Im Kino

Urteilt nicht, rät nicht, bereut nicht

Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
01.04.2026. Eine Reise nach Galicien und in die Vergangenheit inszeniert Carla Simón in ihrem neuen Film "Romería - Das Tagebuch meiner Mutter". Auf wundersame Weise kommt dabei die Ambivalenz des Lebens in den Blick.

Das Meer ist ein stiller Beobachter in Carla Simóns "Romería - Das Tagebuch meiner Mutter": Es ist fast immer da, in den leicht körnigen Filmbildern, die die Reise der Protagonistin Marina (Llúcia Garcia) an die galicische Küste festhalten, in der Gegenwart, in der Erinnerung, man segelt auf ihm, taucht darin ein, man liebt sich bedeckt von schwarzen Meeresalgen oder bewundert seine Unterwasserschätze. Die flimmernden Sommerbilder von weißsandigen, verlassenen Buchten, tiefblauen und weißen Häfen oder am Pool planschenden Kindern stehen in Simóns Film in einem spannenden Kontrast zu dem dunklen Hauptthema der Geschichte: Die junge Marina reist zu ihren Großeltern nach Galicien, einerseits, weil sie eine Unterschrift auf einem Dokument braucht, um sich für Stipendien zu bewerben (sie möchte Film studieren), vor allem aber, weil sie mehr wissen möchte über ihren Vater, Alfonso Pineiro, der in den 1990ern an Aids verstarb.

Simón lässt den Film am Anfang ruhig dahinfließen, führt uns ganz behutsam dahin, wo sie hinwill. Wir sehen, wie Marina verschiedene Verwandte trifft, herzlich aufgenommen wird, ihrer Tante beim Lästern über ihre Kundinnen in ihrem Geschäft für Hochzeitskleider zuhört. Da ist zunächst viel Geplapper, ausgetauschte Höflichkeiten, flirrende Hitze und sommerliche Kleidung und dann wirft uns der Film mit einer subtilen Verschiebung in der Erzähldynamik aus der Bahn, die typisch ist für den Stil Simóns. Marina sitzt im Auto ihrer Tante, eben hat sie noch ein Lachen auf dem Gesicht von den Dummheiten der kleinen Mädchen auf der Rückbank, da fließt ihr das Lächeln quasi aus dem Gesicht, als die tuschelnden Kinder ihr eröffnen, dass die Mutter ihnen verboten habe, Marina anzufassen. Mit ihrem Blut sei etwas nicht in Ordnung. 


Ziemlich fassungslos ist man als Zuschauerin und versteht so langsam das Problem. Marinas Familie, die sie zum ersten Mal sieht, ist herzlich, ein bisschen verrückt, aber grundsätzlich sympathisch. Sie hat aber eine Schwäche, die nicht wenige Familien haben und das Simón in meisterhaftem Realismus ausstellt: Über die wirklich schlimmen Dinge redet man nicht oder man redet darum herum, man verharmlost, beschönigt, beschweigt - und selbst die, die sich vornehmen, nach klaren Antworten zu suchen, verheddern sich im Dickicht der Scham und des Schweigens. Es sind in diesem Film immer Zufälle oder unbedachte Äußerungen, die wahre Erkenntnis bringen, meistens Äußerungen der jungen Menschen im Film, die sich dem Schweigekodex der Älteren noch nicht angepasst haben. Die Krankheit von Marinas Vater können die Großeltern bis zum Schluss nicht beim Namen nennen, zu groß ist immer noch der lange Arm der gesellschaftlichen Ächtung aus früheren Zeiten.

Während die erste Hälfte des Films Marinas Zusammentreffen mit unterschiedlichen Verwandten zeigt, taucht die zweite über traumhafte Sequenzen ab in die Vergangenheit. Simón ergründet, wie schon in den beiden Vorgängerfilmen "Fridas Sommer" (2017) und "Alcarràs - Die letzte Ernte (2022)", ihre eigene Familiengeschichte, die Rückblenden werden begleitet von authentischen Passagen aus dem Tagebuch ihrer Mutter, die ebenfalls an Aids verstarb. Wir sehen die blutjungen, verliebten Eltern, die sich in der Sommerhitze am spanischen Meer Heroin spritzen. Der Film zeigt das in ruhig dahinfließenden Bildern, zeigt die anfängliche Euphorie, die jungen Körper nackt am Strand und im intensiven Erleben der Natur, dann den Absturz, das zitternde Verlangen des Körpers nach mehr, den Kontrollverlust: "Deine Großeltern denken, dass wir Junkies wurden, weil wir es wollten", versucht Marinas Onkel ihr die Verhältnisse zu erklären, "aber wenn Horse in dein Leben tritt, macht es alles kaputt". Die Rückblende endet in einer grandiosen, albtraumartigen Totentanz-Szene in einer Bar, in der eine Person nach der anderen plötzlich fällt und mit einem weißen Totenlaken für immer aus dem Spiel genommen wird.

"Romería" urteilt nicht, rät nicht, bereut nicht, sondern zeigt und erzählt von der Ambivalenz des Lebens aus der Perspektive einer Tochter, die nach Antworten sucht. Llúcia Garcia ist mit ihrem subtilen Spiel eine hervorragende Suchende, unbeholfen und bestimmt zugleich, vielleicht ist sich ihre Marina noch nicht ganz sicher, wer sie ist, aber sie weiß genau, was sie nicht sein will. Und hat in all ihrer Jugendlichkeit schon erkannt, dass Dinge nicht besser werden, wenn man sie verschweigt. Ganz im Gegenteil. Wenn es überhaupt eine Moral gibt in diesem sehr sehenswerten Film, dann ist es diese.

Alice Fischer

Romería - Das Tagebuch meiner Mutter - Spanien 2025 - OT: Romería - Regie: Carla Simón - Darsteller: Llúcia Garcia, Tristán Ulloa, Mitch Martín, Sara Casasnovas - Laufzeit: 115 Minuten.

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