Efeu - Die Kulturrundschau

Parkplatz für eine Utopie

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24.08.2026.  Die Berliner Philharmoniker haben unter Kirill Petrenko einen umwerfenden Saisonauftakt hingelegt, lobt die FAZ. Die NZZ am Sonntag philosophiert über den Weltuntergang im Kino. Die sizilianische Kunststadt Gibellina ist für den Standard ein sehenswertes Kuriosum. Intendant Matthias Lilienthal schildert das Volksbühnen-Freibad in der Zeit als Utopieangebot an die Stadt Berlin. Nachtkritik begibt sich mit Michael Uhls Siegfried Lenz-Inszenierung in Wilhelmshaven auf eine karg-existenzielle Schiffsreise.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2026 finden Sie hier

Bühne

"Das Feuerschiff". Foto: Volker Beinhorn.


Michael Uhl bringt Siegfried Lenz' Novelle "Das Feuerschiff" auf die Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven, Nachtkritiker Tim Schomacker sieht die angemessen karge Inszenierung einer Geschichte um eine Besatzung, die eine schiffbrüchige Verbrecherbande bei sich aufnehmen muss. Das Stück stammt "aus einer Zeit, in der noch Seeminen in der Ostsee trieben. Der letzte große Krieg war nicht allzulang her. Lenz schrieb diesen Text in jener so charakteristisch kargen Sprache, die damals nötig war. Und die sich heute viel weiter weg anfühlen kann als Büchner oder Schiller. Michael Uhls Bühnenversion nimmt diese Kargheit ernst und an. (…) Darum geht's. Waffen und Sprache. Ordnung und Flexibiltät. Moral und Standhaftigkeit. Das alles auf dem Meer auf dem Schiff an der Kette. Da ist schon ein bisschen fast archaische Allgemeingültigkeit mit an Bord. Auch das war vielleicht, wie die Kargheit, nötig beim Anti-Hemingway-Entwurf nicht so lange nach Kriegsende: Auf- und Abklärung zugleich."

Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal bezieht im Zeit-Interview mit Sven Behrisch und Peter Kümmel Stellung zu den Diskussionen um das temporäre Freibad (unsere Resümees). Als Provokation war es nicht gedacht, versichert er: "Das Bad war und ist gemeint als eine Umarmung der Stadt und auch als Verwirklichung eines utopischen Modells. Es kostet ja keinen Eintritt. (...) Wir haben es im Moment schon geschafft, dem Theater und der Kultur eine vollständig andere Wichtigkeit in der Stadt zu geben. In diesem Prozess haben sich politische Diskussionen neu installiert, die offensichtlich geführt werden müssen."

Weiteres: Dorion Weickmann resümiert in der SZ das "Tanz im August"-Festival. Simon Strauß gratuliert dem Theaterkritiker Benjamin Henrichs in der FAZ zum achtzigsten Geburtstag, Christian Thomas überbringt die Glückwünsche der FR.
 
Besprochen werden: Das Musical "Rebel Rebel" von Ivo van Hove auf der Ruhrtriennale Bochum (Welt), Marlene Monteiro Freitas und Israel Galváns Stück "RI TE" bei der Ruhrtriennale in Essen (FAZ), das Einpersonenstück "Trapped in Hope" von Nabil Al-Raee beim Zürcher Theaterspektakel (NZZ) und das Theaterprojekt "Die Allianz der letzten Demokratien", eine Zusammenarbeit zwischen dem Kollektiv Proberaum Zukunft und der Universität Zürich beim Zürcher Theaterspektakel (SZ).
Archiv: Bühne

Musik

Die Berliner Philharmoniker sehen derzeit zwar noch einer unklaren Zukunft entgegen - spätestens 2032 muss ihr Domizil im Scharounbau für mindestens acht Jahre wegen Sanierung geschlossen werden, ein Ersatzunterschlupf ist noch nicht gefunden, auch wer die immensen Kosten trägt ist noch nicht beschlossen. Doch ihr Saisonauftakt unter Kirill Petrenko war "von unerhörter Konzentration und Präzision", schreibt Clemens Haustein in der FAZ. "Dass das Orchester über einen gewaltigen Wumms verfügt, was die schiere Präsenz des Klanges angeht, ist bekannt, auch die Sattheit des Tones kennt man, ebenso wie das künstlerische Selbstbewusstsein und Vermögen der Solobläser: Zum Saisonauftakt fügt sich der neue Soloklarinettist Kilian Herold mit warmem, frei atmendem Spiel ins Bild. Hinzugekommen ist unter Petrenko eine Präzision im Zusammenspiel, die an die Akkuratesse und Wendigkeit amerikanischer Orchester denken lässt. Das gezupfte Scherzo der vierten Symphonie von Peter Tschaikowsky: Die Balalaika-Anmutung, die der Komponist im Sinn hatte, wird unmittelbar verständlich, weil das Orchester spielt wie ein Mann."

