Efeu - Die Kulturrundschau

Die blutig dargereichten Herzen

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29.06.2026. Lena Schätte gewinnt den Bachmannpreis und den Publikumspreis mit einem Text über die Demütigungen, die dicke Menschen selbst von ihrer Familie erfahren: Die Kritiker sind begeistert. Dass der Wettbewerb insgesamt von fantasiebefreiter Autofiktion geprägt war, lässt sie aber doch seufzen. Die taz  porträtiert die Sängerin Parastoo Ahmadi, die zu 74 Peitschenhieben verurteilt wurde. Es funktioniert erstaunlich gut, den Comedian Bülent Ceylan in der "Entführung aus dem Serail" auftreten zu lassen, wundert sich die FAZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2026 finden Sie hier

Literatur

So einen Erfolg dürfte es in Klagenfurt selten gegeben haben: Die Schriftstellerin Lena Schätte - eine Quereinsteigerin, die im Hauptberuf lange Pflegerin war - gewinnt nach einstimmiger Beschlusslage der Jury für ihren autobiografisch grundierten Text den Bachmannpreis und außerdem den Publikumspreis. "Es ist ein Text, der von der Gewalt erzählt, der übergewichtige Menschen ihr Leben lang ausgesetzt sind, nicht nur durch Fremde, sondern auch die eigene Mutter", schreiben Julia Hubernagel und Yannic Walter in der taz. Dies ist "in einem zarten Furor erzählt", lobt Paul Jandl in der NZZ, "zwischen Sinnlichkeit und Brutalität. ... Dicksein ist bei Schätte nicht nur ein physisches oder psychosomatisches Symptom, sondern auch eine Metapher der Selbstermächtigung. Indem die Ich-Erzählerin buchstäblich über die eigene grausame Mutter hinauswächst, entgeht sie deren Schlägen." Schättes Text gibt es hier als PDF.

Klimakrise, verschimmelte Wohnungen, Übergewicht, prekäre Arbeitsbedingungen, tödliche Sportunfälle, Brustkrebs und was das menschliche Dasein an Elend noch so alles hergibt: Zeit-Kritiker Adam Soboczynski wurde bei diesem Lesewettbewerb "mit einer Portion Schwermut versorgt, die ausreicht, um für den Rest des Sommers nicht mehr fröhlich zu werden". Ja, es war ein Jahrgang "ohne neue Dorothee Elmiger, ohne neue Raphaela Edelbauer, ohne große Dystopien, große Utopien", seufzt Judith von Sternburg in der FR, "und ohne übergroßes Verlangen, was das Geschichtenerzählen für und über die Zukunft betraf, über den Tellerrand und sich selbst hinaus. ...  Das autofiktionale Erzählen schlug voll durch."

"Das Problem daran", kommentiert Marie Schmidt in der SZ, "ist nicht das Modische, womöglich politisch Opportune der Autofiktion", sondern dass sie "den Gesichtskreis der Literatur einschränkt. So offenherzig die existenzielle Offenbarungsliteratur ist, so unfrei wirkt sie. Und diese Unfreiheit überträgt sich auch auf die Jury. ... Vielleicht, weil es grausam wirken könnte, mit Kunstkritik und gar dem eigenen Geschmack zu reagieren auf die blutig dargereichten Herzen der Schreibenden. Da hält die Kritik lieber mittlere Distanz."

Jan Wiele fürchtet in der FAZ, dass der literarische Sound von Klagenfurt "im Zitat erstarren" könnte, da die Jury in ihren Einladungen doch jedes Jahr aufs Neue sehr eindeutige Vorlieben erkennen lässt. Auch "überwog im Jubiläumsjahr manchmal der Eindruck, dass die Jury besser war als die Texte". Insgesamt gab es "viele doch konventionelle Midcult-Texte", hält auch Gerrit Bartels im Tagesspiegel fest, lobt aber besonders Gesche Heumann, die "in einem lakonisch-coolen Ton Bedeutsamstes und dann wieder Kleinteiligstes ... auf knappstem Raum unterbringt", und Kinga Toth für deren "voller schöner Bilder steckenden Text". Weitere Resümees schreiben Michael Wurmitzer (Standard) und Jens Ulrich Eckhard (Welt),

