Spätaffäre

Die nie dagewesenen Möglichkeiten unserer Epoche

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
24.04.2014. In einem Interview aus dem Jahr 2009 gewährt der am Dienstag verstorbene österreichische Filmemacher Michael Glawogger Einblick in seine Recherchemethoden. Der BR bringt drei Essays von John J. Sullivan. Der Guardian porträtiert den französischen Künstler, Autor und Filmemacher Chris Marker. Und Yann Kerbrat erläutert in La Vie des Idées die Grenzen des Völkerrechts.

Für die Augen

Völlig überraschend ist der österreichische Filmemacher Michael Glawogger vor zwei Tagen in Afrika an Malaria gestorben. Er war seit einigen Monaten unterwegs und drehte einen "Film ohne Namen". Es war ein gewagtes Experiment, eine Drehreise ohne klares Ziel, die in einen Filmessay münden sollte. Beim Standard und in der Süddeutschen führte er abwechselnd Reisetagebuch. Sebastian Heinrich, Jan Keck und Claudia Übelhör haben ihn 2009 zu seinen Recherchemethoden für seine Dokumentationen und Spielfilme interviewt. (52 Minuten)



Neu auf netzkino.de: "Blutige Hochzeit", ein Thriller von Claude Chabrol aus dem Jahr 1973 um eine leidenschaftliche Affäre zweier Verheirateter (Michel Piccoli und Stephane Audran), die ihren jeweiligen Ehepartner loswerden wollen. Hier auf Youtube oder im folgenden eingebettet (92 Minuten):


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Für die Ohren

Den Kritikern hat John J. Sullivans Essaysammlung "Pulphead" ganz herausragend gut gefallen. Drei der Texte hat nun der Bayerische Rundfunk unter der Regie von Barbara Schäfer mit dem Sprecher Andreas Fröhlich für das Radio aufnehmen lassen. Es geht um die Tea-Party-Bewegung unter Bedingungen der teilnehmenden Beobachtung, um den Dozenten Mr. Lytle, bei dem Sullivan die Schulbank drückte, und um den verlorenen Zauber von Disney World. Hier kann man sich alle drei eingesprochenen Essays in voller Länge anhören (je ca. 52 Minuten).

Für sein WDR-Feature "Jakarta Punk" porträtiert Darius Ossami den indonesischen Bassisten Marmat, der vor vier Jahren noch in Indonesien auf der Straße lebte und nun in einer Berliner Band spielt. Für diese organisiert er eine Tour durch sein Heimatland. Aus dem Programmtext: "Tatsächlich stehen die Punks auf Bali, Sumatra oder Java ihren Vorbildern in Europa in nichts nach. Nur der Spagat zwischen Rebellion und Anpassung ist in dem muslimisch geprägten Land wesentlich härter." Hier kann man die Sendung online anhören. (51 Minuten)

Für Sinn und Verstand

Völkerrechtlich lässt sich die Annexion der Krim durch Wladimir Putin nicht rechtfertigen, sagt der Rechtsprofessor Yann Kerbrat aus Aix/Marseille in einem ausführlichen Gespräch mit Florent Guénard in La Vie des Idées: "In seiner externen Dimension, das heißt als Recht auf Sezession, ist das Völkerrecht in eingem Zusammenhang mit der Entkolonisierung konstruiert worden. Es wurde keineswegs als ein Recht auf die Destabilisierung von Staaten konzipiert, das jedem Volk oder jeder Minderheit mit einem Willen zur Unabhängigkeit in die Hände spielt. Formuliert duch mehrere aufeinanderfolgende Resolutionen in der Generalversammlung der Vereinten Nationen, ist dieses Recht eindeutig nur für Völker festgelegt worden, 'die unterjocht sind oder unter fremder Herrschaft oder Ausbeutung leiden'. Das heißt für Völker unter kolonialer Herrschaft."

Anlässlich der vergangene Woche eröffneten Retrospektive "A Grin Without a Cat" in der Londoner Whitechapel Gallery widmet Sukhdev Sandhu dem französischen Künstler, Autor und Filmemacher Chris Marker (1921-2012) im Guardian ein ausführliches Porträt: "Seine Faszination für die Fähigkeit neuer Technologien, die Vorstellungen von Identität, sozialen Verbindungen und dem Wesen von Erinnerung zu transformieren, macht ihn zu einem frappierend zeitgemäßen Künstler. Sein Selbstverständnis als 'bricoleur', als Sammler bereits bestehenden Bildmaterials, trifft den Nerv einer Zeit, in der das Aufspüren, Anordnen und Kuratieren von Bildern so wichtig geworden ist wie ihre Erschaffung. Seine Vorliebe, auf altes Material zurückzugreifen und es in neuen Zusammenhängen zu verwenden, entspricht den nie dagewesenen Möglichkeiten unserer Epoche, Dinge nicht nur in riesigen digitalen Archiven zu speichern, sondern sie auch über verschiedene Formate hinweg endlos neu zu kontextualisieren." Hier Markers innovatives Coverdesign für die Reiseführerreihe "Planète travel" (1954-58).