Efeu - Die Kulturrundschau

Kantig in die Wolken gebaut

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.06.2026. Die Welt ärgert sich, dass mehr als siebzig Künstler bei der Biennale in Venedig ihre Teilnahme an der Preisverleihung durch das Publikum boykottieren. Die FAZ liest Boualem Sansals neues Buch auch als wütenden Versuch, die Hoheit über die eigene Geschichte zurückzugewinnen. Die nachtkritik erlebt dank der polnischen Regisseurin Magda Szpecht in Dortmund, wie es sich anfühlt, als Frau an der ukrainischen Front zu kämpfen. Der Guardian lernt in London Bescheidenheit mit M. C. Escher. Und alle trauern um Marjane Satrapi, die "Chronistin einer verlorenen Generation", wie Zeit Online erinnert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2026 finden Sie hier

Literatur

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Was für ein bitterer Verlust: Im Alter von gerade einmal 56 Jahren ist die im Iran geborene, französische Comicautorin und Filmregisseurin Marjane Satrapi gestorben. In ihrem autobiografischen Comic "Persepolis" erzählte sie bereits 2000 von den Zumutungen, denen die Menschen im Allgemeinen, aber Mädchen und Frauen im Besonderen unter dem Mullah-Regime in Iran ausgeliefert sind. Auf Anhieb gelang ihr damit ein internationaler Erfolg. "Danach war die Erzählgattung Comic eine andere", schreibt Andreas Platthaus in der FAZ. "Ihre schwarz-weißen Zeichnungen wirkten auf den ersten Blick fast naiv, dabei sind sie Notizen des Terrors", hält Martina Knoben in der SZ fest. "Es sind die selbstbewussten, sich selbstverständlich als gleichberechtigt empfindenden Frauen, die Marjane Satrapi in ihren Graphic Novels und Filmen interessierten. Oft aufmüpfige Frauen, deren Eigenwilligkeit - und Schönheit! - in Iran unter dem verordneten Schleier nicht verschwunden sind, die aber kaum mehr sichtbar werden."

"In die autobiografischen Erlebnisse arbeitete sie die größere Geschichte im Hintergrund ein, macht die gewalttätig durchgesetzte Islamisierung von Alltag und Gesellschaft in Iran deutlich", schreibt Andreas Fanizadeh in der taz. "'Persepolis" verdeutlichte der Weltöffentlichkeit erstmals in größerem Maßstab, dass es im Iran von Satrapis Kindheit und Jugend eine nennenswerte Linke gab - sowie eine gerade auch heute wieder sehr sichtbar säkular orientierte Zivilgesellschaft."

"Sie war die Chronistin einer verlorenen Generation, sie erzählte von zerschlagenen Hoffnungen, vom Terror der fundamentalistischen Religion", schreibt Jens Balzer auf Zeit Online. Bis zuletzt kämpfte sie gegen vom Exil aus gegen das Regime in Teheran an: "Als ihr 2025 die höchste staatliche Auszeichnung Frankreichs, die Aufnahme in die Ehrenlegion, verliehen werden sollte, lehnte sie die Annahme ab. ... Es sei unerträglich, dass Frankreich jungen Iranern, Künstlern und Dissidenten Touristenvisa verweigere, während die Kinder iranischer Oligarchen durch Paris und Saint-Tropez spazierten."

In der FR schreibt Stefan Brändle einen Nachruf. Unsere Kritiken zu den Filmen von Satrapi finden Sie hier. Auf Eichendorff21 haben wir Ihnen einen Büchertisch zu Satrapi zusammengestellt - mit zwei weiteren Empfehlungen. Libération trägt mit Satrapi schwarz - und widmet ihr ganze fünf Seiten ihrer aktuellen Ausgabe: 

 

