Efeu - Die Kulturrundschau

Zuversicht stimmt zuversichtlich

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22.06.2026. "Luftmasse" vom Paper Tiger Theater Studio in Chemnitz ist für die Nachtkritik vor allem heiße Luft, hilft aber vielleicht, Alfred Döblins Roman "Berge Meere und Giganten" wiederzuentdecken, auf dem das Stück basiert. Der DLF würdigt den Mut der kroatischen Intellektuellen und Schriftstellerin Slavenka Drakulić, die gestorben ist. Frank Zappas Rockoper "200 Motels" in Genf ist für die Kritiker zwar ein Humor-Unfall mit goldenen Gemächtkörbchen, aber die Musik scheppert ganz gut. Die FAZ lässt sich von Helene Fischer beeindrucken.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2026 finden Sie hier

Bühne

"Luftmasse". Bild: Nasser Hashemi.

"Luftmasse" vom Paper Tiger Theater Studio ist für Nachtkritiker Michael Bartsch eine ambivalente Angelegenheit. Das auf dem Festival "Theater der Welt" in Chemnitz gezeigte Stück basiert mit seinen dystopischen Untergangsfantasien einer chinesischen Weltmacht auf Alfred Döblins Roman "Berge Meere und Giganten". Wenn der mit dem Stück wieder ins kollektive Bewusstsein rückt, wäre das für Bartsch das größte Verdienst des Abends: "Es wird überhaupt nur erzählt, sinnlich passiert nicht viel. Die abstrakt bleibende Untergangsbeschwörung erschöpft sich zunehmend. Tiefpunkt ist ein Talk des Regisseurs [Tian Gebing], der schon zur Begrüßung auf dem Vorplatz viel zu lange geredet hatte. Wie es die Chemnitzer fänden, wenn 200 000 Chinesen in ihre Stadt kämen, fragt er? Vermutlich hieße es dann wohl wieder Karl-Marx-Stadt. Um anschließend die vier Akteurinnen auf einer Schubkarre wegzufahren. Mit Grönland-Anspielungen und albernen Videofragen über die gegenseitige Kolonisation von Erdteilen wird die Konzeptlosigkeit dieses inkommensurablen Mixes final unterstrichen. Ein gelungenes Schlussbild versöhnt ein wenig."

Frank Zappas Rockoper "200 Motels" swingt wenigstens. In der SZ gratuliert Egbert Tholl dem Intendanten der Genfer Oper Aviel Cahn zu dem Mut, das ursprünglich als Film erschienene Werk über Bandmitglieder auf Endlos-Tour auf die Bühne zu bringen. So richtig überzeugend ist das für Tholl leider nicht: "Im Grunde ist der Abend bald eine einzige knallbunt überbordende Plastik-Pimmel-Parade, seltsam löchrig, fahrig, fad und dennoch ab 16 Jahren. So entgeht der Oper einiges Publikum, denn als queerer Kindergeburtstag ohne gesellschaftskritischen Anspruch taugt die Aufführung gut, währenddessen man ihren Wert für die Community vielleicht auch anzweifeln darf. Das Ganze ist schrecklich verklemmt. Die Groupies tanzen an der Stange, aber im hautfarbenen Bodysuit. Die Bewohner von Centerville sind Zombies wie aus 'The Walking Dead', also alter Hut. Die vier Haupt-Dudes denken halt eben nicht ans Singen, sondern vor allem an ihre goldenen Gemächtkörbchen."

Jean-Martin Büttner sieht es in der NZZ ähnlich, aber die Musik lässt ihn den peinlichen Humor zumindest ein wenig vergessen: Zappas "größte Leistung mit '200 Motels': Er parodierte die Rockmusik mit geistreichen Klassizismen. Und brachte die Avantgarde mit federnden Rhythmen zum Swingen. So gelang ihm die Versöhnung des Unvereinbaren: des Populären aus seiner amerikanischen Heimat und des Elitären seiner europäischen Vorbilder."

Weitere Artikel: Karin Beier, die Intendantin des Schauspielhauses in Hamburg, die gerade einen neuen Antikenzyklus angekündigt hat, erklärt im Interview mit der Welt ihre Leidenschaft für antike Stoffe. Patrick Wildermann berichtet für den Tagesspiegel von der Langen Nacht der Autoren im Deutschen Theater, für die Nachtkritik ist Gabi Hift dort unterwegs.

