Efeu - Die Kulturrundschau
Ohne naturalistisches Grunzen
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15.09.2026. critic.de birgt in Venedig einen frisch geschliffenen Diamanten mit Lav Diaz' Film über spanischen Kolonialismus auf den Philippinen. Israels Kulturminister Miki Zohar will Yuval Abraham und Rachel Szor wegen ihres Films "Naza" die israelische Staatsbürgerschaft entziehen, und Ulf Poschardt applaudiert, notiert die SZ. Die FAZ blendet die Splattermovies in Matthew Wilds Inszenierung der Tschaikowski-Oper "Mazeppa" in Frankfurt aus - und erliegt der betörenden Musik. In der SZ plädiert die Architektin Almut Grüntuch-Ernst für mehr "Hortitecture".
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
15.09.2026
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Film

Beim Filmfestival in Venedig wurden Yuval Abraham und Rachel Szor für ihren Dokumentarfilm "Naza" mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Nun droht der israelische Kulturminister Miki Zohar damit, den beiden die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen - und zwar "aufgrund von Treuebruch gegenüber dem Staat und Zusammenarbeit mit dem Feind". In ihrem Film sprechen die beiden in Tel Aviv mit früheren IDF-Datenanalysten über die digitale Kriegsführung Israels (unser Resümee). In Deutschland hat sich auch Ulf Poschardt zu Zohars Drohungen positiv geäußert, berichtet Philipp Bovermann in der SZ: "Ein prominenter deutscher Journalist wirft also zwei israelischen Juden quasi Volksverrat vor, weil sie als Journalisten und Filmemacher zu Kriegsverbrechen der eigenen Armee recherchieren. Der Entzug der Staatsbürgerschaft ist in Israel möglich bei Fällen des Hochverrats oder der Spionage, seit 2023 auch bei nachgewiesener Unterstützung von 'Terrorismus'. 'Ich bin sicher, dass eure Freunde, unsere Feinde bei der Hamas in Gaza, euch mit offenen Armen empfangen werden', schrieb der rechtsextreme israelische Minister für öffentliche Sicherheit Itamar Ben-Gvir. Im Internet finden sich diverse Morddrohungen gegen die Filmemacher."
Schuld an dieser ganzen Geschichte ist naheliegenderweise die längst abgewählte Ampelkoalition, lautet Yossi Bartal originelles Fazit in der taz. Denn diese war es, "die mit dem neuen Einbürgerungsgesetz eine Ausbürgerung an ablehnende Einstellungen zum Staat Israel koppelte". Auch ansonste raunt Bartal: Obwohl der Film einen deutschen Verleih hat und am 1. Oktober in Deutschland offiziell in die Kinos kommt, wisse man "nicht, ob der Film auch in israelischen und deutschen Kinos zu sehen sein wird".

In seinen abschließenden Notizen aus Venedig staunt Olaf Möller (critic.de) über den neue Film des philippinischen Auteurs Lav Diaz, der für seine gerne auch mal sieben bis zehn Stunden dauernden Filme bekannt ist. Mit "Let Us Through, Dear Ancestors" ist ihm erneut ein "Geniestreich" geglückt: Der Film ist "ein perfekt geschliffener Diamant, eine Abrechnung mit dem spanischen Kolonialismus auf den Philippinen wie auch mit der Kollaboration zwischen der katholischen Kirche und den Eroberern. Die Kürze - der Film ist keine zweieinhalb Stunden lang - steht Diaz gut, sein Erzählen hat mittlerweile eine novellengleiche Schärfe und Eleganz erlangt, schreitet dabei aber narrative Bögen aus, so weit, dass sie auch mehrbändige Romane enthalten könnten. Auch die Inszenierung, die zum Teil stark wie Bühnen wirkenden Räume, in denen er seine Darsteller klar konzipierte Choreographien ausschreiten lässt, zeugt von einer mittlerweile atemberaubend selbstverständlichen Meisterschaft."
Weiteres: Nataliia Serebriakova spricht für critic.de mit der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer über deren Kindesmissbrauchsdrama "Gentle Monster" mit Léa Seydoux und Catherine Deneuve in einer Nebenrolle. Im Standard empfiehlt Valerie Dirk eine Wiener Filmschau zur Geschichte des chinesischen Kinos. In der FAZ schreibt Andreas Kilb zum 80. Geburtstag von Oliver Stone. Ebenfalls 80 Jahre alt wird Tommy Lee Jones, dem Edo Reents (FAZ) gratuliert.
Und ein Mediatheken-Tipp: Arte zeigt online eine Auswahl der Filme des großartigen Dokumentarfilmers Frederick Wiseman.
Kunst
Sophie Jung, Hilka Dirks und Anna Meinecke teilen in der taz ihre Eindrücke der diesjährigen Berlin Art Week und sind enttäuscht. "Alles so schön glatt hier", winkt etwa Dirks ab, auch mit Blick darauf, dass im Rohbau des Museums Berlin Modern Gordon Matta-Clarks Arbeit "Doors Floors Doors" von 1976 noch einmal gezeigt wurde: "Was dann doch erschütterte, war die Biederkeit. Hatte man erwartet, dass im Stile Matta-Clarks in die Baustelle des Rohbaus eingegriffen werden würde, wurde man bitter enttäuscht: Was man sah, waren Filme. Die sind zweifellos toll, verwandelten aber die einst so radikalen Werke des Dekonstruktionskünstlers lediglich in museale Nostalgie und Sehnsucht. Nach einer analogen Zeit vor der kompletten Einverleibung jeden Funken Lebens in globale Markt- und Markenlogiken, die in dieser Art Week allgegenwärtig auf die Spitze getrieben zu sein schienen."
Besprochen werden außerdem Gunnar Eichholz' Text- und Bildband "Jugoslawien - Das Land, das es nicht mehr gibt" (Perlentaucher), die Ausstellung "Paloma Varga WEISZ" in der Synagoge Stommeln in Pulheim (Monopol), das Medienkunstfestival Ars Electronica in Linz (taz) und die Maurizio-Cattelan-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (NZZ, mehr hier).
Besprochen werden außerdem Gunnar Eichholz' Text- und Bildband "Jugoslawien - Das Land, das es nicht mehr gibt" (Perlentaucher), die Ausstellung "Paloma Varga WEISZ" in der Synagoge Stommeln in Pulheim (Monopol), das Medienkunstfestival Ars Electronica in Linz (taz) und die Maurizio-Cattelan-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (NZZ, mehr hier).
Bühne