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"Gerade der letzte Teil des Buchs, der mehr will, als Zeugnis ablegen, liest sich wie ein wütend-verzweifelter Versuch, die Hoheit über die eigene Geschichte zurückzugewinnen", schreibt Julia Encke in der FAZ über Boualem Sansals eben in Frankreich erschienenes Buch "La Légende" (unser erstes Resümee). Im letzten Teil, den Encke anspricht, arbeitet sich Sansal vor allem an seinem früheren Verlag Gallimard ab, der ihn zwar aus der Haft in Algerien befreite und Sansal in Paris eine schöne Wohnung überließ, aus der er ihn aber auch nach drei Monaten de facto auf die Straße setzte. Kurz darauf "veröffentlichte der Lektor in Libération einen Meinungsbeitrag, in dem er 'den plötzlichen Rauswurf verschwieg', wie sein Autor beklagt, Sansal aber beschuldigte, undankbar zu sein gegenüber Gallimard, der alles für dessen Befreiung getan habe, und sich profitgierig der Bollo-Sphäre angeschlossen habe - dem Lager von Vincent Bolloré. Dieser Meinungsbeitrag, so Sansal, habe in der Folge in anderen Medienberichten dann den Ton angegeben, in denen man ihn auch politisch in die Nähe von Bolloré gerückt habe."

Weiteres: Die Jury des Dlf Kultur gibt die Krimibestenliste des Monats (PDF) bekannt: Auf Platz Eins ist Olivier Bottini mit "Die Summe aller Dinge" gelandet. Alle Krimis der Liste, zu denen wir Rezensionsnotizen haben, finden Sie hier. Besprochen werden unter anderem Marie-Louise Monrad Møllers "Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart" (taz), Junko Takases "Richtig gutes Essen" (NZZ) und Gaito Gasdanows Erzählungsband "Ein zweites Leben" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Vergnügt läuft Jonathan Jones (Guardian) durchs Somerset House in London, das M.C. Escher derzeit eine fulminante Ausstellung widmet. Hier ist nicht nur der Witz und das Vermögen des Niederländers, unsere Wahrnehmung auf den Kopf zu stellen, zu bewundern, freut sich Jones. Zu erkennen ist auch, wer Escher künstlerisch prägte: "Er beweist schnell, dass er der geduldigste und bescheidenste aller Beobachter ist. In einer frühen Zeichnung stellt er einen Frosch auf einem Seerosenblatt bei Nacht dar und erkennt bereits, wie die Natur geheimnisvolle Geometrien erschafft: Kreisförmige Blätter ziehen sich auf der Wasseroberfläche zurück, während sich der Mond als weiße Scheibe im Wasser spiegelt. Ein solch präzises Auge reiht ihn in eine lange Tradition niederländischer Künstler ein: Wenn er sich selbst in einer Glaskugel reflektiert darstellt, sein Zimmer verzerrt wie ein zusammengedrückter Gummiball, denkt er sicherlich an den konvexen Spiegel in Jan van Eycks 'Arnolfini-Porträt'."

In der Welt ärgert sich Marcus Woeller: Mehr als 70 Künstler, darunter Florentina Holzinger, Yto Barrada oder Lubaina Himid, boykottieren in einem offenen Brief an die Biennale-Leitung ihre Teilnahme an der Preisverleihung durch die Besucher, Präsident Pietrangelo Buttafuoco hielt es bisher offenbar nicht für nötig zu reagieren. Was für eine Anmaßung der Künstler, so Woeller: "Die Künstler offenbaren eine Haltung, die nur als Kontrollgeste zu verstehen ist. Nachdem zunächst Aktivisten und dann die Jury den ästhetischen Wettbewerb politisch vorab konditionieren wollten, versuchen nun die Künstler selbst, auch noch die Besucher zu disziplinieren. (...) In ihrem Brief schreiben die Künstler, sie hätten 'grundsätzlich nichts gegen die Idee, Besucher über Preise abstimmen zu lassen'. Die Einführung der Publikumspreise lenke aber von der Rücktrittserklärung der Jury ab und widerspreche dem Verfahren, dem sie bei der Annahme der Einladung zugestimmt hätten: 'Damit wollen wir nichts zu tun haben.' Tatsächlich sprechen sie damit den Besuchern implizit die Fähigkeit ab, eine freie ästhetische Wahl jenseits der politischen Aufladung der Biennale zu treffen. Ebenso unerfreulich handelt die Biennale-Leitung, wenn sie die Künstler als Absender dieses Briefs schlicht ghostet."