Weitere Artikel: In einem Standard-Essay denkt die Schriftstellerin Sabine Scholl über das Essen nach. Katja Kollmann resümiert in der taz einen Berliner Abend für die ukrainische Literatur mit Katja Petrowskaja, Serhij Zhadan und Übersetzerinnen. Rudolf Muhs schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Verleger Gotthard Erler. Besprochen werden unter anderem Maylis de Kerangals "Brandung" (Standard), Monika Marons "Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig". Tagebücher 1980-2021" (NZZ) und Angelina Pils' Biografie über den SS-Offizier Hans Ernst Schneider, der nach dem Krieg unter dem Namen Hans Schwerte Uni-Karriere machte und erst 1995 aufflog (SZ).
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Musik

Mahtab Qolizadeh und Lisa Schneider geben in der taz einen Einblick, wie sich Sängerinnen im Iran via Social Media gegen das über sie allein wegen ihres Geschlechts verhängte Betätigungsverbot widersetzen - und wie sie dafür vom Teheraner Regime drangsaliert werden. Parastoo Ahmadi etwa "trat vor etwa anderthalb Jahren (...) ohne Publikum unter dem Titel 'Imaginary Concert' in einer alten Karawanserei auf. Sie trug ein ärmelloses Kleid, kein Kopftuch. Das bei YouTube hochgeladene Video ihrer Performance wurden bislang etwa drei Millionen Mal geklickt. Sehr schnell wurden sie und alle beteiligten Musiker - Ehsan Birghadar, Soheil Faqih Nasiri, Amin Taheri und Amirali Pirnia - vorgeladen. ... Nach einem Bericht von BBC-Persian wurde Ahmadi zu Peitschenhieben, einem achtjährigen Ausreiseverbot sowie Berufsverbot verurteilt."



Weitere Artikel: Thomas Maier porträtiert für die FAZ die in Buenos Aires tätige Musikwissenschaftlerin Silvia Glocer, die die Lebenslinien von einst vor den Nazis nach Argentinien geflohenen, jüdischen Musikern erforscht (mehr dazu hier im Argentinischen Tageblatt). Eva Goldbach freut sich in der FAZ darüber, dass die französischen Chansons von Zaho de Sagazan und Oklou auch international und sogar in Deutschland Erfolg haben. Stefan Ender spricht im Standard mit Michael Sedlaczek über Peter Alexander, der dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden eine dadaistische Performance von Blixa Bargeld in Solingen (FAZ), ein Konzert der Toten Hosen in Frankfurt (FR), ein Konzert von Bruno Mars in München (SZ), eine von Valentin Egel dirigierte und vom Münchner Rundfunkorchester eingespiele Aufnahme von Kompositionen von Anton Reicha (FAZ), Graham Coxons erst 15 Jahre nach Entstehen veröffentlichtes Album "Castle Park" (FAZ) und das nach 15 Jahren Pause lange ersehnte Comeback-Album "Born to Kill" der Country-Punk-Urgesteine Social Distortion ("Es ist wieder ein Erlebnis, Ness an seiner Gibson Les Paul zu hören", jubelt Edo Reents in der FAZ).

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Kunst

Theorie ist nicht tot, auch nicht in Verbindung mit Kunst, wie Ingo Arend auf der Tagung "Kunst Ausstellung Diskurs" in Kassel erleichtert für die taz feststellen darf. Morgen wird das Kanzlerinnenporträt von Angela Merkel vorgestellt, Boris Pofalla macht sich in der Welt Gedanken darum, wie sich in der Kanzlergalerie das Selbstverständnis der Ex-Regierungschefs zeigt. Vincent van Goghs Gemälde "Hôpital Saint-Paul à Saint-Rémy-de-Provence" wird von den Erben des jüdischen Kaufmanns Felix Kallmann seit Jahren zurückgefordert, im September dürfte eine Entscheidung fallen, meldet die FAZ.

Besprochen wird: Die Ausstellung "Dabei sein und nicht schweigen" im Gropius Bau mit Werken von Gabriele Stötzer (Berliner Zeitung).
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Bühne

"Die Entführung aus dem Serail". Foto: Stephan Rabold.