Besprochen werden: Albert Lortzings "Zar und Zimmermann", inszeniert von Daniel G. Berger an der Deutschen Oper in Berlin (Tagesspiegel), Kuro Taninos "Sleeping Fires" auf den Wiener Festwochen (Standard), Roman Senkl inszeniert Stanislaw Lems SciFi-Roman 'Solaris' am Burgtheater Wien (Nachtkritik), Schillers "Räuber" am Schauspielhaus Bochum, inszeniert von Lucia Bihler (Nachtkritik), Caroline Anne Kapps "Fassade" am Theater Freiburg (taz) und unter der Regie von Yusril Katil bringt die indonesische Bumi Purnati Company "Under the Volcano" auf die Bühne der Theater-Biennale in Venedig (FAZ).
Archiv: Bühne

Literatur

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Die kroatische Autorin Slavenka Drakulić ist gestorben, "eine mutige Intellektuelle, der es immer um die europäische Verständigung ging", wie es in einem ersten kurzen Nachruf im Dlf heißt. Drakulić hatte in den letzten zehn Jahren keinen Verlag mehr in Deutschland. Dennoch war sie hier sehr bekannt. 2005 war sie für ihr Buch "Keiner war dabei" über die Kriegsverbrechen auf dem Balkan mit dem Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung ausgezeichnet worden. Im Interview mit dem Dlf erklärt Herbert Orlinger vom Zsolnay-Verlag, der "Keiner war dabei" verlegt hatte, was das Besondere an Drakulić war: "Man muss sich vergegenwärtigen, was Slavenka Drakulić während der 90er Jahre in Kroatien, aber auch für das gesamte ehemalige Jugoslawien geleistet hat. Sie hat gemeinsam mit anderen Autoren wie der fast gleichaltrigen Dubravka Ugresic einen Ton in die Auseinandersetzung gebracht, der völlig unerhört war bis dahin. Sie hat sich nicht vereinnahmen lassen von irgendwelchen politischen oder auch schriftstellerischen Lobbygruppen, sie ist einen eigenen Weg gegangen und diese Eigenständigkeit und enorme Energie, dieser altmodische Zug zur Aufklärung, zu sagen, was ist, der ist ihr eigen gewesen und am stärksten in diesem enorm intensiven Buch niedergelegt.  Er hat sich in allen Formen der Publizistik, also im Hörspiel, aber auch in Zeitungsartikel und letzlich in diesem Buch niedergeschlagen. Das war eine Monsterleistung, man muss sich vorstellen, was sie sich über Monate und Jahre in Den Haag anhören musste."

Weitere Artikel: In der Welt schreibt Sigrid Löffler zum 100. Geburtstag der Bachmann, die sie nicht nur als Opfer sehen will. Im Standard schreibt der Theaterautor Leon Engler zu Bachmann. Und der Herausgeber der Salzburger Bachmann Edition Hans Höller erklärt im Interview mit dem Standard wohltuend nüchtern, warum Bachmanns Literatur ihren Reiz bis heute nicht verloren hat. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht die Regisseurin Regina Schilling über ihren Ingeborg-Bachmann-Film. In der FAZ berichtet Konrad Muschick von einer Berliner Tagung zum Denken der 2017 verstorbenen Essayistin Silvia Bovenschen. Lena Bopp gratuliert Rafik Schami zum Achtzigsten. Und Jürgen Kaube widmet sich in der FAZ-Reihe zu 250 Jahren USA James Fenimore Coopers "Der letzte Mohikaner".

Besprochen werden u.a. Fleur Jaeggys Erinnerungen an Ingeborg Bachmann "Die letzten Tage von Ingeborg" (FR), Antonio Scuratis Mussolini-Roman "M. Das Ende und der Anfang" (Welt), Elsemarie Maletzkes Krimi "Das Haus mit den sieben Gärten" (FR), Fabian Goldmanns "Staatsräsonfunk" (dem NZZ-Kritiker Jonathan Guggenberger eine empörte Besprechung widmet: "Hinter der Figur des Enthüllers steckt ein pedantischer Propagandist. Journalisten gibt Goldmann in seinem Buch Anweisungen, wie sie die Hamas freundlicher behandeln können; Überschriften von anderen Medien korrigiert er mit Rotstift." Ironischerweise hat sich Goldmann übrigens nicht Goldmann: "Seinen jüdisch klingenden Namen hat sich Goldmann erst vor ein paar Jahren zugelegt, früher hieß er Fabian Köhler."), Jessica Stanleys Anti-Instagram-Roman "Wir in zehn Jahren" (NZZ), Dario Ferraris "Die Pause ist vorbei" (NZZ), der Bildband "Kill for Points" (NZZ), Caro Claire Burkes Tradwife-Bestseller "Yesteryear" (Tsp), Gunilla Eschenbachs und Rainer Bayreuthers "Das Dorf der Visionäre" (SZ), Hartmut Berghoffs Wirtschaftsgeschichte der Berliner Republik "Trügerischer Wohlstand" (SZ), Daniela Dröschers erstes Jugendbuch "Mädchen allein zu zweit" (FAZ), ein neuer Band der Kinderbuchreihe "Molly mittendrin" (FAZ), Jonny Bauers Jugendbuch "Ameisensommer" (FAZ) und Olivier Charpentiers "Wofür Tiere ihren Schwanz brauchen" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Drakulic, Slavenka

