Efeu - Die Kulturrundschau

Ein kaufmännisch beschlagener Hase

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18.08.2026. Kapitalismuskritik von Hase, Taube und Schwein bekommen die Kritiker bei Nicolas Stemanns Inszenierung des Jelinek-Stücks "Unter Tieren" in Salzburg serviert - virtuos sind hier lediglich die Schauspieler, findet die Nachtkritik. Die FAZ staunt in der Ausstellung "Wechselwirkungen" in Berlin, wie Gemüsebilder von Kai Bornhöft und Frank Tornow Unbewusstes ans Licht bringen können. Die Autorin Valeria Luiselli erklärt im taz-Gespräch, warum man in Sizilien den Ursprung der Welt am besten spürt. Dank des Künstlers Heimo Zobernig werden aus dem Billy-Regal von Ikea auratische Aluminium-Objekte, staunt die Welt in einer Ausstellung in Berlin.  
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2026 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Unter Tieren" in Salzburg. Foto: Arno Declair

Vor allem dem Schauspiel-Ensemble in Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Unter Tieren" bei den Salzburger Festspielen zollen die Kritiker ihren Respekt. Im Stück geht's um Kapitalismuskritik, Wirtschaft und Massentierhaltung - Jelineks zu Grunde liegender Text ist ziemlich theoretisch, findet Nachtkritiker Falk Schreiber, aber die Stars wie Mavie Hörbiger, Caroline Peters oder Branko Samarovski sorgen für "Virtuosität": "Diese Fallhöhe zwischen kalter Intellektualität und großer Schauspielkunst sorgt für eine Spannung, die einem den Abend nicht lang werden lässt, sie erzeugt aber auch Schockmomente, die umso stärker wirken, weil Stemanns Regie eigentlich nicht primär auf Schocks setzt. Wenn Sebastian Rudolph als kaufmännisch beschlagener Hase dem Publikum das Prinzip Warenwirtschaft erklärt, dann mag sich das als darstellerisches Kabinettstückchen goutieren lassen. Wenn aber ein paar Szenen später eine Gruppe Schweine versteht, dass dieses Wirtschaftsprinzip sie zu reinen Fleischlieferanten degradiert, dann sorgt die Virtuosität des Ensembles dafür, dass diese eigentlich bekannte Erkenntnis fürs Publikum zum Tritt gegens Schienbein wird."

FAZ-Kritiker Jürgen Kaube hat sich derweil ziemlich gelangweilt, wenn Hase, Affe und Tauben ihre Reden gegen den bösen Kapitalismus vortragen: "Auch Elfriede Jelinek versteht erklärtermaßen die Wirtschaft, die sie Kapitalismus nennt, nicht. Wer schon? Von den Tieren, heißt es, habe sie sich die Ahnungslosigkeit ausgeborgt. Tatsächlich aber kennen beide die Wirtschaft aus den Massenmedien, also vorzugsweise aus den Skandalen, den Managersprüchen und den Redensarten. Ab und zu schimmert angelesene Geldtheorie und -geschichte zwischen Bernhard Laum, Karl Marx und David Graeber durch, ohne dass sich aus ihr eine Linie ergäbe. Das ist die zusammencollagierte stoffliche Substanz des Dramas." Egbert Tholl geht es in der SZ ähnlich, ihm fehlt außerdem der "Furor". Uwe Mattheiß sieht es in der taz auch so, auch ein KI-generierter Peter Thiel kann ihn nicht beeindrucken. In der NZZ bespricht Bernd Noack das Stück.

Weitere Artikel: In der FR schüttelt Hadija Haruna-Oelker den Kopf über die Volksbad-Debatte und plädiert für mehr Schutzräume für schwarze Menschen: "Weißsein ist eine Erfahrung, genau wie Schwarzsein es auch ist. Darum sagt ein geschützter Raum für Schwarze Menschen nicht: Ihr gehört nicht dazu, sondern: Wir möchten erleben, wie es ist, sich nicht erklären zu müssen; nicht aufzufallen, angeschaut, angefasst oder eingeordnet zu werden." Dorion Weickmann war für die SZ bei der Eröffnung von Tanz im August in Berlin.
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Film