Weshalb Matthew Wild seine Inszenierung von Peter Tschaikowskis Oper über den korrupten Kosakenführer "Mazeppa" an der Oper Frankfurt vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine spielen lässt, ist Jan Brachmann in der FAZ zwar ein Rätsel. Und auch auf die Ästhetik von Splattermovies und Gräuelvideos, die an IS-Terroristen erinnern, hätte Brachmann verzichten können. Die Musik aber ist ein "Ereignis", schwärmt er: "Dabei hört man dem überragenden Sänger Alexander Roslavets zu, wie er als Kotschubej die Stimme zum Sinnträger, zum tönenden Medium von Bedeutung macht: Die Farben wechseln versweise von Schmerz übertönendem Stolz in stille Wehmut der Erinnerung. Dann verengt er seinen Bass zur eisig-leisen Schärfe der Verachtung, um ihn wieder zu öffnen zur dröhnenden Hoffnung auf Rache. Das alles aber bei genauester, schönster Tongebung, ohne naturalistisches Grunzen, Schluchzen, Keifen. Dieser Mann singt im Erleiden von Schändung mit höchster Kunst." Für die FR bespricht Judith von Sternburg die Inszenierung.

Mit Lilja Rupprechts Adaption von Han Kangs Roman "Die Vegetarierin" und Jorinde Dröses Adaption von Annette Hess' Roman "Das deutsche Haus", schlägt das Hamburger Thalia Theater zur neuen Saison stark auf, staunt Stefan Grund in der Welt. Vor allem Dröses Inszenierung über das deutsche Schweigen nach der Entnazifizierung beeindruckt, nicht zuletzt durch Originalaufnahmen des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, so Grund: "Der Abend öffnet den Blick für aktuelle gesellschaftliche Verwerfungen im wiedervereinigten Deutschland, auf unterschiedliche Phasen und Intensitäten der Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland in West und Ost, mit einem anhaltenden Prozess, der längst nicht abgeschlossen ist. Sie öffnet den Blick auch für den Umgang mit eigener Schuld in Diktaturen, auf Verdrängung, auf Ursachen von Rassismus und Faschismus. Und er erweitert das historische Verständnis."
Besprochen wird außerdem Oliver Reeses Adaption von Yasmina Rezas Roman "Glücklich die Glücklichen" am Berliner Ensemble (FAZ), das Stück "Extrawurst" von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob an der Frankfurter Komödie (FR), Rieke Süßkows Inszenierung des "Macbeth" am Wiener Volkstheater (Welt) und Tobias Katzers "Macbeth" an der Hamburger Staatsoper (SZ).
Architektur
"Als Ökosystem ist diese Straße eine Katastrophe"; erwidert die Architektin Almut Grüntuch-Ernst auf Claudius Seidls Versuch in der SZ, sie davon zu überzeugen, dass der Plan, die Münchner Ludwigstraße zu begrünen (unsere Resümees), ein ästhetischer Fehler ist. Grüntuch-Ernst baut selbst mit lebendigem Material und spricht dabei von "Hortitecture": "Mich interessieren die Synergien von Architektur und Pflanzen. Architekten und Stadtplaner sind ja die, die den Planeten sterilisieren, wie Frei Otto das genannt hat. Man muss das sehr überlegt tun, denn Boden ist eine endliche Ressource. Man muss begreifen, dass, was man baut, nicht isolierte skulpturale Objekte sind, sondern Teile des Ökosystems. Man muss also untersuchen, wie Architektur sich zur Umwelt verhält."
In der NZZ versucht Florentina Freise am Londoner Isokon Building mit seinen kleinen Wohnungen und winzigen Küchen zu erklären, weshalb bis heute über das Bauhaus gestritten wird. Das Bauhaus habe einen Menschen entwerfen wollen, der sich weniger über Herkunft als über Fähigkeiten definiere, habe dabei aber neue Eliten geschaffen: "Die eigentliche Revolution des Bauhauses bestand nämlich nicht in seinen Gebäuden, sie bestand in der Frage, wer dazugehört. Über Jahrhunderte entstanden Identität und Gemeinschaft vor allem durch Familie, Religion, Region oder Nation. Man gehörte irgendwohin, weil man dort geboren wurde. Die Moderne stellte dieses Prinzip infrage. Plötzlich entstanden neue Formen von Gemeinschaft. Menschen fanden sich über Interessen zusammen, über Berufe, Ideen, Netzwerke, freiwillige Zugehörigkeit."