Auch Edward Elgar hatten die Philharmoniker auf dem Programm. Ihm "nähert sich Petrenko mit großer Zartheit, der Differenzierungsreichtum im philharmonischen Streicherklang erreicht neue Dimensionen, eine lichte Sinnlichkeit, die unmittelbares Vermissen nach sich zieht", schwelgt Ulrich Amling im Tagesspiegel. "Unweigerlich denkt man daran, mit welcher Akustik die kommende Ausweichspielstätte wohl gesegnet sein muss, um das so auch im Jahrzehnt der Philharmonie-Sanierung erleben zu können."

Weitere Artikel: Für Zeit Online porträtiert Magdalena Inou Anna Handler, Chefdirigentin des nordirischen Ulster Orchestra. Ljubiša Tošić resümiert im Standard das Jazzfestival Saalfelden. Für die FR spricht Hans-Jürgen Linke mit dem Jazzmusiker Christof Lauer. Besprochen werden ein Konzert von Ron Sexsmith in Frankfurt (FR), ein Wiesbadener Konzert des Royal Scottish National Orchestra mit der Geigerin Bomsori Kim (FR) und Sam Smiths Album "Hazel Eyes" (NZZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie der FAZ erinnert Timas Deppert an die vor 25 Jahren bei einem Flugzeugabsturz gestorbene Musikerin Aaliyah, die "bewies, dass Popmusik auch in der Zurückhaltung eine Revolution entfachen kann".

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Design

Als Roland Barthes seinerzeit vom Automobil schwärmte, präsentierten sich die Karrosserien ihm noch in allen Farben des Regenbogens, heute "sind die Kolonnen überwiegend magenbittergrau", seufzt Ronald Pohl im Standard. "Wie kaum zuvor in der Geschichte der Farbgewinnung werden dem Trüb-Grau immer neue Facetten abgewonnen", die "Anbieter werben mit Eigenschaftswörtern wie 'elegant, kraftvoll, klassisch, dominant'. ... Das farbliche Angebot reicht dann von mausig über schiefrig zu staubig, ganz zu schweigen von taubengrau. ... In allgegenwärtigen Grau drückt sich jetzt die geharnischte Absage an jegliche Paradiesvogelhaftigkeit aus. Als würde nicht ohnehin Legionen Gekränkter gegen alle Ressentiments hegen, die knallbunt sind - um dergestalt die Offenheit ihrer Lebenspraxis zu demonstrieren. Natürlich sind nicht alle Benutzer grauer SUVs AfD-Wähler oder anderweitig Bornierte. Aber das erstaunliche Understatement, das in der Graufärbung der Blechlawinen zum Ausdruck kommt, ist ein Kotau vor einer verschwundenen Moderne."
Archiv: Design
Stichwörter: Auto, Autodesign, Grau, Moderne

Literatur

Die Welt hat Richard Kämmerlings' Porträt der Schriftstellerin Samanta Schweblin online nachgereicht (unser Resümee). Besprochen werden unter anderem Antonio Scuratis "M. Das Ende und der Anfang" (Standard), Emma Clines "In die Schweiz" (online nachgereicht von der Zeit), Leh Wei Liaos "Glaszeit" (FR), Samuel Becketts "German Diaries" (FR), Franziska Gänslers "Orca" (Standard), Jean-Luc Fromentals und Yslaires Comicadaption "Der Schnee war schmutzig" nach Georges Simenon (taz), Claudia Durastantis "Missitalia" (Standard), neue Bücher über Italien (Standard), Isabel Allendes Memoiren "Unsere Geschichten" (SZ) und neue Kinderbücher, darunter Johanna Schaibles "Guten Morgen - gute Nacht" (FAZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Film

Szene aus "Das Ende der Sterne" von Ridley Scott

Der anstehende Kinostart von Ridley Scotts postapokalyptischem Science-Fiction-Drama "Das Ende der Sterne" lässt Daniel Haas in der NZZ am Sonntag über den Weltuntergang im Kino philosophieren: "Weil US-Amerika die größte Innovationsfabrik für Zukunftsideen und ihre Realisierung ist, hat man dort auch die größte Lust an der Zerstörung jener Welten, die, als Utopie erdacht, am Ende ein großer Misthaufen der Geschichte werden. Das ist der Grund, warum vorzugsweise New York in Katastrophen- und Monsterfilmen demoliert wird: Früher ein furioses Versprechen der Moderne in Architekturgestalt gilt es heute vielen (Ökologen, Soziologen, Kulturkritikern) als eine Spielfläche für Verteilungskämpfe, Gewalt und aus dem Ruder laufenden Tourismus. Wenn Godzilla ganze Straßenzüge wegmampft und King Kong Häuser zerknüllt wie lästige Tetrapaks, ist der Zorn des Wohnung suchenden, Miete blechenden und im Stau steckenden Bürgers ins Bild gefasst." Doch "wo Gefahr ist, wächst/ächzt das Rettende auch: Hölderin hat das schon im im frühen 19. Jahrhundert gewusst. Vielleicht hatte er einen Zukunftstraum und sah die Katastrophenfilme des 20. und 21. Jahrhunderts im Schnelldurchlauf durch sein Unterbewusstsein rauschen (er wird aufgewacht sein, entsetzt und dankbar, weder Kino, Laptop noch Handy zu kennen)."