Jan Küveler resümiert in der Welt die vom Filmhistoriker Ehsan Khoshbakh kuratierte Retrospektive beim Filmfestival Locarno, die sich in diesem Jahr den Verfemten Hollywoods der McCarthy-Ära widmete. Wie unangemessen die damals verhängten de facto Berufsverbote waren, daran hat Küveler ebenso wenig Zweifel wie an der Güte der präsentierten Filme. "Eine Leerstelle bleibt dennoch: Wovon die Hollywood-Linke selbst überzeugt war, wird kaum verhandelt. Etliche der Verfolgten waren kommunistische Parteimitglieder, die den Hitler-Stalin-Pakt mitgetragen und die Moskauer Schauprozesse, in denen Stalin die eigene Parteiführung liquidieren ließ, für legitime Rechtsprechung gehalten hatten. ... Wer nur die Repressionen kritisiert und nicht die Loyalitäten der Geprüften, betreibt eine rabattierte Erinnerungspolitik."

Weiteres: Tobias Sedlmaier (NZZ) und David Steinitz (SZ) schreiben zum Tod der Schauspielerin Hayden Panettiere, die im Alter von nur 36 Jahren gestorben ist. Edo Reents schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Regisseur Mark Rydell. Besprochen wird Carla Simóns in Deutschland bereits im April angelaufenes Drama "Romería" (Standard, unsere Kritik).
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Kunst

"Schön wie das zufällige Zusammentreffen eines Blumenkohls mit einem Atompilz in einem ehemaligen Pferdestall", freut sich FAZ-Kritiker Hendrik Hess mit einer Anspielung auf André Bretons berühmtes Zitat vom Regenschirm in der Ausstellung "Wechselwirkungen". Die Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin zeigt dort Fotografien von Kai Bornhöft zusammen mit in Öl gemalten Gemüse-Stillleben von Frank Tornow. Das Ergebnis ist überraschend: "In Bornhöfts Fotografien, in denen die sinistre Stimmung erst durch mehrmaliges Umkopieren entsteht, scheint das Regellose im Schattendunkel nur zu warten. Die Interaktion mit Tornows reglosem Gemüse setzt dieses Untergründige und Verdrängte frei. Dass zwei Chicorée gespenstisch sein können, ergibt sich erst aus der Zusammenstellung einer Fotografie Bornhöfts aus der Serie 'ten'. Das wie durch zwei Fenster gleißende Licht des Abzugs gräbt sich in die Netzhaut des Betrachters und legt sich beim Blinzeln als positives Nachbild auf das Chicorée-Stillleben, dessen Gegenstände nun wie zwei Geister an die Wand gelehnt sind."

Weitere Artikel: Aus dem Regionalmuseum der sizilianischen Stadt Messina sind vier Gemälde von Antonello da Messina geraubt worden, berichtet Stefan Trinks in der FAZ. Lutz Henke schreibt im Tagesspiegel den Nachruf auf den Berliner Streetart-Fotografen Jürgen Große. Besprochen wird die Ausstellung "Das kalte Herz" im Kunstmuseum Stuttgart (taz) und die Ausstellung "Frida: The making of an Icon" in der Londoner Tate Modern (SZ).
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Musik

Frauke Steffens referiert in der FAZ kürzlich von der Washington Post öffentlich gemachte Zahlen zur Lage des National Symphony Orchestra in den USA, das derzeit mit einem erheblichen Einbruch der Auslastung zu kämpfen hat, seit im Kennedy Center aus einschlägig bekannten Gründen immer mehr Sitze leer bleiben. Auch die Spenden sind zuletzt schmerzlich gesunken. Diese Lage trifft "auch das Kennedy Center selbst, denn es gleicht Finanzierungslücken des NSO aus. Dafür waren zuletzt zehn Millionen Dollar vorgesehen, doch laut dem Bericht der Post mussten diesmal siebzehn Millionen zugeschossen werden. Gleichzeitig soll der größte Teil des Kennedy Centers für eine rund 250 Millionen Dollar teure Renovierung zwei Jahre lang schließen, trotz jüngster Gerichtsurteile. Damit ist auch die Zukunft des 1931 gegründeten National Symphony Orchestra ungewiss, das seit Generationen einer der wichtigsten musikalischen Repräsentanten der Vereinigten Staaten ist." 

