Efeu - Die Kulturrundschau

Harmloser Thunfisch-Grill

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.04.2026. Die taz hofft mit den mutigen russischen Medienmacherinnen aus Julia Loktevs Doku "My Undesirable Friends: Part I" auf ein neues Jahr ohne Putin. Die FAZ schwebt auf Twyla Tharps Tanzstück "In the Upper Room" davon. KI-generierte Musik ist für das menschliche Ohr nicht mehr von echter zu unterscheiden, erfährt die FAZ von Deezer-CEO Alexis Lanternier. Die taz lernt außerdem, wie gefährlich Punks in Manila leben. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2026 finden Sie hier

Film

Flucht vor dem Totalitarismus: "My Undesirable Friends: Part I" von Julia Loktev (Mubi)

Julia Loktevs nicht im Kino, sondern auf Mubi gezeigter Dokumentarfilm "My Undesirable Friends: Part I" über russische Frauen - allesamt junge Medienmacherinnen - , die unmittelbar nach Putins Kriegseskalation in der Ukraine aus Furcht vor Repressionen aus ihrer Heimat geflohen sind, "ist ein rohes, unmittelbares und mit einer Spielzeit von fast sechs Stunden monumentales Zeitdokument, das eine Gesellschaft zeigt, die in den Totalitarismus abgleitet", schreibt ein sehr beeindruckter Tobias Ostermeier in der taz. Und doch ist es "verblüffend, mit wie viel Humor und Standhaftigkeit die Frauen ihren Ängsten und der staatlichen Repression begegnen. Gemeinsam feiern sie Silvester und stoßen auf ein neues Jahr ohne Putin an. In einer Szene fragen sie Loktev, ob ihr bewusst sei, dass sie gerade in einem Raum stehe, der sehr wahrscheinlich verwanzt ist. ... Gleichzeitig tragen diese jungen Frauen ein bewundernswertes Maß an Verantwortung und auch Scham in sich."

Zwischen Weihwasser und MG: "The Gospel of Revolution" von François-Xavier Drouet

François-Xavier Drouets Dokumentarfilm "The Gospel of Revolution" über die Geschichte der Befreiungstheologie in Lateinamerika häuft zwar "tolles Archivmaterial" auf, räumt tazlerin Barbara Schweizerhof ein. Aber der Film bleibt ihr zu verklärt in der Darstellung der Geschichte, Fragen etwa nach der "Revolutionsromantik" von einst stellt er nicht. "Überhaupt ist es schade, dass er seine Gesprächspartner nie wirklich herausfordert. El Salvador, Brasilien, Nicaragua und Mexiko sind die vier Länder, in denen Drouet Geistliche mit revolutionärer Vergangenheit aufsucht. ... Das Schwelgen in der Vergangenheit steht im harten Kontrast zur Gegenwart in allen vier Ländern. Wäre es nicht angebracht, auch über Zweifel am Engagement von einst zu sprechen? Oder über die Langzeitfolgen?"

Weiteres: Elmar Krekeler verabschiedet sich in der Welt vom bayerischen Tatort-Ermittlerduo Leitmayr/Batic, das nach hundert Fällen in 35 Dienstjahren in Pension geht. Für Zeit Online sammelt Matthias Dell Stimmen von Weggefährten, darunter auch Dominik Graf, der in den Neunzigern mit "Frau Bu lacht" nicht nur einen der besten Leitmayr/Batic-Filme, sondern vielleicht sogar eine der besten "Tatort"-Folgen überhaupt gedreht hat.