Wenn einem sonst nichts mehr einfällt, stellt man einen Comedian wie Bülent Ceylan in eine Mozart-Oper - tatsächlich funktioniert das aber in Mozarts "Entführung aus dem Serail", inszeniert von Andrea Moses an der Berliner Staatsoper, erstaunlich gut, findet Gerald Felber in der FAZ. Ceylan kommt in zwei Rollen zum Einsatz, "zuerst in bekannter Eigengestalt als (mit nahezu zehn Minuten am Stück gleich entschieden zu weitschweifiger) Moderator, dann als Hausmeister und Bassa Selim in mehrfachen Comedy-Umformungen eingreifend, mithandelnd und mit witzigen Pointen, später zunehmend nachdenklichen Tönen für gediegene Kurzweil sorgend. Er war, wenn dergleichen schon als notwendig erachtet wird, eine gelungene Wahl; nicht zuletzt unter den Aspekten des Kulturtransfers, von Identität und Entfremdung oder, wie es Ceylan selbst bündig zusammenfasste, von 'Entkommen, Ankommen und Einkommen'."
 
Wolfgang Schreiber fängt in der SZ die Stimmung des Publikums ein: "Es gab, besonders am Beginn mit Ceylans prächtigem Einstand, viel Lachen, eine gelassene bis ausgelassene Opernlaune sogar für die akute Gesellschaftskritik des Comedians, eher gebremst durch einige Gags aus seiner neuen Bühnenshow 'Diktatürk', am Ende auch ein paar niederapplaudierte Buhrufe. Den Sieg davon trug die Musik, Mozarts zauberhaft frische Jugendoper, dirigiert mit lebhaften Impulsen, starken Akzenten und viel lyrischem Empfinden vom jungen, in Daniel Barenboims Berliner Welt gereiften Frankfurter Opernmusikchef Thomas Guggeis, der der Staatskapelle einen intensiven Abend verschaffte." Für Udo Badelt im Tagesspiegel ist ebenfalls die Musik das Highlight des gelungenen Abends, er fragt sich allerdings, wie man diese Inszenierung im Repertoire halten soll: "Die Produktion ist so voll und ganz auf Bülent Ceylan zugeschnitten, und ohne ihn recht konventionell, dass sie nicht sehr nachhaltig ist", denn niemand könne seine Rolle so übernehmen.

Besprochen werden u.a. Daniel Kehlmanns "Tyll", inszeniert von Christian Stückl bei den Passionsspielen Oberammergau (SZ, Nachtkritik), "Tanzende Idioten", geschrieben und inszeniert von Thorsten Lensing am Schauspiel Frankfurt (FR), "Same Same. Ein Abend mit Zwillingen", Text und Regie von Lies Pauwels am Schauspiel Bochum (Nachtkritik), Tobias Kratzers Inszenierung von Wagners "Walküre" in München (Van, NZZ).
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Film

Auf ZeitOnline verzweifelt Jens Balzer darüber, wie der allgemein als Nichtskönner eingestufte Vielfilmer Uwe Boll sich wegen einer verweigerten FSK-Freigabe für seinen offenbar von äußersten Brutalitäten durchsetzten Reißer "Citizen Vigilante" bei Elon Musk als Anti-Woke-Kämpfer einschleimt und damit auch noch Erfolg hat - und das "ohne dass sich auch nur eine einzige Person von öffentlicher Bedeutung, die man irgendwie als 'woke' etikettieren könnte, in irgendeiner kritischen Weise über 'Citizen Vigilante' geäußert hatte. Die 'woke' Hegemonie ist hier eine reine Erfindung, aber dank dieser Erfindung - und dank der Hilfe von Elon Musk - kann selbst jemand wie Uwe Boll plötzlich zum Superstar werden. Das ist in einem Moment ausgesprochen kurzweilig, irre und lustig; und im nächsten Moment bekommt man es mit der Angst zu tun, mit einer sehr tiefen, existenziellen Angst. Wie kein anderer Film derzeit spiegelt 'Citizen Vigilante' die kulturelle Lage, in der wir uns befinden."

Besprochen werden Randa Chahouds beim Filmfest München gezeigte Verfilmung von Mithu Sanyals Roman "Identitti" (Welt), Curry Barkers Horrorfilm "Obsession" (taz), Tom Fröhlichs Dokumentarfilm "Vom Traum, unsinkbar zu sein" über die vier Schiffe der DDR-Fischereiflotte, die auch nach der Wende noch auf See gingen (SZ), sowie der neue "Jackass"-Film (SZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Boll, Uwe, Musk, Elon