Im FAZ-Gespräch mit Jan Brachmann singt der deutsche Komponist und Dirigent Matthias Pintscher ein Loblied auf Kansas City, wo er das sinfonische Orchester leitet und man mit Stolz und Enthusiasmus auf die eigenen kulturellen Hervorbringungen blickt - auch einfach, weil man von hier aus "nicht schnell mal irgendwo anders hinfahren kann". Er selbst sieht sich als "Botschafter" zwischen Alter und Neuer Welt. Doch "gerade in den letzten Jahren ist das schwieriger geworden, weil die europäische Arroganz gegenüber den Amerikanern stärker geworden ist. Und sie wird beantwortet durch eine Abschottung der Amerikaner. ... Man kann diskutieren, ob es besser sei, Orchester privat oder staatlich zu finanzieren. In Amerika werden sie getragen von unterschiedlichsten Menschen, die mit großer Leidenschaft Kunst stützen und schützen. In Europa denkt man, dank staatlicher Finanzierung: 'Wir sind sicher.' In Wahrheit müssen wir uns eingestehen: Nichts ist sicher."

Außerdem: Ueli Bernays porträtiert für die NZZ die US-Jazzschlagzeugerin Terri Lyne Carrington, die gerade ihr Album "Trip the Night Fantastic" veröffentlicht hat. Besprochen werden ein Konzert des finnischen Rappers Käärijä in Schweden (taz), ein Auftritt von Kings Return in Wiesbaden (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter das Neo-Soul-Album "Sunshine" von Jungle ("Die Reise führt nicht in die Tiefe, sondern direkt auf die Tanzfläche", schreibt Jakob Thaller im Standard).

Archiv: Musik

Literatur

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Valeria Luiselli beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit Grenzen, verrät die in Mexiko geborene, heute aber in New York lebende Schriftstellerin im taz-Gespräch mit Eva-Christina Meier. Dieses Interesse grundiert auch ihren neuen, in Sizilien spielenden Roman "Anfang Mitte Ende", denn in der Geschichte der Insel mischten sich Einflüsse aus dem ganzen Mittelmeerraum: "Sizilien wurde zu einer Art Palimpsest der Kulturen des Westens und des Nahen Ostens." Zudem "verläuft unter dem Meer auch eine geologische Grenze. Hier stoßen die tektonischen Platten Afrikas und Europas aufeinander. Abgesehen von der Symbolik hat das ganz reale Konsequenzen. Denn es handelt sich um ein Gebiet mit extrem hoher vulkanischer Aktivität. So spürt man auf Sizilien den Ursprung des Planeten unmittelbar. Inmitten der brodelnden Lava scheint das Ende der Welt gleichzeitig zum Greifen nah."

Besprochen werden unter anderem Michael Köhlmeiers "Mein privates Glück" (FR, Standard), András Viskys "Die Aussiedlung" (Intellectures), Catherine Adufe Folawiyos Bilderbuch "Der Haarkunstshop - Einmal glatte Haare, bitte!" (taz), Annie Ernauxs und Marc Maries "Auf den Bildern" (NZZ) und neue Sachbücher, darunter Ilko-Sascha Kowalczuks "Faschismus ist keine Meinung" (SZ) und Andreas Mayers "Freud gegen den Strich. Eine andere Geschichte der Psychoanalyse" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Sizilien, Luiselli, Valeria

Design

Ikeas Billy-Regal ist ein schlichter Klassiker aus der Welt des funktionalen und vor allem leistbaren Möbeldesigns. Der österreichische Künstler Heimo Zobernig hat daraus nun Aluminium-Varianten erstellt, die aktuell in der Berliner Galerie Nagel Draxler zu sehen sind. "Die silbrigen Platten mit ihren mesmerisierenden Kanten verwandeln die vertraute Form in ein auratisches Objekt der Minimal Art", schreibt Boris Pofalla in der Welt. "Sie scheinen rätselhafte Botschaften aus Zahlen und Buchstaben zu enthalten, die auf die Innenseiten der Regalwangen gedruckt sind. Tatsächlich sind dies die Materialkennzeichnungen aus der Aluminiumfabrik. Sie verraten uns, dass dieses Objekt mit einer Plattenstärke von 20 Millimetern alles andere als leicht sein dürfte und es sich um eine Aluminiumlegierung mittlerer Festigkeit mit hoher Korrosionsbeständigkeit handelt, die sich sehr gut schweißen und technisch anodisieren lässt. ... Aber eigentlich ist es zu schön, um da etwas hineinzulegen."
Archiv: Design