Besprochen werden Carla Simóns "Romeria" (Perlentaucher, FAZ, mehr dazu bereits hier), Kristoffer Borglis Hochzeitsdrama "Das Drama" mit Zendaya und Robert Pattinson (FR, Tsp, Welt), Guillaume Senez' in Japan angesiedeltes Sorgerechtsdrama "A Missing Part" (FR), die DVD-Ausgabe von Cherien Dabis' "Im Schatten des Orangenbaums" (taz) sowie Aaron Horvaths und Michael Jelenics Computerspieleverfilmung "Super Mario Galaxy" (ZeitOnline, Welt, FD).
Archiv: Film

Bühne

Justin Pecks Choreografie "Heatscape" an der Wiener Staatsoper. Foto: Ashley Taylor


Am liebsten zweimal hintereinander möchte Wiebke Hüster (FAZ), Twyla Tharps Tanzstück "In the Upper Room" von 1986 ansehen: Das Festival "Visionary Dances" an der Wiener Staatsoper, bei dem außerdem Choreografien von Justin Peck und Wayne McGregor zu sehen sind, zeigt Tharps Stück als "atemberaubenden" Abschluss, schwärmt Hüster: "Wozu Tanz? Die Frage beantwortet Tharp, indem sie sämtliche akademischen und nicht akademischen Freiheiten des Menschen als bewegten Tiers vor uns ausbreitet wie in einer Studie: Sie tanzen, als wäre es ein tänzelnder Boxkampf, ein Tango in einer Bar in Buenos Aires, ein Staffellauf, ein Eiskunstlauf-Paartanz, Yoga, als wäre man in den Achtzigern in der Disco, und der Lieblingssong würde aufgelegt, als flöge man mit Hubschraubern über eine Berglandschaft. Oder als wäre man noch weiter weg und würde die Erde von oben betrachten. Die Tänzer verkörpern nichts, sie fließen nur durch den Raum, sie sind nur Versenkung, nur das beständige Weiter."

Weitere Artikel: Manuel Brug erinnert in der Welt an den "Theaterherzog" Georg II. von Sachsen-Meiningen, der Mitte des 19. Jahrhunderts den Meininger Bühnen zur Blüte verhalft. Besprochen wird  Rieke Süßkows Inszenierung von Federico García Lorcas "Bernarda Albas Haus" im Münchner Cuvilliéstheater (FAZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Marko Martin erinnert in der Welt an den Schriftsteller Edgar Hilsenrath, der heute hundert Jahre alt geworden wäre, weshalb Dlf Kultur ihm kürzlich auch eine "Lange Nacht" widmete. Besprochen werden unter anderem Sabine Lidls Kino-Porträtfilm "Dance Around the Self" über die Schriftstellerin Siri Hustvedt (FD) und Armin Nassehis "Anmerkungen zum Antisemitismus. Die Funktion der Judenfeindschaft und das westliche Selbstverständnis" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Simon Faithfull, Collaboration with Ant, 2023. Foto: Nick Crowe © Simon Faithfull. 


Zwei Ausstellungen über das Zusammenleben zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen schaut sich taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller im Kindl Berlin an. Die Schau "Intimacy with strangers" hat der englische Künstler Simon Faithfull kuratiert, in "Earth-ling" zeigt er, quasi als "Prolog", seine eigenen Werke. In beiden Ausstellungen findet die Kritikerin neue überraschende, auch traurige Perspektiven auf Mensch und Natur: "Weil sie so klein und verloren wirken, berühren die weißen Objekte, die Peggy Atherton in die Ecken der Räume gebettet hat. Man ahnt bald, dass die Formen in der Serie 'Roadkill' auf Tierkadavern beruhen, Vögeln, Mäusen, Eichhörnchen und Karnickeln, gefunden auf Straßen. Was sie so weiß umhüllt wie ein Leichentuch, ist Porzellan, in dessen Inneren die Tier-Skelette zu Asche verbrannt sind. Die sterblichen Reste so zu verwandeln, ist eine symbolische Handlung, um das vergangene Leben der Tiere zu ehren. Das Alltägliche als etwas Besonderes herausheben, das geschieht auch bei Pope L., der mit einer kleinen Topfpflanze, einem Löwenzahn, kriechend auf New Yorks Straßen unterwegs war, in Fotografien dokumentiert."