Film

Besprochen werden Hlynur Pálmasons "The Love That Remains" (taz), Curry Barkers Horrorfilm "Obsession - Du sollst mich lieben" (SZ), die Apple-Serie "Sugar" (Welt) und Sorina Gajewskis Coming-of-Age-Film "Nulpen" (Tsp).
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Musik

Das Wochenende bescherte Frankfurt ein Konzert von Helene Fischer. In der FAZ ist Eckhart Nickel gar nicht mal unbeeindruckt von Mischung aus Glamour und Bodenständigkeit der Sängerin mit sibirischen Wurzeln: "'Da ist ein Feuer am Horizont', heißt es da, 'das keine Grenzen kennt / Sehnsucht, die nie mehr schweigt / Die tief im Herzen brennt.' Feuerrot ist auch ihr erstes Kostüm, das aus unzähligen Lederlamellen besteht und aus ihr mit kniehohen Lackstiefeln eine Art Wildwest-Amazone im Circus Maximus macht. Die zur Show auf den Monitoren eingeblendeten Animationen machen aus ihr eine abstrakte Spielkarte, dank der Farbe assoziiert man sofort die Herz-Dame. ... Weil es so brüllend heiß ist, 'bei euch da ist doch auch bestimmt über vierzig Grad, von wegen Dreißiger', so Helene, wirft sie die Lamellen bald ab. 'Mir läuft die Supp', erklärt sie dazu wiederum in perfektem Hessisch. Um 20.47 Uhr wird das erste Hitzeopfer von Sanitätern abtransportiert." In der FR schreibt Markus Hladek über das Konzert.

Weitere Artikel: Daniel Haas widmet sich in der NZZ kopfschüttelnd dem deutsche Sommerhit 2026 "Gut genug" des Produzententeams Kitschkrieg. Egbert Tholl berichtet in der SZ von der Entdeckung eines unbekannten Stücks - eigentlich eher Unterrichtsmaterial - von Mozart, das dieser 1778 für eine von ihm verehrte Harfenistin komponiert hatte.

Besprochen werden ein Konzert von Bad Bunny in Düsseldorf (Welt), ein Konzert des Jazztrompeters Frederik Köster mit seinem neuen Quartett "Dark Matter" in der Frankfurter Romanfabrik (FR), ein Konzert von Igor Levit mit dem 2. Klavierkonzert von Brahms in der Tonhalle Zürich (NZZ)
Archiv: Musik
Stichwörter: Fischer, Helene

Kunst

Zwischennutzungen sind "Berliner Erfindung", ist sich Laura Ewert in der taz sicher, besonders deutlich wird das gerade in der Schau "Freiraum Kunst. Akademie der Künste goes Bellevue" (unsere bisherigen Resümees) im Schloss Bellevue, das im Anschluss acht Jahre renoviert wird. Die dort gezeigte Kunst "lässt sich auch wunderbar benutzen, um zu beteuern, wie frei die Kunst doch ist, so frei, dass sich der Träger des höchsten Staatsamtes sogar eine Arbeit mit Sex-Bezug ins Haus holen darf, hossa! Und da ist die Kunstschau dann wirklich politisch: Schon der Titel, schon die Sparkassen-Werbung auf dem Dach - Freiraum Kunst - kann auch schmerzend zynisch gelesen werden. Ist die Kunst doch gerade nicht sehr frei, wenn Künstlerinnen oder Kuratorinnen wegen eines falschen Likes in den sozialen Medien in die Bredouille geraten, Filmfestivalleiterinnen wegen politischer Äußerungen von Regisseuren ihren Job verlieren sollen. Aber zurück zur guten Kunst, die hier in nur wenigen Wochen zusammen kuratiert wurde, dem Video von Jürgen Böttcher, das ins Treppenhaus projiziert wird, und das den Abriss der Mauer dokumentiert zum Beispiel. Das zeige, wie Veränderung gelingen kann, kommentierte der Kurator bei seiner Führung, und so viel Zuversicht stimmt zuversichtlich."

In der NZZ findet Len Sander die Kunst im Bellevue ziemlich beliebig - ein generelles Problem, wie sie findet: "Die künstlerische Zwischennutzung Bellevues ist so auch ein Abschiedsgruß des scheidenden Präsidenten. Dass sie sich in der großen Geste erschöpft, ähnelt Steinmeier und seiner Amtszeit mehr, als ihm lieb sein dürfte. Selbst die Begleittexte der Ausstellung erinnern an die Leerformeln bundespräsidentieller Reden, wenn es in ihnen etwa heißt: 'Jeder Mensch will gesehen und gehört werden. Jede Handlung ist ein existenzielles Ringen um Aufmerksamkeit.'" 

Weiteres: Sophie Jung ist für die taz auf der Manifesta 16 Ruhr in vielen umgewidmeten Kirchen unterwegs. Ein gestohlenes Gemälde von Pablo Picasso ist bei einer Razzia in Frankreich wieder aufgetaucht, meldet die Zeit. Stefan Trinks schreibt den FAZ-Nachruf auf den Kurator und Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath.
Archiv: Kunst