Weiteres: Mark Siemons gibt in der FAZ Einblick in die chinesischen Diskussionen um Wen Muyes in China immens populären Film "Willkommen im Drachenrestaurant". Besprochen wird Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Hiddensee" ("die Bildausschnitte sind spektakulär, die Aufnahmen lassen die Schönheit der Insel erstrahlen, dass es eine Wonne ist", schwärmt Gaston Kirsche in der Jungle World).
Archiv: Film
Stichwörter: Postapokalypse, Scott, Ridley

Architektur

Der Architekturtheoretiker Albert Kirchengast schreibt in der FAZ ein Plädoyer für mehr Schönheit in der Architektur, dazu hat ihn die Re-Lektüre einer Schrift von William Morris aus dem 19. Jahrhundert inspiriert. Schönheit geht in unserem Alltag zu oft verloren und gerade die Architektenzunft sollte sich verantwortlich fühlen, das zu ändern: "Wie sehr der Raum des Architektonischen der Treffpunkt von Ideal und Konkretion ist, darüber sollte nachgedacht werden. Und dieses Nachdenken sollte Entwerfen heißen. (…) Was wäre diese Schönheit als neu-alte Triebkraft? Schönheit ist die Erfahrung von Genügsamkeit. Sie stellt sich ein, wo die Dinge ins Gleichgewicht geraten. Das Maß hierfür ist ein ästhetisches: Wir fühlen es, aber es kommt von außen. Eines ist klar: Schönheit ist eine Frage der Lebensweise und damit unserer Kultur. Diese Kultur müssen wir gestalten - als Profession und als Gesellschaft."

Nikolaus Bernau ärgert sich im Tagesspiegel darüber, dass der Architekturwettbewerb für die Inneneinrichtung des Schlosses Bellevue rein auf deutsche Architekten beschränkt war. Das zeuge von Kleingeistigkeit: "Auch dem Bellevue-Wettbewerb hätten (Achtung: es folgen Klischees!) italienischer Designmut, spanische Kraft, französisches Raffinement, skandinavische Frische, britische Coolness sicher nicht geschadet. So aber ist überwiegend die für das zeitgenössische deutsche Interieur-Design ziemlich charakteristische Angst vor dem Wagnis, dem Außergewöhnlichen, dem Drama zu sehen: gehobene, aber ganz und gar unaufregende Mittelstandskultur."
Archiv: Architektur

Kunst

Cretto di Burri. Urheber: Davide Mauro. Wikimedia Commons.  
CC BY-SA 4.0.


Luca Bognanni erzählt im Standard von der Kunststadt Gibellina in Westsizilien. 1968 hatte ein Erdbeben die Stadt heimgesucht, die von Rom aufgezwungene neue Stadtplanung wollte nicht fertig werden, stattdessen kamen Künstler wie Beuys oder Consagra, um der Stadt ihren künstlerischen Stempel aufzudrücken: "Die eindrucksvollste Arbeit entsteht jedoch außerhalb der Planstadt. Alberto Burri lässt die Trümmer des alten Ortes mit Beton überziehen. Der Cretto di Burri zählt zu den größten Land-Art-Kunstwerken der Welt, 90.000 Quadratmeter fasst das Labyrinth aus weiß gekalkten Betonschollen. Aus der Ferne wirkt der quadratische Monumentalbau wie eine Küchenfliese inmitten bewirtschafteter Felder. Burri selbst sollte die Fertigstellung nicht mehr miterleben. Immer wieder stockte die Finanzierung. Der Cretto begann zu verwahrlosen, das Leichentuch bekam Risse. So wie Burris Cretto erging es auch anderen Großprojekten. Pietro Consagras Theater im Zentrum der neuen Stadt, verblieb als Rohbau-Skelett. Die Kirchenkugel der Chiesa Madre krachte kurz vor der Eröffnung in sich zusammen und war für Jahrzehnte unbetretbar. Gibellina Nuova haftete fortan der Ruf der gescheiterten Idealstadt an. Ein riesiger Parkplatz für eine Utopie, die nie eingetroffen war."
Archiv: Kunst
Stichwörter: Gibellina, Burri, Alberto