Besprochen wird die Ausstellung "Le Musée Sentimental de Kolumba. Eine Geschichte des Museums in 36 Objekten." Kolumba - Kunstmuseum des Erzbistums Köln (taz).
Archiv: Kunst

Musik

Johannes Stein liefert in der taz eine Reportage aus Manila, in der es nicht nur um die bedrückenden Zustände im Land geht, sondern auch um die lokale Punk-Szene, die - wie viele andere linke Oppositionelle dort auch - von der philippinischen Regierung regelmäßig unter Beschuss genommen wird. Etwa durch das "Red-Tagging", wo einzelne Protagonisten in der Öffentlichkeit als "Kommunisten" diffamiert und damit quasi zum Abschuss freigegeben werden. "'Eine Freundin hat sich schon einmal mehrere Monate nicht in ihre Heimatstadt getraut', erzählt die Sängerin Powsa. Ein Freund ihres Vaters habe angedroht, sie zu vergewaltigen, 'wenn er mich noch einmal auf der Straße sieht', sagt sie. Grund waren regierungskritische Äußerungen, die Powsa auf Social Media gepostet hatte. Veranstaltungsorte und Treffpunkte der Linken, wie es auch die Konzert-Location an diesem Abend einer ist, werden von der Regierung potenziell als 'terroristische Zentren' betrachtet. Das Grillrestaurant gibt sich deshalb betont unscheinbar, tarnt sich als harmloser Thunfisch-Grill - während es im Hinterzimmer zur Hochburg der Punkbewegung mutiert."

Einblicke in die philippinische Punkbewegung liefert auch diese (allerdings schon ein paar Jahre alte) Dazed-Doku: 



Deezer positioniert sich im Streaming-Markt als die Plattform für Connaisseure, denen Musik eine absolute Herzensangelegenheit ist. Auch deshalb ist es CEO Alexis Lanternier ein Anliegen, per KI generierte Musik aus den algorithmischen und redaktionellen Empfehlungen fern von den Usern zu halten, sagt er im FAZ-Gespräch mit Jörg Seewald. Kein leichtes Unterfangen, denn "KI-generierte Musik ist in den letzten zwei Jahren immer besser geworden und heute teilweise schwer durch das menschliche Ohr zu erkennen. Seit letztem Jahr sind wir aber in der Lage, KI-generierte Musik zu identifizieren. Aktuelle KI-Tools erzeugen charakteristische Artefakte im Audiosignal, die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind, sich jedoch durch mathematische oder maschinelle Analyse schnell und sicher aufspüren lassen. Wir haben Millionen von Songs so aussortiert. ... Diese Maßnahmen erschweren es Betrügern zudem, das System zu manipulieren und dadurch menschlichen Künstlern Einnahmen zu entziehen."

Weitere Artikel: In der taz führt Detlef Diederichsen anhand der Box "We Gotta Grove", die ein ganzes Füllhorn an Studiosessions erstmals legal veröffentlicht, durch die Geschichte der Beach Boys in den Siebzigern. Beim Auftakt seiner US-Tour in Minneapolis trat Bruce Springsteen so kämpferisch wie hoffnungsvoll auf, berichtet Hannes Stein in der Welt. Merle Krafeld spricht für VAN mit dem an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg studierenden Pianisten und Komponisten Mert-Abdullah Çapan, der trotz starker Sehbeeinträchtung seinen Weg geht - in diesem Insta-Reel erzählt er, wie er mit Hilfsmitteln Noten liest. Niels Bossert porträtiert in der NZZ Janine Cathrein, die Sängerin der Band Black Sea Dahu, die vor kurzem ihren Vater verloren hat. Holger Noltze macht sich auf VAN Gedanken über die Ästhetik des Schreis in Raphaël Pichons (gestern im Efeu sehr gefeierter) neuer Aufnahme von Bachs "Johannes-Passion". NRW stockt die Mittel auf, um bei staatlich geförderten Musikprojekten das Niveau der Mindesthonorare für freie Musiker zu garantieren, berichtet Merle Krafeld auf VAN.

Besprochen werden die Aufführung von Bachs Matthäus-Passion bei den Osterfestspielen in Baden-Baden durch das Concertgebouw Orchestra unter Klaus Mäkelä ("ein Meisterstück an Koordination und Voraussicht", lobt Lotte Thaler in der FAZ), Stefan Hentz' Biografie über Miles Davis (NZZ) und Rayes Album "This Music May Contain Hope" (Standard).

Archiv: Musik