buch "Alles, was leuchtet" (SZ) und Reinhard Kaiser-Mühleckers "Schwarzer Flieder" (FAZ).
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Film

Anlässlich des Kinostarts von William Eubanks "The Signal" denkt Jürgen Kiontke in der Jungle World über das jüngere Science-Fiction-Kino aus der Indie-Ecke nach, das sich ästhetisch geschmackvoll und thematisch sensibel positioniert. Jedoch: "Viele Filmemacher stellen ihre Geschichten verblüffend simpel dar, die erzählerischen Mittel sind von anno dunnemals. ... Eigentlich könnte es doch wunderbar sein, dass so viele Filme die Gegenwart als Zukunftsstoff verhandeln. Aber gesellschaftlich bedeutende Impulse gibt es aus der Ecke bislang kaum. Anders gesagt: Das meiste versinkt in stilistischer, optischer und erzählerischer Langeweile." In der Berliner Zeitung wagt Philipp Bühler sanften Widerspruch: Die jungen Indie-SciFi-Filmer erzählen "andere Geschichten (...) - fern von Hollywood, mit ureigener Sensibilität. Sparsam eingesetzte digitale Effekte paaren sich dabei mit dem Charme eines experimentellen Studentenfilms."

In der SZ spricht Jürgen Schmieder mit Diane Krüger über ihre Rolle als Polizistin mit Asperger-Syndrom in der Fernseh-Serie "The Bridge". Dass Fernsehproduktionen heute oft anspruchsvoller sind als Kinofilme, findet sie ganz in Ordnung: "Die Menschen, die anspruchsvolle Serien sehen wollen, können nicht jeden Abend ins Kino gehen. Sie haben Jobs, Familie, Kinder und wollen abends zu Hause anspruchsvoll unterhalten werden. Der typische Kinogänger dagegen ist jünger, meist noch nicht berufstätig, und will am Wochenende ein Spektakel erleben. Darauf setzen die Studios, sie machen riesige Filme und Event-Kino."

Für den Freitag porträtiert Andrew Anthony den syrischen Exil-Schauspieler Jay Abdo, der gerade für Werner Herzog und Tom Tykwer vor der Kamera stand.

Besprochen werden Takashi Miikes Thriller "Wara No Tate - Die Gejagten" (Perlentaucher), Jean-Pierre Jeunets "Die Karte meiner Träume" (Tagesspiegel, FR) und der Kinderfilm "Rico, Oskar und die Tieferschatten" (SZ, filmosophie.com).
Archiv: Film