Weitere Artikel: Nicola Kuhn und Mario Heller besuchen für den Tagesspiegel die Berliner Malerin Elvira Bach, der das Neue Kunstmuseum Tübingen zum Siebzigsten eine Ausstellung widmet.
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "She Stands in the Middle of the Battlefield". Foto: Karolina Jozwiak

Gelungener Auftakt des "Impulse"-Festivals für Performance, Theater und Tanz im Dortmunder FFT, freut sich nachtkritiker Max Florian Kühlem, nachdem er Magda Szpechts Performance "She Stands in the Middle of the Battlefield" und Sheena McGrandles Tanz "Toil" gesehen hat. Dabei überzeugt vor allem das Stück der polnischen Regisseurin Szpecht, die ihr Stück einer befreundeten ukrainischen Theatermacherin widmet, die sich entschied, als Soldatin für ihr Heimatland zu kämpfen: Das Tolle an der Performance ist, "dass sie zwar immer wieder in der ganz realen Erfahrung an der Front wurzelt - und dabei die besondere Perspektive des weiblichen Körpers im überwiegend männlichen Kriegsgeschäft einnimmt. Aber sie findet darin Ambivalenzen, Uneindeutigkeiten, den Zwischenraum der Kunst. Die Regisseurin kreiert mit der starken Performerin und Musikerin Agata Różycka eine Komposition aus Schauspiel, Film und (Live-)Musik. Für die ungefilterte Kriegserfahrung collagiert sie Briefe, Chats, Sprachnachrichten oder Videos von ihrer Freundin, die bis heute als Soldatin für die Ukraine kämpft." 
 
Besprochen werden außerdem Max Kochs Inszenierung von Igor Strawinskys Oper "The Rake's Progress" (FR), das von Christian Spuck inszenierte Doppelballett "Symphony in C/Fearful Symmetries", ersteres von George Balanchine nach Georges Bizet, zweiteres von Spuck selbst nach John Adams an der Berliner Staatsoper (FAZ, mehr hier), Caroline Guiela Nguyens Stück "Valentina" bei den Ruhrfestspielen (nachtkritik), Julia Wisserts Inszenierung der "Dreigroschenoper" an Theater Dortmund (nachtkritik) und Wilke Weermanns Inszenierung von Sam Max' Stück "Wüste" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Film

Zwar "beantwortet Wenders' Rückzug die Frage nach dem Umgang mit heute problematischen Bildern des Filmerbes nicht", merkt Kira Kramer in der FAZ an, nachdem der Regisseur angekündigt hat, seinen wegen einer Nacktszene mit der damals noch minderjährigen Nastassja Kinski zuletzt kontrovers diskutierten Film "Falsche Bewegung" der Öffentlichkeit vorläufig zu entziehen (unser Resümee). "Aber er verlagert sie dorthin, wo sie in diesem Fall begonnen hat: weg von einer abstrakten Debatte über Kunst, hin zu der Verantwortung für ein konkretes Bild." Jenni Zylka (tazsieht in den nun "anstehenden Diskussionen um die Handhabung solcher Filme beziehungsweise Szenen" in erster Linie "eine gemeinschaftliche Aufgabe. ... In anderen Kulturbereichen und auf anderen thematischen Ebenen wird die Debatte längst geführt, zum Beispiel hinsichtlich der Frage, ob es reicht, hagiografische Skulpturen von Verbrechern zu kontextualisieren, oder ob es sinnvoll ist, sie komplett zu entfernen."

Weiteres: Stefan Michalzik berichtet in der FR vom auf den japanischen Film spezialisierten Festival Nippon Connection in Frankfurt. Dunja Bialas resümiert für Artechock das 23. Crossing Europe Festival in Linz.