In der NZZ versucht Florentina Freise am Londoner Isokon Building mit seinen kleinen Wohnungen und winzigen Küchen zu erklären, weshalb bis heute über das Bauhaus gestritten wird. Das Bauhaus habe einen Menschen entwerfen wollen, der sich weniger über Herkunft als über Fähigkeiten definiere, habe dabei aber neue Eliten geschaffen: "Die eigentliche Revolution des Bauhauses bestand nämlich nicht in seinen Gebäuden, sie bestand in der Frage, wer dazugehört. Über Jahrhunderte entstanden Identität und Gemeinschaft vor allem durch Familie, Religion, Region oder Nation. Man gehörte irgendwohin, weil man dort geboren wurde. Die Moderne stellte dieses Prinzip infrage. Plötzlich entstanden neue Formen von Gemeinschaft. Menschen fanden sich über Interessen zusammen, über Berufe, Ideen, Netzwerke, freiwillige Zugehörigkeit."
Literatur


Besprochen werden unter anderem Shida Bazyars unter anderem für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman "Die Lücken" (Intellectures), Michel Houellebecqs Gedichtband "Der stets verlorene Kampf" (FR), Gabriela Adamesteanus "Stimmen auf Abstand" (NZZ) und neue Sachbücher, darunter Jannik Lengelings "Verschwörungstheorien in der späten römischen Republik" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
Christian Wildhagen resümiert für die NZZ das Lucerne Festival, dessen Motto "American Dreams" sich im Programm nur mit einer "eigenartigen Halbherzigkeit" niedergeschlagen hat - und im Kernbereich der "großen Sinfoniekonzerte" war kurz nach dem Auftakt sogar "fast gar nichts mehr von dem Motto zu spüren. Dahinter steht das von vielen Veranstaltern beklagte Problem, dass führende Gastorchester während ihrer Sommertourneen immer weniger bereit sind, zusätzliche Stücke mit Bezügen auf die allfälligen Themenschwerpunkte ihrer Gastspielorte in die Programme aufzunehmen. Wenn Spitzenensembles allerdings überall dieselben Werkfolgen reproduzieren, wird der Festspielbetrieb, der eigentlich das Einzigartige bieten will, in der Perspektive austauschbar."
Weitere Artikel: Der Song "Petit Pêcheur", mit dem Manon Lisa in Frankreich in den letzten Wochen einen Sommerhit landen konnte, basiert auf Heinrich Bölls 1963 veröffentlichter Kurzgeschichte "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral", erklärt Niklas Maak in der FAZ. Hans-Jürgen Linke erinnert in der FR an Heinz Werner Wunderlich, den Begründer der Frankfurter Konzertreihe "Jazz im Palmengarten", der heute 100 Jahre alt geworden wäre. Julian Weber schreibt in der taz einen Nachruf auf den US-Punkrocker Cheetah Chrome. Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von My Ugly Clementine ("altbewährt, aber gut", meint Jakob Thaller im Standard).
Weitere Artikel: Der Song "Petit Pêcheur", mit dem Manon Lisa in Frankreich in den letzten Wochen einen Sommerhit landen konnte, basiert auf Heinrich Bölls 1963 veröffentlichter Kurzgeschichte "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral", erklärt Niklas Maak in der FAZ. Hans-Jürgen Linke erinnert in der FR an Heinz Werner Wunderlich, den Begründer der Frankfurter Konzertreihe "Jazz im Palmengarten", der heute 100 Jahre alt geworden wäre. Julian Weber schreibt in der taz einen Nachruf auf den US-Punkrocker Cheetah Chrome. Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von My Ugly Clementine ("altbewährt, aber gut", meint Jakob Thaller im Standard).
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