Besprochen werden Alain Gomis' Familienepos "Dao" (Tsp, FD, Artechock, unsere Kritik), Kilian Armando Friedrichs Reinigungskräfte-Drama "Ich verstehe ihren Unmut" (critic.de, FD, unsere Kritik), die DVD-Ausgabe von Bryan Fullers Horror-Fantasyfilm "Dust Bunny" ("diese Welt ist ein Albtraum, an dem vieles hinreißend ist", schreibt Ekkehard Knörer in der taz),  Simon Ostermanns "Sommer auf Asphalt" mit Christoph Maria Herbst (FAZ, FD), Jan Komasas "Good Boy" (Artechock, critic.de, FD) und Valentine Cadics "Ein Sommer in Paris" (FD).
Archiv: Film

Architektur

Serpentine Pavilion 2026 a serpentine, designed by Isabel Abascal and Alessandro Arienzo, LANZA atelier. Exterior view © LANZA atelier, Photo Iwan Baan, Courtesy Serpentine.

Ganz hingerissen betrachtet Marion Löhndorf (NZZ) den Entwurf, den das mexikanische Studio Lanza-Atelier für den diesjährigen Londoner Serpentine Pavilion erstellt hat. "Die Struktur sieht aus wie ein Teil des Hauptgebäudes, der Serpentine Gallery. Als gehöre sie dazu. Wie kein anderer Bau zuvor schmiegt sich der Pavillon dem Gebäude an, dem er vorgelagert ist. Und wie nur wenige andere stellt er sich bescheiden in den Dienst der Sache: Er wird als sommerlicher Austragungsort für Veranstaltungen aller Art dienen. Mit seinen fast undurchlässigen Wänden - von kleinen Öffnungen in der Ziegelmauer abgesehen - schützt er vor den Wechselfällen des englischen Sommers. Diesen Zweck erfüllten nicht alle Vorgänger - und es stand auch nicht auf der Liste der Erfordernisse dieser weitgehend zweckfreien, verspielten Bauten. Die Mexikaner hingegen verpassten ihrem Pavillon ein nützliches Plexiglasdach, über das Tauben spazieren und das schon am ersten Besichtigungstag den Regen fernhält."

Lisa Berins beginnt in der FR ein bisschen Hoffnung zu schöpfen, dass wir künftig besser wohnen werden dank einer Ausstellung in der Frankfurter Kunststiftung DZ Bank, die dreizehn fotografische Positionen zur Stadtarchitektur der Zukunft versammelt: "Um Architekturvisionen und ihre Umsetzung geht es in Astrid Buschs begehbarer Installation 'Urban Utopia', die extra für die Ausstellung in situ entstanden ist. Zur Recherche streifte die 1968 in Krefeld geborene Busch mit der Kamera durch die May-Siedlungen und den Frankfurter Palmengarten. Ihre Eindrücke setzt sie in einer großformatigen Fototapete zusammen, einer Collage, die die Formensprache des Neuen Frankfurts mit weiteren Ideen sowie tatsächlichen und fiktiven Architekturen vielschichtig verbindet. Die Gebäude sind halbtransparent und kantig in die Wolken gebaut. Doch es ist auch noch viel freier Himmel zu sehen: ein Raum für Möglichkeiten."
Archiv: Architektur

Musik

Gerald Felber erinnert in der FAZ an den Komponisten Carl Maria von Weber, der vor zweihundert Jahren gestorben ist. Besprochen werden neue Veröffentlichungen von und über Prince (taz), eine Rachmaninow-CD des Pianisten Boris Giltburg (NZZ), ein Album der schweizerischen Sängerin Elina Duni (NZZ), ein Frankfurter Liederabend mit Dagmar Manzel (FR) und Zoh Ambas Album "Eyes Full" ("mit dengelnder Stimme über schrammeligen Gitarrenakkorden singt Zoh Amba von verlorenen Jahren und Quacksalberei", schreibt Stephanie Grimm in der taz).

Archiv: Musik